Der 146./ 94. Monat – Der Familienbetrieb

Sarah Sophies Super-Gau ist eingetreten. Du hast Dein iPhone verloren. Offenbar auf dem Weg vom Auto zur Haustür oder Wohnungstür. Das sind zwar maximal 30 Meter, aber Fakt ist: Es ist weg. Und natürlich ausgeschaltet weil wahrscheinlich leergesnapchatet. Weder das Abklappern der Nachbarn, noch die ausgehängten Hilfeschreizettelchen helfen irgendwas. Auch die Ortung der nächsten Tage bleibt erfolglos. Letzter gemeldeter Standort ist das Nachbarhaus, also unsere Garage. Neben den elterlichen Vorhaltungen wie das denn überhaupt passieren kann, stellst Du ganz nebenbei fest, wie sorglos Du mit deinen persönlichen Daten und der sie umgebenden Hardware umgehst und vor allem wie unglaublich aufgeschmissen heute eine Zwölfjährige auf einmal ist wenn das weg ist was offenkundig das gesamte aktuelle Leben beinhaltet.

Du kennst weder dein Passwort zum Login in die Schulsoftware, hast keine Ahnung von den Zugangsdaten des bevorzugten Social Media Kanals und bist zusätzlich von jetzt auf gleich von allen WhatsApp-Gruppen ausgeschlossen. Kurz gesagt Du hörst nach eigenem Bekunden auf zu existieren. Das scheint mir zwar eine etwas hehre Betrachtung zu sein, aber so fühlt es sich offenbar an. Die Accountdaten zum Passwort zur Schulwebsite habe ich und so können wir zumindest einen kommunikativen Notbetrieb aufrechthalten. Es ist spannend zu beobachten wie Du mit deinem persönlichen Worst-Case-Szenario umgehst. Bemerkenswert finde ich allerdings, daß Du erst gar nicht auf die Idee kommst im nächsten Applestore mit meiner Kreditkarte nach einer Lösung zu suchen. Dir ist also durchaus bewusst welchen materiellen Wert Du gerade verbummelt hast. Das finde ich gut und verdient Beachtung.

Bist Du unterwegs, nimmst Du fortan Opas Handy mit, allerdings kann man mit dem wirklich ausschließlich telefonieren. Dazu muss man es aufklappen und auf große Tasten drücken. Sowohl Du, wie auch Leo betrachtet das anachronistische Gerät mit einer sichtlichen Portion Skepsis ob der fehlenden Apps. Angerufen hast Du mich damit übrigens nie. Dafür bekomme ich neuerdings Anrufe von so ziemlich jeder deiner Freundinnen. Wahrscheinlich ist dir die Funktionsweise nur nicht so vertraut. Ich gehe natürlich nicht davon aus, daß dir das Renterphone irgendwie peinlich ist, oder etwa doch?

Aber du findest auch eine Lösung für den ganzen Schlamassel. Schon seit einiger Zeit stellst Du einen Großteil deines Schmucks selbst her wodurch wir Stammgast im heimischen Modeschmuckperlenbastelladen sind. Die Armbänder die du erstellst erfreuen sich überall großer Beliebtheit und da ist die Geschäftsidee schnell geboren.

Du wirst Armbandproduzentin nebst exklusivem Verkaufsstand. Am kommenden Wochenende steht folglich ein Tisch mit zwei Klappstühlen in unserer Marina, da Du dir überlegt hast, hier eine geeignete Zielgruppe vorzufinden. Vorab informierst Du Dich noch wieviel einzunehmen ist um wieder Mitglied der digitalen Welt zu werden. Wir beschließen, daß ein Refurbish-Gerät durchaus ausreichend ist, das auserkorene Modell aber immer noch mit mehreren Hundert Euro zu Buche schlägt.

Also wird in den Tagen bis zum Wochenende fleißig gestaltet und gewerkelt um eine entsprechende Auslage bevorraten zu können. Pünktlich am Freitagnachmittag sitzt Du strategisch günstig an der kleinen Hafenpromenade wo Deine Zielgruppe stetig vorbeidefiliert. Und das Ganze funktioniert mehr als passabel. Das habe ich ehrlich gesagt nicht vermutet, was ich Dir aber natürlich vorenthalten habe um deine unternehmerische Begeisterung nicht auszubremsen. Bereits am ersten Abend hast Du fast 50,- € eingenommen und bereits mehrere Vorbestellungen für den kommenden Tag. Hier wird dann auch sogleich das Geschäftsfeld erweitert, da sich kundenseitige Maßanfertigungen als besonders nachgefragt herausstellen.

