Gagra – Ein Tag am Meer

Wir bewohnen das kleine Gartenhaus unserer Gastgeber die Dich sofort in Ihr Herz geschlossen haben und zwar alle über alle drei Generationen hinweg. Zum Strand sind es nur etwa zehn Minuten und somit steht einem Tag am Meer nichts im Wege. Ich gebe zu die Infrastruktur der zweitgrößten Stadt Abchasiens könnte geringfügig verbessert werden aber mit etwas sportlichem Willen und den richtigen Rädern an Deinem Kinderwagen kommt der auch überall hin.

Eine Bahnlinie inklusive Wall ist zu überwinden und die sicherlich tüchtige Gemeindeverwaltung hat gewiss einfach nur vergessen ein paar Hinweisschilder aufzustellen. Auf einem Gerölltrampelpfad umkurven wir ein paar seeähnliche Pfützen denn unpraktischerweise hat es die ersten zwei Tage unser Ankunft nahezu ununterbrochen geregnet. Dann aber sind wir am Strand angekommen und Du schaust auch nur ein ganz klein wenig irritiert, denn Meer mit Horizont kennst Du – davor hat aber gefälligst Sand in rauen Mengen vorzuherrschen. Das ist hier leider nicht der Fall und so finden wir uns schließlich am Kieselstrand von Gagra wieder. Babuschkas schleppen dicke Tüten mit allerlei selbst gebackenem umher und das Bier von der Bretterbude ist eiskalt. Kurzgesagt unsere Familie fühlt sich wohl.

An einem ordentlichen Strand im postsowjetischen Raum dürfen natürlich Maiskolben nicht fehlen und die stellen Deine neuste Herausforderung dar. Deine Mutter hat sich erlaubt eine solchen ganz für sich alleine zu kaufen und muß mit dem augenblicklichem kleinkindlichen Protest Deinerseits leben. Mütterlich vorsorglich klaubt sie Dir einzelne Maiskörner heraus und findet reißenden Absatz. Auf Dein Selbstverwirklichungsrecht pochend machst Du uns allerdings unmissverständlich klar einen eigenen Maiskolben haben zu wollen um einen weiteren Schritt in Autarkie von der elterlichen Nahrungsvorsortierung zu erlangen. Zu meiner Überraschung verlierst Du an dem nicht nach wenigen Minuten das Interesse (ich habe wahrscheinlich bereits erwähnt, daß Du in Geduldsdingen wahrhaftig die Tochter Deiner Mutter bist), sondern knabberst ihn hingebungsvoll und mit gründlicher Leidenschaft ab. Wir sind dermaßen begeistert, daß wir gar nicht bemerken wie einige Strandbesucher vor Dir stehen geblieben sind um dem Schauspiel beizuwohnen. Das wiederum gefällt Dir und das mittlerweile bekannte Schauspiel vom kleinen Kind und staunenden Passanten nimmt seinen Lauf. Aber ein zu putziges Bild gibt die Szene wirklich ab.

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Und mir gefallen die mächtig anerkennende Gesten unserer Umwelt zu meiner Tochter. Man glaubt es nicht aber es dauert nicht allzu lange bis jemand mit einer Flasche Vodka auftaucht um mit mir auf meine außergewöhnliche Tochter anzustoßen. Es ist zwar erst früher Mittag aber es wäre unhöflich den Mann zurückzuweisen. Also trinken wir auf Dich, Deine Mutter und seine Frau, Völkerfreundschaften und die Tatsache uns getroffen zu haben. Das ist nun wirklich praktisch, denn Sergej ist unter anderem Taxifahrer und wir brauchen ohnehin jemanden der uns morgen durch die Schlucht zum Ritsasee fährt. Und wer so tapfer trinken kann scheint mir bestens geeignet für den Job. Wir verabreden uns für den morgigen Tag neun Uhr.

