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Im Oktober zieht Euer Opa bei uns ein. Nicht ganz freiwillig, aber nach drei Wochen Krankenhaus kann und soll er nicht alleine wohnen. Leo räumt unter – verhaltenem anfänglichem – Protest sein Zimmer, sagen wir mal zur Hälfte, jedenfalls steht jetzt Opas Bett hier und Du findest Dich des Nachts entweder im Zimmer Deiner Schwester wieder oder bei uns im Schlafzimmer, je nach Lust und Laune.

Zurück zu Opas Einzug: Der muss nämlich auch zeitnah schon wieder temporär ausziehen, da die Herbstferien unmittelbar vor der Tür stehen und wir bereits am letzten Schultag nach Israel fliegen. Ich bin erstaunt, was es da so alles für Möglichkeiten gibt und auch Eurer Opa ist der Idee einer sogenannten Kurzzeitpflege absolut aufgeschlossen. Somit fahre ich Euren Opa in seine Teilzeitbleibe, den Hund zu Katja und uns ein Taxi zum Flughafen.

In Tel Aviv landen wir wieder mitten in der Nacht und starten mit einem kurzen Abstecher am Toten Meer zu einer Kamelfarm im Negev. Das ganze fühlt sich schon ein bisschen nach Déjà-‍vu an. Exakt zur gleichen Zeit im letzten Jahr waren wir hier sozusagen „ums Eck“ auf einer Alpakafarm, aber das tut Eurer Begeisterung für die diesjährigen Kamele wenig Abbruch, vor allem nachdem ich Euch eröffne, daß es nach der Übernachtung in dem Kameldung durchdrungenem kleinem Häuschen unmittelbar neben der Herde selbstverständlich auf einen zünftigen Ausritt auf den Wüstenschiffen geht. Da verzeiht ihr mir sogar das – sagen mir mal – spannende Abendessen unterm Baldachin.

Haben wir am nächsten Tag Wüste und Kamele abgearbeitet geht es endlich zu Sarah Sophies langgehegtem Herzenswunsch. Wir fahren nach Eilat am Roten Meer. Davon redest Du seit Monaten in einer Weise, daß mir die Dringlich- und Wichtigkeit wahrhaft nicht verborgen bleibt. Woher diese Begeisterung im Ursprung eigentlich kommt lässt sich nicht wirklich ergründen, ihren Höhepunkt erreicht sie aber sicherlich nachdem ich Dir eröffne was Dich hier erwartet. Wird hier zeitig genug aufgestanden und weiß wo man wo, besteht die Möglichkeit mit Delphinen in freier Wildbahn zu schwimmen. Ich kenne mittlerweile diverse Gefühlsausbrüche und Freude über alles mögliche bei Dir, aber diese Aussichten stellen alles bisher dagewesene in den Schatten. Am frühen Abend kommen wir am Südzipfel Israels an und unser Vermieter betreibt nicht nur ein kleines nettes Hotel sondern auch eine Tauchschule und kennt den begehrten Spot um Flippers Freunde. Es kommt einem Wunder gleich, daß Du überhaupt einschlafen kannst – noch erstaunlicher ist es aber, Dich morgens um fünf Uhr freiwillig wieder aus dem Bett heraus hüpfen zu sehen. Zu Schulzeiten wecke ich Dich mehr als eine Stunde später und das ist nicht selten ein sprichwörtliches Drama. Aber gegen Delphine wirkt natürlich auch ein bildungsmahnender Vater eher blaß – dessen bin ich mir durchaus bewusst. Jedenfalls sitzen wir keine halbe Stunde später inklusive Frühstück-Picknick-Körbchen im Auto und kurz darauf an einem wenig einladendem Strand. Wir scheinen aber richtig zu sein, da nicht alleine. Und tatsächlich tauchen die markanten Rückenflossen in unfassbarer Nähe zum Strand auf. Du bist nicht mehr zu halten und schnorchelst mit Deiner Mutter munter drauf los. Und bereits beim ersten Anlauf klappt es auch tatsächlich und Dein großer Wunsch geht in Erfüllung. Ich habe Dich definitiv noch nie so begeistert gesehen. Das das Ganze im morgendlichen Halbdunkel stattfindet macht das Prozedere noch eine Spur abenteuerlicher. Leo ist ebenfalls völlig aus dem Häuschen, obwohl er dem Spektakel lediglich mit mir zusammen vom Strand aus zuschaut – was Dir aber offenkundig auch völlig genügt. Sarah Sophies Grinsen hält jedenfalls den ganzen Tag an – kann aber prinzipiell auch gar nicht abnehmen, da Eure Mutter noch ein Highlight aus dem Hut zaubert. Am Migdalor Beach befinden sich die ersten Korallenbänke in unmittelbarer Nähe zum Ufer und die Fischvielfalt in allen Farben und Größen ist beeindruckend. In welchem Element ihr beide den Tag verbringt bedarf wohl keiner gesonderten Erläuterung. Drei Tage Eilat verstreichen in Rekordgeschwindigkeit und ich bringe jeden Abend zwei überglückliche Kinder ins Bett. Eltern mit Meerestier-affinem Nachwuchs garantiere ich hier berauschende Kindertage. Seitdem steht – zumindest für Sarah Sophie – unverrückbar fest wohin die Reise in den nächstjährigen Herbstferien zu gehen hat. Das wiederum stößt bei Eurer Mutter allerdings auf konsequent wenig Gegenliebe, da für sie bereits zwei Jahre in Folge, gelangweilte Ewigkeiten darstellen – von dreien ganz zu schweigen. Ich gehe davon aus, Du denkst bereits über geeignete Strategien nach.

Ein paar Tage später eröffnest Du deinerseits ganz nebenbei den nächsten Höhepunkt der Ferien. Valerie aus der besten Freundinnen-Riege der Schule ist aktuell ebenfalls auf Ferienreise in Israel. Selbstverständlich belatscherst Du uns erfolgreich hier entsprechend Kontakt aufzunehmen. Valerie hat, neben einer älteren Schwester, auch noch einen passenden kleinen Bruder in Leos Alter und es ist klar, mit wem wir den ein oder anderen Strandtag in Tel Aviv verbringen. Ab jetzt hast Du einen brüderlichen Verbündeten für die „Israel-2020-Strategie“. Leo und Jonatan sind bereits am ersten Tag die dicksten Freunde und Eure Mutter erwähnt vorsichtshalber ab sofort täglich mehrfach ihre alternativen Ferienpläne.

