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In diesem Monat habe ich schlicht und ergreifend mal nichts zu erzählen. Klingt skurril – ist aber so, denn ich war einfach nicht dabei. Eure Mutter hat Euch, Eure mütterlichen Großeltern und noch ein paar Ihrer Kollegen im Gepäck um einem ukrainischen Industriebetrieb wieder auf die eigenen Beine zu helfen. Sarah Sophie geht dort in einen lokalen Kindergarten und Leo erfreut sich großelterlicher Dauerbespaßung.

Jedenfalls seit Ihr via Wien nach Dnetopetrovsk geflogen um dann noch, in einer kundenseitig gewünschten einwöchigen Projektpause, von dort ins armenische Yerevan weiterzureisen um Freunde von uns zu besuchen. O-Ton Eurer Mutter: “Na wenn wir schon auf halbem Weg sind …”

Nach Eurer Rückkehr folgt noch eine ganze Woche in Düsseldorf bevor es dann in unsere zweite zehnwöchige Elternzeit geht.

Wer hat eigentlich jemals behauptet Reisen mit Kindern sei kompliziert? Wir jedenfalls nicht, obwohl jeweils auf Hin- und Rückreise einer der Koffer in Wien hängengeblieben ist. Aber man braucht ja auch noch wirkliche Herausforderungen!

Geschrieben in Landshut, Bavaria, Germany.

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In diesem Monat bekomme ich schonmal einen sanften Vorgeschmack auf die Zeit, in der Eure Mutter wieder ganz regulär arbeiten geht – ich also folglich mit Euch beiden unter der Woche oft alleine sein werde. Das ist zwar erst in einigen Monaten so, aber ein bisschen Übung schadet ja nicht. Ein nicht unbekannter bayerischer Autobauer möchte von Eurer Mutter irgendetwas über drei Tage erklärt bekommen und diesem Ruf folgen wir dann also in vollständiger Familienstärke. Terminlich haben wir das Projekt erfolgreich zwischen zwei “lange” Mai-Wochenenden platziert und starten so am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt in Richtung Gardasee um dort das Brückentagwochenende zu verbringen, denn Bayern und Gardasee lassen sich natürlich so herrlich kombinieren. Prinzip: Na wenn wir eh schon mehr als die Hälfte an Kilometern fahren müssen …

Der oberitalienische Abstecher ist ein Volltreffer in dem Sarah Sophie gefühlt das Schwimmbad des Campingplatz nur zum Essen verlässt, während Leo auf der Liege unter dem Sonnenschirm die ersten zaghaften Versuche unternimmt sich selbstständig bewegen zu können – die Drehungen klappen noch nicht so ganz, aber lange dauern dürfte es nicht mehr. Ich gestehe übrigens an dieser Stelle irgendwie vergessen zu haben wie lange es doch dauert bis die Krabbelei losgeht. Sarah Sophie schließt jedenfalls zügig und zahlreich neue Freundschaften, die sogar manchmal länger als einen Tag halten. Völlig überraschend findet Eure Mutter bereits beim ersten Stadtbummel die ein oder andere ach wie bezaubernde Kinderboutique und die Damen des Hauses gehen dann mal shoppen während die Herren meist vor der benachbarten Bar anzutreffen sind. Irgendwann spaziert Sarah Sophie mit einer noblen Tasche aus dem Geschäft, setzt den “Hach-was-muss-ich-wieder-alles-alleine-machen”-Blick auf und erläutert mit seufzender Stimme: “Papi, wir müssen jetzt ein ganz großes Eis essen gehen. Ich habe soviel Kleider ausprobiert, das ist ja ganz schön anstrengend.” “Aber Du wolltest doch unbedingt ein neues Kleid?” entgegne ich während sich Leo auf meinem Arm selbst gerade rückt. “Ja schon aber Du willst doch auch immer das ich so schön aussehe.” grinst Du mich an. Dann wieder ich: “Aber Du wirst doch nicht schöner, nur weil Du ein neues Kleid anhast.” Wieder Du: “Stimmt, Papi mit einem neuen Kleid sehe ich noch viel, viel schöner aus. So schön wie die ganze Welt. Jawohl!” Nun erscheint Eure Mutter auf der Bildfläche und verkündet genussvoll “Sarah Sophie hat so viele Kleider anprobiert und das schönste ausgesucht.” Ich wähne mich in einem Komplott. Sofort wieder Du: “Ja und jetzt müssen wir Eis essen gehen, weil das ja so furchtbar anstrengend war.” Ich gebe auf und wir steuern die nächste Eisdiele an. Hier beschließen die Damen dann noch kurz, das ich von Kleidern ja sowieso keine Ahnung habe und deshalb auch immer besser mit Leo vor dem Geschäft bleibe.

Ich glaube ja das habt ihr abgesprochen, eine Beweisführung gestaltet sich aber bestimmt schwierig.