Unser Gastgeber ist Jäger und der dazugehörige Hund namens Bona Dein neuer Freund obwohl er Dich in Größe etwas überragt. Da Du Dich weigerst ohne Bona das Haus zu verlassen haben wir uns entschlossen ihn hierhin mit zum Strand zu nehmen was ich anfänglich für völligen Unfug gehalten habe, nun aber recht passend finde, da er praktischerweise wasserscheu ist und als Wachhund nicht von unseren Sachen weicht während wir mit Dir im Meer sind. Zu Vodka gehört schließlich Wasser – ob nun von außen oder innen. Denn ganz nebenbei hast Du heute Deine letzte Angst vor Wellen abgelegt und bist nur schwer davon zu überzeugen das Meer wieder zu verlassen. Da das ganze fast Badewannentemperatur hat ist Deine neue Freizeitbeschäftigung auch ausgiebig zu genießen.

Und übrigens, die zweite Schaschlikbude vom Strand aus ist die beste. Das haben Sergej und ich genauestens überprüft. Wirklich schön so ein Tag am Meer.


Sarah Sophie 2012 – Part 3/6 – September 2012 – Kaukasus

Geschrieben aus Chimki, Oblast Moskau, Russland.

Etschmiadsin & Gagra – würdevolle Schritte und ein Land, das es nicht gibt

Deine Mutter und ich warten nun schon seit Wochen, daß Du Deine ersten eigene Schritte ganz alleine erledigst, aber damit möchtest Du Dir Zeit lassen. Zumindest scheinst Du Dir einen würdevollen Ort aussuchen zu wollen. Und siehe da er scheint gefunden: die Kathedrale von Etschmiadsin; so ziemlich das Heiligste was die Armenische Kirche zu bieten hat.

Während Dein Vater tugendhaft und mit ordentlichem Vorpalaver unseres armenischen Organisationsmultis Sargis die Lanze photographieren darf, die – sagen wir mal vorsichtig der Legende nach – Jesus von Nazareth auf dem Berg Golgatha zur absoluten römischen Todesgewissheit in den Leib gerammt worden sein soll, gehst Du seelenruhig am langen Arm des hiesigen Episkopaten durch besagte Kathedrale spazieren. Deine Mutter meint später, er hätte Dich zwar eigentlich nicht genug bestaunt und gewürdigt, läßt aber meinen Einwand zu, das eben dies sicherlich mit Amt und Würde unvereinbar sei. Jedenfalls magst Du irgendwann nicht mehr vom Arm des schwarz gekleideten herumgeführt werden und beschließt von jetzt auf gleich die stützende Hand zu verlassen und stolperst wohl ordentlich wacklig aber selbstbestimmt und fremdhilfelos durch das Gotteshaus. Das verzückte Gesicht Deiner Mutter hätte ich zu gerne gesehen und zwar zeitgleich mit eben diesen Deiner ersten Schritte. Beides passiert aber leider ohne mich, da – wie bereits erwähnt – ein hochheiliges Geschmeide meine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Absolut unpassend wie ich finde, aber nicht zu ändern. Unnötig zu erwähnen, das die mannigfaltigen Wiederholungsversuche dieses Elternglücksehligkeitsprozedere mit dem üblichen „Kind plumpst auf Popo“ enden und somit lediglich ein paar zufällige Kirchgänger Zeugnis darüber ablegen können das Du den aufrechten Gang geübt hast. In den nächsten Tagen passiert rein gar nichts in dieser Hinsicht und Du nimmst Dir fast eine Woche Zeit um einen zweiten Anlauf im Geradeauslauf zu unternehmen. Und hier suchst Du Dir einen ähnlich passenden Ort aus:

Ein Land das es eigentlich gar nicht gibt – oder korrekt gesagt den Bahnhof von Gagra, einem ehemaligen Seebad aus Zarenzeiten, das allerdings nebst seinem Bahnhof ordentlich in die Jahre gekommen ist. Dieses Land, das es eigentlich nicht gibt ziert sich mit dem hübschen Namen Abchasien und liegt an der nordwestlichen Grenze von Georgien und Russland. Die kaukasischen Kleinkriege in einem Satz zu erklären ist Unsinn an sich und damit an dieser Stelle zu vernachlässigen. Nur soviel: das völkerrechtlich überschaubare Volk der Abchasen mochte sich in den 90er Jahren endgültig für unabhängig erklären, was wiederum der georgischen Zentralregierung, zu dessen Staatsgebiet sie bis dato gehörten, aufs äußerste missfiel und es somit – wie leider oft im Kaukasus – zu einem Krieg kam. Das vorzeitige Ende dieser Selbstbestimmung ist ein ausgerufener Staat den fast kein Land der Erde anerkennt, und somit faktisch nicht existiert. Dieser nicht existierende Staat hat Dir ein Visum ausgestellt und wir sind seit knapp einer Woche hier. Und das ist spannend an sich.

