Der 121./ 69. Monat – Rechtsrheinischer Linksverkehr

In Düsseldorf ist die jeweilige Rheinseite sehr wichtig, das weiß jeder der hier lebt. In unserem Fall heißt das konkret: Die eine Grundschulzeit endet und die andere fängt an. Leo startet seine Schulzeit und Sarah Sophie wechselt auf das Gymnasium. Wie üblich liegen und lagen Eure Mutter und ich mal wieder mental meilenweit auseinander was die Wahl der Schulen angeht, insbesondere des passenden Gymnasiums. Irgendwann bedurfte es jedoch schließlich Fakten und so musste jeder von uns Eltern Federn lassen, was dazu führt, das Sarah Sophie zukünftig den bilingualen Zweig des Cecilien-Gymnasium auf der anderen Rheinseite besucht und wir mit Leo bei Sarah Sophies ehemaliger Grundschullehrerin sozusagen wieder von vorne anfangen, d.h. Yitzhak-Rabin-Schule 2.0.

Soweit so gut. Leider starten auch „Einschulungen“ in weiterführende Schulen erst einen Tag später nach den Sommerferien, was bedeutet, daß wir uns aufteilen müssen und Sarah Sophie nimmt uns einfach die Entscheidung ab, wer mit wem zu welcher Einschulungsfeier geht. Zitat: „Mama will ja das Cecilien, dann muss sie auch dahin!“ Durchaus schlüssig und mir merkt man meine Skepsis gegenüber städtischen Schulen auch fast nicht mehr an – also folglich logisch.

Eine spezielle Situation begleitet uns übrigens fortan für die nächsten Jahre: Eine der besten Freundinnen von Sarah Sophie aus der Grundschule ist nicht nur mit ihrer Familie bei uns „ums Eck“ eingezogen, sondern wartet auch noch mit dem speziellen Umstand auf, ebenfalls zwei Kinder in der genau gleichen Konstellation wie wir zu haben. Als Sahnehäubchen geht ihr dann noch in die gleichen Schulen. Also Mia und Sarah Sophie auf die linksrheinisch-wohlstandsverseuchte Elitärbildungseinrichtung und Levi mit Leo auf unsere vertraute Kuschelgrundschule mit Rundum-Pamperservice wie Schulbus, Security und Polizeibewachung weil Davidstern im Logo. Die ausufernden Debatten mit Eurer Mutter warum nicht Sarah Sophie einfach auf das jüdische Gymnasium wechselt – unter Erhaltung des bekannten Pamperus Quo – erwähne ich hier nur der Vollständigkeit halber und gelobe nicht weiter drauf herumzureiten und auch in Zukunft nur in unregelmäßigen Abständen bei eventuell aufkommenden Missständen seitens der städtischen Großraumklasse gegebenenfalls auf den ein oder anderen Vergleich zur möglichen Privatschulalternative der Gemeinde hinzuweisen. Es ist wie es ist und so sitzen die Jungs ab sofort in Schulbus und Klasse nebeneinander, während einer von uns Eltern die Mädchen morgens über den Rhein kutschiert und nachmittags von Mias Mutter wieder zurück gefahren werden. Dies der Vollständigkeit halber.

Schulstart 2.0, August 2021, Düsseldorf, D

Ja, und der neue Schulalltag bei Euch beiden geht dann einfach los und wir dürfen auch sogleich erleben wie das eben so ist als Jungs-Eltern die erste Klasse besuchen zu lassen. Überraschend dauert es auch doch eine ganze Woche bis der erste Eintrag ins Hausaufgabenheft erfolgt: Mit offenbar vorsätzlich-brachialem Zerstörungswillen hast Du ein wohl behütetes Mitschulmädchen während eines Spiels auf dem Pausenhof zu Boden gerungen, daß dem daraus resultierenden Tränenfluss neben der erwähnten Notiz auch noch ein mehrmaliges, telefonisches Krisenmanagement mit der dazugehörigen Mutter zur Folge hat. Eure Mutter ist begeistert aktiver Mittelpunkt dieser Kommunikation sein zu dürfen und für ihre Verhältnisse sogar ordentlich diplomatisch. Leo und die optional nachhaltig geschädigte junge Dame werden instruiert sich am kommenden Schultag über das schockierende Ereignis zu besprechen und wir glauben doch tatsächlich damit sei die Sache vom Tisch.