So in der Art vertrödeln wir die nächsten Tage und am Sonntag geht es von hier nach Landshut um Eure Mutter in Lohn und Brot zu bringen. Im Vorfeld haben wir besprochen, daß mir Sarah Sophie dann hilft, weil ich mich ja jetzt um zwei Kinder alleine kümmern muß. Wir legen fest was zu tun ist und das klappt hervorragend. Sogar Zähneputzen (unser aktuelles Lieblingsdrama) absolvierst Du ohne Murren solange der Hase Hoppel und Bäh das Schaf zugucken dürfen. Der erste Tag startet somit erfolgreich. Unser Campingplatz ist zwar eine ziemliche Einöde liegt aber nur ein paar Autominuten von der temporären Arbeitsstätte Eurer Mutter entfernt. Das ist natürlich unabdingbar da Leo unter anderem mittags noch gestillt wird und wir somit auf den schnellsten Weg für die mütterliche Mittagspause angewiesen sind. Das klappt auch alles problemlos.

Sarah Sophie wird es verständlicherweise irgendwann langweilig, da wir gefühlt alleine auf dem Areal sind. Lediglich einige dauercampende Rentner schlurfen von Zeit zu Zeit an uns vorbei und eine altersschwache Schaukel entpuppt sich auch nicht direkt als Eventhighlight. Abhilfe verspricht die freundliche Dame an der Rezeption wo wir morgens unsere Brötchen abholen. Nachdem sie sichtlich irritiert ist warum Eure Mutter morgens in aller Frühe verschwindet, mittags und nachmittags mit einem Leihwagen wieder auftaucht und offenkundig ein Vater mit seinen kleinen Kindern ganz verlassen und alleine die Tage überstehen muss, erklärt sie mir wo sich der nächste Spielplatz befindet. Die Dame scheint sehr lokalpatriotisch gestimmt zu sein, jedenfalls wird mir der besagte Platz als ganz neuer und besonders großer Abenteuerspielplatz blumig angepriesen. Das klingt perfekt denn nach dem Frühstück schläfst Leo derzeit etwa zwei Stunden und wir machen uns alle zusammen auf den Weg. Es dauert auch nur rund zehn Minuten und wir sind angekommen. Die Rezeptionsdame hat übrigens fast recht behalten. Der Spielplatz ist gehörig groß, mit den üblichen Klettergerätschaften ausgestattet und der Abenteueraspekt wird vermutlich durch die Seilbahn repräsentiert. Die Sache hat nur einen winzigen Haken:

Wir sind schon wieder alleine.

Verständlich gucken mich zwei Kinderaugen mäßig begeistert an. Ich erkläre Dir, daß die Kinder wahrscheinlich alle in ihren Kindergärten sind, was Dir offenkundig auch einleuchtet, da Du zu dieser Uhrzeit ja auch im Wald wärest, so wir denn zuhause weilten. Also schaukeln wir etwas gelangweilt umher und beschließen, daß das Nachmittags alles ganz anders sein wird, da dann ja der gemeine Kindergarten geschlossen hat. Damit gibst du Dich recht schnell zufrieden und wir schieben gemeinsam Leo wieder zurück. Nach dem Mittagessen also der zweite Versuch und die zweite Enttäuschung: Nichts, niemand, Familie Reichmann alleine auf dem Platz. Wenigstens ist Leo wach und so sitzt Du mit Deinem Bruder im Sandkasten und erklärst was Du mit ihm zusammen in Zukunft alles zu unternehmen gedenkst. Suboptimal ist hier noch eine höfliche Beschreibung der Situation.

Tag zwei und drei verlaufen exakt gleich und Du kommst zu dem logischen Schluss: “Papi, in welchem Land sind wir?” “In Deutschland, aber recht weit weg von Zuhause und das heißt hier Bayern.” “Ach so”, kommt als Reaktion: “Aber hier muss es viele dumme Leute geben. Die bauen Spielplätze und haben gar keine Kinder dafür.” Das kommentiere ich an dieser Stelle ausdrücklich nicht. In der Zwischenzeit haben Eure Mutter und ich übrigens beschlossen die nächsten Tage mit Euch in Berlin zu verbringen. Die haben zwar weniger Spielplätze, dafür aber mehr Kinder.

Als Du Berlin hörst ist alles gut und Du fängst an Deinen Kinderkoffer zu packen. Ich glaube fast Du weißt was Dich erwartet.

Ick freu mir jedenfalls.

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

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Kinder haben eigene Zeitdimensionen, das ist bekannt und in diesem Monat dreht sich alles um Zeit. Genauer gesagt um Zeiträume. Es vergeht kaum ein Tag, an dem Sarah Sophie nicht nachfragt, wie lange es noch bis zum Geburtstag ist, wann Leo denn auch endlich ein Jahr alt wird und natürlich wie alt Eure Mutter oder ich sind. Dabei spielen zwei Zahlen eine wichtige Rolle: Zwanzig und Einhundert.

Mit zwanzig Jahren beschließt Sarah Sophie nämlich Mama zu werden und weiß auch gleich wer dann der Papa ist: Nämlich Leo. Das sei doch völlig normal und geht dann so: Die Babys kommen ja bekanntlich aus Mamas Bauch und die Papas sind ja nur dabei. Und da Leo jetzt ja sowieso stets zugegen ist, braucht man sich ja gar keinen Papa zu suchen, denn den hat man ja sozusagen frei Haus dabei. Auf meine Nachfrage wieso denn gerade mit Zwanzig wird mir unitarisch erläutert, daß der Leo ja erst noch eins, dann zwei, drei, und so weiter werden muß, aber wenn Du zwanzig bist ist, dann ist offensichtlich alles nötige für die Familiengründung erreicht. Zugegeben, ganz frei von Logik ist das nicht. Nun möchte ich es aber auch von Dir ganz genau wissen und gebe zu bedenken, daß Leo ja immer vier Jahre jünger ist als Du und außerdem gewiss immer Dein Bruder bleibt, es folglich vielleicht eine gute Idee sein könnte sich nach einem anderen Papa umzusehen. Jetzt wird es schwierig. Alles was numerisch auf zwei Hände paßt, bekommst Du meist sowohl addiert wie auch subtrahiert, zwanzig weniger vier bedarf aber einer kleinen Hilfestellung und wir zählen von zwanzig rückwärts bis wir gemeinsam feststellen, das Leo dann erst sechzehn ist und damit möglicherweise einer potentiellen Vaterrolle nicht gerecht werden könnte.