Möchte man Abchasien besuchen, wählt man von Mitteleuropa kommend wohl meist das Flugzeug und da fängt das Problem bereits an: Es gibt derzeit keine internationalen Flughafen im Land und so fliegen wir eben vom armenischen Yerevan nach Sotchi an die russische Schwarzmeerküste und haben uns von dort ein Auto nebst Fahrer in Richtung abchasische Grenze organisiert die nur etwa 40 km entfernt liegt. Von dort müssen wir dann noch etwa 30 km weiter immer am Meer entlang bis nach Gagra. Soweit so gut. Da selbst der größte Wolga einen zu kleinen Kofferraum für unser Bagageaufkommen hat, steht ein Minivan nebst wortkargem Fahrer bereit um unsere kleine Familie weiter zu befördern. Der Arbeitgeber des sprachverhinderten Chauffeur gelobt mehrfach, wir könnten die Grenze einfach durchfahren und müssten nicht mit dem Gepäck und Dir auf dem Arm an irgendwelchen Schalterhäuschen vorstellig werden. Selbstverständlich eine glatte Lüge und so tragen wir Dich und unser ganzes Geraffel irgendwann gegen Mitternacht durch eine Grenzstation die Ihren Namen wirklich verdient. Reisenden im postsowjetischen Raum wissen wovon ich spreche.

Nachdem alles zigmal durchleuchtet, begutachtet und beäugt wurde wirst Du pünktlich bei Ankunft an der wichtigsten Stelle wach: Dem Mann mit großer Mütze und dem Stempel aller Stempel. Der russische Pass Deiner Mutter ist schnell abgearbeitet, an Deinem Kinderreisepass gibt es offenkundig auch nichts zu mäkeln, dann aber komme ich ins Spiel. Ich gebe zu mein Pass sieht gepflegt benutzt aus und wartet zu allem Überfluss neben allerlei Visa und Stempel der vergangenen Jahre, mit ebensolchen der Republik Nagorny-Karabach auf. Auch ein Land, was es nicht gibt. Derer gibt es im Kaukasus die ein oder anderen und das irritiert dem Stempelmann gehörig. Der herbeigerufene Kollege weiß auch keinen Rat und gibt die Frage an Deine Mutter zurück. Die erklärt völlig solvent mit Hinweis auf die armenisch-aserbaidschanische Historie der letzten zwanzig Jahre die Notwendigkeit dieses Visums und legt ohne Luft zu holen unmittelbar das schlagende Argument nach, daß wir schließlich bereits schon einmal nach Ausstellung dieses Visa nach Russland eingereist seien und hier überhaupt kein Problem vorliegen könne. Die Offiziellen hinter der Glasscheibe sind sichtlich überfordert, was wiederum Deiner Mutter gefällt und Sie zu Hochform auflaufen läßt. Es sei schon ganz schön eng hier und das Kind werde langsam unruhig. Das nun unruhig zu werdende Kind hat bis dato interessiert zuschauend adrett auf dem mütterlichen Arm verbracht. Dies nur als Randnotiz.

Du wirst augenblicklich auf den Schalter gestellt, was Dich selbstverständlich animiert den selbigen als eine Art Tanzfläche unter den schützend-stützenden Armen Deiner Mutter zu verstehen. Was für ein hübsches Kind, wie munter und aufgeweckt entgegen die früheren Herrscher über den Schalterbereich. Um die bemängelte Enge aufzulockern werde ich befugt den Grenzkasten zu verlassen und schon mal das Gepäck ins Auto zu laden.

Nachdem wir alle wieder im Auto sitzen gibt Deine Mutter den Rat des bemühten Beamten an mich weiter: Ich solle mir doch besser einen neuen Pass besorgen, mit den ganzen Visa könnte es ja durchaus Probleme geben. Woher der Mann das nun wieder weiß ist mir allerdings schier ein Rätsel.

Willkommen in Abchasien.

