Der 96./ 44. Monat – Der 100. Geburtstag

In den vergangenen Wochen gab es oft nur ein Thema: „Die große Party“ wie Sarah Sophie unseren „100. Geburtstag“ umgedeutet hat. Da wir alle zusammen in diesem Jahr einhundert Jahre alt sind (Leo 3, Sarah Sophie 7, Eure Mutter 40 und ich 50) haben wir beschlossen nahezu die identische Truppe unserer Hochzeitsparty von vor zwei Jahren wieder einzuladen und mit ihnen eine Woche zu feiern. Auch diesmal sind wir in Italien gelandet, obwohl ich alles dafür getan habe in Frankreich unterzukommen, aber wer kann schon Eurer Mutter widerstehen wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Also Badia Tedalda in der Toskana, wieder irgendwo im Nirgendwo, denn Häuser für mehr als 40 Personen sind entweder unbezahlbar oder verdammt rar gesät.

Da wir Kinder so ziemlich jeder Altersklasse unterbringen müssen, haben wir uns – zur großen Freude von Sarah Sophie – entschlossen je ein großes Zimmer für die Mädchen und eins für die Jungs einzurichten. Sozusagen Elternfreie-Zonen und die sehen nach noch nichtmal einem Tag auch genau so aus. Aber es soll ja jeder glücklich werden. Da wir die Sommerferien verschiedener Nationen und Bundesländer unter einen Hut bringen müssen, bleiben lediglich zwei vakante Wochen übrig und wir starten an Sarah Sophies letztem Schultag unmittelbar von der Schule Richtung Italien. Die Idee sozusagen vor der ersten großen Urlauberwelle vorneweg zu fahren geht glücklicherweise auf und wir kommen fast staulos am Gardasee an. Den habe ich uns, in der irrigen Annahme ihr beide findet es ganz gut am Vormittag noch ein paar Stunden am See zu verbringen, als Zwischenübernachtungsziel ausgeguckt, bevor wir die letzten 360km hinter uns bringen. Das Projekt ist dann allerdings kläglich gescheitert und wird von Leo in nur einem Satz vom Tisch gewischt. „Und wo bitte ist der Sand?“ erfragst Du sichtlich irritiert, nachdem wir morgens vom Campingplatz zum Strand spazieren. Im Anschluss an meine Erklärung, daß es hier keinen Sand gibt verdrehst Du die Augen und setzt noch einen drauf: Mit den Worten „Komm Sarah Sophie wir können weiterfahren – hier ist ja nix für uns!“ nimmst Du Deine Schwester an die Hand und machst auf dem Absatz kehrt. Eure Mutter und ich gucken uns ein wenig verdutzt an, zahlen die Übernachtung und fahren mit Euch eben weiter. Die Suche nach einem Campingplatz hier in der Gegend, welchen man auch mitten in der Nacht anfahren kann hat etwa zehnmal solange gedauert wie Euer Strandbesuch. Wieder etwas gelernt. Dafür sind wir bereits mittags vor Ort und stellen fest, daß sich direkt neben unserem Haus ein kleines Restaurant befindet welches sich mittags als Trattoria und abends als Pizzeria entpuppt und uns in den folgenden Tagen noch sehr gute Dienste leisten wird. Jetzt gibt es erstmal Pasta und Aranciata für Euch und Birra Moretti für Eure Mutter und mich. Wir sind sozusagen im doppelten Sinne angekommen.

Und genau das tun im Laufe der nächsten 24 Stunden auch alle unsere Freunde. Also fast alle. Denn in unseren Geschichten trifft es immer einen, bei dem es schiefläuft. Beim letzten Mal sind die Armenier am falschen Bahnhof gestrandet und diesmal meint Austrian Airlines das vier Länder an einem Tag doch eine gute Idee sind. Zunächst startet der erste Flug der Hamburger Fraktion um meinen Filmerkumpel Friedemann so spät, daß der Anschlussflug in Wien weg ist, geleitet sie dann deswegen nach Amsterdam, um am Ende in Florenz die Losung auszugeben: Alle da, Gepäck kommt morgen! Immerhin das stimmt dann auch und Hamburg trifft somit „leicht“ verspätet ein.

Der 100. Geburtstag, Juli 2019, Badia Tedalda, I

Zurück zur Pizzeria: Nachdem der versammelten Kinderschar deren Existenz bewusst wird, bedarf es wohl keiner Erklärung was es zum Abendessen zu geben hat. Und die Bestellung gestaltet sich ziemlich simpel. Nachdem ich anfangs noch ernsthaft versucht habe herauszufinden, wer was auf seiner Pizza mag, bin ich nach der Hälfte der Befragung zum Globalprinzip übergegangen: will meinen ich habe einfach die ganze Karte einmal von oben nach unten bestellt. Übrig geblieben ist, nebenbei bemerkt, nichts. Am nächsten Tag haben wir das ganze noch weiter professionalisiert, da nun auch die Erwachsenen partizipieren wollen. Das geht dann noch einfacher: Einmal Karte runter und wieder rauf – alle satt. Ab diesem Tag haben wir dann auch den Wein kistenweise über die Theke geschoben bekommen inklusive Naturalrabatt in gleicher „Währung“. Ich glaube der Wirt mag uns.

In diesen Tagen erwäge ich übrigens Euch beide nur noch in großen Gruppen zu verköstigen, da ich während der gesamten Woche nicht einmal die Verschmähung des Essen Eurerseits erlebt habe. Eine Vielzahl Kinder gleichzeitig zu Tisch zu bitten entfesselt eine undefinierbare Gruppendynamik die lediglich mit der Raubtierfütterung eines Zoo vergleichbar sein dürfte. Da der Pizzaofen mittags kalt bleibt sind wir Eltern somit gefordert. Und es macht zugegeben herrlich Spaß zu sehen wie 21 Kinder einen Riesentopf Pasta förmlich inhalieren.