“Papi, dann ist der Leo ja noch viel zu klein. Dann wirst Du eben der Papa.” bekomme ich entgegengestrahlt, während Du auf meinen Schoß kletterst. Wahrscheinlich sichtlich gerührt erkläre ich, daß das ja auch nicht funktionieren kann, da ich ja bereits Euer Papa bin. Du bist – deutlich ersichtlich – nicht zufrieden gestellt. Doch die nächste Idee Deinerseits läßt nicht lange auf sich warten: “Papi, dann werde ich erst Mama wenn ich einhundert bin. Dann ist der Leo ja auch alt genug, oder?” Bevor ich antworten kann, hüpft Du von mir herunter und stellst Dich mit verschränkten Armen sichtlich überlegend hin. Nach einer Weile schüttelst Du den Kopf und revidierst Deine Aussage: “Nein, das geht auch nicht. Mit einhundert Jahren kommt man nämlich in den Himmel.” ist der nächste Satz. Das wissest Du ganz genau, dies war mit der Uroma nämlich so. Ich schmunzele ob Deiner Schlussfolgerungen und gebe Dir an dieser Stelle recht, da Eure väterliche Uroma in der Tat genau einhundert-jährig vor zwei Jahren verstorben ist.

So kommen wir also nicht weiter. Zur Verstärkung schiebst Du Deine Puppe Mascha im Puppenwagen heran und die Rechnerei geht wieder von vorne los: “Papi, die Mascha ist jetzt eins. Die wird also dann zwei, und drei, e.t.c.. Wenn ich zwanzig bin, wie alt ist dann Mascha?” bleibt folglich als Frage im Raum stehen. Gemeinsam zählen wir die Jahre ab und stellen fest, daß Mascha drei Jahre jünger ist als Du und somit siebzehn sein dürfte, wenn Du zwanzig bist. Auch nicht so richtig gut. Außerdem gehe das ja auch alles sowieso nicht, denn Mascha sei ja nur eine Puppe und außerdem ja auch noch ein Mädchen, stellst Du im Brustton kindlicher Überzeugung fest. Vielleicht ließe sich die Mama-Frage einfach irgendwann später klären, werfe ich ein – aber nix da, das muss geklärt werden und zwar jetzt. Wieder einmal habe ich das Gefühl Eure Mutter in klein vor mir sehen. Also alles auf Anfang, wir drehen nochmal. Du schiebst Mascha zurück in Dein Zimmer und zählst irgendetwas unter Zuhilfenahme Deiner Finger zusammen. Die Sache beschäftigt Dich – das ist unverkennbar. Eure Mutter erscheint auf der Bildfläche und erinnert an die Verabredung unter anderem mit Theoman. “Papi, der Theoman ist genau so alt wie ich, dann ist der auch zwanzig wenn ich zwanzig bin.” Ich nicke. “Dann wird der Theoman der Papa – Gute Idee, oder?” strahlst Du mich, untermauert mit dem bekannten “Papi-ich-habe-gerade-eine-grandiose-Idee-Blick”, an. Jetzt musst Du nur noch wissen wie alt ich zu dem ominösen Datum dann bin und wir zählen uns tapfer bis zweiundsechzig hoch. “So alt bist Du dann schon.” ‘entgegnest Du erschüttert. “Das ja so alt wie die Dinosaurier.” Bekomme ich als Antwort. Ich gebe zu nicht mehr ganz taufrisch zu sein aber an uhrzeitliche Riesenechsen als Spielkamerad meiner Kindheit sollte ich mich erinnern. Jedenfalls ist die Frage des Tages geklärt und wir können auf den Spielplatz. Vielleicht möchtest Du ja Deinem angedachten Papa von seinem Glück berichten?

Das passiert übrigens dann überraschend nicht und als ich abends nachfrage bekomme ich eine klare Antwort: “Papi, ich werde erst Mama wenn Du so alt bist wie die Dinosaurier. Und das dauert ja noch ganz schön lange!”

“Gute Idee, oder Papi?” Absolut, da sind wir uns eing!

