Der 143.-144./ 91.-92. Monat – Ferienfreu(n)de

Die Sommerferien starten dieses Jahr extrem früh, zumindest in Nordrhein-Westfalen, nämlich bereits Mitte Juni. Eigentlich wollten wir Euch beiden zunächst die Weißen Nächte in St. Petersburg zeigen, die jedes Jahr um den 21. Juni an der Newa gefeiert werden und Euch auch endlich mal erlebbar machen wo die Hälfte der Familie ursprünglich herkommt, aber das scheitert leider an dem unsäglichen Krieg den der kleine russische Tyrann aus Moskau im vergangenen Februar angezettelt hat. Visa sind nahezu nicht zu bekommen und die Anreise wäre selbst für unsere Verhältnisse mehr als abenteuerlich. Also schalten wir auf Normal-Urlaubs-Modus – was so viel heißt, es geht nach Korsika.

Eure Mutter protestiert anfänglich noch stärker als vergangenen Sommer und ich glaube, das wird auch wirklich für lange Zeit das letzte Mal, daß wir reif für genau diese Insel sind. Ich meine es bereits das ein oder andere Mal erwähnt zu haben, was gefühlte Wiederholungen für sie bedeuten. Ihr schafft es aber tatsächlich sie zu überreden – versprochen letztmalig – Bastia anzusteuern. Ich bin beeindruckt, finde das Ergebnis aber gut.

Tja, und dieses Jahr halten wir uns für besonders schlau. Wir starten direkt am letzten Schultag um möglichst vor der ersten Stauwelle vorneweg zu fahren, nehmen auf dem Rückweg noch einen Job Eurer Mutter in Konstanz am Bodensee „mit“ wodurch wir uns uns vier Tage am Schwäbischen Meer bescheren, bevor es dann von dort für den Rest der Ferien nach Holland aufs Boot geht. Die Annahme, das sei besonders schlau ist soll sich jedoch als fataler Irrtum erweisen. Zumindest die Idee mit wenig Stau klappt.

Aber der Reihe nach.

Wir nehmen diesmal die Nachtfähre ab Genua und erreichen bereits am Morgen des 23. Juni Eure Lieblingsinsel. Auf dem Campingplatz ist auch fast alles wie immer, diesmal aber dummerweise mit einem kleinen, feinen Schönheitsfehler: Wir sind im Altersheim gelandet. Der Kiz-Club hat noch gar nicht eröffnet und die paar Gestalten aus der Ü70-Riege schlurfen irritiert an uns vorbei. Der Rentner von Gegenüber bringt es dann auf den Punkt: „Was macht ihr denn schon hier – wo sind denn schon Ferien?“ Wir stehen also kollektiv für all die Familien mit Kindern, die man hier sonst in den Sommerferien antrifft. Verdutzt antworte ich „Bei uns.“ Aber auch wirklich nur bei uns. Kurze Recherche bestätigt das Bild vollumfänglich: Kein anderes Bundesland in Deutschland oder Österreich, kein Kanton in der Schweiz, von Frankreich ganz zu schweigen. Lediglich ein paar italienische Provinzen und eben Nordrhein Westfalen haben derzeit Sommerferien und von denen sind wir weit und breit die Einzigen unter 70 Jahren Lebenserfahrung.

Verständlich fragt ihr Euch gegenseitig: „Was machen wir denn jetzt den ganzen Tag“? Und für wen koche ich jetzt jeden Mittag? Unter Nomalbedingungen schleppt ihr gerne jeder zwei oder drei Freunde zur Mittagszeit an. Gut, die Rahmenbedingungen können wir jetzt nicht ändern, also machen wir das Beste daraus und gehen erstmal Richtung Strandbar.

Das Stand-Up-Paddel-Board war eigentlich als Trostpflaster gedacht für die nächste Änderung im diesjährigen Sommerurlaub. Eure Mutter muss nach zwei Tagen auf der Insel jobmäßig nach Frankfurt und ist somit nahezu die komplette erste Woche nicht dabei und fliegt stattdessen Montag früh zurück. Begeisterung sieht anders aus, aber das Board hilft. Allerdings leider nur eine Stunde. Nachdem ihr diese besagte Stunde darauf umher geturnt habt, legt ihr es an den Strand und kümmert Euch um genügend Eisnachschub. Als ihr zurück seit, dauert es keine zehn Minuten und das Board platzt auf der gesamten Länge unter einem ohrenbetäubenden Knall auf. Leo fällt noch das Eis aus der Hand in den Sand. Doppelter Volltreffer sozusagen. Den ersten Tag der Sommerferien stelle ich mir ja irgendwie anders vor.

Keine Freunde weit und breit, Juni 2023, Korsika, F

Die kommende Woche plätschert ohne Eure Mutter so dahin und für den Umstand keine Spielkameraden zu haben schlagt ihr Euch ganz schön wacker. Freitagabend fliegt Supermami weder ein und hat zufällig ein neues Stand-Up-Board im Gepäck. Wer hier heute der unangefochtene Held ist dürfte unstrittig sein. Diesmal fliegt uns das Ding auch nicht um die Ohren, wird aber gar nicht mehr so zwingend gebraucht, da ab Mitte der zweiten Woche immer mehr Kinder eintrudeln und jetzt ist wirklich wieder alles wie immer. Mittags sitzen wieder mindestens sechs Kinder am Tisch und ansonsten tobt ihr mit denen um die Wette.

Nach drei Wochen geht es zurück mit dem Abstecher in Konstanz. Hier stelle ich fest, wie lange ich nicht mehr auf einem deutschen Campingplatz war. Oder besser gesagt auf dem wahrscheinlich deutschesten aller Campingplätze: Nach 22 Uhr wird nicht mehr gespült, der Hund darf sich nur auf bestimmten Wegen fortbewegen und wenn man unverschämterweise zufällig vor der Mittagspause ankommt, zahlt man eine gesonderte Gebühr für eine Frühanreise. Unser direkter Nachbar erzählt freudestrahlend, daß sie nun im zehnten Jahr hierher kommen und die Kinder keine anderen Sommerferien kennen als hier. Ich verstehe weder Kinder noch Vater und flüchte in die Spülküche bevor die um 22 Uhr schließt. Das gefühlte Gefängnis dürfen wir ja glücklicherweise bereits nach vier Tagen wieder verlassen und ich muss Euch beiden fest versprechen, daß wir hier nie wieder hinfahren. Aber sowas von „Großes Ehrenwort“.

