Der 110./ 58. Monat – Der kletternde Superlativ

Sarah Sophie klettert bereits seit nunmehr vier Jahren und da bleibt es wohl nicht aus, daß auch der kleine Bruder Interesse in dieser Richtung anmeldet. Das hast zwar nicht Du dir überlegt, sondern Eure Mutter, aber in diesem Monat ist es eben soweit. Pandemiebedingt verbringt Eure Mutter immer noch viel zu viel Zeit zu Hause, weiß diese familienförderlich einzusetzen und schlägt folglich eines schönen Tages während des Frühstücks mit einer Idee auf, nachdem Leo die übliche Frage „Was machen wir heute?“ gestellt hat.

„Wir gehen klettern!“ hallt es begeistert über den Tisch. Also begeistert ist zumindest Eure Mutter, während Du hingegen etwas irritiert über Deine Cornflakes hinweg guckst. Sarah Sophie erklärt postwendend, Leo sei dafür noch viel zu klein, was wiederum Dich zwangsläufig animiert der gegenteiligen Meinung zu sein und Du lautstark Deiner Mutter beipflichtet. „Ich bin nicht klein! – Wir gehen klettern!“ Die Sache ist beschlossen, verkündet und besiegelt.

Am Nachmittag ist es soweit und ihr zieht von dannen. Völlig unerwartet bist Du der Jüngste und Kleinste beim Schnupperkurs. Da Du allerdings genau diesen Umstand von diversen anderen Aktivitäten bereits kennst, stört das nicht weiter und lässt Dich lässig den Sicherungsgurt umschnallen. Dich in mehr als zehn Meter Höhe an eine kerzengeraden Wand „geklebt“ zu sehen ist zugegeben schon imposant. Deine Mutter geniest es so sichtlich wie Du in Sachen Geschwindigkeit die mehrjährig älteren Kinder deutlich hinter dir lässt, daß sie immer noch grinst nachdem ihr beide abends wieder zuhause seit und der Nachmittag ausgiebig geschildert wird. Es ist klar, was von nun an jeden Dienstag stattfindet.

Leo entdeckt Klettern für sich, September 2020, Düsseldorf, D

Bereits beim nächsten Termin wächst die Fangemeinde des kleinen Klettermaxe und alle sind glücklich. Jedenfalls ist Klettern in allen Variationen die neue Lieblingsbeschäftigung in der Familie und am nächsten Wochenende finden wir uns ganz überraschend in einem Hochseilgarten wieder. Hier müssen wir dich sogar ein paar Zentimeter größer schummeln, damit Du das geforderte Mindestmaß erreichst.

Hochseilgarten, September 2020, Velbert, D

Spielplätze werden grundsätzlich nur noch aufgesucht, wenn da irgendwo eine Kletterwand zu finden ist, was im Übrigen in Düsseldorf nicht allzu viele sind und selbstverständlich ist die dann stets viel zu klein. Zur allergrößten Not tut es auch ein Baum im benachbarten Park. Sarah Sophie wird nicht müde Dir bedingungslos Unterrichtungen angedeihen zu lassen, nicht ohne in mindestens jedem dritten Satz zu erwähnen wie lange und professionell sie bereits Klettern geht. Ja, „Große Schwester“ ist unbestritten Deine Paradedisziplin.

Und dann war da noch die Geburtstagsparty eben dieser. Die kommt jetzt gerade recht. Ponyfarm-Geburtstagszeiten scheinen ein für allemal passé zu sein und in diesem Jahr steht ein Mitmachzirkus hoch im Kurs. Jedenfalls feiern wir hier Sarah Sophies neunten Geburtstag und das in eben diesen Tagen. Eines der Highlights hier ist eine fest installierte Drehleiter von einem Feuerwehrwagen. Und die Dinger sind verdammt lang oder besser gesagt verdammt hoch. Das hierbei die augenscheinlich vernachlässigbare Kleinigkeit eines Sicherungsseil fehlt habe ich vorsichtshalber nicht erwähnt als ich die Fotos der hoch hinaus wollenden Kinder in die Eltern-WhatsApp-Gruppe geschickt habe. Ich glaube die Ansage war: „Jeder klettert nur so hoch wie er sich traut!“ Etwas naiv vielleicht, aber gut gegangen. Geantwortet hat jedenfalls niemand – wahrscheinlich sitzt der Schock zu tief. Schwer beeindruckt bin ich allerdings wie gut sich Kinder selbst einschätzen können. Rund die Hälfte ist tatsächlich nur ein paar Sprossen hoch geklettert und hat sich damit begnügt. Das ihr beide nicht dazu gehört erwähne ich nur der Vollständigkeit halber. Sarah Sophie winkt derweil munter von oben herab, während Leo murrend meine gesetzte Begrenzung akzeptiert.