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

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Je früher Leo lernt in unserer vagabundierenden Familie zurecht zu kommen, desto besser ist das für uns alle. So ungefähr könnte man die Marschrichtung Eurer Mutter dieser Tage deuten. Um die Ostertage herum wünscht ein langjähriger Kunde Eurer Mutter ihr Mittun und es stellt sich somit die Frage der Organisation eines solchen Projektes. Hinzu kommt, daß es an unserem Campingbus einiger, kleinerer Reparaturen bedarf und da Kunde und Werkstatt nur durch ein paar Dörfer voneinander getrennt sind ist klar, das wir beide Notwendigkeiten kombinieren. Da das Ganze unmittelbar an der Schweizer Grenze stattfindet basteln wir unseren Osterurlaub drumherum. Wir fahren also mit zwei Autos in die badische Provinz, geben den Campingbus zur Reparatur eine Woche ab, Leo spaziert im Bondolino mit Eurer Mutter zwei Tage durch Produktionshallen und ist selbstverständlich der Star bei den meist weiblichen Arbeiterinnen. Immerhin hat Eure Mutter zumindest vorher angekündigt in Familienstärke anzureisen. Die Mitarbeiter der Firma kennen allerdings Sarah Sophie in ungefähr dem gleichen Alter und sind somit wenig irritiert.

Die beiden Tage vergehen flugs und kurz vor Ostern geht es von hier nun weiter nach Nizza. Hier haben wir eine entzückende Wohnung, recht zentral gelegen, ergattert die vor allem mit einem unschlagbarem Vorteil aufwartet: Einer dieser typischen kleinen eingezäunten Parks inmitten von Wohnhäusern wie sie in jeder französische Großstadt zu finden sind – inklusive Spielplatz – ist direkt nebenan. Unsere englische Vermieterin gibt uns noch die letzten Tipps und einer Woche frankophiler Urlaubsfreuden steht nichts mehr im Wege.

Und genau auf diesem Spielplatz trudeln wir ein paar Tage später ein – aber Sarah Sophie scheint wenig begeistert ob dieses Umstandes. Du weichst nicht von meiner Seite und willst nur auf irgendwelche Klettergeräte wenn ich mitkomme. Ein paar Mal druckst noch herum und dann kommt die Erklärung für Dein so ungewöhnliches Verhalten: “Papi, ich verstehe die Kinder hier ja alle nicht! Deshalb mag ich nicht mit denen spielen!” Das ist so ziemlich die schallendste aller Ohrfeigen für zutiefst kosmopolitische Eltern. Meine Hinweise, daß genau das Dir doch sonst völlig egal ist, ignorierst Du genauso tapfer wie stoisch. Nichts zu machen, Du verlässt die Parkbank nicht ohne mich. Derweil wiegt Eure Mutter Leo mit beherzter Kinderwagenkurvenakrobatik in den Schlaf.

Nach einer Weile scheint sich die gesamte Spielplatzbelegschaft auszutauschen. Fast wie verabredet verlässt alles französisch sprechende das Areal und auf einmal höre ich von überall her russisch. Das stelle man sich in etwa so vor: Von allen Seiten werden Kinderwagen der üblich-verdächtigen Premiummarken herumgeschoben und die örtliche Mobilfunkzelle müsste eigentlich kollabieren, da auf einmal alle Muttis und Papis selbstverständlich ununterbrochen zu telefonieren haben. Hat aber einen Vorteil, man hört die benachbarte Baustelle nicht mehr. Jedenfalls erinnern mich gegenwärtig lediglich die Palmen des Parks daran nicht in Moskau zu sein. Gefühlt werde ich allerdings gerade an die russische Schwarzmeerküste katapultiert, was Sarah Sophie veranlasst von meinem Schoß zu hopsen und nach ihrem Sandspielzeug zu fragen. “Das ist im Auto, hier gibt es doch gar keinen Sandkasten.” entgegne ich und werde im folgenden darüber aufgeklärt das die Notwendigkeit einer Verfügbarkeit von Eimer und Schaufel auf der einen Seite nicht zwingend in Korrelation mit einer vorhandenen Buddelbude auf der anderen Seite stehen muss. Heißt, Du verklickerst mir Deine Sandkastenutensilien zu holen.

Von nun an ist der Spielplatz gar nicht mehr doof und langweilig und während Du unter einem Baum beginnst so ganz für Dich alleine umherzuharken scharren sich in kurzer Zeit immer mehr Kinder um Dich um das seltsame Spielzeug zu begutachten. Zum Verständnis: Es handelt sich um ganz gewöhnliche Schaufeln, Harken und Förmchen wie sie in jedem Sandkasten zu finden sind, aber eben gerade nicht hier. Nach zehn Minuten sitzen mindestens 10 Kinder unter besagtem Baum und es wird russischer Kuchen gebacken. Du bemerkst recht bald, das es hier verschiedene Begehrlichkeiten in Richtung Deiner Gerätschaften gibt und Du verteilst nicht ganz ungönnerhaft die Ausrüstung. Von nun an sind wir natürlich öfters auf dem “Russischen Spielplatz” wie Du den Park getauft hast. Das Prozedere wiederholt sich übrigens an jedem Tag den wir hier sind exakt gleich. Sage also nochmal einer Kinder seien nicht berechenbar.

