Der 33. Monat – Genosse Osterhase kommt

Ostern dieses Jahr findet recht unspektakulär an einem niederrheinischen See statt. Das Wetter ist entgegen den Voraussagen schlicht großartig und wir bekommen Besuch von Deiner Freundin Helene nebst elterlichem Anhang. Die Rahmenbedingungen sind folglich ordentlich und auf dem Campingplatz erfahren wir, daß Sonntag der Osterhase um elf Uhr für alle Kinder vorstellig wird, um die üblichen Devotionalien rund um den See zu verstecken.

Durch die zahllosen Kinder hier hast Du über das Wochenende verteilt verstanden, daß dieses spezielle Nagetier offenkundig Geschenke versteckt welche dann von allen Kindern gesucht werden. Soweit die Theorie. In der Praxis werden wir Zeuge raffiniertester Raffgier verschiedener Altersstufen. Dein dringliches Nachfragen, was denn jener nun für ein Hase sei, bedarf einer religionsbefreiten Erklärung. Die läuft in etwa so ab: In jedem Jahr kommt zu einer bestimmten Zeit, nämlich Ostern, ein sagenumwobener großer, bunt verkleideter Hase anspaziert und versteckt für alle Kinder kleine Geschenke und Süßigkeiten. Nicht ungewitzt konterst Du mit der Frage „Woher weiß denn der Osterhase welche Geschenke für welche Kinder sind?“ „Das muss der gar nicht wissen.“ entgegne ich überzeugt, „denn alle Geschenke sind für alle Kinder. Jedes Kind muss ja selbst suchen und was Du findest ist eben Dein Geschenk.“ Das leuchtet Dir offensichtlich ein und akzeptierst meine Aussage ohne weitere Zweifel anzumelden.

Am Sonntag setzen wir uns folglich gegen halb elf Richtung Seeufer in Bewegung und Du bist völlig begeistert von der Idee, daß alle Kinder die gleichen Geschenke bekommen. „Das ist eben ein besonders schlauer und gerechter Hase, der behandelt alle Kinder gleich.“ füge ich hinzu und kann einfach nicht umhin das ganze gesamtgesellschaftlich zu erklären: „In einer ganz und gar gerechten Welt haben alle Menschen gleich viel und bekommen auch immer das gleiche – ganz egal was sie tun. Dann will auch niemand jemand anderem etwas wegnehmen.“ Du begreifst sofort und fragst nach ob das dann genauso ist wie mit dem Sandkastenspielzeug. Da dürfen ja auch immer alle Kinder mit jedem Förmchen hantieren, ganz gleich wem es letztendlich gehört. „Ganz genauso ist das dann.“ antworte ich politisch korrekt. „Und das heißt dann Ostern?“ fragst Du zurück. „Nein, wenn das immer so ist heißt das Sozialismus.“ entgegne ich provokant in Richtung Deiner Mutter. Zur allgemeine Erklärung sei erwähnt, daß im Vergleich zu Deiner Mutter jeder noch noch so wirtschaftsfreundlicher Neoliberaler als Karl Marx-Verschnitt durchgeht – so steinzeitkapitalistisch erlaube ich mir ihre Gesellschaftsvorstellung zu beschreiben. Aber dies nur am Rande.

Während dieses politischem Geplänkel erreichen wir das Seeufer und tatsächlich verteilt ein bunt verkleidetes Langohr kleine Schokoladenhasen. Was mich irritiert ist lediglich der Umstand, daß uns eine Vielzahl an Kindern – meist jenseits des Osterhasen-Glauben-Alters – mit prall gefüllten Tüten entgegenkommen und offensichtlich bei der Suche äußerst erfolgreich gewesen waren. Du trollst freudig dem Osterhasen entgegen und beginnst sofort das hohe Gras nach kleinen Geschenken zu durchforsten. Mein Glaube an die Gerechtigkeit dieser Welt hat an diesem Tag einen klitzekleinen Knacks bekommen, denn wir finden schlichtweg nichts. Absolut rein gar nichts. Das wiederum wird durch den uns entgegen kommenden – Tüten schleppende – Sozialinkompetentennachwuchs erklärlich. Nach einigen erfolglosen Suchminuten verlierst Du verständlicherweise das Interesse und setzt Dich lieber ins Gras um Deinen Schokoladenhasen zu verspeisen.