Auf dem Weg nach oben, September 2020, Düsseldorf, D

Das hat jetzt zwar nicht so direkt etwas mit Klettern zu tun, lässt aber einfacher einen Bogen zum Satz des Monats spannen. Und der kommt absolut unangefochten von Leo:

„Ich bin der Kleinste, der Schnellste, der Schlauste, der Stärkste und natürlich der Beste!“

Was wollte man da noch hinzufügen? Bewahre Dir dieses Selbstbewusstsein – dann kann nicht mehr viel schiefgehen.

Also, weiter klettern, kleiner Mann!

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 109./ 57. Monat – Hilflos

An irgendeinem Wochenende im August landen Leo und ich ohne die weiblichen Teile der Familie am Boot in Holland. Jungs-Ausflug sozusagen. Sarah Sophie besucht einen Theater-Workshop des Düsseldorfer Akki und ist somit zuhause verpflichtet. Und in diesen Tagen scheine ich besonders hilfebedürftig auszusehen. Zu den Zeiten als Sarah Sophie noch mit Förmchen, Schippe und Eimer in Sandkästen gewerkelt hat, bin ich des öfteren als Hilfesuchend deklariert worden. Väter mit kleinen Kindern alleine rufen wahrscheinlich Mutterinstinkte urbrachialer Art hervor. Da wurden Dir von wildfremden Damen die Schuhe zugebunden, Dinkel-Vollkorn-Kekse in den Mund gesteckt und auch schon mal ohne Aufforderung auf des Klettergerüst geholfen – auch wenn Du da gar nicht hin wolltest. Das hat mich immer amüsiert und ich habe die Damen meist machen lassen.

Über die Jahre hat sich das gelegt, was ich eher Deinem Alter zuschreibe und weniger der Lernfähigkeit fremder Muttis. Die ausgeprägtesten dieser Spezies sind übrigens gar nicht diejenigen, welche nach Studium und Diplom Karriere gegen Lätzchen und Vollzeit-Mutterrolle getauscht haben, sondern die 12-Wochenstunden-Teilzeit-Jobberinnen die einem ungefragt auf jedem Spielplatz der Republik innerhalb der ersten Minuten erzählen, daß sie nur Teilzeit arbeiten um jederzeit für den heranwachsenden Nachwuchs parat zu stehen und auch damit erst angefangen haben als Amalia-Agathe und Jasper-Jakob über drei waren um der frühkindlichen Bildungsinitiative persönlich vorzustehen.

Aber es geht noch eine Nummer schlimmer wie ich dieser Tage erleben darf: Großmütter, der selbsternannten zukünftigen Universalelite. Wer hätte das gedacht.

Da sitzen Leo und ich also bei bestem Wetter einfach so am Strand herum und verhandeln wer denn nun dafür verantwortlich ist die Süßigkeitentüte im Boot vergessen zu haben und vor allem wer sie dort holen geht. Diese Debatte bleibt natürlich nicht unbemerkt und schon naht Hilfe im rotgeblümten Strandkleid. Die schätzungsweise Mittsechzigerin schleicht sich vom Nachbarhandtuch heran und da sind sie wieder: Vor Leos Nase baumelt, wie von Zauberhand getrieben, eine Schachtel Dinkel-Vollkorn-Kekse hin- und her. Ich schrecke zusammen und ahne bereits was noch folgt. „Wenn der Papa die Kekse vergessen hat, kannst Du gerne von unseren nehmen.“ Die Dame schaut etwas mitleidig auf mich herab, setzt sich aber schließlich doch – offenbar um mir auf Augenhöhe zu begegnen. Der dazugehörige Enkel, ungefähr gleichen Alters wie Leo, stapft herbei um seine individuellen Keksansprüche gelten zu machen. Und schon startet die Erklärungswelle: Sie sei mit dem Enkel hier, da sein Papa arbeiten müsse und sonst käme der Junge ja gar nicht an die frische Luft. Und ob ich mit Dir denn ganz alleine hier sei. Die direkte Frage nach der Mutter traut sie sich wohl noch nicht. Ich bejahe artig und werde äußerst bedauernd barmherzig angeschaut.