Yerevan – Kaukasische Kinderküche

In den vergangenen Monaten war es immer mal wieder ein mittleres Drama Dich zu Tisch zu bitten. Zeitweise magst Du nur unter Zuhilfenahme allerlei Tricks Deine diversen Breikreationen zu Dir zu nehmen. Die letzte Finte dieser Art sind handelsübliche Salzstangen, die Du mit Freude Zentimeter für Zentimeter hingebungsvoll in Dich hinein futterst und Dich in den sich dadurch ergebenden kleinen Pausen (zwischen zwei dieser Laugengebäcke) vermehrt durchaus in Stimmung wähnst Deine eigentlichen Mahlzeiten vom fütternden Löffel aufzunehmen. Die daraus wiederum resultierenden Geschmacksmanigfalltigkeiten scheinen Dich in kleinster Weise zu irritieren und so gibt es Obst, Milchbrei oder auch Gekochtes mit Salzstangen. Alles egal, solange Salzstangen dabei sind ist alles gut.

Irgendwo steht geschrieben – sagt jedenfalls Deine Mutter, und ich glaube ihr natürlich – das Kinder ab einem Alter von etwa einem Jahr prinzipiell alles essen dürfen was ihnen schmeckt, vorausgesetzt es ist nicht zu stark gewürzt, bzw. besticht nicht durch zuviel Zucker. Und das nimmst Du hier wahrhaft wörtlich. Zaghaft angefangen hat alles mit Gurken und Tomaten die Du etwa zur Hälfte auf Deine Kleidchen und Hemdchen verteilst, aber eben auch die andere Hälfte vollständig aufisst. Das finde ich durchaus normal. Direkt gefolgt von Chatschapuri, einer eigentlich georgischen Spezialität, die jedoch zu allen Tages- und Nachtzeiten in der kleinen Bäckerei im Hinterhof unseres armenischen Wohnhauses verkauft wird. Dieser mit Käse gebackene Hefeteig erfreut sich bei Deiner Mutter ebenfalls großer Beliebtheit und so werden wir regelmäßig am Verkaufsfenster besagter Bäckerei vorstellig. Die dort backenden und verkaufenden Damen sind derart von dem kleinen Kind mit dem großem Appetit hingerissen, daß wir ständig etwas geschenkt bekommen, was wiederum mein Gewicht nicht eben verkleinert. Aber Dir geht es gut dabei.

Haben wir dann Haus und Hof verlassen sitzt Du fröhlich futternd in Deinem Kinderwagen und läßt Dich durch die Stadt kutschieren. Alternativ nimmst Du auch kommentarlos im Autokindersitz Platz und akzeptierst murrenlos die Fahrkünste hiesiger Taxifahrer.

Gegen frühen Mittag steht dann Selbstgekochtes für Dich auf dem Speiseplan und auch hier scheint Dein Appetit durch den georgischen Imbiss nicht geschmälert zu sein. Die Salzstangen kommen nur noch vermindert zum Einsatz. Nach Deinem Mittagsschlaf verspüren Deine Mutter und ich meist auch etwas Appetit und wir steuern für gewöhnlich eines der zahlreichen rustikalen Restaurants an, die sich alle – Kraft autoritärerer väterlicher Willkür – in einem Punkt zwingend ähneln: Sie verfügen über einen Grill. Oder vereinfacht ausgedrückt es gibt Schaschlik in jedweder Form. Die, wie ich finde, größte Errungenschaft im postsowjetischen Raum. Schaschlik ist hier so eine Art Glaubensfrage und jeder kennt unzählige Rezepte von den aber immer nur genau eins das wirklich wahre ist.

Siehst Du den typischen Teller mit Fleisch und frischen Kräutern eingewickelt in Lawasch, einem dünnen Fladenbrot, ist die Freude groß. Ich überprüfe den Schärfegehalt, reguliere ihn gegebenenfalls und schon hältst Du ein Stück in Händen. Und wer jetzt glaubt die Freude ist von kurzer Dauer, der irrt gewaltig. Nicht übermäßig schnell – sechs kleine Zähnchen brauchen eben etwas länger – aber meist nahezu vollständig mummelst Du das kaukasische Grillgut auf. Daß das ein oder andere kleine Teilstück auch überall anders landen kann möchte ich hier nicht weiter breittreten.