Von hier aus dann also nach Holland aufs Boot. Und damit fällt der Rest der Geschichte buchstäblich ins Wasser. Es regnet wirklich nahezu jeden Tag und ich habe noch nie soviel Wasser von oben an Bord erlebt. Wir brauchen auch offenbar erst Schweizer Besuch am Leukermeer um die Umgebung außerhalb des Wassers zu erkunden. Unsere neuen Schweizer Freunde sind ebenfalls hier und Sandra weiss nach zwei Tagen mehr über die ganze Gegend als ich nach vier Jahren, die wir mittlerweile hier ein Boot liegen haben. Unangefochtenes Highlight war dann noch Sarah Sophies Geburtstag. Du hast es doch tatsächlich geschafft mir eine Zustimmung zum Besuch einer Paintball-Anlage aus dem Kreuz zu leiern. Wahrscheinlich macht zu viel schlechtes Wetter etwas prinzipienschwach. Meine pazifistische Grundüberzeugung ist irgendwie weggeschwommen.

Paintball, Juli 2023, Venray, NL

Eure Mutter hat Recht: Nächsten Sommer machen wir alles anders. Garantiert!

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 142./ 90. Monat – Grüezi

Der Wonnemonat Mai ist dieses Jahr wenig wonnig und das Boot immer noch nicht im Wasser, was gleichbedeutend damit ist: Was machen wir am Wochenende? Leo kommt unverzüglich mit dem Fortuna-Spielplan an und weiß natürlich sofort was mit dem Restprogramm der Liga im Mai zu tun ist. Die Gegenliebe zu dieser großartigen Idee seitens Eurer Mutter schenke ich mir jetzt mal an dieser Stelle. Wir belassen es bei den Heimspielen. Und dann sind da ja auch noch die langen Wochenenden die sich immer wieder im Mai tummeln.

Während der Frühlingsferien haben wir auf Kuba eine Schweizer Familie kennengelernt die so ziemlich die gleiche Kindersituation hat. „Unsere Schweizer“ wie sie fortan nur noch genannt werden. Elin ist genauso alt wie Sarah Sophie, Bastian nur ein Jahr älter als Leo und genauso Fußballverrückt wie Du. Nur trägt der eben ein Trikot von den Young Boys Bern, der Rest ist absolut identisch. Die Eltern Sandra und Emanuel sind im positiven Sinne so herrlich „normal“ – was man zur Zeit wirklich gesondert erwähnen muss, schleppt ihr doch nicht selten Freunde an bei deren Eltern ich mir nicht sicher bin ob die jetzt ihre eigene Karikatur spielen oder das alles doch in beängstigender Weise echt ist. Aber das ist ein anderes Thema. Kurzum: das paßt.

Wir freuen uns über Ihre Einladung sie zu besuchen und stellen fest, daß „Auffahrt“ in der Schweiz ebenfalls ein Feiertag ist wie „Christi Himmelfahrt“ bei uns. Der dazugehörenden Brückentag am Freitag hat Sarah Sophie einen beweglichen Ferientag, Leo dummerweise nicht. In den mittlerweile sechs Jahren, die einer von Euch die immer selbe Grundschule besucht, war zwar immer der erste von den beiden Donnerstagsfeiertagen im Mai/ Juni Freitags schulfrei – aber dieses Jahr eben nicht. Ja, man hätte auf den Plan, der bei uns extra über dem Herd hängt gucken können, damit eben genau das nicht passiert. Mein Fehler. Deine Klassenlehrerin hat aber ein Herz für verschusselte Väter und Du bekommst offiziell frei. Geht natürlich nicht ohne Kommentar seitens Eurer Mutter: „Muss offiziell sein? Sind wir heute wieder deutsch?“

Eure Mutter ist die Tage davor sowieso irgendwo in der Schweiz unterwegs, wodurch wir beschließen uns in Basel zu treffen. Ihr beide, der Hund und ich fahren mit der Bahn. Und das ist mit Hund besonders amüsant. Laut DB-App muss man angeblich nur bei den Reiseteilnehmern den Reisenden „Hund“ hinzufügen und dann kostet Emma den halben Fahrpreis. Ist aber alles Theorie, zumindest bei meiner Buchung. Für das Hundeticket darf man gesondert im Reisezentrum am Bahnhof vorstellig werden um ein Wuffoticket zu erwerben. Ja, wir schreiben das Jahr 2023. Aber irgendwann sitzen wir wirklich im Zug, der mit standesgemäßer Verspätung auch irgendwann abfährt. Die addiert sich im Laufe der Fahrt so hoch, daß wir den Schweizer Bahnhof in Basel nicht mehr ansteuern können, da die Schweizer Bahn nur wenige Minuten Verspätung eines deutschen Zuges akzeptiert sonst heißt es schlicht: „Du kommst hier nicht rein.“ Ich frage mich, ob in den letzten Jahren jemals eine Lokomotive der Deutschen Bahn Zürich oder Basel erreicht hat. Praktischerweise hat die Deutsche Bahn in Basel gleich einen eigenen Bahnhof gebaut der in diesen höchstseltenen Fällen angesteuert werden kann. Da ist man sozusagen unter sich. Wie die das dann in Zürich machen ist mir ein Rätsel. Woher ich das alles weiß? DB-Zugbegleiter haben mehr Freizeit als ihre Schweizer Kollegen. Die Züge fahren ja länger und bieten somit Verspätungstraurigen Fahrgästen heitere Geschichten im Vorbeibummeln als Entschädigung.

Thankyou for traveling with Deutsche Bahn.

Ich informiere Eure Mutter folglich uns bitte am Verspätungsbahnhof einzusammeln und rund drei Stunden später als geplant kommen wir da auch an. Aber immerhin kommen wir an. Bahnreisende sollten sich in Demut üben habe ich gehört.

Unsere Schweizer waren erstaunt, als wir ihnen peinlicherweise eröffnen müssen, daß wir – mit der einzigen Ausnahme Skifahren – noch nie in der Schweiz unsere Ferien verbracht haben. Schweiz im Sommer ist für mich: Plakette aufs Auto und in einem Rutsch durch nach Italien. Warum weiß ich eigentlich auch nicht.

Also haben wir dann wohl erstmal das gemacht, was man in der Schweiz so macht, wenn man „das erste Mal“ da ist: Schokoladenmuseum, Käserei zum mitmachen und ganz viel in den Bergen wandern light. Zu mehr taugen rheinische Flachlandspaziergänger nicht, das habe ich von vorne rein klargestellt. Schweizer sind verständnisvoll. Das finde ich gut.