Die finale russisch-französische Urlaubsverwirrung erleben wir einige Tage später in Antibes. Dort am Strand angekommen scheint ein gleichaltriger Junge aus Deutschland nur auf Dich gewartet zu haben und wie selbstverständlich werden Spielzeuge getauscht und ganze Landschaften in den Sand gebaut. Dauert etwa eine Stunde denn dann wird Dein neuer Freund von seinen Eltern zum Essen beordert. Und da ist wieder meine Tochter wie ich sie kenne. Spielkamerad weg – egal, lassen wir uns eben von jemand anderen entdecken. Das dauert ganze zehn Minuten und schon fährt ein Dreikäsehoch auf einem Kindertraktor an uns vorbei. Der quatscht Dich auch gleich auf russisch an und wird von Dir nebst des Traktors zur bisherigen Spielstätte beordert um das Equipment einzusammeln. Von nun an schauen wir nicht mehr nach rechts sondern nach links um der Bebauung einer neuen Küstenlandschaft beiwohnen zu können. Die deutschen Bauwerke sind übrigens schmaler und quer zum Meer gebaut, die russischen breit und längst zum Wasser angeordnet. Das hat bestimmt nicht direkt etwas zu sagen, ist mir aber einfach mal aufgefallen.

Und um das Klischee dann auch noch vollständig abzurunden stellt sich der Vater des Traktorfahrer als Immobilienmakler für hiesige Luxusimmobilien vor – Wohnsitz Moskau!

Als dann auch wir in Richtung Mittagessen aufbrechen ist mein ganz persönliches Frankreichbild dann doch wieder gerade gerückt: Am Ende des Strand finden wir ein kleines Restaurant, welches nur aus Küche und Terrasse besteht und ich habe keine Ahnung was ich gerade bestellt habe. Jedenfalls sind alle glücklich und Sarah Sophie fasst kurz vorm Dessert den Urlaub in einem Satz zusammen:

“Papi, das ist schon ganz schön gut, daß ich auch russisch kann, wo doch alle Leute aus Russland hier Urlaub machen.” Gar keine Frage: es gibt es zwei Kugeln Schokoladeneis – sozusagen für jede Sprache eine.

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

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Das wir mit nun zwei Kindern weniger reisefreudig sind steht natürlich nicht zur Debatte, Skifahren ist also gesetzt und im Februar ist es endlich soweit. Zugegeben hält sich die Begeisterung Eurer Mutter in überschaubaren Grenzen, dürfte es ihr ja dämmern die kommenden Tage Dauergast irgendeiner Talstationshütte zu sein. Diesmal entscheiden wir uns für die Kitzbüheler Alpen und starten Richtung Fieberbrunn. Der Campingplatz liegt direkt an der Talstation und alles scheint gut. Es hat genug Schnee und die Aussichten sind prächtig. Lediglich der geringfügige Misstand einer defekten Heizung im Campingbus läßt die erste auch die letzte Nacht dort sein. Dumm gelaufen aber durch die örtliche Touristeninformation vor Ort nicht weiter relevant. Wir finden ein kleines Appartement im Ortszentrum und spazieren eben jeden Tag zu Fuß zum Lift.

Am nächsten Morgen geht es zunächst zur Skischule, Material und Kurs für Sarah Sophie organisieren. Eure Mutter stellt sofort klar, daß hier mit Anfängergruppen überhaupt nichts zu gewinnen ist und verweist auf den letztjährigen Skikurs von Dir. Ich behaupte jetzt mal der gemeine, gestandene Tiroler Skilehrer hört nicht zum ersten Mal möglicherweise, eventuell, punktuell nuanciert zu positive Einschätzungen kindlicher Alpinleistungen. Ich halte mich da einfach mal zurück und kaufe die Skipässe. Dein Skikurs startet zwar erst am kommenden Tag, aber Deine Ski willst Du natürlich sofort ausprobieren und so ziehe ich Dich artig den kleinen Hügel herauf und erst nachdem auch Du einsiehst, das ein gesamter halber Meter Höhenunterschied nichts bringen wird entledigst Du Dich Ski und Schuh. Das Skipässe aber auch erst für folgende Tage gelten betrübt Deine kindliche Seele deutlich und nahezu ganze zehn Minuten, denn dann geht es zum Essen. Spagetti Napoli heißt unser aktuelles Zauberwort und wer braucht da schon Babyberge. Prinzip Ablenkung funktioniert erfolgreich.

Sarah Sophies zweiter Skikurs, Februar 2016, Fieberbrunn

Sarah Sophies zweiter Skikurs, Februar 2016, Fieberbrunn

Am nächsten Morgen trifft sich das skifahrende Kindervolk an der Talstation und die Lehrer sondieren das Können der einzelnen Probanden. Und da ist er der: Der mütterliche Super-GAU schlechthin: Du scheinst alles vergessen zu haben. Schneepflug was ist das? Kurvenfahren unbekannt! Der dazugehörige Skilehrer heißt Daniel und erinnert äußerlich eher an einen RAF-Aufbauhelfer der frühen 70er, wodurch ihn Eure Mutter selbstverständlich unmittelbar ins Herz schließt. Und eben der deutet mit Dir auf die Anfängergruppen am Zauberteppich. “Halt mal Leo!” sind die letzten Worte bevor Eure Mutter aktiv ins Geschehen eingreift. Also – um das mal zurückhaltend auszudrücken. Leidenschaftlich gestikulierend verteidigt sie Deinen Platz im erweiterten Fahrerfeld der Nicht-Anfänger. Mein Einwand, der besagte Skikurs liegt ja nun auch schon mehr als 13 Monate zurück, kontert Eure Mutter locker aus: “Du hast doch gesagt Skifahren ist wie Fahrradfahren – das verlernt man nicht.” Das stimmt zwar, bezieht sich allerdings auf Erwachsene mit mehrjähriger Skiabstinenz. Auf solche Spitzfindigkeiten kann aktuell natürlich keine Rücksicht genommen werden und Eure Mutter wird nicht müde die alpinen Erinnerungslücken wortreich aufzufüllen. Hilft aber alles nix, Du gehst in eine andere Gruppe. Die Zustimmung Eurer Mutter pendelt sich auf Gefrierpunktniveau ein. Du bist jedenfalls nicht unglücklich und stapfst mit Deinen neuen Mitstreitern zum Zauberteppich. Alles ist gut und ich verspreche in Zukunft einmal im Monat mit Dir in die Skihalle zu gehen.

