posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

Für Leo steht ab heute eine neue Erfahrung auf dem Tagesplan: Er wird ein Kücken, d.h. er geht – oder besser gesagt – krabbelt in seinen neuen Kindergarten. Irgendwie noch etwas schwer vorstellbar aber nach unserem Verständnis genauso sinnvoll wie unvermeidlich.

Viel Spaß bei Kücken und Co mein kleiner Kerl.

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

posted by on Das fünfte Jahr, Elternzeit I + II, Von Geburt an

Es geht immer weiter südwärts. Sarah Sophie findet “Schlafschiffe” (Fähren mit Kabinen) prima, weil man in Betten übereinander schlafen kann, wir haben uns im Bus in Palermo beklauen lassen und die deutschsprachige Kinderlosigkeit zieht sich munter fort. Herzlich Willkommen auf Sizilien.

Das alle Eltern ihre Kinder unnachahmlich, großartig und was weis ich nicht noch alles finden ist genauso selbstverständlich wie logisch und sei allen zugestanden. Hier kurz vor Afrika gehen die Uhren aber irgendwie anders. Alles ist gehörig entspannter. Örtliche Polizisten halten Leo auf dem Arm während Eure Mutter ihnen erklärt, daß es völlig richtig ist in der Rushhour von Catania eine Fahrspur zu blockieren, da Papa kurz im Fischladen einkaufen ist, oder zwei freundliche Carabiniere-Beamte fahren kurzfristig rückwärts auf der Autobahn um einem verirrten Touristen die richtige Ausfahrt zu zeigen. Kurz eine sympathische Insel mit freundlichen Ureinwohnern.

An einem Wochenende Mitte August verschlägt es uns an einen hübschen Ort irgendwo zwischen Marsala und Agrigento. Wie üblich erwarten wir einen Campingplatz der noch genügend freie Plätze bereithält, denn das war auf der gesamten Tour zu meinem großen Erstaunen bisher immer so. Aber nur bis jetzt. Ich gebe zu mit den Feiertagen in Italien nicht so unbedingt in Einklang zu liegen, aber an einem Freitag-Abend erklärt mir eine freundliche Frau auf besagten Übernachtungsareal das am kommenden Montag “Ferragosto” ist und sie nicht wüsste ob sie uns noch unterbekommt. Prima, der nächste Campingplatz am Meer ist eine Stunde entfernt und Leo gibt eindeutig zu verstehen, daß sitzen im MaxiCosi jetzt ein Ende haben darf. Während etwa zehn Campingbusse vor uns ihren Platz aussuchen werde ich aufgeklärt: “Ferragosto” darf als der wichtigste Feiertag in Italien bezeichnet werden, und da fahren eben alle weg, bzw. legen Ihren Urlaub auf diese Zeit. Prima und dieses Jahr fällt er auf einen Montag, d.h. ein langes Wochenende. Irgendwann schickt mich die besagte Dame dann zur Platzsuche und ich verstehe nichts mehr. Alles rappelvoll, nirgendwo eine freie Ecke – bis auf eine einzige unter einer riesigen Pappel direkt am Strand. Luftlinie dorthin 10 Meter. Wir haben Glück. In den kommenden Tagen scheint jede Familie um uns herum nochmal mindestens die gleiche Anzahl an Personen Besuch zu bekommen und wir mittendrin.

Da Leo beschlossen hat in diesem italienischen Familiengetümmel seine Krabbelkenntnisse zu vervollständigen und eben dies auch nach anfänglichen Koordinationsschwierigkeiten ganz manierlich gelingt, mangelt es uns nicht an genügend Anteilnahme.

