Der 62./ 10. Monat – Ökonomische Früherziehung

Unsere zweite Elternzeit neigt sich langsam dem Ende entgegen und es geht kontinuierlich in Richtung Norden. Über die Straße von Messina wieder aufs italienische Festland und nun etwas unorthodox kreuz und quer durch Kalabrien und Apulien. Sarah Sophie hat sich irgendwann mit der deutschsprachigen Kinderlosigkeit unserer jeweiligen Campingnachbarn abgefunden und mit einem gewissen Pragmatismus einem neuen Interessengebiet gewidmet: Es geht um Arbeit im weitesten Sinne. Derzeit dreht sich alles und jedes um dieses Thema und meist ziehst Du Schlussfolgerungen aus Deinen eigenen Aussagen. Die schönsten Stilblüten begleiten unsere weitere Reise und lassen uns alle so manche – sagen wir mal höflich – etwas schwierig-spezielle Situation mit Dir verzeihlich vergessen.

Eines schönen Tages entdeckt Sarah Sophie in einem Spielzeuggeschäft einen Besen samt Kehrblech in den Farben pink und blau. Selbstverständlich möchtest Du direkt beide Farbsets erwerben, da Du uns unmissverständlich das Blaue für Jungs und das Pinke für Mädchen zugehörig erklärst. „Papa, das Blaue schenke ich dann Leo. Dann kann er auch fegen.“ Einwände in Richtung auf Leos altersbedingte, etwas eingeschränkte Motorik prallen natürlich an Dir ab und nach geschicktem Verhandeln kaufen wir überraschend doch nur den Mädchenbesen nebst Blech (und ein großes Eis um den Nicht-Schenken-Können-Schmerz erträglich zu gestalten). Am nächsten Morgen fegst Du munter mit dem neuen Besen durch unsern Campingbus. Als ich Nachfrage, woher der plötzliche raumpflegerische Bedarf erwachsen ist, erklärst Du mir mit diesem bekannten selbstüberzeugten Blick: „Papa, hier ist ja keine Larissa, also muss ich hier saubermachen.“ Es beruhigt mich kolossal, daß in den vergangenen zwei Monaten nicht aufgefallen ist wer hier für eine gewisse Grundhygiene gesorgt hat. Dieser Jemand hat seine Aufgabe offenbar stehst im Verborgenem ausgeführt. Löblich so ein unsichtbarer Hausgeist. Und um diesem seine Arbeit nicht einfach wegzunehmen verlierst Du auch pünktlich nach dem dritten Reinigungsvorgang schon wieder das Interesse daran. Das ganze gipfelt dann in der Feststellung wer hier für was zuständig ist und dem ist auch absolut nichts mehr hinzuzufügen:

„Papa, Du hast jetzt immer Spüldienst und Putzdienst, Mama hat Wasch- und Leodienst und ich habe Spieldienst und Leodienst. Jeder hat zwei Sachen. Das ist gerecht!“

Überraschendes Objekt der Begierde. Apulien, September 2016
Überraschendes Objekt der Begierde. Apulien, I, September 2016

Unterdessen entdeckt Leo das Hinderniskrabbeln und purzelt gemütlich von so ziemlich allem was sich ihm gerade in den Weg stellt. Mittlerweile haben wir von den unentwegt vorbeiziehenden Händlern zwei Strandtücher und eine Trommel erworben, da Sarah Sophie nicht müde wird uns klarzumachen, daß Leo unbedingt eben eine solche Trommel benötigt. Eine Einschätzung die ich übrigens teile und somit war der Kauf nur eine Frage der Zeit und des Verhandlungsgeschick Eurer Mutter mit Strandverkäufer Nummer Siebenhundertdreiundzwanzig, oder so ähnlich.