Wir wandern tatsächlich, Mai 2023, Schwarzsee, CH

Und während dieser Tage haben wir dann auch beschlossen, daß unsere Schweizer in den Sommerferien eine Woche nach Holland kommen, wenn wir dort auf dem Boot herumfaulenzen. Sandra möchte unbedingt einmal in einem Wohnmobil Urlaub machen und wir stellen ihnen den Camper zur Verfügung. Sozusagen Camping light.

Es ist im Gespräch das hierfür eine Anreise mit der Bahn erwägt wird. Das finde ich sehr mutig, ich habe nämlich keine Ahnung wie es die holländische Bahn mit der Verspätung aus Deutschland so hält. Ein Schweizer überschreitet doch keine Grenze mit Verspätung, oder?

Grüezi.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 141./ 89. Monat – Eine Insel mit zwei Zielgruppen

In den Frühlingsferien geht es nach Kuba. Da wollten Eure Mutter und ich schon hin als der Comandante noch der Máximo Líder war. Als Ihr mitbekommt, daß es Richtung Karibik geht seit ihr völlig aus dem Häuschen, allerdings ob einer krassen Fehleinschätzung. Sarah Sophie sucht im Internet die Insel nach den schönsten Stränden ab um dabei festzustellen, daß es einen Ort namens Varadero gibt und präsentiert Leo stolz ein All-Inclusive-Hotel neben dem nächsten an zugegeben ganz netten Stränden.

„Da machen wir zwei Wochen All-Inclusive!“ folgerst Du aus deiner Recherche und triumphierst mit Leo gemeinsam, das beste Hotel gefunden zu haben. Ich schmunzele offenbar derart vor mich hin, daß erste Zweifel auf Euren Gesichtern erkennbar sind. „Doch nicht, Papa?“ kommt da etwas kleinlaut fragend aus der Ecke. „Doch, doch wir fliegen schon nach Kuba. Keine Angst. Nur zwei Wochen ausschließlich am Strand hocken wird es wohl weniger.“ Ernüchterung auf der Gegenseite. „Gar kein Strand?“ erkundigt sich Leo vorsichtig. Ich entschärfe die Situation und versichere, daß durchaus einige Strandtage geplant sind, aber eben nicht zwei Wochen ununterbrochen All-In. Dann doch lieber Zahn-OP und Darmspiegelung gleichzeitig. Merkt man was ich von derlei Urlaubsarten halte? Wahrscheinlich schon. Ich erkläre Euch, daß wir wir erst die Insel erkunden werden und zum Abschluss natürlich einige Tage am Strand herumlümmeln.

Leo sieht das reine Grauen am karibischen Horizont aufziehen, wo hingegen Sarah Sophie doch deutliches Interesse anmeldet. Allerdings auch erst, nachdem ich glaubhaft versichert habe, daß wir nicht in einem Reisebus mit dreißig anderen über Land juckeln. Manchmal frage ich mich welche Boshaftigkeiten ihr uns Eltern noch alle zutraut. Es wird natürlich eine Individualtour. Wir basteln gerade mit einer kleinen, aber feinen Reisebude in Berlin an dem Trip.

Und der startet dann auch am ersten April in Havanna. Etwas müde sitzen wir irgendwann mitten in der Nacht bei Mojito auf der Dachterrasse unseres Hotels. Es hat sich selten etwas so richtig angefühlt.

Buenos días desde La Habana, April 2023, Havanna, CU

Nach dem Frühstück holt uns Christina ab um uns die Stadt zu zeigen. Das geht mit Leo bis zum Mittagessen auch halbwegs gut, das angesteuerte Restaurant offenbart dann aber die aktuelle Problematik und die ist genauso simpel wie deprimierend. Du isst im Prinzip drei Sachen: Chicken Nuggets, Wiener Schnitzel und Fischstäbchen. Gemüse ausschließlich Kartoffeln, Blumenkohl und Brokkoli. Brot mit Frischkäse oder Hähnchenfilet. Das wars. Komplett. Am Angebot mangelt es nicht, aber ich gebe zu irgendwann einfach kapituliert zu haben. Die Lösung kommt kurioserweise aus einer jüdischen Tradition und steht direkt vor uns auf dem Tisch des Restaurants: Honig! Rosch ha-Schana ist zwar erst in fünf Monaten und es gibt auch keine Äpfel, aber da bist Du überraschend flexibel. Es gibt Brot, das tunkt sich genauso gut darein. Mittagessen gerettet.

Anschließend hebt sich die Laune der jüngeren Zielgruppe deutlich, denn wir tauschen doofen Stadtspaziergang gegen Oldtimer-Rundfahrt und cruisen in zwei Oldtimern durch Havana. Du hockst dabei die ganze Zeit neben Christina auf dem Rücksitz und sie erzählt Dir hinreißend die Geschichte der vielen Oldtimer. Geht also alles.

Im Oldtimer durch die Stadt, April 2023, Havanna, CU

Der nächste Morgen serviert uns erneut Problemstellung und Lösung in einem. Es gibt natürlich nichts was Leo zum Frühstück in Betracht zieht und die letzten mitgebrachten Bestände hast Du gestern verputzt. Diesmal ist Melone die Rettung. Und zwar in Kombination mit Rührei. Welches Du zwar zu Hause überhaupt nicht magst, aber da stammen die Eier ja auch nicht von kubanischen Hühnern. Wir nehmen es pragmatisch. Brot, Honig und Eier wird es wohl überall geben und Melonen kaufen ab sofort immer wenn wir sie sehen. Das zieht sich übrigens die kommenden Wochen wie ein roter Faden durch unseren Trip. Und das schöne ist: Es funktioniert!

Sarah Sophie hingegen ist völlig glücklich, da wir jeden Tag zweimal täglich in verschiedenen Restaurants sitzen und probiert sich munter durch die kubanische Küche und fragt bereits am zweiten Abend vor dem Blick auf die Karte was es denn gerade nicht gibt. Es ist halt immer noch ein sozialistisches Land. Fündig werden wir immer, aber manchmal wird doch so eine Melone herumzutragen ganz schön schwer auf die Dauer.

Abends hole ich unseren Leihwagen ab und am kommenden Morgen geht es in einem russischen Jeep Richtung Viñales. Es heißt, Benzin ist knapp, was die ewig langen Schlangen an den Tankstellen erklärt, wir aber nichts zu befürchten hätten, denn mit irgendeiner Touristenkarte gibt es dann doch Sprit. Wir beschließen das mal zu glauben, was sich noch als folgenschwerer Irrtum herausstellen wird.