Tja und das nächste Argument steuert sie auch noch Eigentormäßig selbst bei. Wie derzeit jede Großstadt läßt sich auch Tel Aviv auf hippen E-Scootern erfahren. Dies, die ungemeine Gelassenheit israelischer Polizisten im Umgang mit Eltern-Kind-Besetzungen auf den Rollern, gepaart mit der Begeisterung Eurer Mutter für jeden Mobilitätsblödsinn lässt selbstverständlich keine Frage offen wir wir täglich durch die Stadt kommen. Ich gebe aber zu mich ebenfalls nicht wirklich dagegen zu wehren. Man soll sich ja der einheimischen Urbankultur anpassen. Für Euch beide sind die lustigen Gefährte ausschließlicher Bestandteil derselbigen – spätestens nachdem ich Euch versichere bei der deutschen Polizei weit weniger Akzeptanz dafür zu finden. Unumstößlich steht fest: Das darf man nur in Tel Aviv, Basta! Nach drei Tagen hat uns Sarah Sophie soweit, daß Du – zumindest auf dem Radweg am Strand – sogar alleine fahren darfst. Auch das irritiert die heimischen Ordnungshüter in keiner Weise – hier herrscht eben eine andere Gefahrengewichtung. Den kurzen Aufenthalt im Krankenhaus um Sarah Sophies Kinnwunde infolge einer böswilligen Bordsteinkante zu behandeln geht familienintern als Kollateralschaden durch und wird hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Herbstferien = Israel reloaded, Oktober 2019, Tel Aviv, IL

Nun sitzen wir im Flieger zurück nach Hause und besprechen gewiss rein zufällig nächstes Mal ein paar Tage länger in Eilat bleiben zu wollen. Denn dann kann Leo ja auch schon schwimmen und die Delphine warten sozusagen nur auf Dich.

Dein Schwimmkurs startet übrigens nächste Woche. Aber das ist bestimmt reiner Zufall und noch gar nicht Bestandteil der „Israel-2020-Strategie“.

Das heißt bei Leo dann: „Wir gucken mal!“

Geschrieben in Warschau, Woiwodschaft Masowien, Polen.

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Der September besteht gefühlt ausschließlich aus Geburtstagen. Sämtliche Freundinnen und Freunde von Sarah Sophie scheinen jetzt Geburtstag zu haben oder feiern zumindest in diesem Monat. Dein eigener Geburtstag fällt wie immer mitten in die Sommerferien und dort möchtest Du verständlicherweise nicht feiern, da dann natürlich die Gästemenge urlaubsbedingt einer Selbstregulierung unterliegt die es zu verhindern gilt. Also lädst Du zum 1. September auf die bekannte Ponywiese und wir verbringen den ganzen Tag zwischen Smarty, Percy und Co und der Geburtstagsmarathon ist damit eröffnet. An den kommenden Wochenenden schaffst Du in Spitzenzeiten bis zu drei Kindergeburtstage an zwei Tagen und Deine Mutter und ich versuchen uns nicht anmerken zu lassen, daß wir die Wochenende bei bestem Spätsommerwetter vielleicht lieber woanders verbringen würden. Zumindest das letzte Wochenende des Monats bleibt frei und hier fangen dann auch schon die jüdischen Feiertage an, die bekanntlich nahezu alle im Herbst innerhalb von sechs Wochen angesiedelt sind. Los geht es mit RoshHaschana (Neujahr im jüdischen Kalender) was uns ein langes Wochenende beschert, denn Montag und Dienstag sind Schule und Kindergarten geschlossen. Da freundlicherweise an diesen niemand Geburtstag hat und Eure Mutter einen Kunden im Münchner Umland zu versorgen hat, heißt das im Hause Reichmann zwangsläufig Kofferpacken.

Vorher ist aber noch Carlos, unser neuer Familienhund, unterzubringen. Der ist durch eine nicht so schöne Geschichte bei uns gelandet. Meinem Vater ist leider genau das passiert, was ich ihm immer vorausgesagt habe: Er ist in seinem Haus gestürzt, konnte sich nicht selbst behelfen und ich habe ihn – entfernungsbedingt – erst viel zu spät gefunden. Er liegt im Krankenhaus und daher ist der Hund bei uns. Die vorangegangene, monatelange Überzeugungsarbeit – er solle sich eine Wohnung bei uns um die Ecke nehmen – ist leider fruchtlos geblieben. Zukünftig wird er erstmal bei uns einziehen, aber das ist wird dann mal eine andere Geschichte.

Ich bin erstaunt wieviele Hundepensionen es in und um Düsseldorf herum gibt. Carlos quartieren wir in Marions Tierparadies auf einen Bauernhof im Umland ein und starten in Richtung München. Da dort derzeit das Oktoberfest über die Bühne geht, entscheiden wir uns für einen Campingplatz außerhalb der Stadt mit S-Bahn-Anschluß wodurch Leo völlig aus dem Häuschen ist. Alternative Verkehrsmittel sind gerade hoch im Kinderkurs. Auf der Hinfahrt zählst Du mehrfach auf wie wir uns vor Ort bewegen und bist begeistert das S- und U-Bahnen zum Repertoire gehören. Eine Begeisterung die Eure Mutter – sagen wir mal umsichtig – vielleicht im theoretischen Kern noch teilt, sich aber ansonsten trotzend-tapfer in ihr bevorstehendes Bimmelbahn-Wochenende fügt.

Und da gibt es natürlich noch eine Hürde zu überstehen: Euch beiden bleibt nicht ganz verborgen was denn dieses Oktoberfest eigentlich ist und an einem solchen Riesen-Rummel vorbeizukommen wenn man Euch im Schlepptau hat ist ein eher unsinniges Unterfangen. Nach Dom im Norden also jetzt Wiesn im Süden. Ich erwähne sicherheitshalber bei Eurer Mutter, daß der Hamburger Dom auch irgendwann im Winter stattfindet und bin froh das es dann weder Feiertage, noch Norddeutsche Kundentermine gibt. Wir scheinen somit im Volksfestfinale des Jahres einzulaufen.

