Der 28. Monat – Papa, pielen!

Sicherlich völlig zufällig schafft es Deine Mutter an jedem Freitag für Dich ein neues Spiel aus Ihrem Handgepäck zu zaubern. Diesem Umstand mag es geschuldet sein, daß wir fast jede Woche ein neues Spiel ausprobieren können. Ob nun Zufall oder glückliche Fügung; jedenfalls mehren sich Produkte einer französischen Kinderspielzeugmarke verstärkt in Deinem Zimmer. Ich vermute ja System dahinter: Fakt ist aber, Deine Mutter findet selbst in tiefer bayerischer Provinz einen Spielzeugladen dem unverrückbar ein Produkt aus der Auslage zu entnehmen ist.

Kurz und Gut, in diesem Bereich herrscht kein direkt fühlbarer Mangel.

Das hindert Dich aber nicht, für jedes einzelne Spiel Deine individuellen Regeln für jeden Beteiligten aufzustellen. Ich habe das einmal bewußt beobachtet. Anfänglich vermutete ich allen Ernstes noch reine Zufälligkeit in dem Umstand, daß ich stets nur Doppeltierkarten im Domino bekomme, Du dich selbst hingegen mit einer profunden Auswahl aller verfügbaren Tiersymbole ausstattest. Ein Schelm wär Böses denkt. Allen Nicht-Domino-Erfahrenen sei an dieser Stelle gesagt: es ist nahezu unmöglich zu gewinnen, hat man in der Hälfte seiner Karten jeweils zwei gleiche Symbole auf eben einer Spielkarte. Ich habe gefühlt alle „Doppelten“ zu meiner freien Verfügung. Aber damit gibst Du dich natürlich nicht zufrieden, sondern baust auch hier entsprechend vor. Die rote Maus ist Dein Lieblingstier und wenn beim Verteilen der Karten eine eben solche auftaucht, wandert die wie selbstverständlich unter Deine Obhut. Anfängliche Proteste meinerseits konterkariertest Du mit einem vorwurfsvollem Blick und dem Satz: „Das ist nicht „fu“ Papa, das ist „fu“ Baby. Umlaute sind noch nicht so ganz Dein Ding – aber wer kann da schon widersprechen.

Ähnlich verhält es sich bei „Minu“, einem von Dir kreiertem Kunstwort als Beschreibung für eine Art Memory auf dem die Symbole auf die jeweiligen Spielkarten – den Jahreszeiten – zuzuordnen sind. Wer zuerst seine Karten(n) voll hat, hat gewonnen. Soweit die Theorie. Praktisch komme ich selten zum Zuge, da Du mir in hingebungsvollen Durchhalteparolen immer wieder erklärst, das Du jetzt gerade an der Reihe bist. Das geht dann in etwa so: Du beginnst das Spiel, das ist sowie klar. Deckst Du ein Symbol auf, welches auf Deine Karten paßt darfst Du nochmal – das ist, glaube ich, die einzige Anweisung die wirklich für einen regelkonformen Spielbetrieb vorgesehen ist. Gehört hingegen ein Symbol zu einer meiner Karten, darfst Du selbstverständlich ebenfalls noch einmal, da ich ja die Karte bekommen habe. Der Trick an der Sache ist aber noch viel perfider. Wenn zu erahnen ist, daß meine Karten fast voll sind und Du erneut eine für meine Bildersammlung umgedreht hast, grinst Du frech, zeigst mir das Bild erst gar nicht sondern drehst die betreffende Karte sogleich wieder um. Und manchmal darf ich dann sogar mal wieder mitspielen, wir haben aber auch schon ganze Serien monologen Spielbetriebs Deinerseits hinter uns gebracht.

Es stellt sich somit die Frage nach dem Herrühren dieser selbstbereichernden Handlungsweise. Und natürlich steht ab sofort Deine Mutter unter Generalverdacht. Am kommenden Wochenende lüftet sich das Geheimnis. Wir spielen zu dritt und egal ob Du oder Deine Mutter die Karten verteilt, ich komme nicht besonders gut weg. Im laufenden Betrieb schummelst Du mit Deiner Mutter um die Wette und wenn ich kurz aus dem Zimmer geschickt werde, in der Art von „Könntest Du mir bitte noch einen Tee machen.„, passiert es: Ihr lacht Euch schallend an und teilt die Beute unter Euch auf – mit der Folge, daß ich gar nicht mehr gewinnen kann. Ich fühle mich ein ebenso macht-, wie hilflos.