Derweil beschliessen die Jungs sich in Richtung Wasser abzusetzen und können von Helikopter-Omi gerade noch vor der imaginären Bauchnabel-Wasserlinie abgefangen werden. Selbstverständlich hat Super-Oma zufällig zwei Paar Schwimmflügel dabei und möchte auch Dir die orangenen Vehikel über die Oberarme streifen. Das verweigerst Du und informierst die Dame über Deine vorhandenen Schwimmfähigkeiten, was sie dir wiederum nicht glaubt und sich bei mir rückversichert. Auch dies bejahe ich wieder artig und erlebe Großmama einigermaßen überrascht.

Erstaunlicherweise dürft ihr beiden nun sogar alleine ins Wasser – der eine mit, der andere ohne Schwimmflügel. In der Zwischenzeit informiert mich die Grand Dame der Familienpädagogik über den weiteren Tagesablauf. Nach einer halben Stunde seit ihr wieder da und vermeldet baldiges Interesse am Mittagessen. Noch bevor ich auch nur den Ansatz meiner Antwort in Richtung von „Wir machen Pasta an Bord.“ loswerden kann legt das Großmuttertier noch einen oben drauf. „Wir gehen jetzt ins Restaurant. Kommt ihr mit. Ihr habt ja bestimmt nichts zu essen dabei!“ Natürlich, ich verreise grundsätzlich nahrungslos mit meinen Kindern. Dann aber sofort Leo: „Ob es denn da Chicken-Nuggets geben würde?“ Wieder Oma: „Aber natürlich!“ Darauf Du: „Papa, kommst Du auch mit oder gehst Du zum Boot?“ Damit ich nicht zu viel darüber nachdenke, fragt unsere neue Überlebenshilfe nach ob sie Dir beim Badehosenwechsel behilflich sein soll. Zu diesem Zeitpunkt bin ich nicht mehr wirklich Bestandteil der Unterhaltung und fühle mich irgendwie überflüssig. Ich erwähne kurz mein Geld zu holen und sehe euch da bereits auf dem Weg zum Lokal.

Als ich schließlich dort ankomme wurde mir bereits ein Bier bestellt. Diplom-Omi scheint also auch zu wissen was gut für mich ist. Ich spiele schwer beeindruckt und füge mich in mein Schicksal.

Am nächsten Tag sind Leo und ich dann einfach ganz alleine mit dem Boot rausgefahren, haben geankert und sind so dermaßen mutterseelenallein schwimmen gegangen, daß uns noch nicht einmal ein Rettungsboot zu Hilfe kommen musste.

Jungs-Ausflug, August 2020, Leukermeer, NL

Ich hoffe nur, uns hat niemand gesehen!

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 108./ 56. Monat – Einfach Holland

Die Geschichte geht los, wie wahrscheinlich alle Sommerferien-Geschichten überall: Eigentlich wollten wir da- und da hin. So starten in diesen Tagen die üblichen Unterhaltungen. Die letzte Woche hatten wir sogar noch „richtige“ Schule, also 4 Stunden am Tag und nun sind Ferien. Unser „Eigentlich“ wäre für Sarah Sophie ihre erste Machane und für uns alle eine Woche französische Atlantikküste in der Nähe von Bordeaux, gefolgt von zwei Wochen spanischem Mittelmeer bei Tarragona gewesen. Irgendwann im Mai haben wir dann diese Urlaubsplanung endgültig ad acta gelegt und fleißig storniert. An einem Pragmatismus geprägten Freitagabend haben dann Eure Mutter und ich den letzten freien Platz auf dem uns mittlerweile vertrauten Campingplatz am holländischen Leukermeer gebucht. Und das dann gleich für die kompletten sechseinhalb Ferienwochen. Wenn schon „nur“ Holland, dann wenigstens richtig. Die Arbeitsutensilien für Zwischendurchjobs passen in eine Umzugskiste und die kommt eben mit. Pünktlich zum ersten Ferientag geht es los. Zügig bekommen wir Besuch aus Berlin und Katja lässt ihre Töchter Angelina und Sasha gleich für vier Wochen da. Die wollen lustigerweise aber nur bleiben, wenn ihre beiden Hunde hier ebenfalls unterkommen. Somit haben wir also ab sofort vier Kinder, einen Labrador und einen Cockerspaniel. Und auf einmal ist Holland per Definition das schönste Urlaubsland.