Bestes Wiesnwetter, September 2019, München, D

Samstag shoppen sich die Damen gemütlich durch die Münchner Innenstadt bevor es dann am Sonntag bei strahlendem Sonnenschein auf die Theresienwiese geht und Euer ganz persönlicher Kirmes-Contest „Nord gegen Süd“ beginnt. Es ist brechend voll, aber das stört Euch beide überhaupt nicht. In Punkto Bewegungsfreiheit geht der erste Punkt ganz klar an den Norden, aber die Achterbahndichte lässt München wieder ausgleichen. Sarah Sophie ist nicht mehr zu halten: Loopings und Geschwindigkeiten können derzeit nicht groß, lang und wild genug sein, wodurch ich eine dauergrinsende Achtjährige an der Hand halte. Selbst die langen Wartezeiten nimmst Du billigend in Kauf und ihr beide guckt auch nur einmal zutiefst betrübt, als wir Euch eröffnen, daß bei drei Fahrgeschäften pro Nase Schluss ist und Sarah Sophie mich auch erstaunlich nur auf vier hoch verhandelt. Nein, Autoscooter zählen – wie immer – nicht dazu, die gibt es on top. Das ist eine geheime Konvention zwischen Euch und mir, da Sarah Sophie schon vor Jahren herausbekommen hat, daß ich auf einem Rummel problemlos an allem was fährt und fliegt vorbeigehen kann. An allem – bis auf Autoscooter. Eure Mutter wundert sich übrigens über dieses ungeschrieben Zusatzprotokoll immer wieder. Worüber wir uns wiederum immer wundern.

Leos aktueller Favorit solcher Veranstaltungen ist das gemeine Riesenrad in allen Größenordnungen. Das finde ich für eine Dreijährigen auch völlig logisch, denn so verschaffst Du Dir eben einen allumfassenden Überblick. Das ist für Eure Mutter natürlich alles viel zu langsam und so verwundert es kaum, das die Damen im Looping auf dem Kopf stehend umher rasen und die Herren gemütlich von oben herabschauen. München liegt einen Punkt vorn. Es gibt eindeutig mehr Riesenräder. Der Rest geht für Karussells und Geisterbahnen drauf. Beim Kettenkarussell pocht Leo aber vehement darauf zur Hamburger Version zu wollen und es wird wohl immer Dein kleines, feines Geheimnis bleiben, warum. Jedenfalls verlassen wir mit einem eindeutigen Unentschieden die Wiesn.

Auf der S-Bahn-Fahrt zurück mosert Eure Mutter übrigens die ganze Zeit darüber, daß Sarah Sophie den angeblich nicht verhandelbaren Autoscooter gegen eine weitere Achterbahn getauscht hat und sie bei dieser Fahrt im Übrigen noch nicht mal dabei war.

Aber ich erwähnte ja bereits wie ungern sie S-Bahn fährt.

Geschrieben in Tel Aviv-Jaffa, Bezirk Tel Aviv, Israel.

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Am 31. Juli verabschiedet sich Leo aus seinem „kleinen Kindergarten“ um gegen Ende August – etwas widerwillig – seine Karriere im „großen Kindergarten“ zu starten. Das sollte selbstverständlich, ebenso wie bei Sarah Sophie, der Waldkindergarten sein. Anmeldung und Platzzusage haben wir erfolgreich hinter uns gebracht, als dann irgendwann über Umwege die skurrilsten Nachrichten aus dem Wald bei uns eintreffen. Das Ganze ist eine Elterninitiative, deren maßgebliche Ausrichtung und Funktionsweise von dem jeweils gewählten Vorstand aus der Elternschaft bestimmt wird. Das weiß ich noch aus eigener Erfahrung, da ich zu Sarah Sophies Zeiten zwei Jahre daran beteiligt war und fleißig mitgewerkelt habe. Das macht viel Spaß, aber zugegeben auch etwas Arbeit, die sich lohnt, da ich zu einhundert Prozent von der Idee Waldkindergarten überzeugt war und bin. Und genau das tut der aktuelle Vorstand auch, allerdings in äußerst interpretativ-pädagogischer Auslegung. Als erstes bekommt die langjährige Kindergartenleitung sozusagen den Stuhl vor die Tür – beziehungsweise vor den Wald – gesetzt und wird fristlos gekündigt, dann werden mal eben elementare Grundregeln und Rituale außer Kraft gesetzt damit sich die Kleinen nach einer wie auch immer zu verstehenden „Bedürfnisorientierten Pädagogik“ frei entfalten können. Was in den 1970er Jahren als „Antiautoritäre Erziehung“ maßlos gescheitert ist, muss man – meines Erachtens – nicht zwingend anders benennen und erneut versagen lassen. Wenn Du drei Jahre nicht nur auf Bäumen sondern auch noch auf den sprichwörtlichen Nasen der Erzieherinnen herumtanzen darfst, möchte ich mir nicht vorstellen was bei uns zuhause los ist, von Deinem anschließenden Schulstart ganz zu schweigen. Damit ist das Ganze vom Tisch, ich melde Leo ab und wir stehen ohne Kindergarten da. Jeder sucht sich eben seine eigene Herausforderung.

Und hier erleben wir Eure Mutter in diesen Tagen in absoluter Hochform. Ich weiß nicht ob sie bei der Terminanfrage schon erwähnt hat, daß wir den Kindergartenplatz noch für dieses Jahr benötigen, jedenfalls kommt nach ein paar Tage ernsthaft die schriftliche Zusage, daß Leo ab Ende August den Kindergarten der Gemeinde besucht, der sich praktischerweise direkt neben Sarah Sophies Schule befindet und nebenbei erfahre ich auch noch, daß die Dame die bei Leos Turnen öfter neben mir auf der Bank sitzt, zufällig die Kindergartenleitung inne hat und sich selbstverständlich während der Verhandlungen mit Eurer Mutter an uns beide erinnert. Ganz klar: Masel Tov!

Damit sind die administrativen Dinge abgearbeitet und wir wissen nun, daß nach den noch ausstehenden drei Wochen Sommerferien Deine „Große Kindergartenzeit“ beginnt und Sarah Sophie sucht bereits jetzt schon Deine Kipa aus, damit Du auch korrekt ausstaffiert vorstellig werden kannst.

Sarah Sophie geht zum Sommercamp der Gemeinde wo wieder ihre halbe Klasse anzutreffen ist und wir beide vertrödeln nicht selten ganze Tage am See oder im Zoo. Damit die Ausflugsdichte aber nicht unter Normalmaß sinkt, hat Eure Mutter diejenige Kundschaft mit den abstechertauglichen Zielen jeweils an ein Wochenende geheftet und wir fahren mal wieder einfach mit.

Es geht zunächst in die Nähe von Hannover und später nach Hamburg. Bekanntlich beides im Norden gelegen, wodurch ich auf die aberwitzige Idee komme, die Wochenenden jeweils an die Ostsee zu verlagern.

Soweit die Theorie!