An der Stelle bemerkt Sarah Sophie übrigens, daß der Warenverkauf der vorbeiziehenden Strandhändler eben deren Arbeit ist und dies ja eine schöne Arbeit sei, da man ja den ganzen Tag am Strand sein kann. Um jetzt den sich anbahnenden disputierenden Exkurs in die eventuell, möglicherweise doch vorhanden sein könnende Ungerechtigkeit der Chancenverteilung innerhalb der europäischen Gesellschaftsordnung vorzugreifen, deklariert Eure Mutter dies kurzerhand auf einen, genauso simplen wie rigiden Umstand: Da wurde eben nicht genug gelernt in der Schule und somit bliebt dann nur noch Strandverkäufer zur Auswahl, weil die Herren im Berufsranking eben qualifikationsbedingt eher im hinteren Bereich angesiedelt sind. Und dann verdient man gar nicht genug Geld, bzw. hat als Alternative vielleicht auch gar keine Arbeit und das wäre ja auch nicht gut. Diese Erklärung ist zwar nicht ganz neu, muss aber wieder herhalten. Meinen wahrscheinlich zu dilettantischen Versuch Dir zu erklären, daß soziale Herkunft, Schulbildung und daraus resultierende Chancengleichheit eben von so vielen Faktoren abhängen, hörst Du aufmerksam zu und Du beendest mit einer einzigen plakativen Aussage Deinerseits das Dilemma der elterlichen fundamental-diametralen Überzeugung zu diesem Thema:

„Papa, die Leute die zu wenig Geld haben, wissen vielleicht nicht wo es die Arbeit gibt. Dafür gibt es dann die Mama, deren Arbeit es ist denen zu helfen und ihre Arbeit besser zu finden.“ So, damit haben wir dann auch das Unternehmensberatertum aus Sicht einer Fünfjährigen verstanden.

Die Sache beschäftigt Dich dann aber offensichtlich doch noch, denn am nächsten Tag bist Du eifrig beschäftigt mir am Strand Dein Sandeis zu verkaufen: „Papa, das Eis ist sehr lecker. Deswegen ist es sehr teuer. Und was lecker ist, ist immer gut und teuer, oder?“ Zu einer Antwort komme ich gar nicht bevor Du mir die nächste Weisheit um die Ohren haust: „Papa, Du buddelst jetzt und ich passe auf, dass du nichts falsch machst. Dann mache ich die gleiche Arbeit wie die Mama.“

Wahrscheinlich hat Eure Mutter da heimlich argumentativ noch einen draufgesattelt. Vermutlich habe ich – Spüldienst bedingt – zu wenig Zeit für Dich, aber das ist nur eine Vermutung.

Am nächsten Tag gewittert es und die ökonomische Früherziehung macht mal Pause. Sarah Sophie beschwert sich jedenfalls: „Können wir endlich mal woanders hinfahren. Ich sitze hier ja nur in Donner und Regen.“ Wir sprechen übrigens über den ersten Tag Regen nach 9 Wochen Sonne und 35 Grad.

Machen wir, wir fahren jetzt nämlich nach Hause, dort muss weniger von Hand gespült werden und die Chancen Dich vom Neoliberalismus wegzuüberzeugen steigen an.

Geschrieben aus Sankt Goar, Rheinland-Pfalz, Deutschland.

Der 61./ 9. Monat – Ciao Leo

Es geht immer weiter südwärts. Sarah Sophie findet „Schlafschiffe“ (Fähren mit Kabinen) prima, weil man in Betten übereinander schlafen kann, wir haben uns im Bus in Palermo beklauen lassen und die deutschsprachige Kinderlosigkeit zieht sich munter fort. Herzlich Willkommen auf Sizilien.

Das alle Eltern ihre Kinder unnachahmlich, großartig und was weis ich nicht noch alles finden ist genauso selbstverständlich wie logisch und sei allen zugestanden. Hier kurz vor Afrika gehen die Uhren aber irgendwie anders. Alles ist gehörig entspannter. Örtliche Polizisten halten Leo auf dem Arm während Eure Mutter ihnen erklärt, daß es völlig richtig ist in der Rushhour von Catania eine Fahrspur zu blockieren, da Papa kurz im Fischladen einkaufen ist, oder zwei freundliche Carabiniere-Beamte fahren kurzfristig rückwärts auf der Autobahn um einem verirrten Touristen die richtige Ausfahrt zu zeigen. Kurz eine sympathische Insel mit freundlichen Ureinwohnern.

