Der 95./ 43. Monat – Sushi allein zu Haus

Vor einiger Zeit haben sich Eure Mutter und ich erlaubt im Anschluss eines Konzertes einfach mal nicht nach Hause zu kommen, sondern nach dem bekannten Absacker in einer Hotelbar in selbiger Herberge gleich zu übernachten. Ganz ohne Euch. Sozusagen Erwachsenenprogramm. Das fühlt sich genauso ungewöhnlich wie gut an und ihr beide beschließt, daß wir dies schnellstmöglich wiederholen. Aber selbstverständlich in der Next-Level-Version – man kann ja alles steigern.

Und das sieht dann so aus: Gemeinsam mit Sarah Sophies Freundin Elisabeth entscheidet ihr, daß es doch eine gute Idee ist, wenn wir mit ihr und ihrer Mutter Katja über ein Wochenende gemeinsam verreisen. Leo legt sogleich fest, daß das aber bitte mit dem „Wohnauto“ zu erfolgen hat, denn dann kann man ja Dein neues Lieblingsspielzug mitnehmen: Ein elektrisch betriebenes Kinderauto in dem Du selbst umherfahren kannst. Das so ziemlich unsinnigste und überflüssigster Gefährt überhaupt hat Dir Katja vermacht, manifestiert in der felsenfesten Meinung ein Junge braucht ein Auto. Dagegen kommt man argumentativ eher weniger gegen einen Dreijährigen an zumal er sich noch der solidarischen Unterstützung seiner Schwester sicher sein darf. „Ach Papa lass ihn doch – das ist so cool!“ werde ich belehrt. So klappt die Verkehrswende in dieser Generation aber wieder nicht will wahrscheinlich im Hause Reichmann niemand hören. Deine Mutter ist ausnahmsweise mal mit mir einer Meinung ob der sinnfreien Nuckelpinne, aber nun ist sie leider da und es gelingt mir mäßig erfolgreich sie dauerhaft in der Garage zu verbannen.

Verpasste Verkehrswende, Juni 2019, Wisseler See, D

Also fahren wir an einem sonnigen Samstagmorgen mit Camper, Kombi und Kinderauto zum Wisseler See am Niederrhein und vertrödeln entspannt den Tag. Leo steigt um und erkundet fröhlich fahrend im Cabilo (das „r“ in Cabrio will noch nicht so recht aus Dir heraus) das Areal. Ganz überraschend findest Du sehr schnell Freunde. Mittags kommt von Leo die erste Rückfrage wann wir denn wieder fahren um ins Konzert zu gehen. Ich erkläre Dir, daß wir gar nicht beabsichtigen zu einem Konzert zu gehen, sondern ins Kino wollen. Lapidare Antwort: „Ist auch egal – aber wir bleiben hier mit Katja, oder!“ Ich glaube, wenn ich diese rhetorische Frage verneinen sollte, dürfte ich mir einem Wortwall an kindlicher Unzufriedenheit sicher sein. Das erscheint ja auch logisch, Sarah Sophie hat Elisabeth und Leo sein Auto. Wer braucht da schon erziehende Eltern.

Nachdem wir zum Nachmittag hin nun mehrfach förmlich dazu gedrängt werden endlich das Weite zu suchen, tuen wir wie uns geheißen und fahren nach Hause. Das Kino haben wir gegen eine Ladung Sushi getauscht, hier noch nichts ahnend, daß genau jenes zu einem neuem geflügeltem Wort in der Familie werden soll. Es ist unbeschreiblich wie unsagbar still und riesengroß eine Wohnung ohne Kinder ist. Es ist ein bisschen fremd, schön und schnell vorbei. Nach einem verspäteten Frühstück treten wir wieder die Rückreise an um Euch bereits um elf Uhr an der Strand-Frittenbude wiederzufinden, von der mir ein fröhlich kauender Leo entgegen winkt und voller Stolz seine aufgefutterte Portion Chicken-Nuggets präsentiert. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Eine Stunde später sitzen wir allerdings wieder hier, denn dann ist ja Mittag und Leo weiß überraschend auch schon ganz genau, was er essen möchte. Ich gebe mich geschlagen, stelle mich an und rede mir Deinen Fast-Food-Doppelschlag damit schön, daß von einem solchen Wochenende ja jeder etwas haben soll. Sarah Sophie ordert derweil noch eine Portion Pommes frites dazu – sicherlich wissend wenn ich einmal geschlagen bin, läßt sich da noch mehr rausholen.

