Der 41. Monat – Ski Français

Völlig wenig überraschend zieht der kleine Familienzirkus zum Jahreswechsel mal wieder in die französischen Alpen. Und in diesem Jahr hast Du die magische Jahreszahl erreicht, die für eine Anmeldung in einer Skischule Bedingung ist. Du bist über drei. Meine kurzzeitige Überlegung in diesem Jahr zum Skifahren nach Österreich zu fahren, ob etwaiger Sprachbarrieren für Dich auszuweichen, konterkariert Deine Mutter genauso geschickt wie effektiv: „Lisa hat auch in Samoëns Skifahren gelernt, also gibt es dort deutsch- oder russischsprechende Skilehrer. Ich habe mit Katja telefoniert.“ Also hängt Deine alpine Skikarriere an der mehrjährig überalterteren Aussage einer Freundin Deiner Mutter die erstens überhaupt kein Ski fährt, und zweitens mit Gucci Handtaschen auf Bergstationen anzutreffen ist. Kurzum grandiose Grundvorraussetzungen, wie ich finde.

Wir beschließen daher, daß dem nun so ist um dann wiederum kurz vor Weihnachten festzustellen eine klitzekleine Zufälligkeit unberücksichtigt gelassen zu haben. Die deutschsprachigen Skilehrer sind ausgebucht und die Frage nach Russisch lassen wir belächelt unkommentiert. Also alles wie vermutet. Deine Mutter irritiert das allerdings weit wenig und sie meldet Dich kurzerhand einfach mal zur Schnupperstunde an. Die verbringst Du mit acht anderen Kindern der Dreijahres-Klasse fröhlich auf dem Bereich der örtlichen Skischule bei strahlendem Sonnenschein und rutschst munter auf Deinen kleinen Skiern umher. Wohlwissend Dich mit Deiner Mutter behütet zu wissen erlaube ich mir selbst meine Ski unterzuschnallen und lasse Euch allein. Als ich wiederkomme bist Du für die nächsten zwei Wochen fest angemeldet – wen wundert es!

In der ersten Woche im Kurs der Dreijährigen und „Dann schauen wir mal … „ waren in etwa die Worte Deiner Mutter. Die Skidebütanten dürfen neben Skilehrenden auch noch auf pädagogischen Beistand zurückgreifen und eine mollige Mitfünfzigerin ebendieser Abteilung spricht deutsch. Nun erlebe ich Deine Mutter in absoluter Hochform. Der opulenten Dame wird in schon fast peinlich ausartender Weise die Kompetenzgratifikation für aktuell sprachlich benachteiligte Kursteilnehmerinnen zugesprochen, daß ich mich frage, wie hier jemals auch nur ein Kind ohne sie Berge herunterfahren konnte. Tatsache ist die neu geschmiedete Damenallianz funktioniert und Du hast ab sofort eine persönliche Fürsprecherin.

Die folgenden Tage schiebst Du Dich erfolgreich mit den anderen Skibefohlenden über Zauberteppich und atemberaubende Hügelhänge um pünktlich gegen 16 Uhr zum kollektiven Apfelmus-Essen auf der Hütte einzutreffen. Alles bestens und am dritten Tag bemerkst Du wahrscheinlich noch nichtmal, daß das stramme Fräulein nicht mehr da ist, sondern folgst einfach den anderen Kindern. Deine Mutter und ich sind begeistert und verwundert gleichermaßen. „Wozu wolltest Du nach Österreich?“ vernehme ich aus der mütterlichen Ecke.

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Nach ganzen vier Tagen wird Dir das gesamte Prozedere eindeutig zu langweilig und Du bestehst darauf mit mir gemeinsam fahren zu wollen. Also juckeln wir die nächsten Tage vor dem Skiunterricht gemeinsam den Kinderhügel hinunter und den Zauberteppich wieder rauf. Alles prima, aber unaufhaltsam nähert sich der kommenden Samstag: jenem Tag der Entscheidung in welche Gruppe Du in der kommenden Woche anzusiedeln bist. Für Deine Mutter ist wie immer alles klar. Die Vierjährigen gehen sogar schon außerhalb der schützenden Schule auf die Piste und was sollst du auch noch länger im gefühlten Skikindergarten. Folglich verklickert Deine Mutter der Dame an der Anmeldung das hier zwingende Gründe vorliegen, Dich von nun an etwas älter zu machen. Es zweifelt wohl niemand am Gelingen dieses Unterfangens.

Und da Du ab jetzt bei den großen Kindern mitfährst bist Du eben von nun an linguistisch vollständig außen vor. Das stört Dich aber bekanntermaßen nun wiederum überhaupt nicht und Du findest bereits am ersten Tag eine Freundin, die nach Deinen eigenen Angaben russisch spricht. Du erklärst uns Eltern mit freudestrahlender Miene jeden Tag aufs neue, was Du mit Marta alles gelernt hast und was Sie Dir erzählt hat. Wir haben unterdessen beschlossen Dich in der Skischule alleine zu lassen, da Du ansonsten eine Befolgung des Lehrpersonals ignorierst. Das glauben wir zumindest mal Richard, Deinem Lehrer. Somit sind wir auf Deine subjektiven Schilderungen angewiesen und die drehen sich jeden Tag um Marta. Fakt ist aber, daß sprachliche Übereinkunft zwischen Lehrer und Schüler – zumindest im Alpinbereich – gänzlich überbewertet wird, da ich täglich – nicht ohne größtmögliche väterliche Begeisterung feststelle – welche Fortschritte Du machst. Mein persönlicher Hang zum Skisport mag hier vielleicht andeutungsweise etwas überdeutlich zum Ausdruck kommen. Einmal frage ich bei Dir nach, ob Marta denn den Skilehrer versteht und Dir das dann ins russische übersetzt. Mit inbrünstiger Überzeugung bejahst Du meine Frage während wir zusammen am Schlepplift hängen.

Kurz und gut: nach zwei Wochen sind Deine Skibasics gelegt und ich habe unseren Osterurlaub schonmal vorsorglich in die Alpen verlegt. Die Begeisterung Deiner Mutter hierfür liegt im eher verhaltenen Bereich; aber ich arbeite daran.

Das Thema Sprachbarriere läßt sich bei Dir hiermit übrigens endgültig abschließend verneinen. Marta kommt aus Belgien und spricht ausschließlich flämisch – aber eben nicht für Dich.

Hals und Beinruch auf der Piste, Prinzessin.

Geschrieben aus Nizza, Provence-Alpes-Côte d'Azur, Frankreich.