An einem Wochenende Mitte August verschlägt es uns an einen hübschen Ort irgendwo zwischen Marsala und Agrigento. Wie üblich erwarten wir einen Campingplatz der noch genügend freie Plätze bereithält, denn das war auf der gesamten Tour zu meinem großen Erstaunen bisher immer so. Aber nur bis jetzt. Ich gebe zu mit den Feiertagen in Italien nicht so unbedingt in Einklang zu liegen, aber an einem Freitag-Abend erklärt mir eine freundliche Frau auf besagten Übernachtungsareal das am kommenden Montag „Ferragosto“ ist und sie nicht wüsste ob sie uns noch unterbekommt. Prima, der nächste Campingplatz am Meer ist eine Stunde entfernt und Leo gibt eindeutig zu verstehen, daß sitzen im MaxiCosi jetzt ein Ende haben darf. Während etwa zehn Campingbusse vor uns ihren Platz aussuchen werde ich aufgeklärt: „Ferragosto“ darf als der wichtigste Feiertag in Italien bezeichnet werden, und da fahren eben alle weg, bzw. legen Ihren Urlaub auf diese Zeit. Prima und dieses Jahr fällt er auf einen Montag, d.h. ein langes Wochenende. Irgendwann schickt mich die besagte Dame dann zur Platzsuche und ich verstehe nichts mehr. Alles rappelvoll, nirgendwo eine freie Ecke – bis auf eine einzige unter einer riesigen Pappel direkt am Strand. Luftlinie dorthin 10 Meter. Wir haben Glück. In den kommenden Tagen scheint jede Familie um uns herum nochmal mindestens die gleiche Anzahl an Personen Besuch zu bekommen und wir mittendrin.

Da Leo beschlossen hat in diesem italienischen Familiengetümmel seine Krabbelkenntnisse zu vervollständigen und eben dies auch nach anfänglichen Koordinationsschwierigkeiten ganz manierlich gelingt, mangelt es uns nicht an genügend Anteilnahme.

Auf zu neuen Ufern. Leo entdeckt das Krabbeln. Sizilien, August 2016
Auf zu neuen Ufern. Leo entdeckt das Krabbeln. Sizilien, August 2016

Mit Matheo wird am Strand um die Wette gekrabbelt, Christiano zeigt schonmal wie das mit dem Laufen so funktioniert und ansonsten erwecken wir den Eindruck Familie Leo zu sein. Und hier scheint man sein Namenswissen unbemerkt weiterzugeben. Jedenfalls wundere ich mich bereits am zweiten Tag nicht mehr darüber, wenn mir wildfremde Menschen entgegenkommen, meinen Sohn erblicken, Dir freundlich zuwinken und uns ein herzliches „Ciao Leo“ entgegen trällern. Und es spielt überhaupt keine Rolle, ob das morgens während ich Brot kaufe, mittags in der kleinen Trattoria nebenan oder irgendwann am Strand: Mit „Ciao Leo“ verbringen wir jeden Tag. Irgendwie sind wir alle Leo. Sarah Sophie akzeptiert das durchweg freimütig positiv solange jeder weiß das sie schon fünf ist und Leo schließlich Ihr Bruder ist. Darf er dann noch umhergetragen werden ist alles auf Tochterseite rund. Die Sache mit dem Alter hat übrigens eine Besonderheit. Seit Du fünf bist, legst Du gesteigerten Wert auf eben dieses Alter, meist in der Aussage: „Papa, mir ist ja jetzt schon fünf.“ Verfehlungen im Benehmen Deinerseits schiebst Du gerne mal auf die Zeit vor diesem bedeutungsvollen Geburtstag. „Papa, das mache ich nicht mehr, weißt Du da war mir noch vier, da wußte ich das ja noch nicht.“ Dazu drehst Du die Handflächen nach außen und zuckst mit den Schultern.

