Das „erste Zeugnis“: Eine Bildungsdokumentation

Nachdem Du Deinen ersten Kindergarten verlassen hast um Dich voll und ganz der Survivaltruppe des Waldkindergarten zu widmen, haben wir eine sogenannte Bildungsdokumentation über Dich erhalten. Erstens erkenne ich über weite Strecken Deine Mutter wieder und zweitens sagt die ein oder andere Passage so einiges über Dich aus. Daher gehört der Originalauszug dieses Textes definitiv hierher.

Liebe Sarah Sophie!

Du bist vor 2 Jahren zu uns gekommen, da warst du 1 Jahr alt. Zu Beginn hat dich deine Mama begleitet und blieb mit dir bei uns in der Gruppe. Gemeinsam habt ihr unsere Gruppe erkundet, zusammen Bilder gemalt oder sie hat dir beim Spielen mit den anderen Kindern zugeschaut. nach einer Weile hat sich deine Mama verabschiedet. Es gelang dir recht gut dich von ihr zu verabschieden und den Tag gemeinsam mit uns zu verbringen. Du hast dich für das Spiel der anderen Kinder interessiert und es sehr aufmerksam beobachtet. Besonders gern hast du mit den Spieltieren gespielt und dich gefreut wenn die älteren Mädchen mit dir tolle Spiellandschaften für die Tiere gebaut haben.

»Nach einiger Zeit hast du den Kindern von den tollen Erlebnissen aus den Urlauben mit deinen Eltern erzählt. Es ist dir sehr wichtig den Kindern detailliert von euren Erlebnissen am Strand, in den Bergen oder von den gemeinsamen Eisdielenbesuchen zu erzählen. Besonders in Erinnerung ist dir euer Urlaub in Nizza geblieben. „Da gibt es besonders leckeres Eis!“ erzählst du den Kindern am Frühstückstisch.«

Während des Frühstücks sprichst du sehr gern mit den anderen Kindern. Dinge und Erlebnisse kannst du schon sehr detailliert und genau beschreiben. Es macht sehr viel Spaß dir zuzuhören. Du spielst gern mit unseren Kuscheltieren. Du setzt die beiden großen Bären nebeneinander aus das Sofa und kochst ihnen in der Spielküche das Mittagessen und Tee. Ihr trinkt Tee gemeinsam am von dir gedeckten Tisch. Du wählst bewusst viele kleine Utensilien wie z.B. bunte Servietten, eine Blumenvase oder selbst gemalte Bilder als Tischset aus um den Tisch einzudecken.

»Hinterher schickst du immer einen der Bären zum Abwasch in die Spielküche. „Jetzt bist Du dran!“ sagst du und setzt den Bären vor die Spüle.«

Gern beobachtest du zunächst, was die älteren Kinder der Gruppe am Maltisch gestalten. Nach einiger Zeit beginnst du selbst oft kleine Kunstwerke z.B. mit Wasserfarben zu gestalten. Ein älteres Mädchen hat dir vor einiger Zeit eine kleine Dose Glitzerpulver gegeben. Du hast den Glitzer großzügig auf dein Bild gestreut. Da die Farbe noch nass war, verlief das Glitzerpulver über das gesamte Bild. Du hast es gespannt beobachtet und konzentriert zugeschaut in welche Richtung der Glitzer mit dem Wasser trieb. „Schau mal, der Glitzer kann schwimmen!“ hast du gesagt und die anderen Kinder am Tisch wurden darauf aufmerksam. Ihr habt gemeinsam herausgefunden dass man durch sanftes Pusten die nasse Farbe in unterschiedliche Richtungen lenken kann. So habt ihr gepustet bis es getrocknet war und immer wieder Glitzer nachgeschüttet. Es hat euch viel Spaß gemacht! Gern hast du dich mit einem Buch aus unserer Bücherkiste auf das Sofa gesetzt und es dir sehr konzentriert angeschaut. Sobald sich andere Kinder zu dir gesetzt haben hast du sie miteinbezogen und ihnen gesagt, was du siehst oder was dir besonders gut gefällt. Du hast auch die Kinder gefragt, was ihnen gefällt und gespannt deren Antwort abgewartet. Eines Tages ist dir die Schrift bei den Bildern aufgefallen. Du hast uns gefragt: „Was ist das?“ und hast gezielt auf einen einzelnen Buchstaben gezeigt. Als wir dir erzählt haben das diese Symbole Buchstaben oder Zahlen sind und es eine Menge davon gibt hast du sehr aufmerksam zugehört. Wir haben gemeinsam deine beiden Vornamen auf ein großes Blatt geschrieben. Jeden einzelnen Buchstaben haben wir genau betrachtet. Mit deinen Fingern bist du über das Schriftbild gefahren und hast gefragt wie der Buchstabe heißt. Es hat dir viel Spaß gemacht. Besondere Freude hast du in unserem morgendlichen Singkreis. Du kennst nun viele Lieder und Tänze. Du kannst dir Melodien gut merken. „Muffin-Man“ ist dein Lieblingstanzlied, zu dem du stets ein Mädchen aus unserer Gruppe zum Tanz aufgefordert hast.

