Der 21. Monat – Papa allein zu Haus

Unsere werktägliche Tochter-Vater Zweisamkeit wird in Deinem 21. Lebensmonat jäh unterbrochen. Deine Mutter hat nämlich beschlossen Dich zu einem Kunden einfach mal mitzunehmen und zu Deiner Betreuung ihre Eltern auch noch einzupacken. Da Dein mütterlicher Opa nun auch dem Pensionärswesen frönen darf, lassen sich solche Konstellationen recht problemlos realisieren. Also wird eine Ferienwohnung in der thüringischen Provinz angemietet und ich bin eine Woche kinderlos.

An einem Wochenende besucht uns noch Deine nicht vorhandene Patentante Mimi aus Berlin und am Sonntag Mittag verlässt Du nebst großem Reisegepäck und entsprechender Entourage das Rheinland. Mit einem Schlag herrscht eine beunruhigende Stille in unserer Wohnung. Um nicht direkt in tiefe Depression zu verfallen beschließe ich eine unweit gelegene Kneipe aufzusuchen um zu überprüfen ob hier vielleicht noch andere alleinstehende Herren die Zeit totschlagen und mir möglicherweise Ratschläge für die folgenden Tage geben können. Völliger Unfug wie ich feststellen muß, die hier verwahrten Probanden haben nur tagsüber Ausgang bekommen und dürfen am Abend wieder in dem heimeligen Schoß ihrer Familien zurück. Um mich von ihnen deutlich abzugrenzen bleibe ich einfach länger sitzen und schaue sogar noch in einer anderen solchen Lokalität nach ob dort Geistesverwandte gestrandet sind, aber das ist ebenfalls nicht der Fall.

Wieder Zuhause angekommen liege ich mal wieder in meinen eigenen Bett und nicht auf der Gästeliege im Zimmer neben Deinem Bett – ja, es ist wahr Du schläfst immer noch keine Nacht durch und ich neben Dir.

Das ist schon ein sonderbares Gefühl. Genauso wie das fehlende Babyphon was ich für gewöhnlich allabendlich mit mir herumtrage bevor ich mich zu Dir lege. Die Aussicht am kommenden Morgen aber selbstbestimmt aufstehen zu können hat eine gewisse Verlockung wie ich unumwunden zugeben muß. Während der Nacht passieren dann aber doch sonderliche Dinge. Unser Haus toppt alles mir bekannte in Hinblick auf Hellhörigkeit was wiederum bei einigen Kleinkindern verteilt auf mehrere Familien im Gebäude zu einem illustren Klangteppich führt. Das fällt – solange Du da bist – lediglich rudimentär auf, jetzt aber stehe ich mehrfach in der Nacht sprichwörtlich senkrecht im Bett wenn einer unserer kleinen Nachbarn akustischen Unmut verkündet. Das passiert mir nicht, wenn Du Zuhause bist. Komisch – entwickeln Eltern etwa ein selektives Gehör für den eigenen Nachwuchs? Wie auch immer dieses Prozedere wiederholt sich in den nächsten Nächten einige Male.

Unsere Versuche miteinander zu telefonieren scheitern meist nach wenigen Sekunden, da Du zwar mittlerweile verstanden hast was man mit dem kleinen weissen Kasten Deiner Mutter machen kann, die vielen bunten Apps darauf durcheinander zu schieben ist aber viel spannender als immer wieder „Papa doma“ (zu deutsch Papa ist Zuhause) zu brabbeln. Und etwas anderes sagst Du lustigerweise selten wenn Mama Dir das iPhone ans Ohr hält. Kurz und gut ich vermisse Dich ganz schrecklich und genieße es gleichzeitig wieder mal Abends aus dem Haus gehen zu können. Böse Zungen unterstellen mir, genau das jeden Abend getan zu haben, aber darüber hüllen ich hiermit offiziell den Mantel des Schweigens. Punkt!