Die erste Tour führt uns nach Aerzen wo wir direkt auf dem Parkplatz des Kunden campieren, entlassen Eure Mutter morgens zur Arbeit und trollen uns auf die benachbarte Sommerrodelbahn auf der Ihr beide nicht müde werdet immer wieder in den Bob zu klettern. Nachdem wir Eure Mutter abends wieder eingesammelt haben, starten wir Richtung Grube an der Ostsee. Da kommen wir auch gegen zehn Uhr abends an, ihr schlaft bereits und Eure Mutter bettet Euch wie immer um. Alles wie üblich, nichts besonders – das folgt erst am nächsten Morgen. Es ist bewölkt und entgegen der Temperaturen der vergangenen Tage recht kühl. Ihr beide lugt bei mäßiger Begeisterung aus dem Fenster. Warum ich nun ernsthaft auf den Wetterbericht von Berlin schaue ist mir nicht wirklich erklärlich, jedenfalls halte ich Euch selbstverständlich die sonnigere Wetterlage der Hauptstadt nicht vor und Leo vergewissert sich lediglich noch ob dort auch Cami, die bereits bekannte Cockerspaniel-Dame, anzutreffen ist. Nachdem ich das mit einem einfachen „Ja“ beantworte hüpfst Du von Deinem Platz, räumst Deinen Teller in die Spüle und guckst mich erwartungsvoll an: „Komm, mach den Tisch runter, wir fahren doch nach Berlin!“ ist die genauso knappe wie einfordernde Antwort meines Sohnes. (Zur Erklärung: In unserem Camper muß man den Tisch absenken um die beiden Kindersitze platzieren zu können.) „Ja, aber wir wollten doch ans Meer!“ entgegne ich noch hilfesuchend während Sarah Sophie ebenfalls alles zusammenpackt. „Papa, Du kannst uns doch nichts von Berlin erzählen und dann passiert nichts!“ bekomme ich als Antwort. Mein Anmerkung, daß wir dann doch auch gestern Abend direkt nach Berlin hätten fahren können, das wäre sogar näher gewesen, geht fast im Umbau unter. Lediglich Eure Mutter kann sich natürlich nicht das letzte Wort nehmen lassen: „Ja, selbstverständlich! Wer wollte denn hierhin?“ Weiter kommt sie nicht, da sie bereits ihre Freundin Katja telefonisch von unserer bevorstehen Ankunft in Berlin unterrichtet. Ostsee Part I gilt wohl als gescheitert.

Zwei Wochen später folgt der zweite Versuch. Diesmal versuche ich Scharbeutz an den Mann oder besser gesagt die Familie zu bringen. Diesmal muss Eure Mutter ein paar Tage in Ahrensburg tätig werden und wir planen, sie die knapp 60km mit dem Mietwagen morgens und abends hin- und herfahren zu lassen, damit Ihr die Tage am Strand verbringen könnt. Bleibt aber ebenfalls Theorie – wir haben uns jedoch weiterentwickelt und fahren keine sinnfreien Umwege mehr. Diesmal fragt mich Sarah Sophie vor dem Trip ob es Quallen in der Ostsee gibt, was ich selbstverständlich ordnungsgemäß mit „Ja“ beantworte und Du schleppst Dein „Buch der Tiere“ heran in dem natürlich auch giftige Vertreter der bekannten Nesseltiere dargestellt sind. Das wars, Eure Mutter schaut einmal in das Buch und ich suche einen Campingplatz in der Nähe von Hamburg.

Elbe statt Ostsee, August 2019, Hamburg, D

Ostsee Part II ebenfalls kläglich gescheitert – ich gebe hiermit offiziell auf, Euch an die deutschen Küsten zu bekommen. Aussichtslose Unterfangen liegen mir nicht.

Dom statt Rheinkirmes, August 2019, Hamburg, D

Wie Sarah Sophie nun herausgekriegt hat, daß zu der Zeit der Hamburger Sommerdom geöffnet hat und ihr beide sozusagen einen automatischen Anspruch auf einen dortigen Besuch habt, habe ich verdrängt. Eveuntuell habe ich mich wieder verquatscht und bestimmt nur ganz am Rande erwähnt, das ihr ja die Düsseldorfer Rheinkirmes urlaubsbedingt verpasst habt.

Ich stelle fest mit Lauterkeit kommt man ganz schön weit – nur nicht an die Ostsee!

Geschrieben in Tel Aviv-Jaffa, Bezirk Tel Aviv, Israel.

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In den vergangenen Wochen gab es oft nur ein Thema: „Die große Party“ wie Sarah Sophie unseren „100. Geburtstag“ umgedeutet hat. Da wir alle zusammen in diesem Jahr einhundert Jahre alt sind (Leo 3, Sarah Sophie 7, Eure Mutter 40 und ich 50) haben wir beschlossen nahezu die identische Truppe unserer Hochzeitsparty von vor zwei Jahren wieder einzuladen und mit ihnen eine Woche zu feiern. Auch diesmal sind wir in Italien gelandet, obwohl ich alles dafür getan habe in Frankreich unterzukommen, aber wer kann schon Eurer Mutter widerstehen wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Also Badia Tedalda in der Toskana, wieder irgendwo im Nirgendwo, denn Häuser für mehr als 40 Personen sind entweder unbezahlbar oder verdammt rar gesät.

Da wir Kinder so ziemlich jeder Altersklasse unterbringen müssen, haben wir uns – zur großen Freude von Sarah Sophie – entschlossen je ein großes Zimmer für die Mädchen und eins für die Jungs einzurichten. Sozusagen Elternfreie-Zonen und die sehen nach noch nichtmal einem Tag auch genau so aus. Aber es soll ja jeder glücklich werden. Da wir die Sommerferien verschiedener Nationen und Bundesländer unter einen Hut bringen müssen, bleiben lediglich zwei vakante Wochen übrig und wir starten an Sarah Sophies letztem Schultag unmittelbar von der Schule Richtung Italien. Die Idee sozusagen vor der ersten großen Urlauberwelle vorneweg zu fahren geht glücklicherweise auf und wir kommen fast staulos am Gardasee an. Den habe ich uns, in der irrigen Annahme ihr beide findet es ganz gut am Vormittag noch ein paar Stunden am See zu verbringen, als Zwischenübernachtungsziel ausgeguckt, bevor wir die letzten 360km hinter uns bringen. Das Projekt ist dann allerdings kläglich gescheitert und wird von Leo in nur einem Satz vom Tisch gewischt. „Und wo bitte ist der Sand?“ erfragst Du sichtlich irritiert, nachdem wir morgens vom Campingplatz zum Strand spazieren. Im Anschluss an meine Erklärung, daß es hier keinen Sand gibt verdrehst Du die Augen und setzt noch einen drauf: Mit den Worten „Komm Sarah Sophie wir können weiterfahren – hier ist ja nix für uns!“ nimmst Du Deine Schwester an die Hand und machst auf dem Absatz kehrt. Eure Mutter und ich gucken uns ein wenig verdutzt an, zahlen die Übernachtung und fahren mit Euch eben weiter. Die Suche nach einem Campingplatz hier in der Gegend, welchen man auch mitten in der Nacht anfahren kann hat etwa zehnmal solange gedauert wie Euer Strandbesuch. Wieder etwas gelernt. Dafür sind wir bereits mittags vor Ort und stellen fest, daß sich direkt neben unserem Haus ein kleines Restaurant befindet welches sich mittags als Trattoria und abends als Pizzeria entpuppt und uns in den folgenden Tagen noch sehr gute Dienste leisten wird. Jetzt gibt es erstmal Pasta und Aranciata für Euch und Birra Moretti für Eure Mutter und mich. Wir sind sozusagen im doppelten Sinne angekommen.

