Der 19. Monat – Opa Advanced

Gleich vorweg: Dein Opa – im vorliegenden Fall derjenige väterlicherseits – ist ein herzensguter und liebevoller Mensch der seinen Hang zum Pragmatismus kultiviert hat und überglücklich ist eine kleine Enkelin zu haben. Anlässlich meiner Geburt soll er auf die Frage ob Junge oder Mädchen geantwortet haben „Leider nur ein Junge“. Ob er das nun wirklich so geäußert hat, läßt sich nicht mit Sicherheit beantworten – böse kann ich ihm deswegen aber absolut nicht sein, da ich diese Aussage ebenfalls hätte tätigen können, denn ich gebe zu, es uneingeschränkt großartig zu finden Vater einer Tochter zu sein.

Dein Opa jedenfalls hat bis zu diesem Monat gehörigen Respekt vor der Möglichkeit bei Dir irgendetwas „kaputt“ zu machen. Diese Aussage stammt im Original nicht etwa von mir, sondern von ihm selbst. Auf den Arm nehmen geht so grade noch, aber nicht zu lange – wer weiß schon was hier alles zu beachten ist. Ich weiß, daß er es mir nicht übel nimmt, wenn ich behaupte, mit ganz kleinen Kindern kann er in eben dem Sinne nichts anfangen, daß er nichts falsch machen möchte und somit Deine kleinkindliche Frühbespassung gerne an Deine Oma abgibt.

So sieht ein klassischer Oma/Opa-Kinderbetreuungstag in meinem Familienteil folglich so aus: Oma und Opa holen Dich vom Kindergarten ab und fahren zu uns nach Hause, Du bekletterst Deine Oma und zeigst Ihr auch sonst wie was Du so alles gerade möchtest. Opa erledigt derweil diverse Besorgungen und arbeitet meist auch einen kleinen To-Do-Zettel Deiner Mutter ab, weiß mittlerweile wo im Drogeriemarkt die Windeln liegen, welche Größe Du gerade benötigst und was eben sonst noch wichtig ist. Dafür bin vor allem ich ihm sehr dankbar, denn so muss ich das nicht mit Dir zusammen erledigen und kann unsere gemeinsame Zeit sinnvoller nutzen. Was er bis dato jedoch weniger vollführen durfte, ist Dich direkt zu bespaßen und das auch über mehrere Stunden hinweg.

Aber eben nur bis jetzt!

An irgendeinem Tag in diesem Monat kann Deine Oma leider nicht am Kinderbetreuungsprogramm teilnehmen, da ihre ordentliche Erkältung ein kleinkindlichen Kontakt nicht gerade opportun erscheinen läßt. Kurzum, Dein Opa stand morgens ganz alleine in unserer Tür, da Du in diesen Tagen ebenfalls erkältungsbedingt nicht zum Kindergarten aufbrechen kannst. Der Flexibilität meines Lieblingskunden vertrauend fahre ich nur kurz in die Agentur, packe mir Festplatte nebst Briefing unter den Arm und bin nach einer guten Stunde zum Homeoffice wieder Zuhause. Was ich dort sehe kann ich schlicht nicht glauben:

Du sitzt mit Deinem Opa im Kinderzimmer auf dem Spielteppich und ihr baut mit den großen Bauklötzen imposante Stadtlandschaften zusammen. Hast Du davon genug – was bei Dir für gewöhnlich nicht allzu lange dauert – schiebt Opa hingebungsvoll seine kleine Enkelin auf Ihrem Retro-Bobycar-Ersatz quer durch das Zimmer um schließlich unmittelbar vor der Stoffkiste mit den Kuscheltieren einzuparken und diese mit Dir gemeinsam auszuräumen und sich anschließend von Dir genau erklären zu lassen welches Tier wie heißt und wer mit wem befreundet ist. Das Du außer Emma dem Zebra keinem Tier Namen gegeben hast, gehört zu derlei zweitrangiger Befindlichkeit deren Beachtung an diesem Tag völlig überbewertet wird und lediglich mit der Tatsache konkurriert, das Du ehrlich gesagt bis auf einzelne Wörter noch nicht wirklich erwachsenenkompatibel sprichst und folglich Dein Opa überhaupt nichts verstehen kann. All das spielt aber schlicht keine Rolle und interessiert Euch beide auch überhaupt nicht. Ein famoses Bild, dessen Existenz ich für absolut unmöglich gehalten habe.

Mein Vater läßt sich nur kurz zu der Aussage hinreißen, ich hätte doch ruhig im Büro bleiben können – hier sei alles prima, lediglich beim Tierpärchenpuzzle fehle ein Teil, aber dafür könntest Du mittlerweile schon „Auto“ sagen.

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Mobilitätsbezogene Vokabeln spielen in unserer Familie traditionell eine große Rolle. Ich bin sprachlos und scheine hier nicht weiter gebraucht zu werden. Zeit das Tagewerk zu beginnen. Noch während ich das Arbeitszimmer ansteuere parkt ihr beide aus und rumkurvt den Plüschtierzoo.

Und ehrlich gesagt, ich weiß nicht wer heute mehr von wem gelernt hat. Prima, so ein Opa ganz für sich allein.