Auf zu neuen Ufern. Leo entdeckt das Krabbeln. Sizilien, August 2016

Auf zu neuen Ufern. Leo entdeckt das Krabbeln. Sizilien, August 2016


Mit Matheo wird am Strand um die Wette gekrabbelt, Christiano zeigt schonmal wie das mit dem Laufen so funktioniert und ansonsten erwecken wir den Eindruck Familie Leo zu sein. Und hier scheint man sein Namenswissen unbemerkt weiterzugeben. Jedenfalls wundere ich mich bereits am zweiten Tag nicht mehr darüber, wenn mir wildfremde Menschen entgegenkommen, meinen Sohn erblicken, Dir freundlich zuwinken und uns ein herzliches “Ciao Leo” entgegen trällern. Und es spielt überhaupt keine Rolle, ob das morgens während ich Brot kaufe, mittags in der kleinen Trattoria nebenan oder irgendwann am Strand: Mit “Ciao Leo” verbringen wir jeden Tag. Irgendwie sind wir alle Leo. Sarah Sophie akzeptiert das durchweg freimütig positiv solange jeder weiß das sie schon fünf ist und Leo schließlich Ihr Bruder ist. Darf er dann noch umhergetragen werden ist alles auf Tochterseite rund. Die Sache mit dem Alter hat übrigens eine Besonderheit. Seit Du fünf bist, legst Du gesteigerten Wert auf eben dieses Alter, meist in der Aussage: “Papa, mir ist ja jetzt schon fünf.” Verfehlungen im Benehmen Deinerseits schiebst Du gerne mal auf die Zeit vor diesem bedeutungsvollen Geburtstag. “Papa, das mache ich nicht mehr, weißt Du da war mir noch vier, da wußte ich das ja noch nicht.” Dazu drehst Du die Handflächen nach außen und zuckst mit den Schultern.

Ich weiß es ist pädagogisch nicht hundertprozentig korrekt und ich habe Dir auch schon gesagt, daß dies verbal nicht so ganz richtig ist, aber es klingt einfach zu wohltuend pittoresk “wenn Dir schon fünf, oder nicht mehr vier ist.”

Zurück zu Leo: Der scheint langsam zu glauben sein Name ist nur so eine Art Anhängsel. Nicht selten passiert folgende charmante Wunderlichkeit: Du sitzt vertieft in das einzahnige Verteilen einer Aprikose oder Banane über Deinen gesamten Oberkörper und jemand spricht Dich mit Deinem Namen “Leo” an: Keine Reaktion. Auch eine Wiederholung bringt nichts. Die gewieften Mitspieler im Babykommunikationsreigen wissen sich hier aber perfekt zu helfen. Zwei herzliche Wort genügen und Du stahlst Deine Umwelt an: “Bellissimo piccolino” Sprachlich – glaube ich – nicht ganz korrekt, aber wer wochenlang nichts anderes hört, der darf ruhig darauf reagieren.

Ich mag italienische Feiertage auf Sizilien.

Ciao Leo!

Geschrieben in Domburg, Zeeland, Netherlands.

posted by on Das fünfte Jahr, Das vierte Jahr, Elternzeit I + II, Von Geburt an

Im 60./ 8. Monat starten wir in unsere zweite Elternzeit. Gute zwei Monate nur wir, keine Jobs, keine Termine – alles was wir wissen ist eine grobe Reiseroute und ein paar fix gebuchte Fähren. Eure Mutter managt noch flott einen Job bei einem bekannten bayerischen Autobauer (liegt ja sozusagen auf dem Weg) und anschließend geht es via Livorno noch Korsika, Sardinien und Sizilien. Danach durch Kalabrien und Apulien.

Möglicherweise gehe ich etwas zu naiv an die Sache, aber irgendwie habe ich ständig unsere erste Elternzeit mit einem Kind vor Augen und denke mir, jetzt eben Frankreich und Italien anstelle von Spanien und Portugal. Klarer Fall von elterlicher Verirrung, den es ist nichts von alledem. Mit einem Baby kann man bekanntlich so ziemlich alles unternehmen, schließt man Fallschirmspringen und Tiefseetauchen gegebenenfalls mal aus, aber mit Baby und einer fast Fünfjährigen machst Du ganz viel – nämlich das was die Fünfjährige möchte. In Sarah Sophies aktueller Lebensphase bildet sich in diesen Tagen eine interessante Symbiose aus mütterlicher Sturheit und väterlicher Ungeduld. Das will erstmal geschultert werden. Auf Korsika ist noch alles im grünen Bereich und wir beschließen recht zügig nicht all zuviel herumzufahren, sondern bleiben stets mehrere Tage an einem Ort. Wie immer schließt Sarah Sophie schnell Freundschaften und Leo muss nicht täglich als stolz präsentiertes Schwester-Spielzeug herhalten. Auffallend ist allerdings das Du seit einigen Monaten ausschließlich den Kontakt zu Kindern suchst, die Du auch verstehst – also stets deutsch- oder russischsprachige Freundinnen präsentierst. Das war in all den Jahren davor anders und soll die nachfolgende Elternzeit maßgeblich beeinflussen.

