Der 43. Monat – Zentralkomitee Staatsballett

In diesen Tagen kam irgendwann einmal nicht die Frage auf „ob“ sondern nur „wann“ Du denn zum Ballettunterricht gehen wirst. Und wenn sich sowohl Mutter, als auch Großmutter ausnahmsweise einmal einig sind, dann ist Widerstand gegen dieses Bollwerk in etwa so sinnvoll wie den Kalten Krieg zu Lagerfeuerromantik verklären zu wollen. Erstens wenig aussichtsreich und zweitens sowohl genauso unnötig wie widersinnig.

Manchmal erstaunt mich meine naive Art in Hinblick auf unsere Migrationshintergrund geplagte Familie selbst noch etwas. „Woher erfahren wir denn, welche Ballettschule die geeignetste ist?“ war in etwa meine Fragestellung. Sowohl Groß-, als auch Mutteraugen machen sich auf, auf das äußerste unverständlich zu mir herüber zu schauen.

Ich glaube es war Dein mütterlicher Opa der mich entschuldigt anblickt und etwas von „Haben sie nicht mit Dir gesprochen?“ murmelt. Nein, haben sie nicht – aber wozu auch Entscheidungen des Zentralkomitee werden bekanntgegeben und nicht zu Diskussion gestellt. Das was schon immer so. Punkt! Aus!

Genosse, abtreten!

Du gehst also ab sofort zum Ballettunterricht und der wird selbstverständlich standesgemäß abgehalten. Mitten in Düsseldorf bietet Frau Nadeschda, eine spindeldürre tanzende Absolventin renommierter Moskauer Balettinstitutionen, in ihrer eigenen Schule die beliebte rhythmische Bewegungsfreizeit an. Die jüngste Gruppe ist die der Dreijährigen und genau in dieser finden wir beiden uns von nun an jeden Freitagnachmittag ein. Selbstverständlich bin ich der einzige männliche Part in der überwiegend russischen Mama-/Töchterriege und bekomme freundlich von allen Seiten Hilfe angeboten, nachdem Du in Deiner ersten Stunde schon im verkehrtherum angelegten Tutu umherhopsen musstes. Das passiert aber wirklich schnell. Inzwischen weiß ich jedoch selbstverständlich wo vorne und hinten ist.

Passiert nicht mehr – Versprochen.

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Zurück zur Tanzstunde. Nachdem nun alle angehenden Primaballerinen entsprechend ausstaffiert den Spiegelsaal betreten, bietet sich dem geneigten Vaterauge schnell ein verzücktes Bild: Hüpfender Frosch, Spagetti Makkaroni und schreitende Prinzessin sind einige der darzubietenden Figuren. Das macht Dir offensichtlich so viel Spaß, daß Du mich bereits Montags fragst, wie oft wir noch schlafen müssen, bis es endlich wieder zum Ballett geht. Ich sehe Dich glücklich und das ist schön.

Das geht nun eine Weile gut; die ganze Woche dreht sich nur noch um Ballett und den ersehnten Unterricht. Alles scheint bestens. Doch dann kommt unser persönlich schwarzer Freitag. Und damit der auch Wirkung zeigt, laden wir Oma und Opa auch gleich noch zum Ballett ein. Lasst die Spiele beginnen, scheint heute die Devise zu sein. Zum Prolog des Dramas läßt Du Dich noch anstandslos umziehen doch nachdem wir damit fertig sind verfällst Du in eine Blockadehaltung der Kategorie Eins: Es geht nichts mehr – zumindest nicht in Richtung Tanzsaal. Keine guten Worte, nicht die Einforderung Deines Mittun seitens Deiner Freundin Mira. Auf meinem Arm gerade noch in die Höhle der Tanztruppe, aber das war es dann bereits.

Verständlicherweise verstehe ich aktuell nun überhaupt nichts mehr uns sitze ziemlich planlos umher. Wir schauen uns das übliche Spektakel einige Minuten an und da Du alle Nachfragen konsequent verneinst, beschließe ich, das Projekt Tanzeinlage für heute zu beenden. Also alles wieder auf Anfang, ich ziehe Dich um und versuche zu verstehen was nun eigentlich los ist während Deine Großeltern ebenfalls recht ratlos in der Gegend herumstehen. Während Dein Opa etwas in der Richtung von „Es gibt halt so Tage.“ äußert, fliegt die Tür auf und Deine Mutter steht im Raum. Einen Flieger früher erwischt, will sie es sich nicht nehmen lassen ebenfalls Zeuge des hüpfenden Froschs zu werden. Das kann mal wohl als Volltreffer bezeichnen: Mama da – Kind schmollt. Mit mütterlich-entsetzten Blick fordert Sie eine Erklärung was den hier los sei. Achselzuckend antworte ich schlicht und einfach „Sie will nicht – keine Ahnung warum.“ Mit den Worten „Was will sie nicht?“ wechselst Du den Arm und Deine Mutter beginnt eine Diskussion mit Dir ob unserer flexiblen Auslegung Deiner Willensbildung im rhythmischen Tanzbereich. Mich entbinden, zusätzlich zur maternen Präsenz, konsequent nachfragende Großeltern was den Deine Mutter auf einmal hier macht, von weiteren Aktivitäten in Deine Richtung. Folglich kümmert sich Deine Mutter um Dich und ich erkläre meinen Eltern, daß die Ballerinen-Bestaunen-Stunde kurzfristig um eine Woche verschoben ist. Pragmatisch wie meine Familie nunmal ist, sehen wir gemeinschaftlich keine Sinn darin hier auf noch auf eine weitere Verweildauer seitens Deiner Großeltern zu bestehen und verabschieden uns voneinander. Nachdem dies geschehen ist, drehe ich mich um und sehe Dich beschwingt mit allen andern Kindern durch den Tanzsaal sausen. Die verbleibende Viertelstunde Unterricht absolvierst Du, zwar in vollständiger Straßenkleidung, aber nicht weniger motiviert mit der sonst üblichen Begeisterung. Ich bin sprachlos, aber zufrieden.

Ein gut gehütetes Geheimnis wird wohl die Nachfrage nach Deinem Sinneswandel bleiben. Aber ein gestandenes Zentralkomitee gibt ja auch nicht alles bekannt. Und wahrscheinlich sitzen wir auch rein zufällig direkt nach dem Ballett in der Eisiele bei Schokoladeneins.

Geschrieben aus Tarifa, Andalusien, Spanien.