Am kommenden Tag bekommst Du brüderliche Unterstützung in kommunikativer Form. Leo findet es nämlich besonders wichtig jedem der es hören will oder auch nicht, zu erklären warum hier jetzt mittlerweile zu zweit gearbeitet wird. „Meine Schwester hat ihr Handy verloren und jetzt verdienen wir ein Neues!“ Man mag es glauben oder nicht, aber genau diese Aussage ist der Turbo im Verkauf. Selbst bis zu mir dringen die anerkennenden Worte mir bisher unbekannter Bootsnachbarn wie großartig diese Aktion doch ist und es wird fleißig gekauft. Und Marktwirtschaft verstehst du sehr schnell. Natürlich lässt eine hohe Nachfrage die Preise steigen. Ab Samstag wird es teurer. Nach dem Wochenende hast Du noch nicht alles beisammen, aber es lässt sich leicht errechnen, daß ein weiteres Wochenende genau das bedeuten würde.

Projekt „Neues iPhone“ läuft an, September 2023, Leukermeer, NL

Nur muss ich Dir da leider den Wind aus den Segeln nehmen, da sich die Firma eurer Mutter überlegt hat das diesjährige Motto des Sommerfestes mit „Oktoberfest“ zu belegen und das eben am kommenden Freitag zelebriert. Gefolgt von unserem Besuch der Wiesn in München am Samstag. Und das war übrigens deine Idee, inklusive bereits gekaufter Festbekleidung. Die Woche danach geht es schon in die Herbstferien. Du siehst dich folglich terminlich gefordert.

Wiesn, September 2023, München, D

Da unternehmerisches Engagement niemals auszubremsen sein sollte, einigen wir uns darauf, daß es am Hafen zu einer gewissen Marktsättigung kommt und ihr eure Geschäftsaktivität international erweitert.

Das macht ihr übrigens nur noch zu zweit, denn Leo hat sich überlegt, daß er einen beachtlichen Beitrag zum Erfolg des Projektes beigesteuert hat. Schließlich hat er ja allen Nachbarn erzählt was die Ursache der Geschäftsidee ist. Das hört sich dann bei ihm so an:

„Sarah Sophie macht die Armbänder und ich kümmere mich um das Geschäft!“

Der Grundstein des Familienbetriebes dürfte somit wohl gelegt sein.

Geschrieben in Palermo, Sizilien, Italien.

Der 145./ 93. Monat – Pazifistenpaintball

Die Sommerferien sind vorbei, womit zwangsläufig Sarah Sophies Geburtstagsparty ansteht. Die findet traditionell nach den Sommerferien statt, damit auch bloß niemand vereisungstechnisch absagen muss. Bereits an deinem realen Geburtstag waren wir auf einer Paintball-Anlage in der Nähe vom Leukermeer in Holland. Ich glaube das erste Mal unbändiges Verlangen nach einem „Paintballgeburtstag“ habe ich vernommen, da war der noch einstellig und Du in der Grundschule. Das habe ich nun jahrelang erfolgreich abgewehrt, da es mir partout nicht einleuchten will, worin der Unterhaltungswert liegen kann, Krieg zu spielen. Denn etwas anderes ist das gegenseitige Beschießen mit Farbkugeln aus Gewehren ja schlicht und einfach nicht. So bis acht oder neun Jahren hat sich Eure Mutter freundlicherweise hierbei auch noch mäßigend zurückgehalten, aber zum zwölften Geburtstag muss es unbedingt dieser Unsinn sein.

Es ist wie immer, ich werde bei geringer Hitze monatelang weichgekocht bis Du und deine Mutter schamlos einen schwachen Moment meinerseits ausnutzt und mir eine liederliche Zustimmung abringt. So war es bei den Ohrlöchern, so ist es jetzt und so wird es wahrscheinlich auch in Zukunft irgendwann zu irgendeinem Thema wieder passieren. Ich habe mich umgehört, das scheint das Los aller Vollzeitprinzessinnenväter zu sein. Also sei es drum. Aber ihr setzt natürlich noch einen drauf um zu verhindern, daß ich möglicherweise, eventuell vor Ort meinen Unmut über die Veranstaltung kundtun kann und es startet ein perfides „Papa-muss-weg-Projekt“.