Bereits in der ersten Woche überlegt sich Eure Mutter den, zwangsweise abgebrochenen, Schwimmkurs von Leo in die eigene Hand zu nehmen. Im Schwimmbad des Campingplatz muss man sich ganz modern via App ein tägliches Zeitfenster von 45 Minuten buchen um ins Wasser zu dürfen. Folglich baden ab sofort alle Kinder täglich um 11 Uhr im hiesigen Pool. Wobei Baden vielleicht die falsche Bezeichnung ist. Die allseits bekannte ausgeglichene, ruhige Natur Eurer Mutter kommt erst dann zur vollen Blüte, wenn sich Leo weigert vom Beckenrand ins Wasser zu springen um anschließend mehrere Bahnen durch die Fluten getrieben zu werden. Wir sind aber nicht die einzigen, die hier dem Nachwuchs selbstständiges Schwimmen beizubringen versuchen. Eine zivilisierte, brave mitteleuropäische Mutti versucht dem Sprössling argumentativ beizukommen: „Möchtest Du vielleicht doch ins Wasser kommen. Es macht ganz bestimmt ganz viel Spaß.“ und ähnliche verbale Anstrengungen vernehmen wir aus der Nachbarschaft.

Das geht aber auch ganz anders wie der sowjetische Brigardegeneral im Badeanzug Eurer Mutter nach Betreten der Wasserlernsportstätte unmissverständlich bekannt gibt. Leo wird nicht gefragt sondern beordert. Unter den verstörten, missbilligenden Blicken der zivilisierten Fraktion treibt Eure Mutter Leo zu immer neuen Taten. Und wie immer gilt: Nicht nett, nicht leise, aber höchst effektiv. Nach zwei Wochen diskutiert noch immer jemand am Beckenrand, während Du mittlerweile mit Anlauf ins Wasser springst und selbstverständlich von Rand zu Rand alleine schwimmst. Das genussvolle Grinsen Eurer Mutter ist nicht zu übersehen. Nach einer weiteren Woche geben die Diskutanten auf und verlassen geknickt das Areal. Pädagogisch sicherlich vollends korrekt bekommt Leo natürlich für jedes erreichte Etappenziel entsprechende Belohnungen avisiert und die Sammlung an Feuerwehrautos bekommt beträchtlichen Zulauf. Fakt ist, gegen Mitte der Ferien sind Schwimmflügel ein für allemal passé. Du schwimmst! Ziel erreicht, Mutter und Kind glücklich.

Und überhaupt stehen diese Sommerferien unter sportlichen Vorzeichen. Eure Mutter entdeckt Joggen für sich. Nachdem Leo jeden Morgen irgendwann zwischen sechs und sieben Uhr alle geweckt hat, schlüpft Eure Mutter in entsprechendes Outfit und zieht mit den Hunden von dannen. Meistens möchte Leo mit und radelt dann fleißig neben dran. Damit ich bei den neuerlichen sportlichen Aktivitäten nicht zu kurz komme, werde ich jeden Morgen nach dem Frühstück zum Rentnerschwimmen abkommandiert. Die erste Stunde im Schwimmbad ist der agilen Generation 55+ vorbehalten um kinderlos ihre Bahnen ziehen zu können. Ich mogle mich also ein paar Jahre älter und ziehe fleißig mit. Doch nun genug des Sports.