In der Zwischenzeit konntest Du so großartige Dinge wie das Zwergenland erkunden. Gartenzwergfreunde irgendwo im Nirgendwo des Thüringer Waldes haben den wohl deutschesten aller kleinbürgerlichen Wunschträume wahr werden lassen und rund 1.700 der bunten Vorgartengesellen zusammengetragen damit sich die Volksseele daran erfreuen kann. Was unweigerlich die Frage aufwirft, ob man Ost- von Westdeutschen Zwergen unterscheiden kann. Das wird Dir aber ganz gewiss und völlig zu Recht total gleichgültig sein. Ich schätze viel spannender ist es, den bunten Knollennasenmännern nahezu auf Augenhöhe begegnen zu können.

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Und wer so viel Zwerge haben kann, der kann seinen Papa schon mal ein paar Tage vergessen. Mächtig gefreut hast Du Dich aber schon als wir uns am Freitag wiedergesehen haben. Und um den Trennungsschmerz zu mildern müssen wir erstmal eine Woche Urlaub machen. Am nächsten Tag fliegen wir nach Tarifa, da geht Deine Mutter kiten und wir haben wieder den ganzen Tag Zeit miteinander.

Buenas noches, Princesa.

Der 20. Monat – Fisch, daß bessere Gemüse

In Deinem zwanzigsten Lebensmonat haben wir unseren neuen Campingbus in der Nähe des Bodensees abgeholt und konnten folglich nicht umhin, denselbigen auf eventuelle Untauglichkeiten zu überprüfen. Schon zwangsweise so weit im Süden starten zu können, nimmt selbstverständlich gehörigen Einfluß auf die Wahl des Reiseziels und so entscheiden wir uns für die Côte Azur. Es mutet fast schon etwas sonderbar an, aber seit Du auf der Welt bist, machen wir gefühlt ausschließlich Ausflüge nach Frankreich. Da mir allerdings eine frankophile Grundeinstellung nicht abzusprechen ist, nehme ich diesen Umstand zu gerne als gegeben hin. Außerdem will hier ja niemand auf hohem Niveau jammern.

Der Optimierungskompetenz Deiner Mutter huldigend, fahren wir zunächst mit ihr nach München wo sie einem lokalen Autobauer zu effizienteren Produktionswegen und kompetenterer Kommunikation verhilft und wir in einem 70er Jahre Flashback im ehemaligen Olympischen Dorf untergebracht sind. Das ist mittlerweile, zumindest partiell, ein Hotel und ich bin der festen Überzeugung in einem der Zimmer unterbracht zu sein, in denen die Münchener Attentatsszenen der Olympischen Sommerspiele von 1972 ständig durch mein Kopfkino geistern. Auf jeden Fall sieht die Fassadenansicht genau so aus wie die Fernsehbilder der zahlreichen Reportagen und Dokumentationen über diesen Wahnsinn. An die Liveberichterstattung kann auch ich mich natürlich nicht erinnern, aber als braver Sekundaner eines humanistischen Gymnasiums ist mir dieses Ereignis – unter anderen – als eines der prägnantesten der deutschen Nachkriegsgeschichte in Erinnerung geblieben. Nach drei Tagen gelebter Geschichtsretrospektive fahren wir alle zusammen zu dem mittlerweile bestens bekannten Flugzeugklapptischproduzenten dessen Fabrikationsstätte nur wenige Kilometer unweit des Campingbushändler unseres Vertrauens liegt um dann an einem Freitag unser neues mobiles Heim in Empfang nehmen zu können. Die Abholung erledigen wir zwei ganz alleine, da Deine Mutter selbstverständlich keine sinnlose Zeit vertrödeln will und lieber arbeiten geht, als sich Gasflaschenwechsel und Navigationsgerät erklären zu lassen. Ich scheine auf eine Vielzahl an Mitarbeitern dieses Ladens den Eindruck eines alleinerziehenden Vaters zu erwecken; jedenfalls wird uns mehr als einmal zum Kauf gratuliert und Dir in fürsorglicher Weise über den Kopf gestreichelt, untermauert mit den Worten „Na, da hast Du ja jetzt viel Platz mit dem Papa.“ Ich gebe aber zu auch mit Deiner Mutter dabei haben wir immer noch gehörig viel Platz, gerade im Vergleich mit unserem bisherigen Gefährt. Nachdem ich über etwa einhundert Knöpfe, Regler und Schalterstellungen informiert bin, füttere ich Dich und noch während wir vom Hof rollen, schläfst Du bereits tief und fest Deinen Mittagsschlaf.