Gasolina? No!, April 2023, Havanna, CU

Kurz vor unserem Etappenziel hält uns ein Polizist an und fragt ob wir nach Viñales fahren. Wir bejahen und werden gebeten jemanden mitzunehmen, da der Bus mangels Benzin nicht fahren kann. Da wir noch einen Platz frei haben sind wir auf den letzten dreißig Kilometer zu fünft. Unser Fahrgast spricht Englisch und stellt sich als Mitarbeiter einer der vielen Tabakfarmen heraus für die das Tal von Viñales so bekannt ist. Nachdem wir ihn abgesetzt haben lädt er uns zu einer Führung über die Farm ein und wir nehmen dankbar an. Da seit ihr beide allerdings völlig außen vor, denn hier gibt es ungefähr zwanzig Hundewelpen im Alter von wenigen Wochen. Die Zielgruppe schwenkt interessensmäßig auf die Vierbeiner um.

Welpen statt Tabak, April 2023, Viñales, CU
Leo möchte gleich zwei mitnehmen, April 2023, Viñales, CU

Auch gut, sagen wir und starten ohne Euch. Nach einer Stunde sind wir zurück und ihr habt euch bereits überlegt wer, welchen Welpen mitnimmt. Das nun anstehende Palaver kann sich wohl jeder vorstellen. Ich kürze ab: nach zwanzig Minuten bin ich eine Persona non grata was auch nicht dadurch besser wird, als ich Euch das morgige Vormittagsprogramm erkläre. Eine mehrstündige Wanderung. Aua! Eltern können grausam sein.

Sarah Sophie schließt als Erste wieder Frieden, nachdem ersichtlich ist, daß die ein oder andere Höhle nur mit gewagtem Klettern zu erreichen ist, womit Du in deinem Element bist. Leo braucht noch bis zum Mittagessen, denn wer in Viñales im Restaurant direkt rechts vom Markt Fajita bestellt, bekommt nicht etwas das erwartete Gericht sondern paniertes und frittiertes Hähnchenfleisch was zu zwei Umständen am Tisch führt. Leo erklärt die Bude zum besten Restaurant der Insel und ich muss nochmal auf die Speisekarte schauen, denn mein Teller steht jetzt vor Dir. Du hast dann zur Sicherheit gleich zwei Portionen inhaliert und ich eine Melone sinnlos im Rucksack bewegt.

„Fajita“ auf kubanisch, April 2023, Viñales, CU

Nächster Tag: Fahrt nach Trinidad. Also zumindest theoretisch. Ab halber Tanknadel klappern wir jede Tankstelle ab, um immer das gleiche zu hören: Gasolina? No! Die angebliche Touristenkarte nützt nix, weil es offenbar wirklich nichts gibt. Auch die Aussicht auf einen höheren Preis hilft absolut nichts. Irgendwo bekommen wir dann doch zumindest zwanzig Liter, die uns aber an der nächsten Tankstelle gar nichts mehr nutzen, denn hier kocht der Kühler über und wir fahren erstmal nirgendwo mehr hin. Ein freundlicher Nachbar der zufällig gerade ebenfalls ausgebremst ist guckt sich das Malheur genauer an und schafft es tatsächlich das Ganze notdürftig zu flicken. Wir beschließen ihn soweit richtig verstanden zu haben, daß wir damit zumindest weiterfahren können.

Somit schaffen wir bis auf eine der Hauptstraßen was mich hoffen lässt. Hier ist dann aber an der nächsten Tankstelle Benzinmäßig wirklich Schluß. Wir telefonieren mit der Reiseagentur in Havanna, die dann wieder mit der Mietwagenfirma, die dann wieder uns anruft und so weiter. Am frühen Abend steht dann tatsächlich ein neuer, vollgetankter Jeep neben uns und wir tauschen die Autos. Mitten in der Nacht kommen wir in Trinidad ein. Mit Ausnahme von Havanna wohnen wir überall in sogenannten „Casa Particulares“, also Privathäusern deren Bewohner Zimmer vermieten. Und in Trinidad erleben wir die Herzlichsten davon. Obwohl wir wirklich mitten in der Nacht ankommen, macht uns die Dame des Hauses noch etwas zu essen und rät das Auto besser nicht auf der Straße stehen zu lassen, wenn der Tank voll ist. Die Garage des Nachbarn bietet da Abhilfe.

So und jetzt auch mal ein dickes Kompliment an Euch beide: Einen halben Tag an einer Tankstelle ohne Aussicht, wann da, und vor allem was nun passiert habe ich mir schlimmer vorgestellt. Respekt! Das solle man auch mal sagen. Dafür streichen wir irgendein geplantes Vorhaben und fahren am nächsten Nachmittag an den Strand. Und zwar mit einem Taxi-Oldtimer. Wir sparen also Benzin. Und das hat überhaupt nichts mit dieser einen Bar am Strand zu tun.

So langsam neigt sich unser Trip dem Ende entgegen oder wir ihr sagt dem großen Finale: Dem Strandhotel in Varadero. Nur noch ein kleiner Umweg über Santa Clara, der „Hauptstadt“ der Revolution. Als ehemaliger, jugendlicher Salonkommunist geht es natürlich nicht ohne das Che Guevara Mausoleum. Aber auch das ertragt ihr noch ganz ordentlich was vielleicht wiederum daran liegt, daß wir hier mit einer Kutsche unterwegs sind und Leo hier die Zügel „selbst“ in der Hand hat und uns umherkurvt. Natürlich nicht ohne entsprechende Kommentare seine Schwester.

Kutscher Leo, April 2023, Santa Clara, CU

Und dann ist es endlich soweit. Der übergroße Touristenbunker liegt vor uns und wir beziehen unsere Zimmer. Fünf Tage Himmelreich oder zu ertragene Notwendigkeit. Je nach Zielgruppe. Am nächsten Morgen habt ihr Freunde passenden Alters gefunden. Die Jungs spielen Fußball, die Mädchen liegen am Pool und die Eltern sitzen nicht selten an der Bar.

So einfach geht glücklich – auch mit ordentlich viel Zielgruppen-Diversität.

Viva la revolución.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 140./ 88. Monat – Eine Weisheit aus drei Punkten

Schon wieder eine Fußballgeschichte? Ich glaube man merkt was zur Zeit bei uns ganz oben steht. Leo hat sich so sehr einmal ein Auswärtsspiel von Fortuna gewünscht und im März 2023 ist es dann endlich soweit. Da natürlich der gesamte Familientross mit muss, basteln wir einen Wochenendausflug um Dein Chanukka-Geschenk vom vergangenen Dezember und landen schließlich zum Ligaspiel bei Jahn Regensburg.