„Raubtierfütterung“, Juli 2019, Badia Tedalda, I

Da fällt es fast gar nicht mehr ins Gewicht, daß wir irgendwann auf die Idee gekommen sind die Fritteuse in der Küche anwerfen zu wollen. In einer großangelegte Schnippelaktion schneidet ihr Kinder einen Berg von Kartoffeln in die bekannte Stäbchenform um dann damit konfrontiert zu werden, daß die Fritteuse überhaupt nicht funktioniert.

Pommes statt Pizza – oder auch nicht, Juli 2019, Badia Tedalda, I

Macht ja nix denken sich die neunmalklugen Eltern und erhitzen mal eben 40 Liter Sonnenblumenöl in zwei ordentlich dimensionierten Töpfen. Und damit nimmt das Elend auch schon seinen Lauf. Das einzige was bei der Aktion frittiert wird ist ein Teil meiner rechten Hand als ich versuche in gekonnter Manier die Pommes frites in den Topf zu beordern. Erwachsene können so dermaßen dämlich sein, daß es im wahrsten Sinne des Wortes weh tun muss. Ähnlich experimentierfreudigen Genossen empfehle ich dringend russische Hausmittel gegen Verbrennungen bereitzuhalten. Fritten gab es übrigens nicht, wir haben nur kartoffelige Pampe aus dem Topf gehoben. Ich weiß bis heute nicht warum das nicht geklappt hat, jedenfalls sieht kindliche Begeisterung anders aus.

Nach drei Versuchen geben wir auf und gucken in tieftraurige Gesichter. Aber nicht lange, denn da war doch noch was:

Einmal die Karte rauf und runter bitte, es gibt Pizza und das Problem ist gelöst. Von misslungenen Pommes frites habe ich übrigens nie wieder etwas gehört.

Ich glaube es ist eine gute Idee hundertste Geburtstage grundsätzlich in Italien zu feiern.

Geschrieben aus Eilat, Südbezirk, Israel.

Der 95./ 43. Monat – Sushi allein zu Haus

Vor einiger Zeit haben sich Eure Mutter und ich erlaubt im Anschluss eines Konzertes einfach mal nicht nach Hause zu kommen, sondern nach dem bekannten Absacker in einer Hotelbar in selbiger Herberge gleich zu übernachten. Ganz ohne Euch. Sozusagen Erwachsenenprogramm. Das fühlt sich genauso ungewöhnlich wie gut an und ihr beide beschließt, daß wir dies schnellstmöglich wiederholen. Aber selbstverständlich in der Next-Level-Version – man kann ja alles steigern.

Und das sieht dann so aus: Gemeinsam mit Sarah Sophies Freundin Elisabeth entscheidet ihr, daß es doch eine gute Idee ist, wenn wir mit ihr und ihrer Mutter Katja über ein Wochenende gemeinsam verreisen. Leo legt sogleich fest, daß das aber bitte mit dem „Wohnauto“ zu erfolgen hat, denn dann kann man ja Dein neues Lieblingsspielzug mitnehmen: Ein elektrisch betriebenes Kinderauto in dem Du selbst umherfahren kannst. Das so ziemlich unsinnigste und überflüssigster Gefährt überhaupt hat Dir Katja vermacht, manifestiert in der felsenfesten Meinung ein Junge braucht ein Auto. Dagegen kommt man argumentativ eher weniger gegen einen Dreijährigen an zumal er sich noch der solidarischen Unterstützung seiner Schwester sicher sein darf. „Ach Papa lass ihn doch – das ist so cool!“ werde ich belehrt. So klappt die Verkehrswende in dieser Generation aber wieder nicht will wahrscheinlich im Hause Reichmann niemand hören. Deine Mutter ist ausnahmsweise mal mit mir einer Meinung ob der sinnfreien Nuckelpinne, aber nun ist sie leider da und es gelingt mir mäßig erfolgreich sie dauerhaft in der Garage zu verbannen.

Verpasste Verkehrswende, Juni 2019, Wisseler See, D

Also fahren wir an einem sonnigen Samstagmorgen mit Camper, Kombi und Kinderauto zum Wisseler See am Niederrhein und vertrödeln entspannt den Tag. Leo steigt um und erkundet fröhlich fahrend im Cabilo (das „r“ in Cabrio will noch nicht so recht aus Dir heraus) das Areal. Ganz überraschend findest Du sehr schnell Freunde. Mittags kommt von Leo die erste Rückfrage wann wir denn wieder fahren um ins Konzert zu gehen. Ich erkläre Dir, daß wir gar nicht beabsichtigen zu einem Konzert zu gehen, sondern ins Kino wollen. Lapidare Antwort: „Ist auch egal – aber wir bleiben hier mit Katja, oder!“ Ich glaube, wenn ich diese rhetorische Frage verneinen sollte, dürfte ich mir einem Wortwall an kindlicher Unzufriedenheit sicher sein. Das erscheint ja auch logisch, Sarah Sophie hat Elisabeth und Leo sein Auto. Wer braucht da schon erziehende Eltern.