»Es macht Dir besondere Freude in der Runde vor allen Kindern zu tanzen und mit den Tänzen als Erste zu beginnen.«

Während unserer Traumzeit lauschst du gern den Klängen der Gitarre und beobachtest das Gitarrenspiel sehr aufmerksam und konzentriert. Du hast dich im Singkreis schon oft neben die Musikpädagogin gesetzt wenn sie unseren Gesang mit der Gitarre begleitet hat. Du durftest an den Gitarrensaiten zupfen während wir gesungen haben. Das hat dich sehr begeistert!

Liebe Sarah Sophie, wir wünschen dir für die Zukunft alles Gute!

Quelle: Bildungsdokumentation für Sarah Sophie, erstellt vom Team des Kindergarten

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Nizza @ Super 8

Time-Lapse-Tingeltangel in Nizza. Der letzte filmische Nachzügler des vergangenen Jahres. Von manchen Spielplätzen können wir uns nur sehr schwer trennen. Rutschbahnraritäten in der Super 8 – Version.


Rutschbahnraritäten
Sarah Sophie Ostern 2013 – April 2013 – Nizza
Musik – Big Bad Voodoo Daddy – Why Me

Der 24. Monat – Papa muß weg!

Dein 24. Lebensmonat fällt logischerweise auf den Hochsommer und somit jährt sich eine Veranstaltung die mit Dir überhaupt nichts zu tun hat: Die gemütliche Verrücktentruppe meines Lieblingskunden unternimmt Ihr jährliches Teambuilding an dem Dein Vater natürlich nicht fehlen darf. Als ich in Deinem Alter war nannte man das noch Betriebsausflug und belegte im Firmenkalendarium einen freien Nachmittag sowie in der ortsansässigen griechischen Spezialitätengaststätte die Kegelbahn. So erzählt es zumindest Dein Opa.

Heute koppelt man an den Nachmittag noch ein Wochenende an und fährt ans Meer. Jedenfalls entfällt somit ein Wochenende väterlicher Verfügbarkeit für Dich. Ich bin mir sicher das geht klar mit uns beiden. Nachdem Deine Mutter diese Offerte unterbreitet bekommt überlegt sie nicht lange und entscheidet kurzerhand mit Dir einen Mädelsausflug nach Berlin zu unternehmen. Dort wohnt bekanntlich Deine Nicht-Patentante und beste Freundin Deiner Mutter.

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In den nächsten Tagen höre ich gefühlte tausendmal den gleichen Satz aus Deinem Mund: „Baby fährt tu Mimi“. Z und T sind derzeit noch nicht zu unterscheidende Konsonanten für Dich. Jedenfalls ignorierst Du beharrlich jeden Verbesserungsversuch meinerseits; was ich aber auch schnell aufgegeben habe, da ich das einfach zu putzig finde. Auch frage ich stets interessiert nach was den in Berlin machen möchtest, bekomme aber kontinuierlich die gleicht Antwort: „Tu Mimi“. Aber vielleicht hat das ja auch einfach zu genügen. Irgendwann erlaube ich mir auf die Idee zu kommen, Dich begleiten zu wollen und blicke nach Verbaläußerung desselbigen Umstandes in ein völlig irritiertes Kindergesicht.

„Papa nicht tu Mimi.“ ist die noch weichgespülte Variante Deiner Missbilligung einer eventuelle väterlichen Partizipation am hauptstädtischen Ausflug der mir nahestehenden Damenwelt. Je näher der Termin rückt umso rigider formulierst Du Deinen Wunsch endlich mal mit Deiner Mutter alleine sein zu wollen. Ich darf nicht mit und werde somit förmlich genötigt das Land zu verlassen und ein Wochenende am Strand zu verbringen. Bitte Prinzessin, wenn es Dein Wunsch ist – wer kann da schon nein sagen.