An Sarah Sophies fünftem Geburtstag setzen wir von Korsika nach Sardinien über und die Zeit des sprachlichen Stillstandes beginnt. Anders ausgedrückt der elterliche Super-GAU nimmt seinen Anfang. Egal wo wir hinkommen, deutschsprachige Kinder: Fehlanzeige. Wo nun alle Italien-verliebten Teutonen in diesem Jahr Urlaub machen (wir sprechen über Juli und August) weiß ich nicht, jedenfalls nicht da wo wir sind. Ein Umstand den ich kinderlos durchweg als traumhaft bezeichnen würde mutiert aktuell zu einem Problem gesteigerter Dramatik. Sarah Sophie weiß schlicht und ergreifend nichts mit sich anzufangen und wird dann einfach mal zickig – wie die Mama – oder schlechtlaunig – wie der Papa – es zugegebenerweise recht gut sein können. Du bist eben das Kind Deiner Eltern und das wird mir in diesem Monat überdeutlich. Mittlerweile hast Du Dir von mir erklären lassen, wie europäische Autokennzeichen funktionieren und das Autos aus Deutschland eben ein weißes D auf dem blauen Fond am Anfang haben, was Dich veranlasst jeden Campingplatz genauestens nach eben diesem D zu scannen. Das wiederum gestaltet sich recht putzig, denn Du setzt Dich auf Dein Fahrrad und radelst einfach mal los. Findest du dann das ersehnte Zeichen verbalkommunikativer Einheit teilst Du es Deiner Umwelt mit und zwar im selben Moment des Auffinden, selbstverständlich entsprechend lautstark. Anders ausgedrückt brüllst Du Deine Freude quer über jedes italienische Camperidyll und auch die gefühlt hundertste Erklärung, das nicht hinter jedem D auch ein Kind wohnt, läßt Dich beim einhunderteinsten Versuch lediglich noch ein klein bisschen lauter schreien. Wahrscheinlich ob der Vorfreude. Selten, aber manchmal dann doch haben wir Glück und auf dem Gepäckträger über dem D ist ein Kinderfahrrad befestigt. Diese Tage sind selten und bescheren Euren Eltern Glücksmomente und Dir eben eine Freundin oder einen Freund für mindestens einen Tag. Selbstverständlich leistest Du Dir noch den Luxus, trotz der verknappten Angebotslage, manche der Spielprobanden abzulehnen und schleppst dann wieder lieber Deinen Bruder über den Strand. Der wiederum scheint das sonnigste Gemüt überhaupt zu haben, denn wenn ich schon längst glaube, daß es einfach mal reicht grinst Leo fröhlich in der Gegend umher während seine große Schwester der felsenfesten Überzeugung ist, so ein kleiner Mensch gibt eine prima Schubkarre ab. Dafür zolle ich Dir unumwundenen Respekt, mein Sohn.

Dann irgendwann im Nirgendwo landen wir neben einer italienischen Großfamilie bestehend aus Oma, Opa, Eltern sowie drei Jungs und einem Mädchen. Hier spricht zwar auch niemand Deine Sprache, aber das interessiert Dich herzlich wenig. Nach anfänglichem Zögern wird mit dem Ältesten Fußball gespielt oder der kleinste (etwas älter als Dein eigener Bruder) hingebungsvoll am Strand bespaßt. Ich höre kein einziges Mal “Papa, ich verstehe die Kinder nicht, also kann ich nicht mit ihnen spielen.” Alles scheint gut und ich frage mich natürlich woran das auf einmal liegt, während meine kosmopolitische Grundüberzeugung wieder etwas gerader gerückt wird.

Und bereits am nächsten Tag erfahre ich auch den Grund Deiner schlagartigen guten Laune. Quer über alle Generationen hinweg begrüßen Dich unsere Nachbarn als “Bellissima Bambina” während Du stolz Dein neues Kleid vorführst. Das ist also das ganze Geheimnis: Du verstehst zwar kein Wort, begreifst aber, daß Dich hier alle ganz toll finden. Und erstmals seit ein paar Wochen steht ausnahmsweise nicht Dein Bruder im Mittelpunkt nachbarschaftlicher Huldigung. Die gibt es übrigens zu Hauf, aber das ist eine folgende Geschichte.

Jedenfalls bist Du die Tochter Deiner Mutter: Das haben mir unsere italienischen Nachbarn plakativ vor Augen geführt. Ganz überraschend sind wir dann einfach mal über eine Woche hier geblieben und ich möchte nie wieder andere Nachbarn.

Mille Grazie Marcella e Giovanni.

Geschrieben in Domburg, Zeeland, Netherlands.

posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

In diesem Monat habe ich schlicht und ergreifend mal nichts zu erzählen. Klingt skurril – ist aber so, denn ich war einfach nicht dabei. Eure Mutter hat Euch, Eure mütterlichen Großeltern und noch ein paar Ihrer Kollegen im Gepäck um einem ukrainischen Industriebetrieb wieder auf die eigenen Beine zu helfen. Sarah Sophie geht dort in einen lokalen Kindergarten und Leo erfreut sich großelterlicher Dauerbespaßung.