Nachdem wir zum Nachmittag hin nun mehrfach förmlich dazu gedrängt werden endlich das Weite zu suchen, tuen wir wie uns geheißen und fahren nach Hause. Das Kino haben wir gegen eine Ladung Sushi getauscht, hier noch nichts ahnend, daß genau jenes zu einem neuem geflügeltem Wort in der Familie werden soll. Es ist unbeschreiblich wie unsagbar still und riesengroß eine Wohnung ohne Kinder ist. Es ist ein bisschen fremd, schön und schnell vorbei. Nach einem verspäteten Frühstück treten wir wieder die Rückreise an um Euch bereits um elf Uhr an der Strand-Frittenbude wiederzufinden, von der mir ein fröhlich kauender Leo entgegen winkt und voller Stolz seine aufgefutterte Portion Chicken-Nuggets präsentiert. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Eine Stunde später sitzen wir allerdings wieder hier, denn dann ist ja Mittag und Leo weiß überraschend auch schon ganz genau, was er essen möchte. Ich gebe mich geschlagen, stelle mich an und rede mir Deinen Fast-Food-Doppelschlag damit schön, daß von einem solchen Wochenende ja jeder etwas haben soll. Sarah Sophie ordert derweil noch eine Portion Pommes frites dazu – sicherlich wissend wenn ich einmal geschlagen bin, läßt sich da noch mehr rausholen.

Während der Rückfahrt erwähne ich in einem Halbsatz die Kino-Sushi-Tauschaktion und messe dem Umstand keinerlei weitere Bedeutung bei. Die kommt erst einige Wochen später, als mich Leo völlig unvermittelt fragt, wann wir denn abermals Sushi essen wollen, damit Ihr beide wieder mit Katja alleine in den Urlaub fahren könnt. Etwas verdutzt erkläre ich, daß erstens Eure Mutter gegenwärtig gar nicht heimisch ist, wir zweitens doch auch Sushi essen können wenn wir alle zuhause sind und erhalte prompt argumentative Rückendeckung meiner Tochter indem Du unterstützend einstreust ebenfalls gerne Sushi zu essen. Das ist zu viel für Leo und Du stapfst – unaufhörlich mit dem Kopf schüttelnd – von dannen in Richtung Kinderzimmer. Klappe, Aus, Stille – Thema durch!

Ploppt auch nur ein paar Tage später wieder auf. In diesen Tagen ist Eure Mutter öfter mal auch unter der Woche zuhause und ich bringe einfach mal eine Ladung Sushi mit zum Abendessen. Leo hilft beim Tischdecken und verlässt augenblicklich freudestrahlend das Wohnzimmer nachdem Du verstehst, was Du da gerade durch die Gegend trägst.

Fröhlich grinsend klemmst Du Dir Deinen aktuellen Lieblingsteddy „Michka“ unter den Arm und überbringst Deiner Schwester die frohe Kunde: „Sarah Sophie wir fahren mit Katja in den Urlaub – komm pack ein!“ Ich bin sprachlos und sehe Dich zutiefst enttäuscht, als ich alles aufkläre – Begeisterung sieht anders aus. Kurz vor dem Dessert fällt Dir aber noch eine Frieden stiftende Maßname ein um die aktuelle Tragödie zu einem guten Ende zu bringen:

„Papa, aber am Wochenende fahren alle zusammen weg. Wir bleiben bei Katja und Du und Mama geht Sushi essen! Das ist sonst ungerecht, oder?“

Na, wenn das ungerecht ist muss Eure Mutter wohl mal telefonieren.

Guten Appetit zusammen.

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 94./ 42. Monat – Kühlschrank, Kosher, Kabbala

Mit Untermietern haben wir ja bereits Erfahrung, warum also nicht das ganze nochmal? Eine Freundin Eurer Mutter nebst ihrer elfjährigen Tochter wohnen derzeit bei uns – Katja und Elisabeth – was Euch beide sichtlich freut. Katja hat irgendwie vergessen, das befristete Mietverträge eben mit einer Frist enden und muss leider feststellen, daß alleinerziehende Mütter mit Kindern auf dem hiesigen Wohnungsmarkt nicht so direkt in die offenen Arme der in Frage kommenden Vermieter laufen. Jedenfalls eröffnet sie Eurer Mutter zwei Wochen vor dem festgeschriebenen Auszugstermin die missliche Lage.

Eure Mutter und ich beraten wie zu helfen und vor allem, was zu tun ist. Die Möbel landen in der Garage Eures Opas und an einem Freitag ziehen die beiden in unser Schlafzimmer ein und wir aus. Also genauer gesagt um, nämlich in Leos Zimmer ein. Ihr beiden findet das schlicht großartig, insbesondere nach dem ich Sarah Sophie von der fixen Vorstellung befreit habe, es handelt sich hier um ein zweiwöchiges Projekt. Diese Fehlinterpretation hat sich in Deinem Kopf festgesetzt und die Eröffnung meinerseits, es geht sich hierbei eher um eine unbefristete Unternehmung, da wir ja die beeinflussenden Rahmenbedingungen eben leider nicht dirigieren können, führen zu kindlicher Freude beiderseits.

Das erste Wochenende verbringen wir in Holland an Eurem heiß geliebten Kletterturm und bekommen Samstags ganz überraschend Besuch: Richtig, von Katja und Elisabeth. Nicht das sich da noch jemand plötzlich umgewöhnt. Das Wetter ist prima und die Kindeslaunen ebenfalls. Eure Mutter fliegt Sonntagabend ab und unser neuerliches WG-Leben, diesmal mit so einer Art Familienanschluss, nimmt seinen Lauf.