Die Damen reisen selbstverständlich zeitoptimiert und Deine Mutter koordiniert Ihre freitägliche Ankunft aus Irgendwo mit Eurem gemeinsamen Weiterflug nach Berlin. Freudestrahlend präsentiert sie mir ihr Zeitkonzept, in der sie noch nicht einmal den Flughafen von Düsseldorf verlassen muß, sondern lediglich Dich dort in Empfang zunehmen gedenkt. Wer nicht mit darf, fährt auch nicht zum Flughafen, heißt: Ich scheide als Shuttle-Service aus. Ich gestehe allerdings wahrscheinlich um diese Uhrzeit auch schon die niederländische Küste erreicht zu haben. Also werden Deine mütterlichen Großeltern, an diesem Nachmittag ohnehin mit Deiner Bespaßung betraut, von Ihrem erweiterten Aufgabenbereich in Kenntnis gesetzt. Zumindest in der Wahrnehmung Deiner Mutter, denn als ich Dich den Abend zuvor von ihnen abhole und mehr beiläufig erwähne, an welchem Gate Deine Mutter auf Dich wartet, schaue ich in zwei völlig ahnungslose Augenpaare.

Deine Mutter kann ganze Industriekomplexe optimieren, Fabriken reorganisieren, aber in Kommunikationsangelegenheiten könnte ihr manchmal durchaus jemand hilfreich zur Seite gestellt werden. Kurz gesagt, sie hat – mal wieder – vergessen ihre Umwelt von der Einzigartigkeit Ihrer Planung in Kenntnis zu setzen. Also wandele ich den unverständlichen Gesichtsausdruck Deiner Oma in ein mitleidvolles Nicken um und entschwinde mit Dir auf dem Arm.

Am nächsten Morgen magst Du schon zu früher Stunde nicht mehr schlafen und schleppst stattdessen ganze Heerscharen von Kuscheltieren zu Deinem Koffer verbunden mit der resolut formulierten Feststellung „Das muß mit!“ Einen Schrankkoffer bräuchten wir schon aber das interessiert Dich selbstverständlich nicht. Du beschließt alle Kleidungsstücke durch Hasen, Eisbären, Zebras und sonstiges Getier zu ersetzten. Meinen gutgemeinten Hinweis doch wenigsten den Schlafanzug im Koffer zu belassen konterkarierst Du mit dem Verweis auf den selbigen den Du am Körper trägst. Gegen soviel kleinkindliche Logik kommt keiner an und ich hole einen größeren Koffer.

Wir fahren zum Kindergarten und auf dem Weg frage ich zur Sicherheit noch einmal nach ob Du nicht lieber mit Deiner Mutter und mir nach Berlin fliegen möchtest. Was soll ich sagen: Aussichtslos. „Baby tu Mimi, mit Mama, nicht mit Papa.“ Etwa wegrationalisiert fühle ich mich schon als ich Dich an Anna, Deine Kindergärtnerin, übergebe und mich von Dir verabschieden will.

Fast dachte ich es mir schon und dann kommt er auch – der meist gehörte Satz der letzten Tage: „Papa muß weg!“ Na dann guten Flug und schönes Wochenende, Prinzessin.

Der 23. Monat – Das machen wir auf keinen Fall

Es hat noch nicht einmal zwei Jahre gedauert und das erste unumstößliche Dogma Deines Vaters ist wie das berühmte Kartenhaus zusammengebrochen: Dein Essen im Kindergarten. Im Zuge der Suche nach einem geeigneten Tagesaufenthalt für Dich habe ich kategorisch diejenigen Einrichtungen ausgeschlossen, in denen Mittags nicht frisch gekocht wird. Erfahrungen mit Mensa, Kantine und Co sollst Du alleine machen und zwar idealerweise zu einem Zeitpunkt wo Du selbstbestimmt mit leeren Tablett an der Kasse vorbeiziehst und die feilgebotenen Schnitzelsurrogate – die wahrscheinlich inoffizielle deutsche Leibspeise – verschmähst.