Natürlich redest Du von nichts anderem und nachdem dein Trainer erfährt warum Du am Samstag nicht spielen kannst, gibt er selbstverständlich unverzüglich grünes Licht und Du bist wohl noch nie so glücklich gewesen, bereits Tage vorher genau zu wissen, nicht im Kader deiner Mannschaft zu stehen. Freitag nach der Schule geht es direkt los an die Donau. Zwischenzeitlich seit ihr noch auf die Idee gekommen, doch mit dem Boot auf dem Wasserweg anzureisen, wenn das ausgeguckte Ziel schon an einem großen Fluss liegt. Das kann ich Euch aber mit Verweis auf die Jahreszeit und Fahrtdauer über Rhein, Main und Donau gerade noch ausreden, wenngleich ich die Idee natürlich großartig finde.

Wir fahren also schnöde mit dem Auto. Auf der Fahrt kommst Du unvermittelt auf die Idee, wie es doch wäre, wenn Du ab sofort Fan von Regensburg bist. Ich falle aus allen Wolken. „Wie bitte?“ kontere ich. Aber das scheint dein völliger Ernst zu sein oder ich bemerke einfach nicht wie du mich auf die Schippe nehmen willst. Zu groß ist der Schock und ich frage sehr entrüstet nach: „Ich dachte Du bist Fortune, durch und durch? Das ist man ein Leben lang. Punkt.“ Dann wieder Du: „Papa, das kann sich doch alles ändern. Ich bin jetzt Regensburg-Fan. Schluss aus fertig.“ Ich bin geschockt.

Eure Mutter glättet die Wogen mit der Idee, daß du ab jetzt eben auch Regensburg-Fan bist, aber Fortuna-Fan bleibst und minimiert dadurch die unverzüglich einsetzende Schnappatmung bei mir. Bis heute hatte ich absolut keine Ahnung wieviel Diplomatie in ihr stecken kann. Wahrscheinlich bin ich deshalb so sprachlos.

Wir wechseln zur Sicherheit das Thema und kommen friedlich im Hotel an.

Am kommenden Morgen sind wir nicht die einzigen Rot-Weissen beim Frühstück und bereits vor dem ersten Kaffee erklingt ein sanftes „95 olé“ am Brötchenstand. Alles wieder im Lot und Du erträgst mit weniger Murren als sonst den Stadtspaziergang bevor uns dann Eure Mutter am Stadion absetzt um mit Sarah Sophie auf Shoppingtour zu gehen.

Ab jetzt ist alles wieder auf Leo-Fußball-Normalität angekommen. Du willst bereits während des Aufwärmtraining zusehen und klebst visuell sozusagen an Thiounes Truppe. Ich bin beruhigt und Du begeistert. Ein guter Tag. Der wird dann übrigens noch besser, nachdem deine bisherige Serie auch beim Auswärtsspiel hält. Bis jetzt gewinnt Fortuna jedesmal, wenn wir zusammen im Stadion sind. Das riecht ja eigentlich nach Dauerkarte, oder? Wir jubeln noch ein bisschen und machen uns dann auf den Weg nach draußen um auf Eure Mutter zu warten die uns wieder einsammelt.

Die Serie hält auch auswärts, März 2023, Regensburg, D

Das dauert aber dann doch noch etwas und so finden wir uns wartend am Getränkestand vor dem Stadion zu einer Siegesfanta und einem Hellen ein. Um uns herum nur etwas betrüblich dreinschauende Regensburger mit denen Du in eine rege Analyse der vergangenen 90 Minuten eintauchst. Schwer beeindruckt ist die bayerische Fraktion von Deinem Kenntnisstand was Aufstellungen, vergangene Ergebnisse und Sonstigem des gastgebenden Verein angeht. Das Attest ein absoluter Fußballexperte zu sein wird die mehrfach übertragen, was Dir sichtlich gefällt. Ihr einigt euch darauf, daß Fortuna heute die bessere Mannschaft war und der Sieg somit in Ordnung geht.

Und dann folgt das ganz große Kino. Ein Anhänger des Jahn kommt zu Dir und fragt ob ihr eure Fanschals tauschen wollt. Als Anerkennung für den Sieg. Etwas viel Pathos, aber nachdem ich versichere, daß Dir deine Schwester zum nächsten Spiel bestimmt ihren Schal ausleiht, wird der weihevolle Tausch vollzogen. Du bist schwer beeindruckt und wir ziehen mit deiner „Trophäe“ von dannen um uns abholen zu lassen.

Fanschaltausch beim Jahn, März 2023, Regensburg, D

Am nächsten Tag geht es wieder nachhause und auf der Fahrt haust Du dann endgültig das Diktum des Jahres raus:

„Papa, du hast Recht. Man wechselt nicht einfach so seinen Lieblingsverein. Das macht man einfach nicht. Aber ich sammle jetzt Schals von Fortunas Gegnern. Das ist doch ok, oder?“

„Absolut!“ bestätige ich Dir und im weiteren Verlauf entwickelst Du daraus noch ganz nebenbei eine unumstößliche Weisheit für alle Fußballfans:

„Du kannst Dir drei Dinge im Leben nicht aussuchen: Deine Mutter, Deinen Vater und Deinen Verein!“

Da muss man wohl nichts mehr hinzuzufügen. Es wird eindeutig Zeit für eine Dauerkarte.

95 olé.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 139./ 87. Monat – Kehrtwenden

Der Februar steht ganz unter zwei rheinischen Vorzeichen die in Düsseldorf einfach dazugehören: Fortuna und Karneval. Letzterem kann ich bekanntlich nicht so wahnsinnig viel abgewinnen, aber da in diesem Jahr, nach zwei Jahren Corona-bedingter Absagen, der Rosenmontagszug wieder stattfindet, seit ihr beide nicht zu halten. Wir müssen da hin. Hilft alles nix. Selbst unser elterlicher Versuch Euch die Variante in Nizza erlebnisorientiert schmackhaft zu machen fällt nicht auf fruchtbaren Boden. Das kommentiert Sarah Sophie süffisant mit: „Nicht schon wieder Nizza. Da waren wir schon. Ihr sagt doch immer wir sollen auch neues ausprobieren.“ Das nennt man dann wohl „Klassisch ausgekontert“ womit wir wörtlich betrachtet beim Fußball wären.