Überraschend braucht Eure Mutter auch nur zwei Tage um wieder strahlend mit Leo auf dem Arm im Schnee zu stehen. Irgendwann werde ich jedenfalls darüber informiert, das Sarah Sophie nun doch nicht bei den ganz Kleinen unterwegs ist, ich sie aber gerade nicht sehen könne, da ihre Gruppe zufällig gerade mit dem Schlepplift nach oben gefahren ist. Der Urlaub erfährt seine finale Rettung während ein fröhlich winkendes Kind im rosa Skianzug als Erste ihrer Gruppe den Berg herunter kurvt.

Von nun an möchtest Du auch nicht mehr mit uns zu Mittag essen, sondern spazierst lieber mit Deinem neuen Skilehrer Fabian und Eurer Gruppe ins Restaurant zum “Kinderessen”. Wir werden mal wieder nicht gebraucht. Nebenbei lernst Du dann auch noch ein bisschen Niederländisch. Unser kleines Tiroler Bergdorf erscheint dieser Tage wie ein Vorort von Amsterdam. Egal wo wir hingehen, Oranje ist schon da. Im Lift, auf den Hütten und – wen wundert es – in Deinem Skikurs wird holländisch gesprochen. Ein Junge aus München und Du sind die einzigen Nicht-Holländer und auch Kinderskichef Fabian kommt standesgemäß aus Utrecht. Das nenne ich mal europäisch. Ob im Gegenzug auch österreichische Segellehrer am IJsselmeer anzutreffen sind konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Sarah Sophies Resümee lautet jedenfalls: “Papa, was spricht man in Österreich nochmal für eine Sprache? (kurze Pause) Ach ja, Holländisch. Aber das ist ja auch ganz schön schwer, daß die da anders sprechen als sie heißen.”

Holland hat also wohl Berge, die stehen eben nur in Österreich.

Tot ziens …

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

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Es ist Zeit für das Finale – und zwar das zur See sozusagen. Leos Babyschwimmkurs startet erst im nächsten Monat, aber Große Schwestern dürfen dort nur zu Kleinen Brüdern mit ins Wasser wenn sie schwimmen können. Also muss das Seepferdchen her und zwar zügig. Eindeutig ein Projekt für Deine Mutter. Selbstverständlich gibt es ausschließlich eine einzige Schwimmschule in Düsseldorf die in Frage kommt. Woher derlei Qualitätsinformation herrührt weiß ich zwar nicht, dafür Eure Mutter umso mehr. Bereits vor einigen Monate habe ich also die Schwimmschule Seifert angerufen, mich gefühlt auslachen lassen ob meiner Nachfrage einer möglichen Kursteilnahme in den folgenden Wochen. Aber in der auferlegten Roadmap Eurer Mutter ist das selbstverständlich einkalkuliert und somit ist die mehrmonatigen Warteliste folglich kein Problem.

Irgendwann bekommen wir einen Anruf und einen Platz. Somit hole ich Dich jeden Freitag bereits mittags im Wald ab und wir juckeln von nun an einige Monate ins Neanderbad nach Erkrath. Die vorstädtische Variante war notwendig um nicht noch länger auf der Warteliste zu versauern. Und hier lerne ich meine Tochter mal von einer ganz anderen Seite kennen. Ich muss mit ins Wasser das ist klar, aber von meinem Arm trennst Du Dich nur unter lautstarkem, brüllenden Protest der mich schon fast an der Sinnhaftigkeit dieses Ansinnen zweifeln läßt – von Deiner sonstigen Selbständigkeit in Form von “Papa, Alleine!” sind wir Lichtjahre entfernt. Warum weiß ich nicht. Der Engelsgeduld Deiner Schwimmlehrerin sei dank und nach nur drei Wochen steigen wir in den Regelbetrieb ein. Da der Kurs anfangs nur aus drei Kindern besteht, darfst Du Dir solche Allüren erlauben.

Dann – von einem auf das andere Mal – geht alles im Eiltempo. Tiefenentspannt ruderst Du im Froschbeinmodus durchs Wasser und verachtest jedwede Schwimmhilfe: Sicherlich schaue ich wahrscheinlich rein zufällig gehörig hoheitsvoll, wenn ich vor der anwesenden Muttiriege bereitwillig Auskunft darüber gebe wieso Du als Kleinste im Kurs als Erste die Schwimmflügel über Bord bzw. den Beckenrand wirfst. Soweit alles nach Plan, wäre da nicht eine winzige Kleinigkeit die uns vom Frühschwimmerabzeichen (das heißt wirklich so) trennt. Über Wasser alles bestens aber unter die Wasserlinie bekommen Dich keine der sprichwörtlichen zehn Pferde. Nichts zu machen, Dein Kopf weigert sich genauso beharrlich wie dickköpfig das nasse Element von unten zu betrachten.