Und genau das tun im Laufe der nächsten 24 Stunden auch alle unsere Freunde. Also fast alle. Denn in unseren Geschichten trifft es immer einen, bei dem es schiefläuft. Beim letzten Mal sind die Armenier am falschen Bahnhof gestrandet und diesmal meint Austrian Airlines das vier Länder an einem Tag doch eine gute Idee sind. Der Flugexperiment der Hamburger Fraktion um meinen Filmerkumpel Friedemann startet zunächst so spät, daß der Anschlussflug in Wien weg ist, geleitet sie dann deswegen nach Amsterdam, um am Ende in Florenz die Losung auszugeben: Alle da, Gepäck kommt morgen! Immerhin das stimmt dann auch und Hamburg trifft somit „leicht“ verspätet ein.

Der 100. Geburtstag, Juli 2019, Badia Tedalda, I

Zurück zur Pizzeria: Nachdem der versammelten Kinderschar deren Existenz bewusst wird, bedarf es wohl keiner Erklärung was es zum Abendessen zu geben hat. Und die Bestellung gestaltet sich ziemlich simpel. Nachdem ich anfangs noch ernsthaft versucht habe herauszufinden, wer was auf seiner Pizza mag, bin ich nach der Hälfte der Befragung zum Globalprinzip übergegangen: will meinen ich habe einfach die ganze Karte einmal von oben nach unten bestellt. Übrig geblieben ist, nebenbei bemerkt, nichts. Am nächsten Tag haben wir das ganze noch weiter professionalisiert, da nun auch die Erwachsenen partizipieren wollen. Das geht dann noch einfacher: Einmal Karte runter und wieder rauf – alle satt. Ab diesem Tag haben wir dann auch den Wein kistenweise über die Theke geschoben bekommen inklusive Naturalrabatt in gleicher „Währung“. Ich glaube der Wirt mag uns.

In diesen Tagen erwäge ich übrigens Euch beide nur noch in großen Gruppen zu verköstigen, da ich während der gesamten Woche nicht einmal die Verschmähung des Essen Eurerseits erlebt habe. Eine Vielzahl Kinder gleichzeitig zu Tisch zu bitten entfesselt eine undefinierbare Gruppendynamik die lediglich mit der Raubtierfütterung eines Zoo vergleichbar sein dürfte. Da der Pizzaofen mittags kalt bleibt sind wir Eltern somit gefordert. Und es macht zugegeben herrlich Spaß zu sehen wie 21 Kinder einen Riesentopf Pasta förmlich inhalieren.

„Raubtierfütterung“, Juli 2019, Badia Tedalda, I

Da fällt es fast gar nicht mehr ins Gewicht, daß wir irgendwann auf die Idee gekommen sind die Fritteuse in der Küche anwerfen zu wollen. In einer großangelegte Schnippelaktion schneidet ihr Kinder einen Berg von Kartoffeln in die bekannte Stäbchenform um dann damit konfrontiert zu werden, daß die Fritteuse überhaupt nicht funktioniert.

Pommes statt Pizza – oder auch nicht, Juli 2019, Badia Tedalda, I

Macht ja nix denken sich die neunmalklugen Eltern und erhitzen mal eben 40 Liter Sonnenblumenöl in zwei ordentlich dimensionierten Töpfen. Und damit nimmt das Elend auch schon seinen Lauf. Das einzige was bei der Aktion frittiert wird ist ein Teil meiner rechten Hand als ich versuche in gekonnter Manier die Pommes frites in den Topf zu beordern. Erwachsene können so dermaßen dämlich sein, daß es im wahrsten Sinne des Wortes weh tun muss. Ähnlich experimentierfreudigen Genossen empfehle ich dringend russische Hausmittel gegen Verbrennungen bereitzuhalten. Fritten gab es übrigens nicht, wir haben nur kartoffelige Pampe aus dem Topf gehoben. Ich weiß bis heute nicht warum das nicht geklappt hat, jedenfalls sieht kindliche Begeisterung anders aus.

Nach drei Versuchen geben wir auf und gucken in tieftraurige Gesichter. Aber nicht lange, denn da war doch noch was:

Einmal die Karte rauf und runter bitte, es gibt Pizza und das Problem ist gelöst. Von misslungenen Pommes frites habe ich übrigens nie wieder etwas gehört.

Ich glaube es ist eine gute Idee hundertste Geburtstage grundsätzlich in Italien zu feiern.

Geschrieben in Eilat, Südbezirk, Israel.

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Vor einiger Zeit haben sich Eure Mutter und ich erlaubt im Anschluss eines Konzertes einfach mal nicht nach Hause zu kommen, sondern nach dem bekannten Absacker in einer Hotelbar in selbiger Herberge gleich zu übernachten. Ganz ohne Euch. Sozusagen Erwachsenenprogramm. Das fühlt sich genauso ungewöhnlich wie gut an und ihr beide beschließt, daß wir dies schnellstmöglich wiederholen. Aber selbstverständlich in der Next-Level-Version – man kann ja alles steigern.