Von nun an soll es niemanden mehr weiter verwundern, daß Du auch anderen hiesigen Lokalköstlichkeiten wenig abgeneigt bist. Herausragend hierbei ist im besonderen Sudschuk, eine stark gewürzte Rindfleischwurst die ich nun wahrlich nicht als kinderkompatibel angesehen habe. Da Deine Wesenszüge in Hinblick auf das Prinzip wenn Du etwas unbedingt haben möchtest, denen Deiner Mutter gleichen und somit eher das bekannte Kamel durch das ebenfalls bestens bekannte Nadelöhr geht, als Du Deinen Wunsch zurücksteckst, habe ich Dir irgendwann ein Stück zum probieren gegeben – fest in dem Glauben verankert, dasselbige gleich im hohen Bogen gen Tapete fliegen zu sehen. Aber nichts da Du knabberst genüsslich und ohne Anzeichen irgendeiner Reue am extravaganten Wurstprodukt.

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Ich stelle also fest: Ausflüge in den „wilden“ Osten bekommen Deiner Appetitvielfalt in herausragender Art und Weise. Und übrigens mit Deinen Salzstangen fütterst Du neuerdings lieber mich mit bewundernswerter Hingabe. Das erscheint selbst mir völlig logisch, denn zuviel Beilagen schmälern sonst womöglich noch die Lust auf all die feinen Hauptgerichte.

Guten Appetit, Prinzessin.


Sarah Sophie 2012 – Part 4/6 – September 2012 – Kaukasus

Geschrieben aus Jerewan, Eriwan, Armenien.

Ukhtasar – Petroglyphen-Panorama

Von Yerevan geht es rund 250 km nach Südosten in Richtung der Grenze zum Iran. Der Straßenzustand ist bestens und unser Auto – ein schwarzer Mercedes 124 der frühen 90er Jahre – bewältigt die Strecke in gut drei Stunden. Du läßt Dich mit der scheinbar schier unerschöpflichen Riege an Beschäftigungstricks Deiner Mutter bespaßen bevor Du nach der Hälfte der Strecke entschlummerst und pünktlich kurz vor Ankunft in Sisian wieder erwachst. Das paßt perfekt, denn nun magst Du auch nicht mehr in Deinem Kindersitz verweilen.

In Sisian müssen wir das Auto wechseln denn von nun an gibt es keine Straßen mehr und es bedarf eines geländegängigen Vehikels. Das finden wir in Form eines UAZ (Uljanowski Awtomobilny Sawod) der russischen Variante eines Ur-Jeep, gebaut irgendwo im Ural.

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Sein Baujahr liegt noch weit in sowjetischer Zeit also ist das Auto bestens für seine Aufgabe gerüstet. Die besteht darin uns fast auf Gipfelhöhe zu bringen, wo in der Nähe eines kleinen Bergsees Felsmalereien aus der Zeit zwischen 8.000 – 3.000 v. Chr. gefunden worden. Genau datiert sind sie noch nicht, das übernimmt ein deutsches Archäologenteam in einigen Monaten.

Keine Geringeren als der oberste Wildhüter Armeniens nebst seinem Kumpel werden uns kutschieren. Zu Beginn geht es noch recht zivil in Richtung Gipfel später wird es allerdings so holprig, daß ich ernsthafte Zweifel an dem ganzen Unterfangen hege, da ich mir Sorgen mache ob Du diese automobile Bergtour heil überstehst. Immerhin fahren wir gerade einen erloschenen Vulkan nach oben und da geht mitunter über reines Gestein und Geröll, was uns alle ordentlich durchschüttelt.