Was nun folgt ist nicht sonderlich erstaunlich: unsere heimatliche Badewanne wird kurzerhand zum Tauchkübel umfunktioniert und Du verbarrikadierst Dich mit Deiner Mutter zur Flachwasserklausur. Das Ergebnis ist wenig überraschend: völlig stolz verlässt Du irgendwann das Badezimmer um mir mitzuteilen am kommenden Freitag bereitwillig unter Wasser zu tauchen und im Anschluß in einem der üblich-verdächtigen Geschäften Dein versprochenes Geschenk einzulösen. Hoch erhobenen Hauptes verlässt Deine Mutter ebenfalls den Sanitärbereich. Der kommende Freitag dürfte damit nur noch reine Formsache sein, denn Tauchen gehört ab sofort zum selbstverständlichen Freizeitprogramm.

Bleibt die Frage, wie nun Leo in die schwimmende Familienfreizeit zu integrieren ist. Die Lösung kommt – wie so oft – aus dem Osten. Eines Abends steht Deine Mutter strahlend in der Tür und präsentiert eine Art aufblasbare Halskrause die um Leos Hals zu legen ist und es ihm von nun an ermöglicht nahezu frei im Wasser zu schweben. Die Damen des Hauses sind begeistert während meine Hinweise auf ein fehlendes – wie auch immer geartetes – Sicherheitszertifikat als Zentraleuropäer-Papa-Beruhigungsunsinn abgetan wird. Das Produkt funktioniert und fertig. Das Zentralkomitee des Familiensowjet verfügt die Freigabe und das Gerät absolviert einen Badewannentest am Kind.

Väterliche Sicherheitsbedenken verpuffen selbstredend umso schneller je größer die kindliche Partizipation am Objekt ausfällt – und die ist im vorliegenden Fall bei vollen einhundert Prozent angeschlagen: Zum folgenden Schwimmunterricht stolziert eine Große Schwester vorneweg – den brüderliche Schwimmring untergehakt – mit einem dermaßen eloquenten Selbstverständnis ins Wasser das es bildhaft nur so platscht. Die geforderten 25 Meter schwimmst Du vorschriftsmäßig artig ab und das befürchtete Tauchdilemma bleibt einfach mal aus. Seepferdchen bestanden und den orangenen Aufnäher befestigt Deine Mutter stolz an Deinem Lieblingsbadeanzug.

Nun lassen wir also Leo zu Wasser. Unter interessierter Anteilnahme der umherstehenden Badegäste montiert ihr beide Leos Hals in besagte Apparatur und los geht es. Und was in der Badewanne funktioniert, klappt mit Zuschauer nur noch umso besser. Ungefähr das dürftest Du Dir gedacht haben, während Dein Bruder an seinen Beinen durch das Schwimmbecken gezogen wird.

Leos erster Badegang, Januar 2016, Neanderbad Erkrath

Leos erster Badegang, Januar 2016, Neanderbad Erkrath

Du bist in Deinen Element, Dein Bruder freut sich wahrscheinlich einmal nicht an den Armen sondern Beinen herumgefuhrwerkt zu bekommen und Deine Mutter steht im Wasser und erklärt das neue Babybadeprinzip.

Und ich hatte ja schließlich eine Woche Zeit mich an Euer neues Hobby zu gewöhnen.

Herzlichen Glückwunsch zum Seepferdchen meine Große und weiterhin viel Geduld mit Ihr mein Kleiner Kerl.

Geschrieben in Nice, Provence-Alpes-Côte d'Azur, France.

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Alle meine Freunde und Bekannten, die mehr als ein Kind haben, sind sich dahingehend einig, daß die kindliche Interaktion untereinander das wohl faszinierendste in der Familienerweiterung an sich darstellt. Ich bin also gespannt und – vorneweg gesagt – Dich interessiert es auch herzlich wenig, daß diese Interaktion zunächst eine – altersbedingte – Einbahnstraße ist. Aber der Reihe nach.

Der Geburtstermin Deines Bruders steht unmittelbar bevor und ich bin wahrscheinlich wieder der Aufgeregteste in der Familie. Für Deine Mutter läuft alles nach dem Prinzip: Kenn ich, weiß ich, habe ich schonmal gemacht. Das ist zwar unumwunden korrekt, aber ihre stoische Ruhe gepaart mit diesem unglaublichen Pragmatismus wirkt schon streckenweise etwas gespenstisch. Der meist gehörte Satz der letzten Wochen Deiner Mutter nach einer angebotenen Hilfestellung in welcher Lebenslage auch immer ist wie selbstverständlich: “Ich bin schwanger und nicht krank.” Die gepackte Reisetasche im Flur eines Abends deutet aber unmissverständlich in Richtung nächtlichen Ausflug Richtung Geburtsstätte (das Wort Krankenhaus finde ich hier unangebracht). Wir erklären Dir, daß Du vielleicht irgendwann einmal aufwachst, Deine Eltern nicht da sind und müssen Dir ganz fest versprechen, daß Oma und Opa aber auf jeden Fall dann bei Dir sind. Wieso Du auf die Idee kommst, wir könnten Dich alleine lassen, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben – Du äußerst jedoch mehrfach derlei Befürchtungen. Mit dem Oma-Opa-Versprechen gibst Du Dich aber schließlich zufrieden und alles ist gut. Zitat: “Papi, das weiß ich doch alles. Das steht doch genau so im Connibuch. Deinen Eltern glaubst Du also erst wenn es überprüfbar in irgendwelchen Büchern steht. Ob das gelerntes Misstrauen oder ein erstes Anzeichen einer unterstützungswerten, sozialisierten Hinterfragungskultur ist, kläre ich am besten später, denn just an diesem Abend verkündet Deine Mutter, das es wohl heute losgeht.