Leo genießt unverkennbar den Umstand, daß Katja wenig Aufwand daran verschwendet zu zeigen noch einen kleinen Sohn zu haben wäre eine feine Idee und Du lässt Dich bereitwillig dauerbespaßen. Morgens früh hüpfst Du aus dem Bett, flitzt in Katjas und Elisabeths Zimmer und machst hier unmissverständlich klar wann im Hause Reichmann aufzustehen ist – nämlich unverzüglich dann, nachdem Du aufgewacht bist. Katja ist ebenso deutlich anzusehen, daß hier für gewöhnlich offenkundig später aufgestanden wird. Nach genügend Rabatz Deinerseits sitzen drei Kinder am Frühstückstisch und inhalieren Cornflakes. Unsere neuen Mitbewohner scheinen Euren Appetit mehr als anzuregen – die Einkaufsmenge verdreifacht sich jedenfalls. Aber das schadet ja überhaupt nicht. Elisabeth besucht das hiesige jüdische Gymnasium und erfährt somit ebenfalls den großen Luxus vom Schulbus abgeholt zu werden. Praktischerweise ziemlich um die gleiche Zeit wie Sarah Sophie wodurch Leo also doppelt so viel Spaß hat. Schulbusse sind nämlich das ganz große Thema derzeit, zumal Sarah Sophies Busfahrer auch noch erlaubt jeden Morgen zu ihm auf den Fahrersitz zu klettern und mindestens dreimal tüchtig auf die Hupe zu drücken bis sich auch wirklich jeder an der nebenliegenden Linienbushaltestelle zu Dir umdreht und Du fröhlich-frech grinsend zurück winken kannst. Elisabeths Busfahrer ist da wesentlich unkooperativer, was Dich sichtlich irritiert und gewiss daher förmlich nötigt erneut das Horn zu betätigen.

Unsere WG läuft soweit problemlos und Katjas minimal orthodoxere Auslegung ihrer Religion macht sich zunehmend bemerkbar. Freitag Abend zu Shabbat-Beginn tischt sie artig Challa auf und auch sonst besteht unser Kühlschrank neuerdings strickt aus zwei Zonen. Immerhin bleibt es bei einem Kühlschrank bzw. Küche. Das könnte aber auch pragmatisch den räumlichen Gegebenheiten unserer Wohnung geschuldet sein, einen Kühlschrank hat sie jedenfalls nicht mitgebracht. Ob sie unser ganzes Geschirr gekaschert hat, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, könnte aber passen, da die beiden kurz vor Pessach eingezogen sind. Die Spülmaschine läuft jedenfalls neuerdings nur noch im Hochtemperatur-Bereich. Das habe ich allerdings angeordnet – sicher ist sicher. Sarah Sophie empfindet die aktuelle – sagen wir mal – höhere Religionsbegierde im Hause als äußerst interessant und überbietet sich mit Elisabeth im vernünfteln von Tora und infantil interpretiertem israelischem Selbstverständnis. Ich habe das Gefühl den gesamten Religionsunterricht der vergangenen eineinhalb Jahre im Schnelldurchlauf hitparadeartig vorgespielt zu bekommen. Großes Kino – keine Frage.

Kühlschrank – Kosher – Kabbala, Mai 2019, Düsseldorf

Und dann gibt es da ja noch Gucci, den Handtaschen-großen Hund der beiden. Anfänglich noch bei Katjas Schwester geparkt, zieht auch er im weiteren Verlauf bei uns ein. Es ist wohl unnötig zu erwähnen wie groß die Freude bei Euch beiden ist. Allerdings auch nur bei Euch beiden! Eure Mutter hält mit ihrer Verzückung gekonnt hinterm Berg. Endgültig genug hat sie, als sich das Tier erdreistet nach Leo zu schnappen, was es einerseits einmal quer durchs Kinderzimmer segeln und anderseits unverzüglich wieder zur Schwester umziehen lässt. Kindlicher Protest inklusive. Jetzt hat wohl auch der Letzte mitbekommen, daß für Eure Mutter Chihuahuas keine wirklichen Hunde sind – obwohl das war eigentlich schon vorher klar.

Ja, und nach nur rund sechs Wochen ist auch schon wieder alles vorbei. Pünktlich zum Geburtstag Eurer Mutter am 9. Mai verkündet Katja freudestrahlend ein besonderes Geschenk für Sie bereit zu halten: Ihren Auszug! Aus und vorbei mit dem interfamiliären WG-Intermezzo. Lustig war es, interessant war es und Leo zieht die wohl nachhaltigste Schlussfolgerung daraus: Egal wer uns in den kommenden Wochen besucht, sie oder er wird stets mit der immer gleichen Frage begrüßt:

„Wohnst du jetzt auch hier?“

Und ich betone, Du siehst in kleinster Weise unglücklich dabei aus. Aber in der Hinsicht geht die nächsten Jahre bestimmt noch was.

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 93./ 41. Monat – Venezianische Strategien

Frühlingsferien: Ihr beide seid völlig aus dem Häuschen als ich mitteile, daß es in den anstehenden Ferien mit Cami nach Venedig geht. Also genau genommen, daß es mit Cami irgendwo hingeht, wohin ist völlig egal. Cami ist eine Cockerspanieldame und einer von drei Hunden einer der ältesten Freundinnen Eurer Mutter: Katja aus Berlin nebst Ihren Töchtern Sasha und Angelina. Sobald Ihr beide den Namen Cami hört, gibt es kein Halten mehr. Der Himmel bewahre uns vor Nachwuchs von ihr.