„Kein Problem“ kommt in der Stimmlage des Obersten Sowjet von Seiten Deiner Mutter und ich muss zugeben Du wirkst nicht gerade unglücklich während des Gehoppel. Nach einigen Minuten müssen wir anhalten, da die Motortemperatur zu hoch steigt, übrigens die einzige Anzeige die im UAZ zu funktionieren scheint. Der Tacho hüpft ständig zwischen 0 und 100 km/h hin und her, wird aber ohnehin nicht benötigt: Wir schaukeln im Schritttempo voran. Sobald der Motor schweigt und die kleine Gipfelstürmertruppe still sitzt, blickst Du völlig irritiert umher. „Was ist denn nun los“ interpretiere ich Deinen Geichtsausdruck, wieso stoppt das lustige Vehikel. „Eine Frechheit jetzt wo es gerade richtig Spaß macht“ scheinst Du kommunizieren zu wollen. Unser Fahrer besticht Dich mit einer winzig kleinen Birne die Du wohlwollend in Empfang nimmst und offensichtlich als Entschuldigung in Erwägung ziehst. Sogleich beginnst Du mit Deinen mittlerweile fünf vorhandene Zähnen das Fruchtgewächs in Einzelteile zu zerlegen. An dieser Stelle sei erwähnt, wer einmal Früchte und Gemüse aus dem Kaukasus gegessen hat, dem erscheint die Qualität mitteleuropäischer Supermärkte geradezu lächerlich. Und genau das scheinst Du in den vergangenen Tagen auch schon bemerkt zu haben, denn Dein Appetit wächst von Tag zu Tag. Zwei Elternherzen sind dabei natürlich überglücklich. Aber zurück zur Schaukeltour.

Nach einer Viertelstunde geht es weiter und Du kletterst auf den mütterlichen Arm, freust Dich mittels zappelnder Ärmchen und Beinchen das wieder geschaukelt wird bevor Du mich wieder einmal vollends verblüffst: Du schläfst ein! Die kleinen Arme um den Hals Deiner Mutter gelegt, die Beine in ihre Hüften gebohrt scheint Dich rein gar nichts aus der Ruhe zu bringen. Der Triumph Deiner Mutter ist schier grenzenlos: „Ich habe ja gesagt, das ist kein Problem mit ihr – Sie ist schließlich meine Tochter“ tönt es voller Selbstbewusstsein aus ihr heraus. Das ist mittlerweile einer meiner Lieblingssätze, aber ganz im Geheimen platze ich fast vor Stolz, als unsere Begleiter aus dem Staunen über das kleine Kind aus Deutschland nicht mehr herauskommen. Es ist zwar Deine typische Mittagsschafenszeit, aber das Du das in der jetzigen Situation stoisch erledigst habe ich nun wirklich nicht vermutet.

Nach rund zwei Stunden mitunter halsbrecherischer Aufwärtsfahrt sind wir am petrografischen Höhepunkt angekommen und stehen vor einer Ansammlung scheinbar hingewürfelter Felsstücke die teilweise mit kleinen Figuren verziert sind. Mit etwas Phantasie erkennt man einen Mann und eine Frau und ganz gewiss ein Wildschwein wie uns versichert wird.

Ich gebe zu mit dem Wissen, daß es sich hier um wahrscheinlich Jahrtausende alte Kunstwerke handelt – aus einer Zeit da Kunst als formgebende Ausdrucksform noch gar nicht als solche bekannt war – ist es schon beeindruckend hier zu stehen, aber – unter uns – mich faszinieren die umliegenden Bergmassive um ein Vielfaches mehr. Die Wolken werfen umherziehende Schatten auf ein Panorama das wahrhaft atemberaubend ist.

Du bist derweil auf eine Picknickdecke umgezogen und spielst mit Deinen Lieblingswürfelchen.

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Und wer kann schon von sich behaupten einen Spielplatz mitten in den kaukasischen Bergen zu haben. Übrigens, wir sind auf 3.600 Meter ü. NN.

Yerevan – Kaukasus V.I.P.