Ich weiß es ist pädagogisch nicht hundertprozentig korrekt und ich habe Dir auch schon gesagt, daß dies verbal nicht so ganz richtig ist, aber es klingt einfach zu wohltuend pittoresk „wenn Dir schon fünf, oder nicht mehr vier ist.“

Zurück zu Leo: Der scheint langsam zu glauben sein Name ist nur so eine Art Anhängsel. Nicht selten passiert folgende charmante Wunderlichkeit: Du sitzt vertieft in das einzahnige Verteilen einer Aprikose oder Banane über Deinen gesamten Oberkörper und jemand spricht Dich mit Deinem Namen „Leo“ an: Keine Reaktion. Auch eine Wiederholung bringt nichts. Die gewieften Mitspieler im Babykommunikationsreigen wissen sich hier aber perfekt zu helfen. Zwei herzliche Worte genügen und Du stahlst Deine Umwelt an: „Bellissimo piccolino“ Sprachlich – glaube ich – nicht ganz korrekt, aber wer wochenlang nichts anderes hört, der darf ruhig darauf reagieren.

Ich mag italienische Feiertage auf Sizilien.

Ciao Leo!

Geschrieben aus Domburg, Provinz Zeeland, Niederlande.

Der 60./ 8. Monat – Wer spricht hier Deutsch?

Im 60./ 8. Monat starten wir in unsere zweite Elternzeit. Gute zwei Monate nur wir, keine Jobs, keine Termine – alles was wir wissen ist eine grobe Reiseroute und ein paar fix gebuchte Fähren. Eure Mutter managt noch flott einen Job bei einem bekannten bayerischen Autobauer (liegt ja sozusagen auf dem Weg) und anschließend geht es via Livorno noch Korsika, Sardinien und Sizilien. Danach durch Kalabrien und Apulien.

Möglicherweise gehe ich etwas zu naiv an die Sache, aber irgendwie habe ich ständig unsere erste Elternzeit mit einem Kind vor Augen und denke mir, jetzt eben Frankreich und Italien anstelle von Spanien und Portugal. Klarer Fall von elterlicher Verirrung, den es ist nichts von alledem. Mit einem Baby kann man bekanntlich so ziemlich alles unternehmen, schließt man Fallschirmspringen und Tiefseetauchen gegebenenfalls mal aus, aber mit Baby und einer fast Fünfjährigen machst Du ganz viel – nämlich das was die Fünfjährige möchte. In Sarah Sophies aktueller Lebensphase bildet sich in diesen Tagen eine interessante Symbiose aus mütterlicher Sturheit und väterlicher Ungeduld. Das will erstmal geschultert werden. Auf Korsika ist noch alles im grünen Bereich und wir beschließen recht zügig nicht all zuviel herumzufahren, sondern bleiben stets mehrere Tage an einem Ort. Wie immer schließt Sarah Sophie schnell Freundschaften und Leo muss nicht täglich als stolz präsentiertes Schwester-Spielzeug herhalten. Auffallend ist allerdings das Du seit einigen Monaten ausschließlich den Kontakt zu Kindern suchst, die Du auch verstehst – also stets deutsch- oder russischsprachige Freundinnen präsentierst. Das war in all den Jahren davor anders und soll die nachfolgende Elternzeit maßgeblich beeinflussen.