Und das sieht dann so aus: Gemeinsam mit Sarah Sophies Freundin Elisabeth entscheidet ihr, daß es doch eine gute Idee ist, wenn wir mit ihr und ihrer Mutter Katja über ein Wochenende gemeinsam verreisen. Leo legt sogleich fest, daß das aber bitte mit dem „Wohnauto“ zu erfolgen hat, denn dann kann man ja Dein neues Lieblingsspielzug mitnehmen: Ein elektrisch betriebenes Kinderauto in dem Du selbst umherfahren kannst. Das so ziemlich unsinnigste und überflüssigster Gefährt überhaupt hat Dir Katja vermacht, manifestiert in der felsenfesten Meinung ein Junge braucht ein Auto. Dagegen kommt man argumentativ eher weniger gegen einen Dreijährigen an zumal er sich noch der solidarischen Unterstützung seiner Schwester sicher sein darf. „Ach Papa lass ihn doch – das ist so cool!“ werde ich belehrt. So klappt die Verkehrswende in dieser Generation aber wieder nicht will wahrscheinlich im Hause Reichmann niemand hören. Deine Mutter ist ausnahmsweise mal mit mir einer Meinung ob der sinnfreien Nuckelpinne, aber nun ist sie leider da und es gelingt mir mäßig erfolgreich sie dauerhaft in der Garage zu verbannen.

Verpasste Verkehrswende, Juni 2019, Wisseler See, D

Also fahren wir an einem sonnigen Samstagmorgen mit Camper, Kombi und Kinderauto zum Wisseler See am Niederrhein und vertrödeln entspannt den Tag. Leo steigt um und erkundet fröhlich fahrend im Cabilo (das „r“ in Cabrio will noch nicht so recht aus Dir heraus) das Areal. Ganz überraschend findest Du sehr schnell Freunde. Mittags kommt von Leo die erste Rückfrage wann wir denn wieder fahren um ins Konzert zu gehen. Ich erkläre Dir, daß wir gar nicht beabsichtigen zu einem Konzert zu gehen, sondern ins Kino wollen. Lapidare Antwort: „Ist auch egal – aber wir bleiben hier mit Katja, oder!“ Ich glaube, wenn ich diese rhetorische Frage verneinen sollte, dürfte ich mir einem Wortwall an kindlicher Unzufriedenheit sicher sein. Das erscheint ja auch logisch, Sarah Sophie hat Elisabeth und Leo sein Auto. Wer braucht da schon erziehende Eltern.

Nachdem wir zum Nachmittag hin nun mehrfach förmlich dazu gedrängt werden endlich das Weite zu suchen, tuen wir wie uns geheißen und fahren nach Hause. Das Kino haben wir gegen eine Ladung Sushi getauscht, hier noch nichts ahnend, daß genau jenes zu einem neuem geflügeltem Wort in der Familie werden soll. Es ist unbeschreiblich wie unsagbar still und riesengroß eine Wohnung ohne Kinder ist. Es ist ein bisschen fremd, schön und schnell vorbei. Nach einem verspäteten Frühstück treten wir wieder die Rückreise an um Euch bereits um elf Uhr an der Strand-Frittenbude wiederzufinden, von der mir ein fröhlich kauender Leo entgegen winkt und voller Stolz seine aufgefutterte Portion Chicken-Nuggets präsentiert. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Eine Stunde später sitzen wir allerdings wieder hier, denn dann ist ja Mittag und Leo weiß überraschend auch schon ganz genau, was er essen möchte. Ich gebe mich geschlagen, stelle mich an und rede mir Deinen Fast-Food-Doppelschlag damit schön, daß von einem solchen Wochenende ja jeder etwas haben soll. Sarah Sophie ordert derweil noch eine Portion Pommes frites dazu – sicherlich wissend wenn ich einmal geschlagen bin, läßt sich da noch mehr rausholen.

Während der Rückfahrt erwähne ich in einem Halbsatz die Kino-Sushi-Tauschaktion und messe dem Umstand keinerlei weitere Bedeutung bei. Die kommt erst einige Wochen später, als mich Leo völlig unvermittelt fragt, wann wir denn abermals Sushi essen wollen, damit Ihr beide wieder mit Katja alleine in den Urlaub fahren könnt. Etwas verdutzt erkläre ich, daß erstens Eure Mutter gegenwärtig gar nicht heimisch ist, wir zweitens doch auch Sushi essen können wenn wir alle zuhause sind und erhalte prompt argumentative Rückendeckung meiner Tochter indem Du unterstützend einstreust ebenfalls gerne Sushi zu essen. Das ist zu viel für Leo und Du stapfst – unaufhörlich mit dem Kopf schüttelnd – von dannen in Richtung Kinderzimmer. Klappe, Aus, Stille – Thema durch!

Ploppt auch nur ein paar Tage später wieder auf. In diesen Tagen ist Eure Mutter öfter mal auch unter der Woche zuhause und ich bringe einfach mal eine Ladung Sushi mit zum Abendessen. Leo hilft beim Tischdecken und verlässt augenblicklich freudestrahlend das Wohnzimmer nachdem Du verstehst, was Du da gerade durch die Gegend trägst.

Fröhlich grinsend klemmst Du Dir Deinen aktuellen Lieblingsteddy „Michka“ unter den Arm und überbringst Deiner Schwester die frohe Kunde: „Sarah Sophie wir fahren mit Katja in den Urlaub – komm pack ein!“ Ich bin sprachlos und sehe Dich zutiefst enttäuscht, als ich alles aufkläre – Begeisterung sieht anders aus. Kurz vor dem Dessert fällt Dir aber noch eine Frieden stiftende Maßname ein um die aktuelle Tragödie zu einem guten Ende zu bringen:

„Papa, aber am Wochenende fahren alle zusammen weg. Wir bleiben bei Katja und Du und Mama geht Sushi essen! Das ist sonst ungerecht, oder?“

Na, wenn das ungerecht ist muss Eure Mutter wohl mal telefonieren.

Guten Appetit zusammen.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

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Mit Untermietern haben wir ja bereits Erfahrung, warum also nicht das ganze nochmal? Eine Freundin Eurer Mutter nebst ihrer elfjährigen Tochter wohnen derzeit bei uns – Katja und Elisabeth – was Euch beide sichtlich freut. Katja hat irgendwie vergessen, das befristete Mietverträge eben mit einer Frist enden und muss leider feststellen, daß alleinerziehende Mütter mit Kindern auf dem hiesigen Wohnungsmarkt nicht so direkt in die offenen Arme der in Frage kommenden Vermieter laufen. Jedenfalls eröffnet sie Eurer Mutter zwei Wochen vor dem festgeschriebenen Auszugstermin die missliche Lage.