Jedenfalls seit Ihr via Wien nach Dnetopetrovsk geflogen um dann noch, in einer kundenseitig gewünschten einwöchigen Projektpause, von dort ins armenische Yerevan weiterzureisen um Freunde von uns zu besuchen. O-Ton Eurer Mutter: “Na wenn wir schon auf halbem Weg sind …”

Nach Eurer Rückkehr folgt noch eine ganze Woche in Düsseldorf bevor es dann in unsere zweite zehnwöchige Elternzeit geht.

Wer hat eigentlich jemals behauptet Reisen mit Kindern sei kompliziert? Wir jedenfalls nicht, obwohl jeweils auf Hin- und Rückreise einer der Koffer in Wien hängengeblieben ist. Aber man braucht ja auch noch wirkliche Herausforderungen!

Geschrieben in Landshut, Bavaria, Germany.

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In diesem Monat bekomme ich schonmal einen sanften Vorgeschmack auf die Zeit, in der Eure Mutter wieder ganz regulär arbeiten geht – ich also folglich mit Euch beiden unter der Woche oft alleine sein werde. Das ist zwar erst in einigen Monaten so, aber ein bisschen Übung schadet ja nicht. Ein nicht unbekannter bayerischer Autobauer möchte von Eurer Mutter irgendetwas über drei Tage erklärt bekommen und diesem Ruf folgen wir dann also in vollständiger Familienstärke. Terminlich haben wir das Projekt erfolgreich zwischen zwei “lange” Mai-Wochenenden platziert und starten so am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt in Richtung Gardasee um dort das Brückentagwochenende zu verbringen, denn Bayern und Gardasee lassen sich natürlich so herrlich kombinieren. Prinzip: Na wenn wir eh schon mehr als die Hälfte an Kilometern fahren müssen …

Der oberitalienische Abstecher ist ein Volltreffer in dem Sarah Sophie gefühlt das Schwimmbad des Campingplatz nur zum Essen verlässt, während Leo auf der Liege unter dem Sonnenschirm die ersten zaghaften Versuche unternimmt sich selbstständig bewegen zu können – die Drehungen klappen noch nicht so ganz, aber lange dauern dürfte es nicht mehr. Ich gestehe übrigens an dieser Stelle irgendwie vergessen zu haben wie lange es doch dauert bis die Krabbelei losgeht. Sarah Sophie schließt jedenfalls zügig und zahlreich neue Freundschaften, die sogar manchmal länger als einen Tag halten. Völlig überraschend findet Eure Mutter bereits beim ersten Stadtbummel die ein oder andere ach wie bezaubernde Kinderboutique und die Damen des Hauses gehen dann mal shoppen während die Herren meist vor der benachbarten Bar anzutreffen sind. Irgendwann spaziert Sarah Sophie mit einer noblen Tasche aus dem Geschäft, setzt den “Hach-was-muss-ich-wieder-alles-alleine-machen”-Blick auf und erläutert mit seufzender Stimme: “Papi, wir müssen jetzt ein ganz großes Eis essen gehen. Ich habe soviel Kleider ausprobiert, das ist ja ganz schön anstrengend.” “Aber Du wolltest doch unbedingt ein neues Kleid?” entgegne ich während sich Leo auf meinem Arm selbst gerade rückt. “Ja schon aber Du willst doch auch immer das ich so schön aussehe.” grinst Du mich an. Dann wieder ich: “Aber Du wirst doch nicht schöner, nur weil Du ein neues Kleid anhast.” Wieder Du: “Stimmt, Papi mit einem neuen Kleid sehe ich noch viel, viel schöner aus. So schön wie die ganze Welt. Jawohl!” Nun erscheint Eure Mutter auf der Bildfläche und verkündet genussvoll “Sarah Sophie hat so viele Kleider anprobiert und das schönste ausgesucht.” Ich wähne mich in einem Komplott. Sofort wieder Du: “Ja und jetzt müssen wir Eis essen gehen, weil das ja so furchtbar anstrengend war.” Ich gebe auf und wir steuern die nächste Eisdiele an. Hier beschließen die Damen dann noch kurz, das ich von Kleidern ja sowieso keine Ahnung habe und deshalb auch immer besser mit Leo vor dem Geschäft bleibe.