An Sarah Sophies fünftem Geburtstag setzen wir von Korsika nach Sardinien über und die Zeit des sprachlichen Stillstandes beginnt. Anders ausgedrückt der elterliche Super-GAU nimmt seinen Anfang. Egal wo wir hinkommen, deutschsprachige Kinder: Fehlanzeige. Wo nun alle Italien-verliebten Teutonen in diesem Jahr Urlaub machen (wir sprechen über Juli und August) weiß ich nicht, jedenfalls nicht da wo wir sind. Ein Umstand den ich kinderlos durchweg als traumhaft bezeichnen würde mutiert aktuell zu einem Problem gesteigerter Dramatik. Sarah Sophie weiß schlicht und ergreifend nichts mit sich anzufangen und wird dann einfach mal zickig – wie die Mama – oder schlechtlaunig – wie der Papa – es zugegebenerweise recht gut sein können. Du bist eben das Kind Deiner Eltern und das wird mir in diesem Monat überdeutlich. Mittlerweile hast Du Dir von mir erklären lassen, wie europäische Autokennzeichen funktionieren und das Autos aus Deutschland eben ein weißes D auf dem blauen Fond am Anfang haben, was Dich veranlasst jeden Campingplatz genauestens nach eben diesem D zu scannen. Das wiederum gestaltet sich recht putzig, denn Du setzt Dich auf Dein Fahrrad und radelst einfach mal los. Findest du dann das ersehnte Zeichen verbalkommunikativer Einheit teilst Du es Deiner Umwelt mit und zwar im selben Moment des Auffinden, selbstverständlich entsprechend lautstark. Anders ausgedrückt brüllst Du Deine Freude quer über jedes italienische Camperidyll und auch die gefühlt hundertste Erklärung, das nicht hinter jedem D auch ein Kind wohnt, läßt Dich beim einhunderteinsten Versuch lediglich noch ein klein bisschen lauter schreien. Wahrscheinlich ob der Vorfreude. Selten, aber manchmal dann doch haben wir Glück und auf dem Gepäckträger über dem D ist ein Kinderfahrrad befestigt. Diese Tage sind selten und bescheren Euren Eltern Glücksmomente und Dir eben eine Freundin oder einen Freund für mindestens einen Tag. Selbstverständlich leistest Du Dir noch den Luxus, trotz der verknappten Angebotslage, manche der Spielprobanden abzulehnen und schleppst dann wieder lieber Deinen Bruder über den Strand. Der wiederum scheint das sonnigste Gemüt überhaupt zu haben, denn wenn ich schon längst glaube, daß es einfach mal reicht grinst Leo fröhlich in der Gegend umher während seine große Schwester der felsenfesten Überzeugung ist, so ein kleiner Mensch gibt eine prima Schubkarre ab. Dafür zolle ich Dir unumwundenen Respekt, mein Sohn.

Dann irgendwann im Nirgendwo landen wir neben einer italienischen Großfamilie bestehend aus Oma, Opa, Eltern sowie drei Jungs und einem Mädchen. Hier spricht zwar auch niemand Deine Sprache, aber das interessiert Dich herzlich wenig. Nach anfänglichem Zögern wird mit dem Ältesten Fußball gespielt oder der kleinste (etwas älter als Dein eigener Bruder) hingebungsvoll am Strand bespaßt. Ich höre kein einziges Mal „Papa, ich verstehe die Kinder nicht, also kann ich nicht mit ihnen spielen.“ Alles scheint gut und ich frage mich natürlich woran das auf einmal liegt, während meine kosmopolitische Grundüberzeugung wieder etwas gerader gerückt wird.

Und bereits am nächsten Tag erfahre ich auch den Grund Deiner schlagartigen guten Laune. Quer über alle Generationen hinweg begrüßen Dich unsere Nachbarn als „Bellissima Bambina“ während Du stolz Dein neues Kleid vorführst. Das ist also das ganze Geheimnis: Du verstehst zwar kein Wort, begreifst aber, daß Dich hier alle ganz toll finden. Und erstmals seit ein paar Wochen steht ausnahmsweise nicht Dein Bruder im Mittelpunkt nachbarschaftlicher Huldigung. Die gibt es übrigens zu Hauf, aber das ist eine folgende Geschichte.

Jedenfalls bist Du die Tochter Deiner Mutter: Das haben mir unsere italienischen Nachbarn plakativ vor Augen geführt. Ganz überraschend sind wir dann einfach mal über eine Woche hier geblieben und ich möchte nie wieder andere Nachbarn.

Mille Grazie Marcella e Giovanni.

Geschrieben aus Domburg, Provinz Zeeland, Niederlande.

Elternzeit @ Super 8

Das Projekt Laufen lernen in der Super 8 – Version. Das vergangene Jahr stand selbstverständlich unter einem großen Motto: Der aufrechte Gang – und das ganz alleine. Deinem Vater fällt natürlich nichts besseres ein, als ständig mit der Kamera dabei sein zu wollen.