Während der Rückfahrt erwähne ich in einem Halbsatz die Kino-Sushi-Tauschaktion und messe dem Umstand keinerlei weitere Bedeutung bei. Die kommt erst einige Wochen später, als mich Leo völlig unvermittelt fragt, wann wir denn abermals Sushi essen wollen, damit Ihr beide wieder mit Katja alleine in den Urlaub fahren könnt. Etwas verdutzt erkläre ich, daß erstens Eure Mutter gegenwärtig gar nicht heimisch ist, wir zweitens doch auch Sushi essen können wenn wir alle zuhause sind und erhalte prompt argumentative Rückendeckung meiner Tochter indem Du unterstützend einstreust ebenfalls gerne Sushi zu essen. Das ist zu viel für Leo und Du stapfst – unaufhörlich mit dem Kopf schüttelnd – von dannen in Richtung Kinderzimmer. Klappe, Aus, Stille – Thema durch!

Ploppt auch nur ein paar Tage später wieder auf. In diesen Tagen ist Eure Mutter öfter mal auch unter der Woche zuhause und ich bringe einfach mal eine Ladung Sushi mit zum Abendessen. Leo hilft beim Tischdecken und verlässt augenblicklich freudestrahlend das Wohnzimmer nachdem Du verstehst, was Du da gerade durch die Gegend trägst.

Fröhlich grinsend klemmst Du Dir Deinen aktuellen Lieblingsteddy „Michka“ unter den Arm und überbringst Deiner Schwester die frohe Kunde: „Sarah Sophie wir fahren mit Katja in den Urlaub – komm pack ein!“ Ich bin sprachlos und sehe Dich zutiefst enttäuscht, als ich alles aufkläre – Begeisterung sieht anders aus. Kurz vor dem Dessert fällt Dir aber noch eine Frieden stiftende Maßname ein um die aktuelle Tragödie zu einem guten Ende zu bringen:

„Papa, aber am Wochenende fahren alle zusammen weg. Wir bleiben bei Katja und Du und Mama geht Sushi essen! Das ist sonst ungerecht, oder?“

Na, wenn das ungerecht ist muss Eure Mutter wohl mal telefonieren.

Guten Appetit zusammen.

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 94./ 42. Monat – Kühlschrank, Kosher, Kabbala

Mit Untermietern haben wir ja bereits Erfahrung, warum also nicht das ganze nochmal? Eine Freundin Eurer Mutter nebst ihrer elfjährigen Tochter wohnen derzeit bei uns – Katja und Elisabeth – was Euch beide sichtlich freut. Katja hat irgendwie vergessen, das befristete Mietverträge eben mit einer Frist enden und muss leider feststellen, daß alleinerziehende Mütter mit Kindern auf dem hiesigen Wohnungsmarkt nicht so direkt in die offenen Arme der in Frage kommenden Vermieter laufen. Jedenfalls eröffnet sie Eurer Mutter zwei Wochen vor dem festgeschriebenen Auszugstermin die missliche Lage.

Eure Mutter und ich beraten wie zu helfen und vor allem, was zu tun ist. Die Möbel landen in der Garage Eures Opas und an einem Freitag ziehen die beiden in unser Schlafzimmer ein und wir aus. Also genauer gesagt um, nämlich in Leos Zimmer ein. Ihr beiden findet das schlicht großartig, insbesondere nach dem ich Sarah Sophie von der fixen Vorstellung befreit habe, es handelt sich hier um ein zweiwöchiges Projekt. Diese Fehlinterpretation hat sich in Deinem Kopf festgesetzt und die Eröffnung meinerseits, es geht sich hierbei eher um eine unbefristete Unternehmung, da wir ja die beeinflussenden Rahmenbedingungen eben leider nicht dirigieren können, führen zu kindlicher Freude beiderseits.

Das erste Wochenende verbringen wir in Holland an Eurem heiß geliebten Kletterturm und bekommen Samstags ganz überraschend Besuch: Richtig, von Katja und Elisabeth. Nicht das sich da noch jemand plötzlich umgewöhnt. Das Wetter ist prima und die Kindeslaunen ebenfalls. Eure Mutter fliegt Sonntagabend ab und unser neuerliches WG-Leben, diesmal mit so einer Art Familienanschluss, nimmt seinen Lauf.