Ich glaube ja das habt ihr abgesprochen, eine Beweisführung gestaltet sich aber bestimmt schwierig.

So in der Art vertrödeln wir die nächsten Tage und am Sonntag geht es von hier nach Landshut um Eure Mutter in Lohn und Brot zu bringen. Im Vorfeld haben wir besprochen, daß mir Sarah Sophie dann hilft, weil ich mich ja jetzt um zwei Kinder alleine kümmern muß. Wir legen fest was zu tun ist und das klappt hervorragend. Sogar Zähneputzen (unser aktuelles Lieblingsdrama) absolvierst Du ohne Murren solange der Hase Hoppel und Bäh das Schaf zugucken dürfen. Der erste Tag startet somit erfolgreich. Unser Campingplatz ist zwar eine ziemliche Einöde liegt aber nur ein paar Autominuten von der temporären Arbeitsstätte Eurer Mutter entfernt. Das ist natürlich unabdingbar da Leo unter anderem mittags noch gestillt wird und wir somit auf den schnellsten Weg für die mütterliche Mittagspause angewiesen sind. Das klappt auch alles problemlos.

Sarah Sophie wird es verständlicherweise irgendwann langweilig, da wir gefühlt alleine auf dem Areal sind. Lediglich einige dauercampende Rentner schlurfen von Zeit zu Zeit an uns vorbei und eine altersschwache Schaukel entpuppt sich auch nicht direkt als Eventhighlight. Abhilfe verspricht die freundliche Dame an der Rezeption wo wir morgens unsere Brötchen abholen. Nachdem sie sichtlich irritiert ist warum Eure Mutter morgens in aller Frühe verschwindet, mittags und nachmittags mit einem Leihwagen wieder auftaucht und offenkundig ein Vater mit seinen kleinen Kindern ganz verlassen und alleine die Tage überstehen muss, erklärt sie mir wo sich der nächste Spielplatz befindet. Die Dame scheint sehr lokalpatriotisch gestimmt zu sein, jedenfalls wird mir der besagte Platz als ganz neuer und besonders großer Abenteuerspielplatz blumig angepriesen. Das klingt perfekt denn nach dem Frühstück schläfst Leo derzeit etwa zwei Stunden und wir machen uns alle zusammen auf den Weg. Es dauert auch nur rund zehn Minuten und wir sind angekommen. Die Rezeptionsdame hat übrigens fast recht behalten. Der Spielplatz ist gehörig groß, mit den üblichen Klettergerätschaften ausgestattet und der Abenteueraspekt wird vermutlich durch die Seilbahn repräsentiert. Die Sache hat nur einen winzigen Haken:

Wir sind schon wieder alleine.

Verständlich gucken mich zwei Kinderaugen mäßig begeistert an. Ich erkläre Dir, daß die Kinder wahrscheinlich alle in ihren Kindergärten sind, was Dir offenkundig auch einleuchtet, da Du zu dieser Uhrzeit ja auch im Wald wärest, so wir denn zuhause weilten. Also schaukeln wir etwas gelangweilt umher und beschließen, daß das Nachmittags alles ganz anders sein wird, da dann ja der gemeine Kindergarten geschlossen hat. Damit gibst du Dich recht schnell zufrieden und wir schieben gemeinsam Leo wieder zurück. Nach dem Mittagessen also der zweite Versuch und die zweite Enttäuschung: Nichts, niemand, Familie Reichmann alleine auf dem Platz. Wenigstens ist Leo wach und so sitzt Du mit Deinem Bruder im Sandkasten und erklärst was Du mit ihm zusammen in Zukunft alles zu unternehmen gedenkst. Suboptimal ist hier noch eine höfliche Beschreibung der Situation.

Tag zwei und drei verlaufen exakt gleich und Du kommst zu dem logischen Schluss: “Papi, in welchem Land sind wir?” “In Deutschland, aber recht weit weg von Zuhause und das heißt hier Bayern.” “Ach so”, kommt als Reaktion: “Aber hier muss es viele dumme Leute geben. Die bauen Spielplätze und haben gar keine Kinder dafür.” Das kommentiere ich an dieser Stelle ausdrücklich nicht. In der Zwischenzeit haben Eure Mutter und ich übrigens beschlossen die nächsten Tage mit Euch in Berlin zu verbringen. Die haben zwar weniger Spielplätze, dafür aber mehr Kinder.

Als Du Berlin hörst ist alles gut und Du fängst an Deinen Kinderkoffer zu packen. Ich glaube fast Du weißt was Dich erwartet.

Ick freu mir jedenfalls.