Meinem Einwand nach fehlender Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit entgegnet Deine Mutter nur allzu lapidar: „Freu Dich doch, oder willst Du eine Tochter die sich nicht durchsetzen kann?“ Ich verlasse augenblicklich das Kinderzimmer und überdenke meinen Glauben an das Gute in der Küche während ich Tee aufsetze.

Am Montag fangen wir wieder von vorne an, denn ich weiß die Gerechtigkeit wird siegen – aber vielleicht eben erst nächste Woche.

Der 27. Monat – Wir sind Nico

In Deinem siebenundzwanzigsten Lebensmonat waren wir – bis auf einen Kurztrip an den Gardasee, der allerdings mächtig verregnet war – nahezu ausschließlich zu Hause, was für unsere Verhältnisse schon erstaunlich genug ist und zwangsweise dazu führt, das Du sehr regelmäßig den Kindergarten besuchst. Und irgendwann in diesen Tagen taucht ein Name immer wieder auf: Nico. Sind wir bisher zum Kindergarten immer „tu“ Anna gefahren (ein „Z“ will einfach nicht über Deine kleinen Lippen) so heißt das Ganze neuerdings eben „tu“ Nico. Zu besonders gut gelaunten Zeiten wird Anna gnädigerweise noch erwähnt und wir fahren eben „tu“ Nico und Anna – aber klar ist: Nico ist die Nummer eins. Dein Vater ist in seiner manchmal doch etwas zu naiv, gutgläubigen Sicht auf die Dinge dieser Welt ernsthaft zu Beginn der – wie vom Himmel gefallenen – Namenspermanenz Nico davon ausgegangen, das es sich vielleicht um einen neuen Betreuer männlichen Geschlechts handelt (gibt es eigentlich den Quotenkindergärtner?) aber davon weit gefehlt. Still und heimlich, und vor allem über Nacht ist er da:

Dein erster kleiner Verehrer!

Auf einmal ist alles Nico. Du bist Nico, Dein Lieblingsteddy Miscka ist Nico und wenn ich Dich frage wer am Tisch noch fehlt ist das nicht etwa Deine Mutter, sondern – wenig überraschend – Nico. Spielen wir abends zusammen, sitzen der Teddy (dann heißt er übrigens wieder Mischka) und ein imaginärer Nico mit auf dem Spielteppich und bekommt wie selbstverständlich Karten für das Tierlotto zugeteilt. Prima ich habe jetzt zwei Kinder und eines davon ist immer gerade nicht zu Hause. Ich werde neugierig. Am nächsten Tag frage ich mal so ganz zufällig im Kindergarten nach, wer denn dieser Nico ist.

Wahrscheinlich dem gleichen Gesetz folgend, nachdem das Marmeladenbrot stets auf die „Gesichtsseite“ fällt, ist Nico selbstverständlich just an an diesem Tag nicht zugegen und ich werde lediglich von einer der Damen darauf hingewiesen, das Nico Dein spezieller Freund sei. Na prima, Du bist zweieinhalb Jahre alt und ein spezieller Freund sitzt nicht nur fast täglich unsichtbar in unserem Kinderzimmer sondern verwehrt sich durch geschicktes Taktieren seiner Kindergartenbesuche meiner väterlichen Wohlwollensprüfung. Ich glaube nicht, daß wir Freunde werden – soviel scheint sicher.

Da mir nichts ferner liegt, als mich in Deinem Kinderclub als Helicoptervater zu outen – so nennt man in diesen Tage zu sehr fürsorgliche Eltern – bleibt mir zwangsweise nichts anderes übrig, als mir anderweitig einen Überblick zu verschaffen. In den nächsten Tagen vergesse ich grundsätzlich täglich irgendetwas und tauche nach ein paar Minuten erneut bei Dir im Kindergarten auf. Bringt aber alles nix – von Nico keine Spur. Was bildet sich dieser Krabbelgruppengigolo eigentlich ein. Es bedarf einer neuen Taktik. Von nun an schaue ich – selbstverständlich rein zufällig – an der Garderobe in Eurem Vorraum wann unter dem Namensschild Nico keine Haus- sondern Straßenschuhe stehen und tatsächlich, bereits am nächsten Tag werde ich fündig.