Die einzige Folgerung die Dir zu dem sinnentleertem Seeausflug einfällt ist genauso knapp wie logisch: „Hat der Osterhase uns vergessen?“ fragst Du mich erstaunlich gefasst. Das verneine ich selbstverständlich mit brachialer Überzeugung und verweise auf die Wiese um unseren Campingbus herum, die Du ja noch nicht inspiziert hast. Auf dem Rückweg trödelst Du mit Deiner Mutter umher, so daß ich die vorbereiteten kleinen Päckchen genügend verstecken kann.

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Das Märchengebilde ist gerettet und Du leitest lediglich mit der Frage ob doch nicht alle Kinder gleich sind, das Triumvirat Deiner Mutter zu meinem Oster-Sozialismus ein:

Mit dem ihr eigenen siegesgewohnten Grinsen erklärt sie Dir eine untergegangene Gesellschaftsordnung etwa so: „Selbstverständlich sind alle Kinder gleich, aber diejenigen, die an Gleichheit glauben finden eben keine Geschenke – denn die haben nämlich alle diejenige eingesammelt die den anderen diesen Unsinn erzählt haben.“ Das wiederum versteht Du nun verständlicherweise wieder nicht und guckst fragend in meine Richtung.

„Was hat die Mama denn gesagt?“ bekomme ich zu hören während ich innerlich beschließe Deine gesellschaftskritische Grunderziehung auf die nächsten Jahre zu verschieben. Bevor ich antworten kann poltert es schon aus der mütterlichen Ecke frei nach Orwell „Manche Kinder sind eben gleicher.“ Dazu sehe ich ein Kind inmitten von vielen kleinen Päckchen sitzen.

Ich kapituliere und sehe auch diesen Sozialismus als gescheitert an – aber es war einen Versuch wert.

Geschrieben aus Kalkar, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 32. Monat – Carnaval de Nice

Es ist Karneval – eine Zeit die außerhalb seiner Hochburgen wenig Bedeutung zukommt, aber in rheinischen Regionen bekanntlich den Ausnahmezustand bedeutet. Deine Mutter kann auch nach Jahren mehr oder weniger freiwilliger Zugehörigkeit zur rheinischen Republik nicht wirklich etwas mit Bier und Brauchtum anfangen. Ich habe da weniger Probleme, was wohl per Geburt verordnet sein dürfte. Dies am Rande.

Eine der schönsten Alternativen zum Rumtamtam am Rhein – alle Düsseldorfer mögen es verzeihen, daß ich auch nur erwäge unsere Stadt an Karneval zu verlassen – ist definitiv die französische Version davon in Nizza. Das ganze dauert dort etwa zwei Wochen und wartet ebenfalls mit Umzug und verkleidetem Chi-Chi auf. Aber eben in der Côte d‘ Azur-Version und die ist etwas wärmer, sonniger und kinderkompatibler. Das Karussell ist wahrscheinlich nicht nur auf 20er Jahre getrimmt sonder stammt ernsthaft aus dieser Zeit und findet in Dir eine begeisterte Mitfahrerin. Geworfen werden hier keine Kammellen sondern Abertausende Tonnen von Konfetti in Kombination mit einer Art endlosem Gummiwurm aus Sprühdosen mit dem sich hier alle gegenseitig einwickeln. Somit hätten wir wieder die Verbindung zum Rheinland: Ebenfalls völlig sinnfrei – aber lustig.

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Das der Umzug des Öfteren stoppt und Du somit die Gelegenheit bekommst zwischen den Wagen zur Musik kleine Tanzeinlagen darbieten zu können finden nicht nur Deine Eltern großartig, sondern vermutlich auch diejenigen der anderen Kinder mit denen Du ein kurzfristiges Bewegungsensemble bildest. Putzig anzuschauen ist es allemal. Da ist sich die international besetzte Erziehungsberechtigtenfraktion einig. Irgendwie ergibt es sich, daß die meisten der Zufallskindertanztruppe später ebenfalls am Strand auftauchen und ihr somit wieder vereint seit. Deinen kleinen Ball magst Du aber nur abgeben, wenn hier alle nach Deinen Regeln spielen und das sieht in etwa so aus:

