Der 57./ 5. Monat – Die gute Idee der Dinosaurier

Kinder haben eigene Zeitdimensionen, das ist bekannt und in diesem Monat dreht sich alles um Zeit. Genauer gesagt um Zeiträume. Es vergeht kaum ein Tag, an dem Sarah Sophie nicht nachfragt, wie lange es noch bis zum Geburtstag ist, wann Leo denn auch endlich ein Jahr alt wird und natürlich wie alt Eure Mutter oder ich sind. Dabei spielen zwei Zahlen eine wichtige Rolle: Zwanzig und Einhundert.

Mit zwanzig Jahren beschließt Sarah Sophie nämlich Mama zu werden und weiß auch gleich wer dann der Papa ist: Nämlich Leo. Das sei doch völlig normal und geht dann so: Die Babys kommen ja bekanntlich aus Mamas Bauch und die Papas sind ja nur dabei. Und da Leo jetzt ja sowieso stets zugegen ist, braucht man sich ja gar keinen Papa zu suchen, denn den hat man ja sozusagen frei Haus dabei. Auf meine Nachfrage wieso denn gerade mit Zwanzig wird mir unitarisch erläutert, daß der Leo ja erst noch eins, dann zwei, drei, und so weiter werden muß, aber wenn Du zwanzig bist ist, dann ist offensichtlich alles nötige für die Familiengründung erreicht. Zugegeben, ganz frei von Logik ist das nicht. Nun möchte ich es aber auch von Dir ganz genau wissen und gebe zu bedenken, daß Leo ja immer vier Jahre jünger ist als Du und außerdem gewiss immer Dein Bruder bleibt, es folglich vielleicht eine gute Idee sein könnte sich nach einem anderen Papa umzusehen. Jetzt wird es schwierig. Alles was numerisch auf zwei Hände paßt, bekommst Du meist sowohl addiert wie auch subtrahiert, zwanzig weniger vier bedarf aber einer kleinen Hilfestellung und wir zählen von zwanzig rückwärts bis wir gemeinsam feststellen, das Leo dann erst sechzehn ist und damit möglicherweise einer potentiellen Vaterrolle nicht gerecht werden könnte.

„Papi, dann ist der Leo ja noch viel zu klein. Dann wirst Du eben der Papa.“ bekomme ich entgegengestrahlt, während Du auf meinen Schoß kletterst. Wahrscheinlich sichtlich gerührt erkläre ich, daß das ja auch nicht funktionieren kann, da ich ja bereits Euer Papa bin. Du bist – deutlich ersichtlich – nicht zufrieden gestellt. Doch die nächste Idee Deinerseits läßt nicht lange auf sich warten: „Papi, dann werde ich erst Mama wenn ich einhundert bin. Dann ist der Leo ja auch alt genug, oder?“ Bevor ich antworten kann, hüpft Du von mir herunter und stellst Dich mit verschränkten Armen sichtlich überlegend hin. Nach einer Weile schüttelst Du den Kopf und revidierst Deine Aussage: „Nein, das geht auch nicht. Mit einhundert Jahren kommt man nämlich in den Himmel.“ ist der nächste Satz. Das wissest Du ganz genau, dies war mit der Uroma nämlich so. Ich schmunzele ob Deiner Schlussfolgerungen und gebe Dir an dieser Stelle recht, da Eure väterliche Uroma in der Tat genau einhundert-jährig vor zwei Jahren verstorben ist.

So kommen wir also nicht weiter. Zur Verstärkung schiebst Du Deine Puppe Mascha im Puppenwagen heran und die Rechnerei geht wieder von vorne los: „Papi, die Mascha ist jetzt eins. Die wird also dann zwei, und drei, e.t.c.. Wenn ich zwanzig bin, wie alt ist dann Mascha?“ bleibt folglich als Frage im Raum stehen. Gemeinsam zählen wir die Jahre ab und stellen fest, daß Mascha drei Jahre jünger ist als Du und somit siebzehn sein dürfte, wenn Du zwanzig bist. Auch nicht so richtig gut. Außerdem gehe das ja auch alles sowieso nicht, denn Mascha sei ja nur eine Puppe und außerdem ja auch noch ein Mädchen, stellst Du im Brustton kindlicher Überzeugung fest. Vielleicht ließe sich die Mama-Frage einfach irgendwann später klären, werfe ich ein – aber nix da, das muss geklärt werden und zwar jetzt. Wieder einmal habe ich das Gefühl Eure Mutter in klein vor mir sehen. Also alles auf Anfang, wir drehen nochmal. Du schiebst Mascha zurück in Dein Zimmer und zählst irgendetwas unter Zuhilfenahme Deiner Finger zusammen. Die Sache beschäftigt Dich – das ist unverkennbar. Eure Mutter erscheint auf der Bildfläche und erinnert an die Verabredung unter anderem mit Theoman. „Papi, der Theoman ist genau so alt wie ich, dann ist der auch zwanzig wenn ich zwanzig bin.“ Ich nicke. „Dann wird der Theoman der Papa – Gute Idee, oder?“ strahlst Du mich, untermauert mit dem bekannten „Papi-ich-habe-gerade-eine-grandiose-Idee-Blick“, an. Jetzt musst Du nur noch wissen wie alt ich zu dem ominösen Datum dann bin und wir zählen uns tapfer bis zweiundsechzig hoch. „So alt bist Du dann schon.“ ‚entgegnest Du erschüttert. „Das ja so alt wie die Dinosaurier.“ Bekomme ich als Antwort. Ich gebe zu nicht mehr ganz taufrisch zu sein aber an uhrzeitliche Riesenechsen als Spielkamerad meiner Kindheit sollte ich mich erinnern. Jedenfalls ist die Frage des Tages geklärt und wir können auf den Spielplatz. Vielleicht möchtest Du ja Deinem angedachten Papa von seinem Glück berichten?

Das passiert übrigens dann überraschend nicht und als ich abends nachfrage bekomme ich eine klare Antwort: „Papi, ich werde erst Mama wenn Du so alt bist wie die Dinosaurier. Und das dauert ja noch ganz schön lange!“

„Gute Idee, oder Papi?“ Absolut, da sind wir uns eing!

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.