Selbstverständlich bist Du dennoch in einem Kindergarten mit Cateringservice – der neudeutsche Version der klassischen Kantine. Bis dato allerdings nur bis Mittags und ein fleißiges Familienmitglied erscheint pünktlich um zwölf Uhr mit Deinem Mittagessen meist aus großväterlicher Produktion. Dieses Prozedere birgt allerdings verschiedene Nachteile. Zum einen wird es Dir allmählich schwer vermittelbar, warum alle anderen Kinder – wir sind selbstverständlich die einzigen mit der Halbtagsvariante – zusammen am Mittagstisch sitzen und Du an eben dieser Tafel nicht Platz nehmen darfst und ferner schläfst Du grundsätzlich auf der anschließenden Rückfahrt im Auto ein. Zuhause bzw. bei Deinen mütterlichen Großeltern angekommen, also nach etwa zehn bis fünfzehn Minuten, musst Du folglich schlafend aus Deinem Autositz genommen werden und erwachst spätestens im Treppenhaus. Bis Du dann endlich in Deinem Bett angekommen, magst Du manchmal – wie wundersam – nicht direkt wieder einschlafen und es bedarf der üblichen Tricks. Eine funktionale Abhilfe ist es, Dich vom Kindergarten aus in Deinem Kinderwagen durch die Gegend zu schieben. Dieses Unterfangen scheitert allerdings an nicht wenigen Tagen auf Grund der mitteleuropäischen Großwetterlage. An dieser Stelle sei den Erfindern dieser Welt ein atmungsaktiver Regenschutz für solche Gefährte dringend ans Herz gelegt. Ich danke vorab und sichere eine mannigfache Abnahme zu.

Kurz und gut die Halbtagsbetreuung ist mehr als suboptimal und bedarf einer Korrektur. Ob nun Zufall oder nicht, jedenfalls trägt man uns seitens Deines Kindergartens in diesen Tagen die Option einer vollzeitlichen Betreuung anheim. Für Deine Mutter ist selbstverständlich sofort alles klar und ich wehre mich soviel es geht. Es geht allerdings nicht so gut, weil mir schlichtweg die Alternative fehlt. Die russische Familienseite – ohnehin mit dem Kindergarten wenig glücklich – rät zum sofortigen Betreuungsausstieg und bietet die Übernahme an. Deine Mutter und ich sind uns bekanntlich selten einig, in diesem Punkt finden wir aber beide die Kindergartenvariante überzeugender.

An die Stelle von Faina und Semen gerichtet möchte ich mich für das Angebot von ganzem Herzen bedanken, bitte aber ebenfalls um Verständnis, das wir in Kindergartenfragen schlicht und ergreifend anderer Meinung sind, was eben von nun an Deinen werktäglichen Aufenthalt in Unterrath bis etwa drei Uhr ausdehnt.

Du siehst Dich in der Folge dieser Entscheidung zwangsweise mit zwei Änderungen konfrontiert: Gegessen wird mit allen anderen Kindern zusammen und anschließend geschlafen ebenfalls in der Gute-Nacht-Höhle mit Deinen kleinkindlichen Mitstreitern des Kindergarten. Von einer Kreidetafel neben dem Eingang entnehme ich täglich das Mittagsangebot des Hauses und erreiche eine Trefferquote von annähernd einhundert Prozent ob Du etwas isst oder eben nicht. Beim Thema Einschlafen reizt Du Dein Prinzessinnen-Püppchen-Image bis an die Schmerzgrenze aus und so darf sich wahrscheinlich jede Deiner Betreuerinnen rühmen, Dich auf der Schulter liegen gehabt zu haben. Das beruhigt und amüsiert mich wiederum gleichermaßen.

Gefühlte Ewigkeiten vergehen bis sich auch bei Deinem Vater nach einer guten Woche die Einsicht breitmacht Deiner kleinkindlichen Seele keine irreparablen Schaden zuzufügen, nur weil Du mittags keine Hausmannskost mehr dargereicht bekommst. An dem ein oder anderen Tag probierst Du etwas, lehnst jedoch das Essen dann vollständig ab.

Dein Großvater hat aber hierfür stets vorgesorgt und Deinen Nachmittagsfrüchtebrei still und heimlich gegen sein Selbstgekochtes ausgetauscht. Das weiß ich natürlich überhaupt nicht, möchte mich an dieser Stelle aber einfach mal dafür bedanken.

Ich glaube, so ein klein bisschen jüdisch sind wir eben doch alle. Und das ist auch gut so.