Bisher waren wir – bis auf einen innerdeutschen „Testflug“ mit Dir ausschließlich mit dem Auto unterwegs. Geflissentlich überhört haben wir in den vergangenen Wochen wie kompliziert und anstrengend doch das Reisen mit Kindern sei. Ich gebe zu, die Gepäckmenge nimmt etwas über Gebühr zu, ansonsten teile ich diese Meinung aber überhaupt nicht. Als sportlichen Ansporn laden wir uns selbstverständlich noch etwas mehr dazu. Da wir in Armenien und Abchasien Freunde besuchen bedarf es einiger Gastgeschenke und so sieht unser Gepäck wir folgt aus: Ein Kinderwagen im schicken Flightcase, Autokindersitz und einiges Spielzeug sowieso. Für Dich einen kleinen Koffer, zwei große für uns, meine Photoausrüstung in Tasche und Rucksack sowie die Geschenke und die nahrungstechnischen, hygienischen Basics für Dich in zwei Transportkisten die auf dem Rückflug entfallen. Deine Mutter hat mehrfach mit Aeroflot in Moskau telefoniert und grünes Licht für unsere leichte Übergepäckproblematik eingeholt. Das bestellte Taxi, ein Mercedes E-Klasse Kombi ist mit diesem Marschgepäck bereits leicht überfordert und so werden wir mit Taschen auf dem Schoß gen Flughafen chauffiert. Da wir uns entschlossen haben ausnahmsweise mit ausreichendem Zeitfenster anzureisen ist der Check-in Schalter noch wenig frequentiert und wir schieben unseren Hausstand heran. Die freundlichen Dame vom Bodenpersonal lächelt uns an und beantwortet die Frage Deiner Mutter nach einer Sitzreihe ganz vorne um mehr Platz für Dich zu haben mit einem eloquenten: Die ist bereits für Sie reserviert. Ich bin begeistert. Das Gepäck nimmt sie anstandslos entgegen, schickt uns zum Sondergepäckschalter und das wars bereits. Prima, wir gehen erstmal frühstücken.

In der Maschine bist Du bei allen Stewardessen der Star und bekommst nach dem Start sogar Dein eigenes kleines Bettchen, welches direkt vor unseren Sitzen an die Wand montiert wird. Das möchtest Du zwar zum schlafen eher weniger nutzen, da bietet in Deinen Augen Mamas Schulter doch den größeren Komfort, als Turn- und Spielplatz ist das Gerät aber unübertroffen.

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Das Umsteigen in Moskau gestaltet sich ebenfalls problemlos und einige Stunden später erfahren wir eine weitere V.I.P.-Behandlung: Der Einreisebereich vor den Paßkontrollen in Yerevan ist gut besucht und wir stellen uns brav hinten an. Da stehen wir aber nicht allzu lange, sondern werden von einer freundlichen Offiziellen zu einem Sonderschalter geleitet der unsere Visa in Windeseile abstempelt und uns Herzlich Willkommen heißt. Während dieses Prozedere thronst Du auf dem kleinen Schalterbrettchen und schaukelst mit den Beinchen in Richtung Zollbeamtin. Das findet diese offensichtlich so großartig, daß wir nicht umhin kommen ihr Deine bisherige Lebensgeschichte zumindest in der Kurzfassung zu erzählen. Ja, reisen mit Kindern ist schon anstrengend.

Unser Begrüßungskomitee wundert sich überhaupt nicht über unser Gepäckaufkommen sondern beordert sogleich ein weiteres Auto heran um alles einladen zu können. Eine knappe Stunde später beziehen wir bereits unsere Wohnung mitten in der Yerevaner Innenstadt und Du kommt pünktlich (nach deutscher Zeit) ins Bett. Den nächsten Tag verbringen wir in im zentralen Yerevaner Park bevor wir uns bei Schaschlik und lokalem Bier (zumindest ich) von der ach so strapaziösen Reise endlich erholen können.

Von wem stammt eigentlich dieser Unsinn?

Der 13. Monat – Das Pferd auf dem Balkon

Der bereits bestens bekannte Flugzeugklapptischproduzent im Breisgau beordert Deine Mutter in Deinem dreizehnten Lebensmonat zwei Wochen hintereinander in seine Werkshallen was zur zwangsläufigen Folge hat, daß sich der gesamte mütterliche Teil Deiner Familie an einem Sonntagabend im August bepackt mit allem was das glückbefohlene Kleinkind so zum Leben braucht auf den Weg in Richtung Schweizer Grenze macht. Den Tag über haben wir am Rhein standesgemäß mit Schaschlik grillen verbracht und Du hast Besuch Deiner Bettnachbarin aus dem Geburtskrankenhaus bekommen. Mit ihr hast Du dann zur allgemeinen Unterhaltung der vorbeidefilierenden Menschenmassen bewiesen, daß aufgespannte Sonnensegel eine prima Kombination aus Kletterwand und Trampolin bilden.