Zufällig ist die ausgewählte Anlage erst für Kinder ab acht Jahren freigegeben und Leo ja noch sieben. Was in jedem anderen Fall völlig belanglos wäre stilisiert sich aktuell zum neuen Familiendogma hoch. Irgendwann während der genauso sinnlosen wie absurden Debatte erklärt doch mir Eure Mutter allen Ernstes „Wir können doch den Kindern nicht Ehrlichkeit abverlangen, wenn wir sie nicht vorleben.“ Ich überlege kurz mich geistig übergeben zu müssen, fange mich aber gerade noch so und bekomme selbstverständlich keine zufrieden stellende Antwort warum man Kinder an Theaterkassen oder dergleichen jünger machen darf, aber nicht älter. Aber das ist wahrscheinlich etwas ganz anderes und gehört gar nicht hierhin. Vermutlich genauso wenig der Umstand, daß Leo an Sarah Sophies Geburtstag auf genau dieser Anlage vergessen hat sein Alter anzugeben. Was alles so passieren kann.

Leo protestiert „geringfügig“, wir einigen uns auf einen Jungsausflug zum Boot mit früher Sonntagsabreise um die erste Runde des DFB-Pokal auf großer Leinwand zuhause schauen zu können. Fortuna spielt günstigerweise an genau dem Sonntag, der zum martialischen Geburtstag ausgerufen wird. Zwischendurch erkennt Leo die Gunst der Stunde und verhandelt mit mir über eine mögliche Auswärtsfahrt. Eine großartige Idee, bis ich weiß wo Illertissen liegt. Da müssten wir nämlich hin. Bayerische Regionalligisten haben gewiss ihren Charme, die damit verbundene Rückfahrt an einem Sonntagabend aber sicher nicht. Da dürfte es wohl nach Mitternacht werden bis Du im heimischen Bett liegst. Einsicht ist hier jetzt nicht primär zu erkennen, aber Du akzeptierst schließlich zähneknirschend. Eure Mutter ist erleichtert.

Zurück zum Geburtstag. Nachdem der miesepetrige Papa nun erfolgreich an Bord verbannt ist braucht man natürlich auch keine Einwände mehr bezüglich des Kindergeburtstagsessens zu befürchten und kann somit gleich die auf dem Weg liegende Pommesbude mitmieten. Wenn man schonmal in Holland ist, gibt es erstmal die feinsten niederländischen Frittiertheiten bevor es dann an die Front geht. Ich gehe fest davon aus, das uns viele Eltern die Pest an den Hals wünschen oder zumindest mal nachfragen ob wir noch die sprichwörtlichen „Latten am Zaun“ haben. Ich bin enttäuscht: Es passiert nichts von alledem und ich stelle fest, das selbst auf das biodeutsche Bildungsbürgertum kein Verlass mehr ist – und zwar gleichgültig ob rechts- oder linksrheinisch. Dieses Land verroht.

Machen wir es kurz – Überfallkommando sozusagen: Der Geburtstag ist ein voller Erfolg, Du bist überglücklich und brauchst nur eine Woche die letzten Farbreste aus deinem Haaren zu bekommen und Eure Mutter holt sich allen Ernstes noch Lobhuldigungen ob der Möglichmachung der kindlichen Mobilmachung ab. Und dafür hat unsereins damals den Wehrdienst verweigert. Mein pazifistischer Grundglaube ist wieder um eine Illusion ärmer.

Paintballgeburtstag, August 2023, Venray, NL

Und das Leo und ich nicht zum Auswärtsspiel fahren, stellt sich als weitsichtige Entscheidung dar. Da wären wir nämlich nie angekommen. Am Boot gestartet sind wir nur bis auf die A57 gekommen. Da mochte der Keilriemen nicht mehr und ließ uns zwangsweise stehen. Man kann eben nicht alles im Leben haben.

Kriegslose Kindergeburtstage und große Pokalspiele sollten aber irgendwie schon dazugehören. Aber von beidem haben wir ja wohl hoffentlich noch ganz viele vor uns.

Shalom und 95 olé.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.