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

Kinder haben eigene Zeitdimensionen, das ist bekannt und in diesem Monat dreht sich alles um Zeit. Genauer gesagt um Zeiträume. Es vergeht kaum ein Tag, an dem Sarah Sophie nicht nachfragt, wie lange es noch bis zum Geburtstag ist, wann Leo denn auch endlich ein Jahr alt wird und natürlich wie alt Eure Mutter oder ich sind. Dabei spielen zwei Zahlen eine wichtige Rolle: Zwanzig und Einhundert.

Mit zwanzig Jahren beschließt Sarah Sophie nämlich Mama zu werden und weiß auch gleich wer dann der Papa ist: Nämlich Leo. Das sei doch völlig normal und geht dann so: Die Babys kommen ja bekanntlich aus Mamas Bauch und die Papas sind ja nur dabei. Und da Leo jetzt ja sowieso stets zugegen ist, braucht man sich ja gar keinen Papa zu suchen, denn den hat man ja sozusagen frei Haus dabei. Auf meine Nachfrage wieso denn gerade mit Zwanzig wird mir unitarisch erläutert, daß der Leo ja erst noch eins, dann zwei, drei, und so weiter werden muß, aber wenn Du zwanzig bist ist, dann ist offensichtlich alles nötige für die Familiengründung erreicht. Zugegeben, ganz frei von Logik ist das nicht. Nun möchte ich es aber auch von Dir ganz genau wissen und gebe zu bedenken, daß Leo ja immer vier Jahre jünger ist als Du und außerdem gewiss immer Dein Bruder bleibt, es folglich vielleicht eine gute Idee sein könnte sich nach einem anderen Papa umzusehen. Jetzt wird es schwierig. Alles was numerisch auf zwei Hände paßt, bekommst Du meist sowohl addiert wie auch subtrahiert, zwanzig weniger vier bedarf aber einer kleinen Hilfestellung und wir zählen von zwanzig rückwärts bis wir gemeinsam feststellen, das Leo dann erst sechzehn ist und damit möglicherweise einer potentiellen Vaterrolle nicht gerecht werden könnte.

“Papi, dann ist der Leo ja noch viel zu klein. Dann wirst Du eben der Papa.” bekomme ich entgegengestrahlt, während Du auf meinen Schoß kletterst. Wahrscheinlich sichtlich gerührt erkläre ich, daß das ja auch nicht funktionieren kann, da ich ja bereits Euer Papa bin. Du bist – deutlich ersichtlich – nicht zufrieden gestellt. Doch die nächste Idee Deinerseits läßt nicht lange auf sich warten: “Papi, dann werde ich erst Mama wenn ich einhundert bin. Dann ist der Leo ja auch alt genug, oder?” Bevor ich antworten kann, hüpft Du von mir herunter und stellst Dich mit verschränkten Armen sichtlich überlegend hin. Nach einer Weile schüttelst Du den Kopf und revidierst Deine Aussage: “Nein, das geht auch nicht. Mit einhundert Jahren kommt man nämlich in den Himmel.” ist der nächste Satz. Das wissest Du ganz genau, dies war mit der Uroma nämlich so. Ich schmunzele ob Deiner Schlussfolgerungen und gebe Dir an dieser Stelle recht, da Eure väterliche Uroma in der Tat genau einhundert-jährig vor zwei Jahren verstorben ist.