Sarah Sophie 2012 – Part 1/6 – April/Mai/Juni 2012 – Elternzeit
Musik – Element of Crime – Jung und schön


Sarah Sophie 2012 – Part 2/6 – April/Mai/Juni 2012 – Elternzeit
Musik – 2Raumwohnung – Mädchen mit Plan

Geschrieben aus Hameln, Niedersachsen, Deutschland.

Vlissingen – Fast wie Zuhause

Sommeranfang ist in unserer Familie für gewöhnlich begleitet von zwei wiederkehrenden Ereignissen: Dem Geburtstag Deiner Oma und Deines Onkels – konkret ausgedrückt feiert der mütterliche Teil Deiner Familie Doppelgeburtstag und das ist dann so eine Art „Jüdisch für Anfänger“.

In diesem Jahr fällt das letzte Wochenende unserer Elternzeit auf exakt diesen Familienevent. Irgendjemand kam auf die Idee uns an die südwestliche Spitze Zeelands zu beordern um dort die beiden Wiegenfeste zu begehen. Also haben wir uns Donnerstag-Abend brav aus Südfrankreich und 30 Grad Umgebungstemperatur auf den Weg nach Holland zu gefühlten Minusgraden und brachial böigem Seewind gemacht. Dort am Freitag gegen Mittag eingetroffen katapultiert uns ein gepflegter Platzregen wieder ins hier und jetzt und läßt Deine Mutter und mich mit kalter Grausamkeit das Ende unserer umhervagabundierenden Elternzeit zu deutlich erkennen. Keine guten Vorzeichen für Familienfeste – aber wir denken positiv.

Gegen neun Uhr abends schleppen Deine nahen Anverwandten eine prall gefüllte Kühlbox nebst getränketechnischen Accessoires zu uns. Alle begrüßen sich um dann gemeinschaftlich die Wetterlage zu erörtern und kollektiv eine zu geringe Außentemperatur festzustellen um im Freien Wiederkehr und Wiegenfeste zu begehen. Jüdisch selbstverständlich dauert die Feststellung nur kurz – dafür wirkt die daraus resultierende Empfindsamkeit des allgemeinen Wohlstandszustands zumindest meinerseits, umso schwerer. Heißt: Ich habe ein schlechtes Gewissen, weiß aber nicht genau warum. Draussen ist es schlicht zu kalt, hereinbitten können wir nicht alle gleichzeitig aus simplen Platzgründen und ein Nacheinander scheint mir nicht wirklich die passende Antwort auf die mäßigen Außentemperaturen. Deine Mutter kommentiert das wie gewohnt lässig mit dem Halbsatz: „In einer jüdischen Familie hat immer einer ein schlechtes Gewissen.“ Das ist mir wiederum zum einen bekannt und weiterhin nicht dramatisch. Sagt sie also so und verweist auf den folgenden Tag, an dem ich ja schließlich alles wird gut machen könnte. „Was soll ich gut machen?“ überlege ich kurz um anschließend mit dieser Bürde alleine gelassen zu werden. Deine Mutter beschließt sich unmittelbar nach dieser Aussage zu Dir zu legen und entlässt sich selbst äußerst rasch ins Reich der Träume.

Die Verwandtschaft verlässt das Areal und ich stehe recht verlassen da. Im August beabsichtigen wir einen neuen Campingbus zu kaufen; der ist dann größer und alle haben Platz. Bis dahin scheint eine Lösung dieser Problematik ohnehin unlösbar und ich verbanne den Gedanke der Schuldhaftigkeit fürs Erste.

Am kommenden Samstag wollen wir zusammen grillen und alle stehen pünktlich bereits zum Frühstück auf der Matte. Ein eventueller Hungertod ist an diesem Tag eher auszuschließen und so sind die beiden mitgebrachten Camping-Klapptische rasch opulent gedeckt. Zum frühen Mittag hin beschließen Dein Opa und ich das es eindeutig Zeit für das erste Glas Wein ist und lassen diesem Beschluss auch Taten folgen. Gegrillt wird an diesem Tag ausschließlich Fisch, womit sich dieser Tag in würdiger Weise an die letzten neun Wochen anschließt.