Leos Kosmos besteht zu einem gehörigen Anteil aus Fortuna Düsseldorf. Die Liebe zu unserer launischen Diva vom Rhein kann man sowieso nicht erklären, folglich versuche ich das hier auch gar nicht erst. Stattdessen gehen wir lieber ins Stadion und das aktuell sogar dreimal innerhalb von 25 Tagen. Nicht schlecht oder? Die Auswärtsspiele in diesem Monat liegen entweder terminlich oder geographisch derart ungünstig, daß hierfür nur die heimische Leinwand bleibt. Aber auch hier achtest Du peinlich genau darauf, daß wir standesgemäß ausstaffiert im beheimateten Wohnzimmer sitzen. Übrigens sehr zur Freude unserer Nachbarn. Die bekommen jeden Treffer, vor allem aber jede subjektiv wahrgenommene Fehlentscheidung des Unparteiischen live durch die Wand gestreamt. „Papa, das ist kein Ballet. Das muss so laut!“ ist das Zitat des Monats. Auswärts ist aber schon etwas geplant, doch das kommt erst im nächsten Monat. Soviel sei schonmal bekannt gegeben.

Lautstärke bietet natürlich die ideale Überleitung zum Karneval. Der ist ja bekanntermaßen ebenfalls nicht gerade leise. Und hier kommt ihr dieser Tage etwas in die Bredouille, was Wichtigkeit angeht.

Denn neben Rosenmontagszug und Altweiberdonnerstag in Sarah Sophies Schule (das scheint eine in Stein gemeißelte Institution zu sein) gibt es ja noch diverse andere Veranstaltungen. Ginge es nach Sarah Sophie würden wir jedwede karnevalistische Veranstaltung mitnehmen die irgendwie möglich ist. Da macht Eure Mutter gewaltige Luftsprünge, ist doch ihre Begeisterung in karnevalistische Umtriebe noch bedürftiger ausgeprägt als bei mir. Und das ist schwer genug. Es ist schon grotesk anzuschauen wir ihr beide darüber verhandelt ob nun eine Pressekonferenz von Fortunas Cheftrainer im Freizeitranking höher bewertet wird als die Kinderkarnevalssitzung irgendeiner ortsansässigen Folkloretruppe. Was uns rettet: Die meisten Veranstaltungen sind bereits ausverkauft. Eindeutig Vorteil Fortuna.

Besonders auffallend zu beobachten ist in diesen Tagen, daß ihr alles ausschließlich zusammen machen wollt. Es wird sich ausgiebig Bruder-/ Schwesterlich gezankt aber getrennt agieren geht überhaupt nicht. Doch genau das funktioniert gleich am ersten Ligaspiel des Monats nicht. Wir haben drei Karten gekauft aber ein paar Tage vor dem Spiel flattert Sarah Sophie die Geburtstagseinladung einer Klassenkameradin ins Haus. Jetzt gilt es sich zu entscheiden. Leo versucht dich selbstverständlich auf Fortunas Seite zu ziehen. Und zwar mit allen Mitteln. „Zum Geburtstag kannst Du immer. Ist sie denn überhaupt deine Freundin? Man darf keinen Stadion-Platz freilassen.“ sind noch die höflichen Vorhaltungen. Sarah Sophie weiss nicht wirklich was sie machen soll. Aber irgendwann kommt dann der „Papa, ich hab da mal ne’ Frage“-Blick und ich kann mir schon denken was nun kommt. Natürlich, ganz kleinlaut deutest Du darauf hin, daß Du schon ganz gerne zur Geburtstagsfeier gehen möchtest. Nachdem ich Dir versichere, daß ich von nichts anderem ausgegangen bin und das auch völlig in Ordnung geht kann man Dir die Erleichterung sichtlich anmerken. Du hast dir scheinbar wirklich Gedanken gemacht. Das finde ich respektvoll und wir kaufen das Geschenk.

Leo ist knurrig und bemerkt bockig: „Und was machen wir jetzt Bitteschön mit Ihrer Karte?“ Ich schaue Dich einigermaßen erstaunt an und frage: „Was schlägst Du vor?“ Keine Reaktion, außer einem Grummeln und einem unverständlichem „Was will sie nur auf dem doofen Geburtstag?“ Ich bin wirklich erstaunt, aber das naheliegende fällt dir partout nicht ein. Du bist viel zu sehr damit beschäftigt auf Deine Schwester sauer zu sein und verkrümelst Dich in dein Zimmer.

Ich werfe dann einfach mal ein „Wir könnten ja einen Deiner Fußballfreunde mitnehmen?“ in den Raum. In Lichtgeschwindigkeit stehst du wieder vor mir und vergewissert dich, daß das auch wirklich möglich ist. Ich bestätige vollumfänglich. Meinungskehrtwende um 180 Grad mal eben hingelegt. Nicht schlecht. „Sarah Sophie, viel Spaß beim Geburtstag?“ trällerst Du in Richtung schwesterliches Zimmer.

Wir überlegen nun wen wir mitnehmen. Und das stellt sich als gar nicht so einfach heraus. Da wird entweder tagelang überlegt ob der Sohnemann schon ins Stadion darf, und was da alles passieren kann (ja das war die Biodeutsche Fraktion) oder irgendein Opa hat Geburtstag oder die Ausreden sind so hanebüchen das ich irgendwann nicht mehr nachfrage. Ich möchte doch nur eine Eintrittskarte verschenken.

Eure Mutter löst das Ganze pragmatisch auf: „Mit wem spielst Du in der Schule immer Fußball?“ Antwort: „David“ „Super, ich rufe die Mutter an. Das sind Russen, die haben kürzere Entscheidungswege.“ Stimmt und am Samstag sitzen Leo, David und ich im Stadion und es ist gar nichts passiert. Außer das Fortuna gewonnen hat und ich zwei begeisterte Jungs etwas heiser jeweils zu Hause abliefere.

Nur wir beide bei Fortuna – das war mal, Februar 2023, Düsseldorf, D

Tja, und die nächsten Spiele hast Du zur Sicherheit gleich zwei deiner Freunde mit ins Stadion geschleppt. Sarah Sophie hatte nämlich an allen Spieltagen immer schon etwas anderes vor.

Das war Dir dann wohl zu unsicher.

„Was interessiert mich mein Gequatsche von vor fünf Minuten.“

Zum Rosenmontagszug hat dann Sarah Sophie aber nicht nur eine Freundin, sondern ebenfalls auch Dich mitgenommen. Das nennt man wohl ausgleichende Gerechtigkeit.

Helau und 95 Olé

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 137.-138./ 85.-86. Monat – Snowboard

Winterferien = Ski- und Snowboard. Sarah Sophie ist altersbedingt mit Ski- und Snowboardkursen durch, Leo ärgert sich zwar immer noch, daß ich ihm auf Skiern davonfahren kann (wenn ich will), ist aber ebenfalls absolut sicher auf zwei Brettern. Völlig selbstverständlich gehen Eure Mutter und ich davon aus, daß folglich in den nun anstehenden Winterferien das Projekt „Leo & Board“ in Angriff genommen wird.