Die Hinfahrt ist ein erneuter Versuch mit Euch beiden tagsüber eine längere Strecke zu fahren, oder besser gesagt mit Leo, da Sarah Sophie damit altersbedingt weit weniger Probleme hat. Das hat bisher manchmal geklappt, meist erfordert es aber ein robustes Nervenkostüm. Wir teilen also die knapp 1.200km auf eine Nacht und eine Tagfahrt und erleben – um es höflich zu formulieren – einen absolute Katastrophe: Wenn ihr nicht Filme auf dem iPad gucken dürft, wird sich ausschließlich gestritten, gebrüllt, u.s.w.. Kurzum, kurz hinterm Brenner halte ich unvermittelt auf einem Parkplatz an und stelle Euch final vor die Wahl: entweder Ruhe oder ich drehe augenblicklich um und Urlaub mit Cami ist gestrichen. Und siehe da die Androhung einer derartigen „pädagogische Konsequenz“ – wie eine avisierte Strafe heute politisch korrekt heißt – zeigt tatsächlich Wirkung. Wir besprechen kurz was, warum, wieso und dann ist auch schon die letzten 300km Ruhe im hinteren Bereich. Ich plane derartige Maßnahmen zukünftig spätestens ab Frankfurt zu kommunizieren oder wieder nachts zu fahren.

So kommen wir dann doch noch gefühlt halbwegs entspannt auf dem Campingplatz unweit von Venedig an und Cami sowie der Rest der Truppe ist schon vor Ort. Alle wieder glücklich, es wird gegrillt und mit dem ein oder anderen Glas Rotwein spült sich jede Eskapade Eurerseits in Richtung meines subjektiven Vergessens. Urlaub läuft.

Leo schafft es seit Monaten so ziemlich jeden um den besagten Finger zu wickeln und meist in Konsequenz das durchzusetzen was er gerne haben möchte. Und hier hast Du Dir überlegt dieses andauernde Umherspazieren in einer Stadt ist so gar nicht Deins. Und wer weiß, daß ihn Mama oder Papa wohl nicht die ganze Zeit umhertragen, der sucht sich eben ein geeignetes Objekt seiner Begierde und Du wirst hier – wenig überraschend – auch schnell fündig. Sasha, mit 14 Jahren die ältere Tochter unserer Freundin ist die Auserkorene. Man mag es nicht glauben, aber bereits mit Deinen drei Jahren scheinst Du so etwas wie eine Strategie für Dein Vorhaben zu entwickeln. Und die folgt offenkundig einem 3-Stufen-Plan:

Stufe 1
Sitzen wir im Bus oder Cafe ist fortan klar auf welchem Schoß Du zu finden bist: Natürlich Sasha. Prinzip „Sympathieaufbau“ zündet wir gewünscht.

Stufe 2
Zum Mittagsschlaf in irgendeiner Pizzeria reichen Dir zwei zusammengeschobene Stühle als Liegefläche solange Sasha auf dem dritten daneben sitzt. Prinzip „Sicherheitsbedürfnis einfordern und bekommen“ hinreißend entfacht.

Stufe 3
Geht es dann nachmittags weiter mit der bunten Stadtbummelei kommt es Dir erst gar nicht in den Sinn auf eigenem Fußwerk umherziehen. Auf welchem Arm oder Schulter bist Du wohl zu finden: Richtig, natürlich auf denen von Sasha. Prinzip „Hab doch bisher auch alles bekommen“ erfolgreich eingeheimst.

Strategie erfolgreich, April 2019, Venedig, I

Und dieses Prinzip funktioniert jeden Tag, aber ich muss gestehen es wird Dir auch recht leicht gemacht. Ich ertappe mich bei der Vorstellung das mal ein paar Jahre weiter zu denken. Eine Geistesidee die mir entweder gänzlich gefällt oder etwas Angst macht und ich vertage die Einordnung auf das Jahr 2030. Mit Deinen aktuellen Worten beschrieben klingt das dann so: „Papa, wir gucken mal!“ Die derzeit Deinerseits allgemeingültig vorgetragene Formel für alles was Du nicht so ganz einordnen kannst – also vieles.

Tja, aber die Sache hat natürlich auch eine Kehrseite: Die drei Mädels – also Angelina, Sasha und Deine Schwester – haben beschlossen als Gegenleistung in Dir so eine Art Friseurpuppe zu sehen und werden nicht müde unermüdlich an Deinen Haaren herumzufuhrwerken. Leo mit Zöpfchen, Leo mit einem Duzend Haarklammern, Pferdeschwänzchen, u.s.w.. Nicht seltenes Ergebnis dieses figaroischen Dreierbundes ist ein kleiner Pferdeschwanz oben auf Deinem Kopf, zu dem Du selbst gleich die passende Intonation lieferst und fröhlich singend am Canal Grande entlang hüpfst: „Ich hab ’ne Palme auf dem Kopf – ich bin der Leo.“ Die Begeisterung Eurer Mutter für diesen Blödsinn ist genauso verhalten wie aussichtslos. Zupft sie Dir unter allem kindlichen Protest das Haargummi heraus und bringt die Palme somit zu Fall, dauert es keine fünf Minuten und das Gewächs ist neu „erblüht“. Überraschende Kapitulation seitens Eurer Mutter nach nur einem halben Tag. Sie scheint doch noch lernfähig.

Ich hab ’ne Palme auf dem Kopf – ich bin der Leo, April 2019, Venedig, I

Ansonsten hat Sarah Sophie Cami zu Beginn des Urlaubs in Empfang genommen und erst am Tag der Abreise wieder unfreiwillig abgegeben. Ich gehe davon aus, daß die Rückreise von strategischen Überlegungen Deiner Mutter und Dir geprägt sind wie ihr mich doch noch belatschert einem eigenem Familienhund zuzustimmen. Das bekomme ich aber nicht mit, denn ihr drei fliegt von Venedig nachhause, da ich von hieraus zu einem Ausflug mit meinen Jungs nur 200km südlich von hier aufbreche.