Jetzt heißt es dranbleiben:

Wir beide spazieren also wie üblich Hand in Hand in Euren Frühstücksraum und Du suchst einen Platz aus, läßt Dir bereitwillig den – zu Hause nicht verputzten – Buchweizen mit Milch vor die Nase setzen und beginnst sogleich eben diesen zu löffeln. Keine gesonderte Reaktion von irgendjemandem. Um nicht weiter aufzufallen verabschieden wir uns in gewohnter Zeremonie und ich entschwinde aus dem Raum. Unmittelbar hinter der geöffneten Flurtür muss ich unaufschiebbar aber einige SMS schreiben und kann folglich gerade nicht weitergehen. Es dauert keine Minute und ein Lockenkopf in Latzhose schleppt seine Frühstücksdose um den Tisch zu Dir heran. Ihr beide begrinst Euch freudig und beginnt in gleicher Minute damit die bevorratenden Zerealien im Rotationsprinzip unter Euch aufzuteilen. Meine Verzückung ob dieses Sujet wird allerdings jäh unterbrochen da sich eine Deiner Betreuungsdamen zu mir gesellt und mich auf den Boden der Realität zurückholt. „Haben sie wieder etwas vergessen“ fragt sie mich und ich fühle mich irgendwie ertappt. Bevor ich antworten kann, erwähnt sie fast beiläufig und überhaupt nicht triumphierend, daß der Latzhosenmann eben derjenige Nico sei, nachdem ich letzthin gefragt habe und mit Dir jeden Tag zusammen frühstückt. „Das sei ja putzig“ entgegne ich und frage unaufdringlich nach, was Ihr beide denn sonst noch so zusammen anstellt. „Eigentlich nichts“ vernehme ich und blicke in ein erstauntes Gesicht.

Ach doch, manchmal nach dem Frühstück bugsiert Nico so ziemlich jedes Spielzeug heran was gerade greifbar ist und möchte mit Dir spielen, aber das scheint Dich dann nicht mehr zu interessieren, denn egal was er Dir offeriert es wiederholt sich stets das gleiche Spiel: Du nimmst es und schickst ihn stehenden Fußes wieder weg. Aber das macht ja auch Sinn, schließlich spielen wir jeden Abend mit ihm und da ist er schließlich nie da.

So kann das ruhig weitergehen Prinzessin: Wer etwas von Dir will, kann sich gefälligst auch ordentlich anstrengen. Das gehört sich so – findet zumindest Dein Vater.

Der 26. Monat – Russische Lehranstalt

Das Du bilingual aufwächst versteht sich von selbst; daß Deutsch aber wohl Deine primäre Sprache werden wird steht nicht für beiden Elternteile fest. Einer russischen Mutterseele – die einer Großmutter im übrigen nicht weniger – treibt es wahrscheinlich gefühlten sibirischen Eiswind ins Gesicht bei der Vorstellung das möglicherweise Deine Russischkenntnisse nicht genügend befördert werden könnten. Für die korrekte Verbalwiedergabe derlei Befürchtungen ist ein einziger Konjunktiv im Grunde viel zu schwach.

Es dauert also nur wenige Monate und wir schauen uns die erste „Russische Schule“ an. Meine Einwände aus der Rubrik „Möglicherweise ist es noch etwas früh für eine Schule – Du bist ja erst zwei Jahre.“ kontert Deine Mutter eloquent mit dem Hinweis auf Deine unstillbare Wissbegierigkeit aus. Bis dahin dachte ich immer das sei übliche kindliche Neugierde, aber so habe ich schon wieder etwas gelernt. Das Unverständnis ob dieses Einwandes im Gesicht Deiner Mutter kann sich jeder vorstellen, der sie kennt – alle anderen rufen sich jetzt bitte eine Polarexpedition ins Bewusstsein, die zur Sicherheit einen Kühlschrank mitführt, damit der Proviant nicht warm wird. Kurzum diese Institution scheint gesetzt zu sein und ich beschließe vorurteilsfrei an die ganze Sache heranzugehen.

Das ist nicht ganz einfach als mir eine wuchtige Endvierzigerin in einem Bürogebäude die Tür öffnet und uns etwas zu herzlichst willkommen heißt. Ich gebe zu, der Eindruck von außen täuscht und im Inneren des Reichs von Doppel D Ludmilla sieht es aus, wie in jedem anderen Kindergarten auch. Ihre Notizkladde wird von einem Davidstern dekoriert und sie tippt – gewiss absolut unbewusst – unaufhörlich darauf herum.