In Neustift am Stubaier Gletscher angekommen steuern wir die Ski-/ Snowboardschule unseres Vertrauens an und erleben das sprichwörtliche blaue Wunder, wie man so schön sagt: Du hörst dir alles brav an und als es zur Anmeldung geht guckst Du erst uns, dann die Dame hinter der Theke an und sagst schlicht und einfach, aber beherzt: „Nein!“

Ich frage nach: „Wie nein? Warum?“

Was nun folgt ist eine mehrminütige Einlassung deinerseits, daß Du so gerne nur mit mir Skifahren möchtest, Snowboard sowieso doof ist und die dazugehörige Schule schon gleich gar nicht frage kommt. Wir verstehen absolut nichts mehr. Die verkaufende Fachkraft zieht geeignetes Bildmaterial zur Überzeugung heran dessen Betrachtung wirkungslos verpufft. Deine Mutter malt mit der ihr eigenen, dezent-rücksichtsvollen Art das anstehende Gelächter deiner Schwester an die virtuelle Wand, welches wohl zu erwarten sein dürfte, wenn sie, eloquent mit geschultertem Board, an Dir vorbei spaziert. Aus dem hinteren Bereich trällert Sarah Sophie schonmal ein „Der Leo kann nicht boarden, der Leo kann nicht boarden, usw.“ Wir erreichen die nächste Eskalationsstufe. Eine weitere Fachkraft betritt die Szene und reicht Bewegtbildmaterial zur Entscheidungserleichterung an die Hand. Keine Chance. Du wirst lauter, aber nicht geneigter. Nun stelle ich einfach mal die kühne Frage in den Raum warum Du denn zwingend Snowboard lernen musst, wenn Du nicht willst?

Abrupte Totenstille im Raum. Die Fachkräfte schauen sich fragend an, wir schauen uns und dann die Fachkräfte an, bevor Eure Mutter zum Rundumschlag ausholt. „Natürlich lernt Leo boarden. Was ist denn das für eine Frage? Nur Ski, wie oldschool, uncool?“ Dann folgt der übliche sprachliche Klingklang über die nützlichen Notwendigkeiten bestimmter Freizeitaktivitäten. Ich beschließe: der Hund muss mal raus und verlasse das absurde Theater.

Nach zehn Minuten kommt ihr drei ebenfalls heraus und der einzig Glückliche scheint Leo zu sein, da offenbar kein Kurs gebucht ist. Kopfschütteln bei Eurer Mutter und Sarah Sophie. Wer Eure Mutter kennt, weiß wie sie derzeit innerlich auf Höchstniveau brodelt. Hier trifft gerade absolutes Unverständnis auf tiefstes Niederlagenempfinden. Sie nimmt sowas immer so persönlich. Wir einigen uns diplomatisch, daß das ja alles auch noch nächstes Jahr stattfinden kann und kaufen die Skipässe. Denn die brauchen wir ja sowieso, egal womit man nun den Berg heruntergleitet.

Die nächsten Tage ist absolutes Kaiserwetter, was dazu führt, daß die Leidensfähigkeit Eure Mutter auf eine weitere Probe gestellt wird und das geht dann so: Der Hund ist ja nun dabei, was zwangsläufig bedeutet, daß wir nicht alle gleichzeitig fahren können. Zumindest nicht bis Eure Großeltern eintreffen. Die haben sich hier auch wieder eingemietet, kommen aber erst in ein paar Tagen und reisen auch früher ab. Konkret: Wir bleiben zwei, sie eine Woche. Sarah Sophie hat solange herum verhandelt und hochgelobt auch alleine auf Emma aufzupassen bis wir schließlich eingewilligt haben Emma nicht in eine Hundepension zu geben.

Also wenn ich so ganz, ganz ehrlich bin, hast Du das nur bei mir verhandelt, da Eure Mutter der Hundemitnahme kategorisch ablehnend gegenübersteht.

Am ersten Tag fahren Leo und ich alleine, am zweiten wechseln wir uns oben auf dem Berg ab und jeder hockt halt mal mit Emma vor der Glühweinbude. Bereits an Tag zwei steht fest: Dieser Zustand ist kein zu wiederholender. Mehrfach fragt Eure Mutter bei Leo nach, wie die Stimmungslage im Snowboardbereich aktuell angesiedelt ist, bekommt allerdings stets die gleiche Antwort. Es dürfte klar sein welche.

Zusammenfassung: Tagelang traumhaftes Wetter, nicht sinkendes Unverständnis im Mutter-Sohn-Bereich und ein Eintreffen der Großeltern die die ganze Szene überhaupt nicht verstehen.

Nach dem fünften Skitag ist Leo derart außer Puste, daß er nach dem Mittagessen eine Auszeit haben möchte, die er im gleichen Liegestuhl wie Eure Mutter begeht. Sarah Sophie und ich fahren zusammen und im Lift erkundigst Du dich, warum Leo den so „platt“ ist. „Keine Ahnung, warum, vielleicht war dreimal Gipfel-/ Talstation direkt hintereinander zu viel für ihn?“ entgegen ich etwas überheblich, innerlich hoffend Du merkst mir nicht an wie mir jeder einzelne Knochen weh tut und ich meine Oberschenkel überhaupt nicht mehr spüre. Klappt glücklicherweise und ich bin keineswegs abgeneigt als du vor der Abfahrt noch einen Kakao trinken möchtest.

„Weis Leo eigentlich, daß Snowboardschule am Anfang gar nicht so anstrengend ist?“ fragst Du mich. „Ja, habe ich heute das ein oder andere Mal erwähnt.“ erwidere ich. Wieder Du: „Ich verstehe ihn nicht.“ Damit belassen wir es und fahren talwärts.

Dort angekommen sind Eure Mutter und Leo bester Laune und berichten freudestrahlend, das Leo ab morgen einen Privatlehrer hat und in der zweiten Woche für den regulären Snowboardkurs angemeldet ist. Sie kommen gerade von der Skischule. Die haben hier oben praktischerweise eine Dependance. Eure Mutter grinst über beide Backen und verrät uns, daß Leo ganz alleine auf die Idee gekommen ist jetzt doch Snowboard zu lernen.

Und dafür bin vor allem ich Dir zutiefst dankbar, mein Sohn. Einen weiteren Tag hätte ich diese Ochsenkur hier nicht mehr ausgehalten.