Neuer Begriff von Unzertrennlich: Sarah Sophie & Cami, April 2019, Venedig, I

Und es wird wahrscheinlich niemanden überraschen, daß ihr drei von Venedig erst nach Berlin fliegt. Die Begründung Eurer Mutter für diesen selbstgewählten Zwischenstopp geht in etwa so: „Also, wir haben ja noch fast zwei ganze Tage frei. Da können die Kinder noch mit Cami spielen und günstiger sind die Flüge nach Berlin obendrein.“

Ein Schelm wer hier Berechnung wittert.

Guten Flug ihr drei.

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 92./ 40. Monat – Doch kein Karneval

Nach Jahren der karnevalistischen Abstinenz wollen wir es in diesem Jahr mal wieder wagen uns dem rheinischen Wahnsinn der fünften Jahreszeit auszusetzen, was bei Sarah Sophie wahre Begeisterungsstürme auslöst. Die Verkleidungskiste muss ich schon viele Wochen vorher vom Dachboden holen und ihr beiden erfindet immer neue Kostümierungsvarianten. Eure Mutter hält sich Rosenmontag arbeitsfrei und plant erst Dienstag früh wieder abzufliegen. Wie üblich legt Deine Schule über die Karnevalstage von Freitag bis einschließlich Mittwoch bewegliche Ferientage und es ist genügend schulfrei.

Soweit so gut, aber alles Theorie!

Pünktlich zum Wochenende davor legt irgendein überflüssiger Infekt erst Leo und dann standesgemäß auch Sarah Sophie über Tage vollständig lahm und wir laborieren an Fiebertemperaturen jenseits der 40-Grad-Grenze herum. Ich komme glücklicherweise mit einem einzigen Tag davon aber zwischenzeitlich liegen wir einfach mal zu dritt im Bett und glühen vor uns hin. Gegen Mitte der Woche geht es aber besser und das bevorstehende Karnevalswochenende wird wieder Thema. Der Blick auf den Wetterbericht verheißt allerdings nichts Gutes. Mittwochabend ruft Eure Mutter an und gibt kurzerhand bekannt, daß ihr Job für die kommende Woche abgesagt ist und sie somit bis Donnerstag zu Hause ist. Wir erörtern die missliche Wetterlage und ab dann setzt der bekannte Reichmannsche-Reise-Automatismus ein.

5 Tage frei, der Rosenmontag im Rheinland unter Regen und Nizza bei Sonne und bis zu 20 Grad.

Die finale Kindergenesung wird folglich nach Südfrankreich verlegt. Eure Mutter trudelt Donnerstagabend aus Dubai ein, packt alles zusammen und Freitag sitzen wir alle im Auto in Richtung Côte d’Azur. Wir können halt nicht anders.

Karneval in der Plan B – Version, März 2019, Nizza, F

Gegen 3Uhr früh sind wir am Ziel und Samstag-Mittag hocken wir in unserem Lieblingsrestaurant im Hafen von Villeneuve-Loubet und die Familienlaune könnte nicht besser sein. Fieber weg, dafür Antibes und Nizza jeweils nur 12km entfernt. So geht glücklich bei uns.

Die nächsten Tage vertrödeln wir gemütlich vor uns hin und Sarah Sophie kann Montag kaum erwarten, denn dann geht es endlich nach Nizza zu ihrer auserkorenen Lieblingsboutique. Das sind augenscheinlich weibliche, russische Gene: Shoppen macht glücklich. Pädagogisch herrlich unkorrekt, aber daher macht es Deiner Mutter und Dir wahrscheinlich nochmal so viel Spaß. Damit habe ich mich bereits vor Jahren abgefunden. Das ist eben so, aber das hatten wir hier ja bereits.

Leo kann – verständlicherweise – weit weniger mit dem umhertragen von Einkaufstüten anfangen, entdeckt aber seine ganz eigene Vorliebe für die Region. Der Markt in Antibes ist Deins! Ganz klar und unverkennbar. Denn einen dauergrinsenden Dreijährigen von Stand zu Stand ziehen zu sehen, der auch noch die ein oder andere angebotene Kostprobe gönnerhaft für probierenswert deklariert, ist schon ganz großes Kino. „Papa, das kaufen wir auch!“ höre ich nicht selten. Zum Käsespezialisten wirst Du hier automatisch was ich aber sehr gerne billigend in Kauf nehme. Jedenfalls finden wir uns eine Stunde später zu einem opulentem Picknick am Strand ein.

Nein, ich wundere mich überhaupt nicht, daß es an der Eisdiele kurz vorm Strand auch örtliche Roséweine zu kaufen gibt und ich wie selbstverständlich eine entkorkte Flasche über den Tresen gereicht bekomme. Ein sympathisches Geschäft.

Zum Markt zurück müssen wir auch nur noch ein Mal, denn mir war nicht voraussehbar, daß ein ganzes Kilo Erdbeeren (im März!) so ein Familienpicknick nicht überlebt. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn der Weg führt an besagter Eisdiele vorbei. Der Besitzer und ich verstehen uns seither wortlos.

Ehrlich gesagt, viel mehr ist die Tage auch nicht geschehen. Daß kam erst wieder zuhause als ich Dir einen heimischen Käse andrehen wollte. Kurz probiert schiebst Du den Teller von Dir fort und schaust mich mit vorwurfsvollen Augen an: „Schmeckt nicht!“ ist der kurze, knappe Kommentar. Ich frage nach was daran auszusetzen ist und bekomme eine einlässige Vorstellung serviert wie das mit dem Käse zu funktionieren hat:

Papa, erst kaufen wir den Käse auf dem Markt, dann gehen wir in die Eisdiele und dann zum Strand. So ist das mit Käse!“

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen!

Geschrieben aus Taglio-Isolaccio, Korsika, Frankreich.