Jedenfalls stehen Deine mütterlichen Großeltern um zwei Uhr nachts maximal zehn Minuten nach meinem Anruf bei uns auf der Matte um Deine Mutter zur Niederkunft und mich zu den gefühlt untätigsten Stunden meine Lebens zu entlassen. Der Countdown zu Leos Lebensbeginn ist unzweideutig gestartet. Im Kreissaal angekommen gibt es die üblichen Untersuchungen, einen Papierkram den ich unterschreibe ohne ihn zu verstehen und schon werden wir wieder weggeschickt. Der letzte Satz der Hebamme ging so ungefähr in die Richtung: “Geht nochmal etwas spazieren, das hilft!” Nun tuen sich unweigerlich Parallelen zu Deiner Geburt auf: vor viereinhalb Jahren sind Deine Mutter und ich ebenfalls nächtens stundenlang durch den Klinikpark spaziert, allerdings mit dem geringfügigen Unterschied das damals die Beleuchtung in eben diesem funktioniert hat. Aber da war ja auch Sommer und das Controlling des Hauses hat sich bestimmt gedacht, welcher Depp läuft schon in einer Dezembernacht durch den Park. Es ist jedenfalls stockfinster während wir uns im Zeitlupentempo bemühen nicht vom Weg abzukommen.

Ich mache es kurz: um halb fünf Uhr früh dürfen wir wieder rein und um sieben Uhr sieben ist unsere Familie zu viert und ich so unglaublich erleichtert, daß mir die Aussage Deiner Mutter eine halbe Stunde nach Geburt: “Jetzt habe ich Hunger, wann gibt es Frühstück?” überhaupt nicht irritierend vorkommt, sondern ich mich mal auf den Weg dorthin mache.

In der Zwischenzeit bist Du aufgewacht und kennst nur eine Frage: “Wann kann ich zu meinem Bruder?” wie mir Deine Großeltern versichert haben. Da Deine Mutter aber selbstverständlich an alles gedacht hat, gibt es vor dem ersten Klinikbesuch noch kurz eine kleine russische Kinderweihnachtsveranstaltung zu der ich mit Dir und Deiner Freundin Lisa nebst deren Mama gegen Mittag aufbreche. Nachdem dort Väterchen Frost genug Geschenke verteilt hat, fahren wir endlich alle zusammen “Bruder gucken”. Und hier bekommen Deine Eltern und die angesammelte Verwandtschaft schonmal einen Eindruck wie Du Dir in Zukunft unser Familienleben so vorstellst:

Tür auf, alle rein ins Zimmer und Du selbstverständlich vorneweg. Deine Mutter liegt nebst Leo im Bett und Du läßt Dich gerade noch zum Händewaschen überreden und schon sitzt Du mitten mit im Geschehen, Deinen Bruder auf dem Schoß. Meinen Hinweis auf mäßigendes Handeln und erhöhte Vorsicht im Umgang mit einem Neugeborenen entgegnest Du lediglich lakonisch: “Papi, ich weiß, ich muß aufpassen. Aber Leo ist doch schon einen Tag alt und außerdem so süß.” Ich versichere meinem Sohn mittels direktem männlichem Blickkontakt die Situation unter Kontrolle zu haben. Noch während der ersten schwesterlichen Beschmusungswelle meine ich erkennen zu können, daß ihm das nicht direkt missfällt, was wiederum mich beruhigt. Leo Küsschen links, rechts, vorne, hinten, oben, unten – weil er ja so schrecklich süß ist wie Du mehrfach betonst. “Papi, das ist jetzt mein Lieblingskuscheltier. Noch lieber als Hoppel und Mimi zusammen.” Bevor ich stellvertretend für Leo sein Recht auf Selbstbestimmung einfordern kann, erläuterst Du kurz das weitere Vorgehen:

“Jetzt darf erstmal ich den Leo auf den Arm nehmen, dann die Mama, dann Lisa, Katja, dann Mira, Irinia und dann wieder ich! Ach so und dann noch der Papa.” Meine Intervention, mich in der ganzen Aufzählerei unterrepräsentiert zu sehen entgegnest Du lapidar: “Papi, Du schmust Doch immer schon mit mir. Das ist jetzt mein Leo!”

Projekt "Große Schwester": 12.12.2015, Florence-Nightingale Krankenhaus, Düsseldorf

Projekt “Große Schwester”: 12.12.2015, Florence-Nightingale Krankenhaus, Düsseldorf

Ich sehe schon man kann nicht alles haben, aber wenn wir erstmal alle Zuhause sind wird bestimmt alles ganz anders. Das sage ich jetzt erstmal zu mir, dann zu mir und – ach so – dann noch zu Dir.

Herzlichen Glückwunsch zum kleinen Bruder, große Schwester.

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.