Abends frage ich dann mal vorsichtig bei Eurer Mutter nach, warum denn jetzt auch noch ein Privatlehrer vorweg gebucht werden muss und da bin dann ich mal sprachlos: „Das fragst Du mich? Wenn Du solange brauchst um ihm das Skifahren zu vermiesen, muss er doch jetzt in zwei Tagen den ganzen ersten Kurs aufholen! Meinst Du ernsthaft ich hätte Euch freiwillig jeden Tag so lange fahren lassen? Er war doch jeden Abend völlig fertig.“

Snowboard mit „Hindernissen“, Dezember/ Januar 2022/ 2023, Stubaier Gletscher, A

Und ich lege gesteigerten Wert darauf: Hier war nix abgesprochen, obwohl Eure Mutter zugibt „Das war eine extrem gute Idee!“

Hals und Beinbruch, kleiner Mann.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 136./ 84. Monat – Kiel oder Calais

Der 1. November fällt diesmal auf einen Dienstag und erstaunlicherweise haben Eure beiden Schulen den Montag davor zu einem beweglichen Ferientag deklariert. Ein langes Wochenende steht uns somit ins Haus und das bedeutet natürlich einen Ausflug. Leo möchte am liebsten nach Kiel, da hier seine heißgeliebte Fortuna bei Holstein Kiel gastiert und am Samstag ein Ligaspiel zu absolvieren hat. Keine schlechte Idee finde ich, aber für Eure Mutter zählen Ausflüge innerhalb Deutschlands ja nicht so richtig und wer will schon im November an die Ostsee? Sarah Sophie ist das Ziel egal, solange wir nur im Hotel übernachten. Hotels stehen momentan sehr hoch im Kurs, da ihr Frühstücksbuffets für Euch entdeckt habt. Wahrscheinlich als emanzipatorisches Gegengewicht zum langweiligen Frühstücksalltag zuhause, wo man ja immer nur elterliche Vorgaben vorgesetzt bekommt. Fakt ist, im Hotel futtert ihr etwa die dreifache Menge im Vergleich zum spartanischen Mahl zuhause. Oder es ist einfach gerade „cool“ – wie auch immer.

Es ist dann die französische Kanalküste geworden und wir starten Freitag nach der Schule in Richtung Calais. Hotel unterwegs noch gebucht und alles scheint gut. Aber nur bis zum nächsten Morgen. Wir haben ein schnuckeliges, kleines Hotel in einer Seitenstraße erwischt in dem wir die einzigen Gäste beim Frühstück sind. Jeder der schonmal in Frankreich war weiß wohl, was mit „Petit déjeuner“ gemeint ist und ihr beide jetzt auch. Der kindliche Tagesbeginn-Super-Gau. Nix mit Buffet. Baguette, Butter und Marmelade. Fertig. Ihr habt definitiv noch nie so irritiert geguckt. Das gefühlte Nichts vor Eurer Nase erschüttert vor allem Leo nachhaltig. „Ist das alles?“ fragst Du mich mit enttäuschter Stimmlage und uns Eltern wird schlagartig bewußt, das ihr natürlich überwiegend die Business-Herbergen Eurer Mutter kennt und die sind meistens etwas opulenter ausgestattet als Madame Dechamps 6-Zimmer-Butze mit dem windschiefen Dach. Sarah Sophie setzt aber noch einen drauf und erklärt Leo in jovialer Art die Unterschiedlichkeit der französischen Hotellerie unter gesondertem Augenmerk der Frühstückssituation. Und zwar genau in der Tonlage. Derart eloquent, als hättest Du bereits dutzende Male entsprechend logiert. Hilft aber auch nicht weiter und Leo kommentiert das genauso knapp wie treffend:

„In Kiel wäre das alles nicht passiert.“

Die Notlage kann aber dann doch noch gemildert werden. Und zwar von Eurer Mutter höchstpersönlich. Sie zaubert einige dieser kleinen Nutella-Päckchen hervor, die sie vergangener Woche aus irgendeinem Hotel ausgeliehen hat und rettet damit die größte Frühstücksnot für die nächsten Tage.

Doch die nächste elterliche Verfehlung lässt nicht lange auf sich warten. Die Wahl des diesmaligen Reiseziels rührt nämlich daher, daß Eure Mutter während eines Trips im Mai diesen Jahres nach Dunkerque eine ansehnliche Sammlung dieser kleinen Infozettelchen mit Ausflugszielen der näheren Umgebung, die in jedem französischen Hotel und Campingplatz bereitstehen, gesammelt und jetzt tatsächlich dabei hat. Nachdem wir vor dem ersten mittelalterlichen Dorf mit angegliedertem Vergnügungspark sprichwörtlich vor verschlossenen Toren stehen, checken wir die anderen Lokalitäten online um festzustellen, daß wirklich gar keine Idee der Zettelwirtschaft um diese Jahreszeit geöffnet hat. Erst das fehlende Frühstück und jetzt auch noch das.

Was können Eltern eigentlich noch alles falsch machen. Ihr guckt ziemlich belämmert und Leo fragt vorsichtshalber nach, wie weit es denn von hier nach Kiel sei. Zu weit bis Anpfiff und ich verspreche Dir, das besagte Spiel in irgendeiner Bar auf dem iPad gucken zu können. Das habe ich nämlich nicht zufällig dabei. Damit traut ihr uns ab sofort wieder mehr elterliche Kompetenzen zu.

Fortuna gucken geht überall, November 2022, Calais, F

Apropos Kompetenzen: Es nähert sich der Spielbeginn und überraschend verabschieden sich die Damen zur Shoppingtour während Leo und ich auf geeignete Barsuche gehen. Aus der Bar ist dann die Strandpromenade direkt neben einem mobilen Eiscafé geworden. Ja, hier scheint wirklich die Sonne und die Temperaturen sind durchaus noch auf Eisdielen-Niveau. So richtig schlecht geht es uns gar nicht und wir decken uns an besagter Bude „Spielfertig“ ein. Es scheint alles nicht mehr so furchtbar zu sein. Fortuna gewinnt freundlicherweise, Leo verputzt zwei große Eis und Sarah Sophie trudelt mit Einkaufstüte ebenfalls glücklich grinsend ein.

Der Drache von Calais, November 2022, Calais, F

Am nächsten Tag geht es zum Drachen, der hier auf der Uferpromenade Feuer spuckt und euch auch zu einem „Ritt“ einlädt. Calais ist ab sofort gar nicht mehr so schlimm und die französischen Frühstücks-Freveltaten sind Geschichte.

Drachenritt, November 2022, Calais, F

Bis auf eine Kleinigkeit, die hier Leo jeden Morgen einfach erwähnen muss:

„In Kiel wäre das alles nicht passiert.“

Und weist Du was, das probieren wir einfach mal aus. Das nächste Auswärtsspiel an der Ostsee ist im Mai. Da gibt es dann aber auch gar keine Argumente dagegen. Frag mal Deine Mutter.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.