So kommen wir also nicht weiter. Zur Verstärkung schiebst Du Deine Puppe Mascha im Puppenwagen heran und die Rechnerei geht wieder von vorne los: “Papi, die Mascha ist jetzt eins. Die wird also dann zwei, und drei, e.t.c.. Wenn ich zwanzig bin, wie alt ist dann Mascha?” bleibt folglich als Frage im Raum stehen. Gemeinsam zählen wir die Jahre ab und stellen fest, daß Mascha drei Jahre jünger ist als Du und somit siebzehn sein dürfte, wenn Du zwanzig bist. Auch nicht so richtig gut. Außerdem gehe das ja auch alles sowieso nicht, denn Mascha sei ja nur eine Puppe und außerdem ja auch noch ein Mädchen, stellst Du im Brustton kindlicher Überzeugung fest. Vielleicht ließe sich die Mama-Frage einfach irgendwann später klären, werfe ich ein – aber nix da, das muss geklärt werden und zwar jetzt. Wieder einmal habe ich das Gefühl Eure Mutter in klein vor mir sehen. Also alles auf Anfang, wir drehen nochmal. Du schiebst Mascha zurück in Dein Zimmer und zählst irgendetwas unter Zuhilfenahme Deiner Finger zusammen. Die Sache beschäftigt Dich – das ist unverkennbar. Eure Mutter erscheint auf der Bildfläche und erinnert an die Verabredung unter anderem mit Theoman. “Papi, der Theoman ist genau so alt wie ich, dann ist der auch zwanzig wenn ich zwanzig bin.” Ich nicke. “Dann wird der Theoman der Papa – Gute Idee, oder?” strahlst Du mich, untermauert mit dem bekannten “Papi-ich-habe-gerade-eine-grandiose-Idee-Blick”, an. Jetzt musst Du nur noch wissen wie alt ich zu dem ominösen Datum dann bin und wir zählen uns tapfer bis zweiundsechzig hoch. “So alt bist Du dann schon.” ‘entgegnest Du erschüttert. “Das ja so alt wie die Dinosaurier.” Bekomme ich als Antwort. Ich gebe zu nicht mehr ganz taufrisch zu sein aber an uhrzeitliche Riesenechsen als Spielkamerad meiner Kindheit sollte ich mich erinnern. Jedenfalls ist die Frage des Tages geklärt und wir können auf den Spielplatz. Vielleicht möchtest Du ja Deinem angedachten Papa von seinem Glück berichten?

Das passiert übrigens dann überraschend nicht und als ich abends nachfrage bekomme ich eine klare Antwort: “Papi, ich werde erst Mama wenn Du so alt bist wie die Dinosaurier. Und das dauert ja noch ganz schön lange!”

“Gute Idee, oder Papi?” Absolut, da sind wir uns eing!

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

Je früher Leo lernt in unserer vagabundierenden Familie zurecht zu kommen, desto besser ist das für uns alle. So ungefähr könnte man die Marschrichtung Eurer Mutter dieser Tage deuten. Um die Ostertage herum wünscht ein langjähriger Kunde Eurer Mutter ihr Mittun und es stellt sich somit die Frage der Organisation eines solchen Projektes. Hinzu kommt, daß es an unserem Campingbus einiger, kleinerer Reparaturen bedarf und da Kunde und Werkstatt nur durch ein paar Dörfer voneinander getrennt sind ist klar, das wir beide Notwendigkeiten kombinieren. Da das Ganze unmittelbar an der Schweizer Grenze stattfindet basteln wir unseren Osterurlaub drumherum. Wir fahren also mit zwei Autos in die badische Provinz, geben den Campingbus zur Reparatur eine Woche ab, Leo spaziert im Bondolino mit Eurer Mutter zwei Tage durch Produktionshallen und ist selbstverständlich der Star bei den meist weiblichen Arbeiterinnen. Immerhin hat Eure Mutter zumindest vorher angekündigt in Familienstärke anzureisen. Die Mitarbeiter der Firma kennen allerdings Sarah Sophie in ungefähr dem gleichen Alter und sind somit wenig irritiert.

Die beiden Tage vergehen flugs und kurz vor Ostern geht es von hier nun weiter nach Nizza. Hier haben wir eine entzückende Wohnung, recht zentral gelegen, ergattert die vor allem mit einem unschlagbarem Vorteil aufwartet: Einer dieser typischen kleinen eingezäunten Parks inmitten von Wohnhäusern wie sie in jeder französische Großstadt zu finden sind – inklusive Spielplatz – ist direkt nebenan. Unsere englische Vermieterin gibt uns noch die letzten Tipps und einer Woche frankophiler Urlaubsfreuden steht nichts mehr im Wege.

Und genau auf diesem Spielplatz trudeln wir ein paar Tage später ein – aber Sarah Sophie scheint wenig begeistert ob dieses Umstandes. Du weichst nicht von meiner Seite und willst nur auf irgendwelche Klettergeräte wenn ich mitkomme. Ein paar Mal druckst noch herum und dann kommt die Erklärung für Dein so ungewöhnliches Verhalten: “Papi, ich verstehe die Kinder hier ja alle nicht! Deshalb mag ich nicht mit denen spielen!” Das ist so ziemlich die schallendste aller Ohrfeigen für zutiefst kosmopolitische Eltern. Meine Hinweise, daß genau das Dir doch sonst völlig egal ist, ignorierst Du genauso tapfer wie stoisch. Nichts zu machen, Du verlässt die Parkbank nicht ohne mich. Derweil wiegt Eure Mutter Leo mit beherzter Kinderwagenkurvenakrobatik in den Schlaf.