Eure Mutter und ich beraten wie zu helfen und vor allem, was zu tun ist. Die Möbel landen in der Garage Eures Opas und an einem Freitag ziehen die beiden in unser Schlafzimmer ein und wir aus. Also genauer gesagt um, nämlich in Leos Zimmer ein. Ihr beiden findet das schlicht großartig, insbesondere nach dem ich Sarah Sophie von der fixen Vorstellung befreit habe, es handelt sich hier um ein zweiwöchiges Projekt. Diese Fehlinterpretation hat sich in Deinem Kopf festgesetzt und die Eröffnung meinerseits, es geht sich hierbei eher um eine unbefristete Unternehmung, da wir ja die beeinflussenden Rahmenbedingungen eben leider nicht dirigieren können, führen zu kindlicher Freude beiderseits.

Das erste Wochenende verbringen wir in Holland an Eurem heiß geliebten Kletterturm und bekommen Samstags ganz überraschend Besuch: Richtig, von Katja und Elisabeth. Nicht das sich da noch jemand plötzlich umgewöhnt. Das Wetter ist prima und die Kindeslaunen ebenfalls. Eure Mutter fliegt Sonntagabend ab und unser neuerliches WG-Leben, diesmal mit so einer Art Familienanschluss, nimmt seinen Lauf.

Leo genießt unverkennbar den Umstand, daß Katja wenig Aufwand daran verschwendet zu zeigen noch einen kleinen Sohn zu haben wäre eine feine Idee und Du lässt Dich bereitwillig dauerbespaßen. Morgens früh hüpfst Du aus dem Bett, flitzt in Katjas und Elisabeths Zimmer und machst hier unmissverständlich klar wann im Hause Reichmann aufzustehen ist – nämlich unverzüglich dann, nachdem Du aufgewacht bist. Katja ist ebenso deutlich anzusehen, daß hier für gewöhnlich offenkundig später aufgestanden wird. Nach genügend Rabatz Deinerseits sitzen drei Kinder am Frühstückstisch und inhalieren Cornflakes. Unsere neuen Mitbewohner scheinen Euren Appetit mehr als anzuregen – die Einkaufsmenge verdreifacht sich jedenfalls. Aber das schadet ja überhaupt nicht. Elisabeth besucht das hiesige jüdische Gymnasium und erfährt somit ebenfalls den großen Luxus vom Schulbus abgeholt zu werden. Praktischerweise ziemlich um die gleiche Zeit wie Sarah Sophie wodurch Leo also doppelt so viel Spaß hat. Schulbusse sind nämlich das ganz große Thema derzeit, zumal Sarah Sophies Busfahrer auch noch erlaubt jeden Morgen zu ihm auf den Fahrersitz zu klettern und mindestens dreimal tüchtig auf die Hupe zu drücken bis sich auch wirklich jeder an der nebenliegenden Linienbushaltestelle zu Dir umdreht und Du fröhlich-frech grinsend zurück winken kannst. Elisabeths Busfahrer ist da wesentlich unkooperativer, was Dich sichtlich irritiert und gewiss daher förmlich nötigt erneut das Horn zu betätigen.

Unsere WG läuft soweit problemlos und Katjas minimal orthodoxere Auslegung ihrer Religion macht sich zunehmend bemerkbar. Freitag Abend zu Shabbat-Beginn tischt sie artig Challa auf und auch sonst besteht unser Kühlschrank neuerdings strickt aus zwei Zonen. Immerhin bleibt es bei einem Kühlschrank bzw. Küche. Das könnte aber auch pragmatisch den räumlichen Gegebenheiten unserer Wohnung geschuldet sein, einen Kühlschrank hat sie jedenfalls nicht mitgebracht. Ob sie unser ganzes Geschirr gekaschert hat, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, könnte aber passen, da die beiden kurz vor Pessach eingezogen sind. Die Spülmaschine läuft jedenfalls neuerdings nur noch im Hochtemperatur-Bereich. Das habe ich allerdings angeordnet – sicher ist sicher. Sarah Sophie empfindet die aktuelle – sagen wir mal – höhere Religionsbegierde im Hause als äußerst interessant und überbietet sich mit Elisabeth im vernünfteln von Tora und infantil interpretiertem israelischem Selbstverständnis. Ich habe das Gefühl den gesamten Religionsunterricht der vergangenen eineinhalb Jahre im Schnelldurchlauf hitparadeartig vorgespielt zu bekommen. Großes Kino – keine Frage.

Kühlschrank – Kosher – Kabbala, Mai 2019, Düsseldorf

Und dann gibt es da ja noch Gucci, den Handtaschen-großen Hund der beiden. Anfänglich noch bei Katjas Schwester geparkt, zieht auch er im weiteren Verlauf bei uns ein. Es ist wohl unnötig zu erwähnen wie groß die Freude bei Euch beiden ist. Allerdings auch nur bei Euch beiden! Eure Mutter hält mit ihrer Verzückung gekonnt hinterm Berg. Endgültig genug hat sie, als sich das Tier erdreistet nach Leo zu schnappen, was es einerseits einmal quer durchs Kinderzimmer segeln und anderseits unverzüglich wieder zur Schwester umziehen lässt. Kindlicher Protest inklusive. Jetzt hat wohl auch der Letzte mitbekommen, daß für Eure Mutter Chihuahuas keine wirklichen Hunde sind – obwohl das war eigentlich schon vorher klar.

Ja, und nach nur rund sechs Wochen ist auch schon wieder alles vorbei. Pünktlich zum Geburtstag Eurer Mutter am 9. Mai verkündet Katja freudestrahlend ein besonderes Geschenk für Sie bereit zu halten: Ihren Auszug! Aus und vorbei mit dem interfamiliären WG-Intermezzo. Lustig war es, interessant war es und Leo zieht die wohl nachhaltigste Schlussfolgerung daraus: Egal wer uns in den kommenden Wochen besucht, sie oder er wird stets mit der immer gleichen Frage begrüßt:

„Wohnst du jetzt auch hier?“

Und ich betone, Du siehst in kleinster Weise unglücklich dabei aus. Aber in der Hinsicht geht die nächsten Jahre bestimmt noch was.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

posted by on Das siebte Jahr, Von Geburt an

Frühlingsferien: Ihr beide seid völlig aus dem Häuschen als ich mitteile, daß es in den anstehenden Ferien mit Cami nach Venedig geht. Also genau genommen, daß es mit Cami irgendwo hingeht, wohin ist völlig egal. Cami ist eine Cockerspanieldame und einer von drei Hunden einer der ältesten Freundinnen Eurer Mutter: Katja aus Berlin nebst Ihren Töchtern Sasha und Angelina. Sobald Ihr beide den Namen Cami hört, gibt es kein Halten mehr. Der Himmel bewahre uns vor Nachwuchs von ihr.