Der 91./ 39. Monat – Erst die Mädchen!

So langsam wird es mit Leos Sprachentwicklung. Verständnisprobleme hast Du nie gehabt, gleich ob nun die Ansprachen auf russisch oder deutsch erfolgen. Aber das eigenverantwortliche Sprechen will einfach so lange auch sich warten lassen, daß ich zwischendurch schonmal bei unserem Kinderarzt nachfrage ob hier noch alles im Rahmen liegt. „Es liegt!“ wie er mir versichert und schickt mich mit einer genauso wenig erquickenden, wie aber auch beruhigenden Aussage wieder Nachhause: „Er hat ja die denkbar schlechtesten Startvorraussetzungen: Zweitgeborener, Zweisprachig und dann auch noch ein Junge!“ Das ist also die höfliche Umschreibung für: Bitte warten!

Aber genau das hat nun endlich ein Ende – oder besser gesagt, etwas nimmt seinen Anfang: Du beginnst zu sprechen! Und zwar endlich ganze Sätze, was meine besorge Vaterseele deutlich entlastet. Darüber hinaus scheinst Du Dir zu denken mit einem charmanten Sprachgebrauch kommst Du deutlich weiter.

Zum Beispiel übernimmst Du ohne irgendwelche Zweifel die Ansage Deiner Turnlehrerin, die eine konkrete Vorstellung bei der Bonbonverteilung nach der Sportstunde hat: Selbstverständlich bekommen hier zunächst die Mädchen und dann die Jungs ihre Süßigkeiten ausgehändigt. Du bastelst daraus dann: „Erst die Mädchen!“ Und das gilt von nun an für jede Lebenslage, was uns schon den ein oder anderen anerkennenden, aber auch irritierenden Blick eingebracht hat. Da werden Kellner in Restaurants gerne belehrend instruiert wenn hier die Reihenfolge missachtet zu drohen scheint. Besonders putzig vollzieht sich derlei auf dem Spielplatz, wenn hier irgendeine zufällig anwesende Mutter sich erdreistet ihre eigenen Kekse in nicht legitimierter Abfolge geschlechtskonträr abzugeben. Nix da, nicht mit Dir. Mit tönender Stimme erschallt es dann über den Sandkasten: „Erst die Mädchen!“ Und es ist erstaunlich wie hier die Reaktionen ausfallen. Wir hatten bisher von „Nein, wie charmant. Ein kleiner Kavalier.“ bis „Wie kann man sein Kind nur derart reaktionär, rückschrittlich erziehen?“ alles dabei. Und übrigens liebe Profi-Politisch-Perfekt-Eltern: Erstens ist reaktionär und rückschrittlich so ziemlich das Gleiche und zweitens kann so manchem Eurer „Ich-darf-bei-Mama-alles-Nachwuchsmachos“ ein Grundzug Galanterie nicht schaden. Diese Kategorie schafft es sogar als absolute Topreaktion mit ihrem Nachwuchs den Sandkasten zu verlassen. Da bleibt dann allerdings auch nur noch ein hilfloser Lacher meinerseits übrig.

Eine weitere persönliche Note dieser Tage ist Deine neue Definition von Miteinander. Sobald irgendwo ein Kind hinfällt und weint, flitzt Du hin und möchtest es aufheitern. Und das ganze wird selbstverständlich auch verbalisiert. Da das „R“ noch nicht so recht aus Dir heraus will heißt das dann eben „Ich muss dich tösten!“ Diese Situation ist mir mehrfach seitens Deiner Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten geschildert worden und zieht sich darüber hinaus fort. Was Dich allerdings nach wie vor nicht davon abhält Deiner Schwester unvermittelt einfach mal „eine zu langen“. Gerne mit der vorangestellten Aussage „Ich gibt dir gleich ‚ne Backpfeife!“ Keine Ahnung woher das Wort nun wieder stammt, aber Deine Schwester wert sich neuerdings und „langt“ dann einfach mal zurück. Das wiederum irritiert Dich zusehends und Dir ist augenscheinlich nicht so ganz klar wie damit umzugehen ist. Wie diese zwei völlig unterschiedlichen Charaktere in so einem kleinen Kinderkopf miteinander weiterhin klarkommen, dürfte spannend bleiben und die Frage wann diese Unsitte endlich aufhört bleibt weiterhin leider unbeantwortet.

Und, damit an der Wichtigkeit Deiner Person auch niemand irgendwelche Abstriche zu machen gedenkt, setzt Du noch einen drauf. Geht es für Euch beide abends zum Essen – gleich ob zuhause oder auswärts, rennst Du zackig los, schwingst Dich auf Deinen Sitz und verkündest mit breitem Grinsen „Alles gut, ich bin da!“ Selbstverständlich, mein kleiner Kerl. Ihre Majestät haben geruht Platz zu nehmen und erwarten die Auftragung des dîner. Wahre Größe ist eben doch einfach selbstverständlich. Unterläuft aber mir oder einem Kellner nur der kleinste Fehler während aufgetragen wird, erfolgt selbstverständlich sogleich die zu erwartende Korrektur: „Papa, erst die Mädchen!, oder?“ Irgendwie scheinst Du wohl eine innere Ausgeglichenheit zu besitzen.

„Erst die Mädchen!“, Februar 2019, Düsseldorf, D

Aber da war doch noch was: Man(n) kann ja alles auch weiterentwickeln: Das klingt dann so: „Papa, erst die Kleinen!“ Da hat die große Schwester dann aber ganz schnell klargestellt, wie das zu funktionieren hat und die Idee ist schneller vom Tisch als das Essen darauf.

Ich sage mal „Touché!“ Guten Appetit allerseits.