Zuallererst bekommt jeder der Probanden seinen Platz durch Dich zugewiesen. Sprachbarrieren können derzeit als Kollateralschaden betrachtet werden, da Du hierfür keinerlei Verständnis hast. Die Informierten scheint das allerdings ebenfalls nicht weiter zu stören, jedenfalls funktioniert es offenkundig nach Deinem Belieben. „Du musst hierhin. Nein, nicht dahin, sondern hierhin.“ Brav unterstützen Deine Gesten die Verbalorder. Erwägt auch nur einer der Beteiligten von seinem Platz abzuweichen wird er genauso umgehend wie unmissverständlich zurückbeordert. „Da hin, das habe ich doch gesagt!“ Die Truppe nimmt also ihre Plätze ein. Genau genommen stelle ich mir so kleine Diktatoren vor und mache eine entschuldigende Geste in Richtung der jeweiligen Eltern. Die winken ab und scheinen mit der Situation zufrieden. Deine Mutter ist aus dem Häuschen. Ihre Belobigungen erfolgen natürlich auf russisch, daß macht das ganze noch gewaltiger. Mit einem derart selbstzufriedenen Grinsen das es wehtut vernehme ich einem meiner Lieblingssätze von Ihr: „Meine Tochter eben, die sagt allen wo es lang geht.“ Ganz im geheimen muss ich aber zugeben, daß mir das Ganz auch nicht so furchtbar missfällt. Es fühlt sich nur eben ein ganz klein wenig politisch inkorrekt an. Ich beschließe damit zu leben. Nachdem nun jeder weiß wo er zu stehen hat wird der Ball ein paar mal hin- und hergekickt bevor Dir das ganze zu langweilig wird und Du lieber völlig unvermittelt alles stehen und liegen läßt um Dich in Richtung Strandpromenade zu begeben.

Ich bin beruhigt das Du am Kleinkindkommandosein ebenso lange Begeisterung zeigst, wie an den meisten anderen Dingen. Nichts ist ernsthaft von Dauer und so sind natürlich auch ein paar gefügige Befehlsempfänger nicht wirklich von langem Interesse. Irgendwie ist meine Welt wieder in Ordnung und Du bekommst anstandslos das eingeforderte Schokoladeneis überlassen – Gerechtigkeitssinn muss belohnt werden.

Auf der Rückfahrt stehen wir irgendwann im Stau neben einem Schaustellerlastwagen, was Dich wiederum zu der Aussage verleitet: „Guck mal Papa, hier ist auch Karneval. – Und wo ist der Strand?“ Dieser Assoziationskette habe ich nichts mehr hinzuzufügen und an der nächsten Tankstelle gibt es Schokoladeneis.

Ach, so die Kombination aus Karneval und Strand ist ab jetzt gesetzt – aber wer will schon auf hohem Niveau jammern.

Hellau, Prinzessin.


Carnaval de Nice
Sarah Sophie März 2014 – Nizza
Musik – La Caravane Passe – Striptease Burlesque

Geschrieben aus Tarifa, Andalusien, Spanien.

Der 31. Monat – Nein, du nicht – Heute ist doch Mama-Tag

Ich hätte es natürlich wissen können, vielmehr wissen müssen, da aber Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, bin ich bis ultimo davon ausgegangen, daß der Gleichheitsgedanke für Dich unangefochten gilt. Tut er absolut auch, aber nur bis zum Wochenende. Bin ich verständlicherweise im intrafamiliären Elternranking werktäglich die Nummer 1, erlischt derlei Kompetenz meinerseits schlagartig am Freitagabend.