Die Hinfahrt ist ein erneuter Versuch mit Euch beiden tagsüber eine längere Strecke zu fahren, oder besser gesagt mit Leo, da Sarah Sophie damit altersbedingt weit weniger Probleme hat. Das hat bisher manchmal geklappt, meist erfordert es aber ein robustes Nervenkostüm. Wir teilen also die knapp 1.200km auf eine Nacht und eine Tagfahrt und erleben – um es höflich zu formulieren – einen absolute Katastrophe: Wenn ihr nicht Filme auf dem iPad gucken dürft, wird sich ausschließlich gestritten, gebrüllt, u.s.w.. Kurzum, kurz hinterm Brenner halte ich unvermittelt auf einem Parkplatz an und stelle Euch final vor die Wahl: entweder Ruhe oder ich drehe augenblicklich um und Urlaub mit Cami ist gestrichen. Und siehe da die Androhung einer derartigen „pädagogische Konsequenz“ – wie eine avisierte Strafe heute politisch korrekt heißt – zeigt tatsächlich Wirkung. Wir besprechen kurz was, warum, wieso und dann ist auch schon die letzten 300km Ruhe im hinteren Bereich. Ich plane derartige Maßnahmen zukünftig spätestens ab Frankfurt zu kommunizieren oder wieder nachts zu fahren.

So kommen wir dann doch noch gefühlt halbwegs entspannt auf dem Campingplatz unweit von Venedig an und Cami sowie der Rest der Truppe ist schon vor Ort. Alle wieder glücklich, es wird gegrillt und mit dem ein oder anderen Glas Rotwein spült sich jede Eskapade Eurerseits in Richtung meines subjektiven Vergessens. Urlaub läuft.

Leo schafft es seit Monaten so ziemlich jeden um den besagten Finger zu wickeln und meist in Konsequenz das durchzusetzen was er gerne haben möchte. Und hier hast Du Dir überlegt dieses andauernde Umherspazieren in einer Stadt ist so gar nicht Deins. Und wer weiß, daß ihn Mama oder Papa wohl nicht die ganze Zeit umhertragen, der sucht sich eben ein geeignetes Objekt seiner Begierde und Du wirst hier – wenig überraschend – auch schnell fündig. Sasha, mit 14 Jahren die ältere Tochter unserer Freundin ist die Auserkorene. Man mag es nicht glauben, aber bereits mit Deinen drei Jahren scheinst Du so etwas wie eine Strategie für Dein Vorhaben zu entwickeln. Und die folgt offenkundig einem 3-Stufen-Plan:

Stufe 1
Sitzen wir im Bus oder Cafe ist fortan klar auf welchem Schoß Du zu finden bist: Natürlich Sasha. Prinzip „Sympathieaufbau“ zündet wir gewünscht.

Stufe 2
Zum Mittagsschlaf in irgendeiner Pizzeria reichen Dir zwei zusammengeschobene Stühle als Liegefläche solange Sasha auf dem dritten daneben sitzt. Prinzip „Sicherheitsbedürfnis einfordern und bekommen“ hinreißend entfacht.

Stufe 3
Geht es dann nachmittags weiter mit der bunten Stadtbummelei kommt es Dir erst gar nicht in den Sinn auf eigenem Fußwerk umherziehen. Auf welchem Arm oder Schulter bist Du wohl zu finden: Richtig, natürlich auf denen von Sasha. Prinzip „Hab doch bisher auch alles bekommen“ erfolgreich eingeheimst.

Strategie erfolgreich, April 2019, Venedig, I

Und dieses Prinzip funktioniert jeden Tag, aber ich muss gestehen es wird Dir auch recht leicht gemacht. Ich ertappe mich bei der Vorstellung das mal ein paar Jahre weiter zu denken. Eine Geistesidee die mir entweder gänzlich gefällt oder etwas Angst macht und ich vertage die Einordnung auf das Jahr 2030. Mit Deinen aktuellen Worten beschrieben klingt das dann so: „Papa, wir gucken mal!“ Die derzeit Deinerseits allgemeingültig vorgetragene Formel für alles was Du nicht so ganz einordnen kannst – also vieles.

Tja, aber die Sache hat natürlich auch eine Kehrseite: Die drei Mädels – also Angelina, Sasha und Deine Schwester – haben beschlossen als Gegenleistung in Dir so eine Art Friseurpuppe zu sehen und werden nicht müde unermüdlich an Deinen Haaren herumzufuhrwerken. Leo mit Zöpfchen, Leo mit einem Duzend Haarklammern, Pferdeschwänzchen, u.s.w.. Nicht seltenes Ergebnis dieses figaroischen Dreierbundes ist ein kleiner Pferdeschwanz oben auf Deinem Kopf, zu dem Du selbst gleich die passende Intonation lieferst und fröhlich singend am Canal Grande entlang hüpfst: „Ich hab ’ne Palme auf dem Kopf – ich bin der Leo.“ Die Begeisterung Eurer Mutter für diesen Blödsinn ist genauso verhalten wie aussichtslos. Zupft sie Dir unter allem kindlichen Protest das Haargummi heraus und bringt die Palme somit zu Fall, dauert es keine fünf Minuten und das Gewächs ist neu „erblüht“. Überraschende Kapitulation seitens Eurer Mutter nach nur einem halben Tag. Sie scheint doch noch lernfähig.

Ich hab ’ne Palme auf dem Kopf – ich bin der Leo, April 2019, Venedig, I

Ansonsten hat Sarah Sophie Cami zu Beginn des Urlaubs in Empfang genommen und erst am Tag der Abreise wieder unfreiwillig abgegeben. Ich gehe davon aus, daß die Rückreise von strategischen Überlegungen Deiner Mutter und Dir geprägt sind wie ihr mich doch noch belatschert einem eigenem Familienhund zuzustimmen. Das bekomme ich aber nicht mit, denn ihr drei fliegt von Venedig nachhause, da ich von hieraus zu einem Ausflug mit meinen Jungs nur 200km südlich von hier aufbreche.

Neuer Begriff von Unzertrennlich: Sarah Sophie & Cami, April 2019, Venedig, I

Und es wird wahrscheinlich niemanden überraschen, daß ihr drei von Venedig erst nach Berlin fliegt. Die Begründung Eurer Mutter für diesen selbstgewählten Zwischenstopp geht in etwa so: „Also, wir haben ja noch fast zwei ganze Tage frei. Da können die Kinder noch mit Cami spielen und günstiger sind die Flüge nach Berlin obendrein.“

Ein Schelm wer hier Berechnung wittert.

Guten Flug ihr drei.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.