Aber zurück zum maternen Arbeitsausflug. Ich habe Deine Mutter also mit Dinnerpaket to go ausgestattet und gegen 20 Uhr brecht ihr gemeinsam mit Oma und Opa auf. Die Verabschiedungsszenen fallen in diesem Fall unjüdisch kurz aus – wir nennen das der Einfachheit halber schlicht deutsch – um Dir von Anbeginn die Normalität unseres Nomadendaseins zu suggerieren. Das fällt mir eindeutig schwerer als Dir – vermute ich zumindest ganz fest, wenn Du auf der Schulter Deiner Mutter liegend in Richtung Auto gewiegt wirst und dabei unaufhörlich in meine Richtung grinst. Der Protest der manchmal aus dem Umstand herrührt Dich in Deinen Kindersitz zu verfrachten fällt diesmal erstaunlich gering aus und nach ein paar Minuten braust meine ganze Familie vom Hof.

Ich überlege kurz was ich alles mit den kommenden Temporär-Single-Tagen anfangen kann und entscheide mich ordentlich flott dazu erst mal mit einer Flasche Rotwein auf den Balkon zu ziehen und meiner Leidenschaft für massenuntaugliche Musik nachzugehen. Denn eins wird mir schlagartig klar: Die nächsten Nächte bedeuten kontinuierliche Nachtruhe. Aber schon nach der ersten Nacht frage ich mich was man mit soviel Schlaf überhaupt anfangen will. Ich kompensiere das damit, daß ich wie in früheren Zeiten erst sehr weit nach Mitternacht ins Bett gehe. Sommer und Balkon ist schon eine entspannten Kombination.

„Leider“ nicht live beiwohnen durfte ich Deinem fünften Zahn. Der meldete sich standesgemäß in Tateinheit mit der Art von Magen-Darm-Problematiken bei denen man als Erwachsener jedwede Teilnahme am sozialen Leben verneint und sich für gewöhnlich weit über Gebühr im gekachelten Teil seiner Behausung aufzuhalten pflegt. Eine Bewertung dieses Umstandes nehme ich ausdrücklich nicht vor. Bei unserem Wiedersehen lachst Du fünfzähnig und alle Körperfunktionen arbeiten planmäßig. Das gefällt uns beiden.

Ebenfalls nicht zugegen sein konnte ich bei Deinen ersten Reitversuchen. An dieser Stelle scheint es mir unabdingbar zu sein auf den Umstand hinzuweisen, daß Deine Mutter Dich vor einer Sportart geradezu fanatisch bewahren will: Reiten eben. Mädchen die Reiten haben O-Beine, stinken nach Pferdemist und landen zwangsläufig irgendwann auf einer Art Bauernhof – alles Attribute die Deiner Mutter das nackte Grauen ins Gesicht treiben. Dumm nur, daß im Dorf des Flugzeugklapptischproduzenten das alljährliche Volksfest ausgerechnet zu der Zeit stattfindet in der Deine Mutter allerlei Produktionslinien umbaut und Deine Großeltern das selbige mit Dir besuchen. Der örtliche Ponyhof ist selbstredend dort vertreten und nach erster Sichtkontaktaufnahme Deinerseits in Richtung Reittieren gibt es kein Halten mehr. Du möchtest dorthin. Da Oma und Oma offenkundig weniger Einschränkungen in Bezug auf Dein aktuelles Freizeitprogramm hegen, wirst Du kurzerhand auf ein Pferd gesetzt und mittels großväterlicher Hilfestellung ziehst Du Deine Bahnen. Ein sicherlich großartiges Bild von dem es allerdings kein photographisch reproduziertes Abbild zu geben scheint.

Jedenfalls erfahre ich von dem ganzen Spektakel zu einem Zeitpunkt, als die Fernsehnachrichten gerade über den Großen Preis von Aachen berichten. Da kann ich nun wirklich nichts dafür, wohl aber das ich mich dabei erwische später zufällig nach Preisen und Stockhöhen von Ponys zu recherchieren. Aber vielleicht liegt das einfach an der Kombination von Sommer, Rotwein und Balkon.

Vorm Pferdekauf sind wir aber wohl gefeit: Bald ist Herbst – und das nicht nur auf dem Balkon.

Geschrieben aus Jerewan, Eriwan, Armenien.