Du findest das Wiedersehen mit Oma und Opa zunächst überhaupt nicht erstrebenswert und kommentierst jedweden ihrer Annäherungsversuche mit lautstarker Ablehnung gefolgt von der unmittelbaren Einforderung mütterlicher Präsens. Der Beharrlichkeit ihrerseits widersetzt Du Dich anfangs noch recht ordentlich, erkennst dann aber wohl neben der Aussichtslosigkeit dieses Tuns auch den praktischen Nutzen und läßt Dich fortan fleißig bespaßen. Der Großelternteil ist glücklich und zufrieden, photographiert fleißig und Du wirkst nicht ganz teilnahmslos an dem ganzen Prozedere. Diese Anteilnahme Deinerseits würdigst Du mit mäßigem Appetit; einem untrüglichen Zeichen freudiger Überdrehtheit und mangelnder Schlafbereitschaft. Über diese täuschst Du uns alle aber über den Tag hinweg, entschlummerst gar friedvoll am Nachmittag um dann zum Abend hin Appetit und Ausgeruhtheit ad acta zu legen.

Schließlich magst Du aber doch noch den Einschlafritualen Deiner Mutter erliegen und entlockst Deiner Oma schließlich die Aussage „Das sei ja alles viel zu viel für Dich heute gewesen – so viele Leute auf einmal und das auch noch so lange“. Dieser Aussage habe ich nichts hinzuzufügen und melde mich freiwillig zu Deiner Nachtwache während draußen noch weiter familiengefeiert wird.

Nun über Dich zu wachen scheint mir zwingend angebracht – Schließlich habe ich jetzt ein schlechtes Gewissen. Wie war das nochmal in jüdischen Familien?

Schalom.

Agde – Krabbeln, Kicken, Kurze Nächte

Selbstverständlich ist ein Meer was sich nie zu Ebbe zurückzieht – oder mediterran korrekt nicht merklich sichtbar – völlig uninteressant und demzufolge nicht weiter beachtenswert. Ganz genau so verhält es sich mit dem Mittelmeer in der Nähe von Narbonne im Süden Frankreichs. Das wiederum bedeutet keine frühmorgendlichen Emotionsausbrüche Deinerseits über fehlende Meeresbrandung. Wie ein demonstrativer Trostpreis überlässt Du uns dafür Deine neue freundliche Eigenheit: „Noch ein bisschen früher aufzustehen oder besser gesagt aufzukrabbeln – meist über Deine Mutter hinweg in meine Richtung um uns beide dann gegen halb sechs (in Worten fünfuhrdreissig) mit einem fröhlich frechem Grinsen zu wecken. „Ihr wolltet mich haben – jetzt kümmert Euch um mich.“ interpretiere ich allmorgendlich Deinen Elternweckrhythmus.

Krabbeln ist per se Deine aktuell bevorzugte Fortbewegungsart und ich muss zugeben mir war bis dato nicht bewußt welche Geschwindigkeiten in der klassischen Vierfüßlerstellung zu erreichen sind. Beschränkt eine ausgebreitete Picknickdecke auf einer Wiese noch Deinen Aktionsradius – Rasen und Erdboden ist gegenwärtig noch zu geheimnisvolles Terrain – ist diese beruhigende Grenzziehung am Strand obsolet, da Sand Dein Element zu sein scheint und ferner Deine Krabbelgeschwindigkeit nochmal deutlich erhöht. Erblickst Du gar einen Hund oder manchmal ein anders Kind am Strand wird zunächst voll Freude der umliegende Sand in gekonnter Überkopf-Wurftechnik auf die dich bettende Decke befördert damit Du dann freie Bann hast und losspurten kannst.