Was nun folgt entspricht in etwa dem, was ich mir als mögliches „Worst-Case-Szenario“ ausgemalt habe. Der Fleischberg mit Rüschenbluse und Brokatweste erläutert mit tiefer Inbrunst und ebenso gleicher Stimme die unverzichtbare Notwendigkeit Kindern Wissen zu vermitteln und dieses besonders zu festigen. Die Nachhaltigkeit Ihrer Intension manifestiert sich für sie in Hausaufgaben bei deren Nichterledigung die entsprechenden Eltern zum Rapport einbestellt würden. Ich bin überzeugt in einer Vorschule für Nachwuchsdiktatoren gelandet zu sein. Langsam fängt es mir an Spaß zu machen, da eine Entscheidung gegen diese Rohrstockinstitution längst gefallen ist. Also frage ich nach, warum denn auch so kleine Kinder schon Hausaufgaben auferlegt bekommen und lasse nicht unbemerkt, daß mir ein spielerischer Umgang mit dem Bildungsauftrag durchaus sympathischer ist. Das ist zu viel für Fräulein Rabiata und sie verfällt in einen noch resoluteren Kasernenhofton. „Sehen Sie, mein Herr – vielleicht wissen sie das ja nicht, aber ich bin Jüdin und gerade jüdische Kinder müssen immer besser sein als alle anderen.“ Und da könnte etwas rigide Strenge eben gar nichts schaden. Aber es kommt noch besser. Sie fragt mich in leicht mitleidigen Unterton ob ich denn Herrn Bismarck kennen würde. Die wenig geistreiche Nachfrage nach demjenigen mit den Fischen spare ich mir gerade noch und antworte höflich und mit absichtlich leisen Ton, daß Sie getrost davon ausgehen dürfe, in mir jemanden zu sehen, dem die Eckdaten europäischer Geschichte geläufig sind und ich somit im Bilde um die Persönlichkeit des ersten deutschen Reichskanzlers sei. Da strahlt das rigorose Fräulein und erklärt voll begeisternder Inbrunst, daß sich Ihre pädagogische Einrichtung an den Idealen, Werten und Vorstellungen des Deutschland im späten 19. Jahrhundert orientiert.

Eine Familie mit liberalen Grundwurzeln steht also vor einer kaisergetreuen, jüdischen Migrantin aus der ehemaligen Zarenstadt St. Petersburg (das war wohl der Grund, warum Deine Mutter recht lange zu ihr gehalten hat) und bekommt im wahrsten Sinne des Wortes den Mund nicht mehr zu. Eine kurze Bemerkung zu den Sozialistengesetzen und der damit verbundenen politischen Intoleranz Ihres Herrn Bismarck kann ich mir einfach nicht verkneifen und erlaube mir noch ebenso höflich wie bestimmt meinem Mitleid für die hier verwahrten Kleinmonarchisten Ausdruck zu verleihen. Gekonnt stellt das stämmige Fräulein noch fest, daß wir da wohl etwas unterschiedliche Auffassungen in pädagogischen Fragen hätten. „Vielleicht ein klein wenig“ entgegne ich und wir verabschieden uns freundlich, aber wohl für immer voneinander. Sie fügt noch an, daß sie es bemerkenswert findet, daß ich – trotz meiner offenkundigen Abneigung – so lange zugehört habe. Das mache ich übrigens immer so wenn mir Dinge begegnen die ich nicht verstehe. Man fühlt sich dann so herrlich bestätigt in seiner Meinung.

Ach ja und noch etwas: Du gehst natürlich trotzdem in eine „russische Schule“. Die liegt mitten im Düsseldorfer Rotlichtviertel in der obersten Etage eines Hauses auf dem noch der Werbschriftzug „Citysauna“ aus den 1970er Jahren zu lesen ist. Die ersten Stunden bin ich mit Dir dorthin gegangen und wir haben mit fünf russischen Muttis und deren Nachwuchs im Kreis getanzt nachdem Luba, Deine „Lehrerin“ durch eine Igelhandpuppe auf der Schulter sitzend uns genau dazu aufgerufen hat.

Aber die Bilder die Du dort malst sehen viel russischer aus als die Zuhause.

Viel Spaß in der Schule, Prinzessin.