Das Gesprächsangebot scheitert leider an mangelnder Bereitschaft der jungen Dame und wird natürlich – wiederum fernmündlich – seitens der Mutter aufgegriffen. Eure Mutter steht kurz vorm Kollaps und versteht allmählich nicht mehr wirklich um was es hier eigentlich geht. Der nächste Schritt ist die – seitens der gegnerischen Partei – eingeforderte Entschuldigung von Dir, die Du zwar laut eigener Aussage bereits abgeleistet hast, aber des lieben Friedens willen am kommenden Tag wiederholst. Klappt aber auch nicht, die Prinzessin ist immer noch bockig. Weder Leo noch Eure Mutter verstehen – Stand jetzt – überhaupt irgendetwas an der Gesamtsituation. Also folgt Eskalationsstufe 3. Erneutes abendliches Gespräch unter ungleichen Müttern am Telefon. Unter Beibringung bezeugter Aussagen einer aufgetauchten Freundin wird der Tathergang neu beleuchtet. Die Niederträchtigkeit meines Sohnes scheint keine Grenzen zu kennen. Folglich erwägen wir, den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag die Sachlage prüfen zu lassen und durchdenken entsprechenden anwaltlichen Beistand. In verzweifelten Situationen sollte man zum Äußersten greifen und ich informiere Eure Mutter über die elaborierte Herkunft der entsprechende Familie:

Natürlich „Meerbusch“! Jenes wundersame Dorf links vom Rhein vor den Toren Düsseldorfs welches wahrscheinlich nur erschaffen wurde um distinguierten, unter Selbstverwirklichunsbefindlichkeit leidenden Müttern in Vollzeit eine Heimat zu bieten.

Schlagartig ändert sich für Eure Mutter die empathische Großwetterlage und sie rät Dir eindringlich jedwede weitere Kommunikation mit der linksrheinischen Problemprinzessin zu unterlassen. Die hat sich im übrigen in der Zwischenzeit daran erinnert, offenbar doch nicht so ganz unbeteiligt an der ganzen Geschichte zu sein und lässt mittels mütterlicher Textnachricht eine Art Burgfrieden in Aussicht stellen. Vier Tage sinnlosester Kommunikation zwischen zwei Rheinseiten haben schlagartig ein Ende.

Ich habe ja immer gesagt Düsseldorf links- und rechtsrheinisch geht nicht zusammen und dabei habe ich noch nicht einmal erwähnt, daß die Stadt Düsseldorf seit mehreren Wochen versucht zu ergründen warum die neugebaute Mensa in Sarah Sophies – linksrheinischem – Gymnasium unter Wasser steht und somit völlig nutzlos ist.

Aber ich habe ja versprochen nicht drauf herumzureiten.

Geschrieben in Neustift im Stubaital, Tirol, Österreich.

Der 120./ 68. Monat – Doppelter Sommer

Die Planung der Sommerferien ist irgendwie daneben geraten. Da ich ähnliche Corona-bedingte Reisebeschränkungen wie im vergangenen Sommer vermutet habe, erschien ein erneuter Sommer in Holland am Leukermeer sinnvoll. Die Begeisterung Eurer Mutter muss ich wohl nicht gesondert erwähnen. Ihren Höhepunkt erreicht sie selbstverständlich nachdem klar wird, daß ein „normaler“ Strandurlaub irgendwo in Europa im Juli durchaus möglich ist. Zu dem Zeitpunkt haben wir aber bereits sechs Wochen bei den üblichen Verdächtigen in Holland gebucht und bezahlt. „Nur Holland“ wenn nix anderes geht, geht gerade noch, aber eben „Nur Holland“ wenn alles andere geht, geht eben gar nicht.

„Ich weiß, daß das ein bisschen überflüssig ist.“ argumentiert Eure Mutter, was ich mit „aber eben nur ein bisschen“ kontere und selbstverständlich sitzt ihr irgendwann im überflüssigen Flieger zum überflüssigen All-Inclusive-Urlaub in der Türkei.

„Überflüssig“ ist eben relativ, Juli 2021, Antalya, TR

Ich halte derweil die Stellung in Holland, damit das dort nicht ebenfalls völlig überflüssig ist. Und das ist für unsere Verhältnisse schon ziemlich unüberflüssig.

Geschrieben in Neustift im Stubaital, Tirol, Österreich.