Du hast schnell verstanden, das eines der bunten Icons auf Papas iPhone dazu erdacht ist Fluginformationen zu transportieren. Pünktlich zur „Flug XYZ ist gelandet-Melodie“ schauen mich zwei glücklich strahlende Kinderaugen an und Du stellst immer wieder die gleiche Frage, verbunden mit immer der gleichen Antwort: „Kommt Die Mama jetzt“ – „Ja, die Mama kommt gleich – sie ist gerade gelandet“. Weiter geht es mit „Ist die Mama gelandet?“ „Fährt die Mama jetzt mit dem Taxi?“ Gebetsmühlenartig bejahe ich beide Fragen und entfessele einen Schlüsselreiz. Sogleich willst Du unbedingt und sofort auf die Fensterbank meines Arbeitszimmers klettern und der spannenden Anfahrt eines gelben Autos mit schwarzem Schild auf dem Dach beiwohnen. Nach der gefühlten dreihundertsten Erklärung, daß zwischen Landung und Vorfahrt mindestens eine halbe Stunde liegt, es aber auch mal gerne eine ganze werden kann, haben wir gemeinsam gelernt die Zeit zu nutzen und stellen nun fest, welche Farben die Autos haben die unter unserem Fenster vorbeifahren. Manchmal erkennst Du sogar die Marke korrekt, was ich aus zwei Gründen erstaunlich finde. Erstens wohnen wir in der dritten Etage und zweitens habe ich Dir nie Automarken erklärt. Ein nicht unbegründeter Anfangsverdacht in dieser Sache geht in Richtung Deiner mütterlichen Großeltern. Das aber nur nebenbei.

Steigt Deine Mutter dann irgendwann in persona aus der vorgefahrenen Droschke, wird erst munter gewunken und dann, selbstverständlich Deinerseits selbständig, die Tür geöffnet damit sich meine beiden Damen standesgemäß begrüßen können. Ab jetzt könnte ich ausziehen, es würde niemand merken. Gerne sitzt Ihr beide eine Viertelstunde auf dem Boden im Flur und tauscht Euch über die wesentlichen Ereignisse der vergangenen Tage aus. Eine gute Gelegenheit das Gepäck Deiner Mutter zu verstauen und mit Deinem Abendessen zu beginnen, da wir natürlich zumeist über eine Uhrzeit sprechen, in der Du eigentlich bereits gegessen haben solltest. Der Konjunktiv hat an dieser Stelle reinen Richtcharakter. Alle Beteiligten haben sich irgendwie daran gewöhnt, das es Freitags etwas länger dauert – was soll’s. Das wir die Eltern sind, denen es wichtig ist, das Du verstehst was Konsequenz bedeutet, versteht sich von selbst. Den letzten Satz Deiner Mutter zu diesem Thema den ich mir gemerkt habe endete ungefähr mit dem Worten: „Natürlich Du hast völlig recht, ich bin Deiner Meinung, Sie muss verstehen das um acht Uhr abends Schluss ist – ich lande um halb acht, ihr wartet doch mit dem Essen, oder?“

Bewundernswert finde ich dann aber doch die Geschwindigkeit mit der Deine Mutter die anstehenden Dinge mit Dir erledigt. Ihr esst, vertreibt die Zahnteufelchen und schon werde ich zum Gute-Nacht-Defilee gerufen nach dessen Abarbeitung mir Deine Mutter noch flugs das benutzte Geschirr und die nebenbei aussortierte, schmutzige Wäsche von Dir in die Hand drückt. Für das alles brauchen wir beide länger, das gebe ich zu.

Am Samstag werde ich zu aufregenden Hilfstätigkeiten wie Wasserflaschen besorgen, Papiermüll runtertragen und – nicht zu vergessen – dem Auffüllen Deiner Wochenration kleinkindlicher Verbrauchsartikel herangezogen. Die Frage „Sind noch Feuchttücher oben?“ ist längst zum Geflügelten Wort hierfür mutiert. Keine Frage am Wochenende werde ich einfach nicht gebraucht. Daran muss man sich erstmal gewöhnen – was Du allerdings meisterhaft beherrschst. Dein offenkundig bereits ausgeprägtes Gespür für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens knallst Du einem schonmal vollmundig vor den Latz. Ich glaube es war mein Versuch Dir beim Einsteigen in eine Strumpfhose behilflich zu sein. Da hier aber nicht jeder machen kann was er will – am Wochenende schon gleich gar nicht – rupfst Du Dein Beinkleid aus meiner Hand machst eine elegante Drehung um 180 Grad und wirfst mir eine mehr als nur vorwurfsvolle Geste mit den Worten „Nein, Du nicht – Heute ist doch Mama-Tag. Du darfst morgen wieder.“ entgegen. Strumpfhose und Kind stolzieren in Richtung Mama und mir fällt gerade noch rechtzeitig eine wenig marginale Frage ein: „Ist noch Sprudelwasser oben?“

Ich schaue besser mal nach.

Geschrieben aus Gibraltar.