Geschrieben aus Taglio-Isolaccio, Korsika, Frankreich.

Der 90./ 38. Monat – BFF

Der BFF ist der „Berufsverband Freie Fotografen und Filmgestalter“, das stimmt für mich, aber nicht für Dich. Jedenfalls meint meine Tochter wohl kaum den Berufsverband, wenn auf allerlei Zettelchen, Geheimbüchern und Top-Scret-Briefchen immer wieder „BFF“ auftaucht. Natürlich heißt das „Best Friends Forever“, daß habe ich jetzt auch gelernt. Und Sarah Sophies aktuelle BFF hat natürlich auch einen Namen und ein Gesicht: Valerie aus Ihrer Klasse.

Ein Mädchen an deren Leben ich schon teilhaben darf, ohne sie (zumindest in meinem subjektiven Empfinden) überhaupt jemals zu Gesicht bekommen zu haben. Valerie ist allgegenwärtig. Du schreibst ihr täglich kurze Briefe, bastels Armbänder oder malst Bilder von euch beiden. So zuckersüß, daß ich allmählich doch neugierig bin wer sich hinter dem Namen verbirgt. Und auch mit nur einem Satz verdeutlichst Du auch ganz lapidar meine offenkundige Schusseligkeit: „Oh, Papa. Wie peinlich. Du kennst Sie doch. Wir waren zusammen im Zoo. Da wo du uns verloren hast!“ Ups. Vergessen – ich bin der festen Überzeugung die Zoobekanntschaft heißt Nathalie. „Allerdings habt ihr mich damals verloren.“ stelle ich richtig und erinnere mich äußerst unwohl an den Tag, an dem ich wie ein Irrer laut rufend durch den Duisburger Zoo gerannt bin. Das habe ich gekonnt verdrängt. Ich gebe aber zu, Du hast recht. Ich kenne Valerie, Ihre Schwester und sogar Ihren Vater, der ist nämlich mit mir unfreiwillig durch den Zoo gejoggt.

Das wäre also geklärt. Eine Nathalie gibt es zwar auch in der Schule, aber mit der hast Du wohl nicht allzu viel zu tun. Und „Best Friends Forever“ übernachten selbstverständlich auch beieinander. Die erste Runde findet bei uns statt und ich bin eigentlich der festen Überzeugung so einen Termin auszumachen ist es auch schon mit den Vorbereitungen für das Event. Ja, manchmal ertappe ich mich dabei doch etwas naiv in der Welt herumzugeistern. Mama Valerie meint es besonders gut und ordentlich um sich mittels etwa 30 geschriebener Textnachrichten – geziemterweise natürlich bei Eurer Mutter und nicht bei mir – detailliert auf dem Laufenden zu halten, was für das anvisierte Übernachtungsevent zu beachten und vor allem einzupacken ist. Geduld kommt bekanntlich in den Tugenden Eurer Mutter mäßig rudimentär vor und somit ist ihre Begeisterung ob der Kommunikationsquantität durchaus überschaubar. Um das mal vorsichtig auszudrücken.

Eine Woche vor dem anvisierten Wochenende geht es um nichts anderes mehr. Als der große Tag, oder besser gesagt die Nacht dann endlich ansteht ist es weit weniger aufregend als angenommen. Zumindest für mich. Valerie wird von Leo – Kraft autoritärem Kleinen-Bruder-Charme – die ersten Stunden voll in Beschlag genommen und ich sehe wie Du es wohlwollend in Kauf nimmst, daß der kleine Bruder natürlich viel früher ins Bett geht als Du. Folglich bleiben Valerie und Du viel zu lange auf und auch als das Licht per elterlichem Dekret kurz vor Mitternacht dann doch gelöscht wird, habt ihr beiden noch gehörig viel zu besprechen. Aber das haben Eure Mutter und ich natürlich schon gar nicht mehr mitbekommen. Da schlafen brave Eltern längst.

In den kommenden Wochen lerne ich noch etwas: „BFF“ sind variabel – sowohl personal wie temporal. Einmal hole ich Dich von der Schule ab und Du kannst unmöglich direkt mitkommen, da noch eine Unmenge Flüsternachrichten mit Mia ausgetauscht werden müssen – ein anderes Mal purzelt mir aus Deinem Tornister eine schriftliche Liebesbekundung von Isabel entgegen – wieder an einem anderen Tag taucht eine gewisse Sophie aus der Versenkung aus.

„Best Friends Forever“, Januar 2019, Düsseldorf, D

Anschließend passiert wochenlang schlicht gar nichts im „BFF“-Bereich und ich erwähne bei Eurer Mutter so was wie: „Seltsam, erst geben sich die Mädels hier die Klinke in die Hand und dann ist Sendeschluss?“ Das retourniert sie gekonnt überzeugend mit den Worten: „Das heißt nicht Sendeschluss sondern Sendepause!“ Ach so, dann ist ja offenkundig alles gut und ich sorge mich nicht mehr um Deine soziale Interaktionskompetenz.

Am kommenden Tag hole ich Dich wieder von der Schule ab und Du schlenderst bewußt lässig mit Valerie und Isabel Arm in Arm die Treppe herunter. In wichtigste Gespräche involviert. Allerdings ohne Tornister. Den hievt Jonatan drei Reihen dahinter treppab.

Und als ich Eurer Mutter diese Konstellation zutrage ist die Reaktion wie selbstverständlich vorprogrammiert:

„Na bitte, Sie hat es verstanden.“

Aber das wird dann irgendwann eine andere Geschichte – dazu muss ich erst altersmilde werden!“

Geschrieben aus Taglio-Isolaccio, Korsika, Frankreich.