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Erlauben sich Deine Mutter oder ich gar die Unverfrorenheit uns einige Minuten mit anderen Dingen als mit Dir zu beschäftigen tritt mit gesetzmäßiger Folge beschriebener Fall ein und unser Kind ist weg. Mein einziger und letzter Versuch in den vergangenen zwei Monaten eine Zeitung zu lesen endet am hiesigen Strand mit einem hektischen Sprint in Richtung Wellen um Dich vor Erreichen der Wasserlinie abfangen zu können, nachdem ich noch Sekunden vorher überlegt habe, wie unverantwortlich es doch ist ein kleines Kind nur mit Windel bekleidet am Strand umherkrabbeln zu lassen. Farbig gekennzeichnete Pampers könnten hier lebensrettende Maßnahmen bilden. Ich beschließe daher Zeitungslesen auf die Liste der nicht elementar exponierten Maßnahmen zu setzten und unterlasse es fortan. Das Lesen die Dummheit gefährdet kompensieren wir damit das Deine Mutter bis zum heutigen Tag unseres Trips sechs Bücher gelesen hat und damit die Familienstatistik ausreichend versorgt. Manchmal – aber wirklich nur manchmal frage ich mich warum es hier 0:6 aus meiner Sicht steht. Aber das kann natürlich unmöglich mit Dir zusammen hängen.

Apropos 0:6: Zum aktuellen Zeitpunkt ist sozusagen Halbzeit bei der Europameisterschaft, die heutzutage ganz modern EURO 2012 heißt. Die Vorrunde ist vorbei, eine Deiner Identität stiftenden Nationen ist bereits auf dem Heimweg – natürlich diejenige die es ohnehin nicht so weit dorthin hat, die andere ist glorreicher Gruppensieger geworden und unser hübsches kleines Nachbarland mit der sympathischen Nationalfarbe hat mit null Punkten überhaupt nicht auf die Kette bekommen. Kurz gesagt: Wir stehen vorm Viertelfinale und alles ist gut. Deine Mutter kann endlich Aufatmen, da ich aufhöre um sechs Uhr abends den Fernseher einzuschalten und nur gemindert ansprechbar bin. Warum es für weibliche Stammhirne so unsagbar schwer zu verstehen ist, das es Situation gibt die einfach eine permanente TV-Präsens erfordern wird wohl auf ewig unbeantwortet bleiben.

Großmütig habe ich vor Beginn des Turniers verkündet selbstverständlich nicht jedes Spiel schauen zu müssen, habe diese Einschränkung aber natürlich ausschließlich auf die letzten Gruppenspiele gemünzt, da diese ohnehin zeitgleich verlaufen und man sich für eines entscheiden muss, will man nicht ständig hin und her schalten. Wieso schauen wir Ukraine gegen Schweden, ist jenes oder welches das Rückspiel, was passiert wenn die Unentschieden spielen? Solches Fragenwerk entfällt fortan, da ich Deiner Mutter einen übersichtliche Wandturnierkalender in unseren Campingbus gepinnt habe in den sie alle Ergebnisse eintragen kann. Meist genügt schon ein zwei bis dreimaliges völlig nebensächliches Erwähnen das da doch noch der ein oder andere Eintrag fehlt und schon zückt sie Schreiberling und beginnt ihr Werk.

Das K.O.-System der nächsten Tage vereinfacht das Prozedere. Zu den zweiten Gruppenspielen warst Du natürlich schon im Bett und ich mit Deiner Mutter und dem Fernsehfussball ganz alleine. Spannend ist es schon das Deine Mutter einen gefühlten Großteil Ihrer täglich zu verwertenden 5.000 Wörtern ausgerechnet auf die Zeit zwischen An- und Abpfiff platziert und allerlei weltbewegende Dinge zu besprechen hat.

Vor Freistößen ist grundsätzlich Salat zu waschen, bei Ecken der Einkaufsplan der nächsten Tage zu diskutieren und zu Nachspielzeiten kann man irgendetwas aufräumen, muss man aber eigentlich auch nicht.

Zum Halbfinale sind wir wieder in Düsseldorf und ich mit den Jungs verabredet. Das wissen die zwar noch nicht aber das ist mir jetzt egal. Ich liebe Deine Mutter aber eine Vorrunde reicht. Zum Finale versuchen wir das dann nochmal. Da sind wir nämlich zusammen in Zürich und ich stelle den Fernseher einfach lauter. Dort hast Du nämlich ein eigenes Zimmer und der deutsche Siegesgesang stört Dich dann nicht.