Leo genießt unverkennbar den Umstand, daß Katja wenig Aufwand daran verschwendet zu zeigen noch einen kleinen Sohn zu haben wäre eine feine Idee und Du lässt Dich bereitwillig dauerbespaßen. Morgens früh hüpfst Du aus dem Bett, flitzt in Katjas und Elisabeths Zimmer und machst hier unmissverständlich klar wann im Hause Reichmann aufzustehen ist – nämlich unverzüglich dann, nachdem Du aufgewacht bist. Katja ist ebenso deutlich anzusehen, daß hier für gewöhnlich offenkundig später aufgestanden wird. Nach genügend Rabatz Deinerseits sitzen drei Kinder am Frühstückstisch und inhalieren Cornflakes. Unsere neuen Mitbewohner scheinen Euren Appetit mehr als anzuregen – die Einkaufsmenge verdreifacht sich jedenfalls. Aber das schadet ja überhaupt nicht. Elisabeth besucht das hiesige jüdische Gymnasium und erfährt somit ebenfalls den großen Luxus vom Schulbus abgeholt zu werden. Praktischerweise ziemlich um die gleiche Zeit wie Sarah Sophie wodurch Leo also doppelt so viel Spaß hat. Schulbusse sind nämlich das ganz große Thema derzeit, zumal Sarah Sophies Busfahrer auch noch erlaubt jeden Morgen zu ihm auf den Fahrersitz zu klettern und mindestens dreimal tüchtig auf die Hupe zu drücken bis sich auch wirklich jeder an der nebenliegenden Linienbushaltestelle zu Dir umdreht und Du fröhlich-frech grinsend zurück winken kannst. Elisabeths Busfahrer ist da wesentlich unkooperativer, was Dich sichtlich irritiert und gewiss daher förmlich nötigt erneut das Horn zu betätigen.

Unsere WG läuft soweit problemlos und Katjas minimal orthodoxere Auslegung ihrer Religion macht sich zunehmend bemerkbar. Freitag Abend zu Shabbat-Beginn tischt sie artig Challa auf und auch sonst besteht unser Kühlschrank neuerdings strickt aus zwei Zonen. Immerhin bleibt es bei einem Kühlschrank bzw. Küche. Das könnte aber auch pragmatisch den räumlichen Gegebenheiten unserer Wohnung geschuldet sein, einen Kühlschrank hat sie jedenfalls nicht mitgebracht. Ob sie unser ganzes Geschirr gekaschert hat, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, könnte aber passen, da die beiden kurz vor Pessach eingezogen sind. Die Spülmaschine läuft jedenfalls neuerdings nur noch im Hochtemperatur-Bereich. Das habe ich allerdings angeordnet – sicher ist sicher. Sarah Sophie empfindet die aktuelle – sagen wir mal – höhere Religionsbegierde im Hause als äußerst interessant und überbietet sich mit Elisabeth im vernünfteln von Tora und infantil interpretiertem israelischem Selbstverständnis. Ich habe das Gefühl den gesamten Religionsunterricht der vergangenen eineinhalb Jahre im Schnelldurchlauf hitparadeartig vorgespielt zu bekommen. Großes Kino – keine Frage.

Kühlschrank – Kosher – Kabbala, Mai 2019, Düsseldorf

Und dann gibt es da ja noch Gucci, den Handtaschen-großen Hund der beiden. Anfänglich noch bei Katjas Schwester geparkt, zieht auch er im weiteren Verlauf bei uns ein. Es ist wohl unnötig zu erwähnen wie groß die Freude bei Euch beiden ist. Allerdings auch nur bei Euch beiden! Eure Mutter hält mit ihrer Verzückung gekonnt hinterm Berg. Endgültig genug hat sie, als sich das Tier erdreistet nach Leo zu schnappen, was es einerseits einmal quer durchs Kinderzimmer segeln und anderseits unverzüglich wieder zur Schwester umziehen lässt. Kindlicher Protest inklusive. Jetzt hat wohl auch der Letzte mitbekommen, daß für Eure Mutter Chihuahuas keine wirklichen Hunde sind – obwohl das war eigentlich schon vorher klar.

Ja, und nach nur rund sechs Wochen ist auch schon wieder alles vorbei. Pünktlich zum Geburtstag Eurer Mutter am 9. Mai verkündet Katja freudestrahlend ein besonderes Geschenk für Sie bereit zu halten: Ihren Auszug! Aus und vorbei mit dem interfamiliären WG-Intermezzo. Lustig war es, interessant war es und Leo zieht die wohl nachhaltigste Schlussfolgerung daraus: Egal wer uns in den kommenden Wochen besucht, sie oder er wird stets mit der immer gleichen Frage begrüßt:

„Wohnst du jetzt auch hier?“

Und ich betone, Du siehst in kleinster Weise unglücklich dabei aus. Aber in der Hinsicht geht die nächsten Jahre bestimmt noch was.

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.