Nach einer Weile scheint sich die gesamte Spielplatzbelegschaft auszutauschen. Fast wie verabredet verlässt alles französisch sprechende das Areal und auf einmal höre ich von überall her russisch. Das stelle man sich in etwa so vor: Von allen Seiten werden Kinderwagen der üblich-verdächtigen Premiummarken herumgeschoben und die örtliche Mobilfunkzelle müsste eigentlich kollabieren, da auf einmal alle Muttis und Papis selbstverständlich ununterbrochen zu telefonieren haben. Hat aber einen Vorteil, man hört die benachbarte Baustelle nicht mehr. Jedenfalls erinnern mich gegenwärtig lediglich die Palmen des Parks daran nicht in Moskau zu sein. Gefühlt werde ich allerdings gerade an die russische Schwarzmeerküste katapultiert, was Sarah Sophie veranlasst von meinem Schoß zu hopsen und nach ihrem Sandspielzeug zu fragen. “Das ist im Auto, hier gibt es doch gar keinen Sandkasten.” entgegne ich und werde im folgenden darüber aufgeklärt das die Notwendigkeit einer Verfügbarkeit von Eimer und Schaufel auf der einen Seite nicht zwingend in Korrelation mit einer vorhandenen Buddelbude auf der anderen Seite stehen muss. Heißt, Du verklickerst mir Deine Sandkastenutensilien zu holen.

Von nun an ist der Spielplatz gar nicht mehr doof und langweilig und während Du unter einem Baum beginnst so ganz für Dich alleine umherzuharken scharren sich in kurzer Zeit immer mehr Kinder um Dich um das seltsame Spielzeug zu begutachten. Zum Verständnis: Es handelt sich um ganz gewöhnliche Schaufeln, Harken und Förmchen wie sie in jedem Sandkasten zu finden sind, aber eben gerade nicht hier. Nach zehn Minuten sitzen mindestens 10 Kinder unter besagtem Baum und es wird russischer Kuchen gebacken. Du bemerkst recht bald, das es hier verschiedene Begehrlichkeiten in Richtung Deiner Gerätschaften gibt und Du verteilst nicht ganz ungönnerhaft die Ausrüstung. Von nun an sind wir natürlich öfters auf dem “Russischen Spielplatz” wie Du den Park getauft hast. Das Prozedere wiederholt sich übrigens an jedem Tag den wir hier sind exakt gleich. Sage also nochmal einer Kinder seien nicht berechenbar.

Die finale russisch-französische Urlaubsverwirrung erleben wir einige Tage später in Antibes. Dort am Strand angekommen scheint ein gleichaltriger Junge aus Deutschland nur auf Dich gewartet zu haben und wie selbstverständlich werden Spielzeuge getauscht und ganze Landschaften in den Sand gebaut. Dauert etwa eine Stunde denn dann wird Dein neuer Freund von seinen Eltern zum Essen beordert. Und da ist wieder meine Tochter wie ich sie kenne. Spielkamerad weg – egal, lassen wir uns eben von jemand anderen entdecken. Das dauert ganze zehn Minuten und schon fährt ein Dreikäsehoch auf einem Kindertraktor an uns vorbei. Der quatscht Dich auch gleich auf russisch an und wird von Dir nebst des Traktors zur bisherigen Spielstätte beordert um das Equipment einzusammeln. Von nun an schauen wir nicht mehr nach rechts sondern nach links um der Bebauung einer neuen Küstenlandschaft beiwohnen zu können. Die deutschen Bauwerke sind übrigens schmaler und quer zum Meer gebaut, die russischen breit und längst zum Wasser angeordnet. Das hat bestimmt nicht direkt etwas zu sagen, ist mir aber einfach mal aufgefallen.

Und um das Klischee dann auch noch vollständig abzurunden stellt sich der Vater des Traktorfahrer als Immobilienmakler für hiesige Luxusimmobilien vor – Wohnsitz Moskau!

Als dann auch wir in Richtung Mittagessen aufbrechen ist mein ganz persönliches Frankreichbild dann doch wieder gerade gerückt: Am Ende des Strand finden wir ein kleines Restaurant, welches nur aus Küche und Terrasse besteht und ich habe keine Ahnung was ich gerade bestellt habe. Jedenfalls sind alle glücklich und Sarah Sophie fasst kurz vorm Dessert den Urlaub in einem Satz zusammen:

“Papi, das ist schon ganz schön gut, daß ich auch russisch kann, wo doch alle Leute aus Russland hier Urlaub machen.” Gar keine Frage: es gibt es zwei Kugeln Schokoladeneis – sozusagen für jede Sprache eine.

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.