Im Dorf des Flugzeugklapptischproduzenten angekommen, vergnügen wir uns noch etwas auf dem Spielplatz bevor wir am späten Nachmittag Deine Mutter abholen und gen Mittelmeer aufbrechen. Während der Fahrt wiederholst Du etwa 500 mal die Worte „Baby Auto“ was uns zu der Annahme verleitet, Du fühlst Dich hier pudelwohl. Das finde ich großartig.

Der erste Weg während solcher Ausflüge führt uns traditionell zunächst auf den lokalen Markt und beim Anblick der feilgebotenen Fischauswahl geht Deiner Mutter das Herz auf. Ich muss zugeben ebenfalls ganz gerne Fisch zu essen, ziehe aber ein gegrilltes Entrecote allem Meeresgetier eindeutig vor. Jean-Louis sieht imposant aus zwischen seinen Doraden, Seezungen und den lustigen flachen Fischen, deren Namen ich mir nie merken kann so auch jetzt nicht. Jedenfalls hat er einen neuen Stammkunden für die kommende Woche gefunden. Nachdem er erfährt, daß das nette kleine Kind nicht nur permanent frech grinsen kann, sondern nebenbei auch noch leidenschaftlich Fisch verspeist – selbst in so zartem Alter, wie er fachmännisch bemerkt – stehen wir kurz vor der Einbürgerung. Wir kaufen viel zu viel ehemals Schwimmendes und ziehen mit zwei großen Tüten von dannen.

Es ist kurz nach zehn Uhr morgens und ich beschließe Dein Mittagessen auf dem Grill zuzubereiten. Feuer frei und nach einer halben Stunde sind Grill und Fisch bereit. Nach dreißig weiteren Minuten steht Dein Essen auf dem Tisch und ich bin gespannt wie Du reagierst – schließlich findest Du erstmals ein ganzes Tier auf Deinem Teller. Erste Reaktion ist die Einforderung eines eigenen Essbesteck für Dich. Die angedachten Beilagen in Form von schnöden Möhren und ordinären Kartoffeln beachtest Du erst gar nicht. Viel mehr bekommt der platte Fisch Deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Im Sinne eines halbwegs zivilisierten Umgang mit dem Meerestier nimmt Deine Mutter Abstand von Deinem dringenden Wunsch das Objekt lukullischer Begierde ganz alleine auseinander nehmen zu wollen. Auf Deinem eigenen Teller bestehst Du allerdings. So friemelt Deine Mutter mit bewundernswerter und vor allem für sie völlig untypischer Ruhe und Hingabe den Fisch in kindgerechte Häppchen, befreit diese von den letzten Gräten und legt die kleinen Stückchen auf einen kleinen Teller direkt vor Dir. Von diesem bugsierst Du die Häppchen mit einer kleinen Kindergabel dann an ihrem Bestimmungsort. Nur ganz selten darf Deine Mutter Dir direkt eine Portion verabreichen. Heute sind wir erwachsen und essen lieber ganz alleine.

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Bis so ein Fisch verspeist ist vergeht eine gute Stunde und zum Ende wirkst Du nicht nur ziemlich müde, sondern bist es auch tatsächlich. Aber so einen Triumph will schließlich ausgekostet werden. Ich halte also fest: Du bist noch einige Monate von Deinem zweiten Geburtstag entfernt, aber ganze Fische stellen kein Problem mehr dar.

Wir sind eine Woche in Nizza – Jean-Louis haben wir natürlich jeden Tag besucht. Aber manchmal habe ich mir abends, nachdem Du eingeschlafen bist, einfach so ein Steak gegrillt. Ganz für mich allein.

Vive la France, Mademoiselle Sarah Sophie.