Das absolute Highlight ist hingegen das Animationsteam aus Marcey und Cheyenne. Deren Angebote sind fixe Termine im täglichen Urlaubskalender. Das Leo der Kleinste unter den Kindern ist stört dich überhaupt nicht, vielmehr nutzt du das ungeniert aus. Wann immer ich dich dort sehe sitzt du ständig auf irgendeinem Arm oder Schoß.

Einfach Leo, Juli 2020, Leukermeer, NL

Ganz großes Kino sind die abendlichen Veranstaltungen mit Auftritten von euch. Hier entpuppt sich Leo als wahre Rampensau und erklimmt zu gerne die Bühne um alles mögliche vorzuführen. Das wiederum führt zu dem Umstand, daß dich nach nur zwei Wochen wirklich der gesamte Campingplatz kennt und man ständig „Hallo Leo.“ hört, egal wo man mit dir auftaucht. Mehrfach räumst du die ersten Plätze ab. Deine lokale Prominenz machen sich sogar andere Kinder zu Nutze. Belinda, ein sagen wir mal etwas ungelenkes Mädchen doppelten Alters aus der Nachbarschaft ist bei der Wahl eines geeigneten Duettpartner sichtlich bemüht dich auszuwählen. Gönnerhaft lässt Du sie gewähren und ihr hopst zu zweit über die Bühne.

Leo als Entertainer, Juli 2020, Leukermeer, NL

Der Rest ist natürlich reine Formsache und der erste Platz nötig dir im anschliessenden Interview lediglich noch einen Kommentar ab: „Na, das habe ich mir ja gedacht.“

Die Menge tobt und ein kleiner Mann wird ganz schön groß.

Geschrieben in Berlin, Berlin, Deutschland.

Der 107./ 55. Monat – Keine Opfer!

Der Juni in diesem Jahr steht unter einem einzigen großen Vorzeichen: Verkleiden! Warum weiß ich nicht, aber während ich irgendwann die Wäsche auf dem Speicher aufhänge, wollt ihr beide unbedingt mit und findet dabei die Verkleidungskiste mit allerlei Kostümen auf dem Dachboden. Vielleicht weil dieses Jahr Purim ausgefallen ist oder wir über Karneval Skifahren waren, jedenfalls muss die Kiste mit nach unten und wird selbstverständlich flächendeckend in Euren Zimmern entleert.

Ich kann gerade noch verhindern Sarah Sophie in täglich wechselnden Verkleidungen zu den schulischen Online-Meetings vor dem iPad wiederzufinden, wo hingegen Leo am liebsten im Prinzessinnenkleid umher stolziert. Die Begeisterung Eurer Mutter ist grenzenlos wie man sich denken kann. Rund zwei Wochen vollzieht sich ein immer gleiches Schauspiel jeden Tag. Spätestens zu Mittag sitzen zwei verkleidete Kinder am Tisch. Da inzwischen einige Eurer Freizeitaktivitäten unter angepassten Bedingungen wieder geöffnet sind darf ich mehrfach erklären, daß es keine grundlegend gute Idee ist wenn Leo als Biene Maja zum Sportkurs auf die Rheinwiesen entschwindet. Eltern können herzlos sein. Sarah Sophie als Hexenmeisterin beim Krav Maga hingegen stelle ich mir noch ganz lustig vor, muss Dir das aber gar nicht erst ausreden, da Du dessen Sinnhaftigkeit wohl eigenständig anzweifelst und dich Montagabend in schlichten Sportklamotten auf den Weg machst. Das Training findet ebenfalls auf den Rheinwiesen unter freiem Himmel statt und es ist schon sehr ulkig anzuschauen wenn eine Truppe von rund zwanzig Kindern ein Körperkontakt geprägtes Selbstverteidigungssystem eben kontaktlos vermittelt bekommt. Ihr habt jedenfalls immer genügend Zuschauer.

Apropos Verteidigung: Die Stilblüte des Monats geht unangefochten an Eure Mutter.

Während irgendeines Verkleidungsunterfangen entdeckt ihr das Cowboykostüm von Sarah Sophie. Das passt Dir zwar nicht mehr, dafür aber jetzt Leo und Du fummelst Dir dasselbige Deiner Mutter irgendwie zurecht. Jedenfalls wollt ihr alles über Cowboys wissen und ich habe streckenweise das Gefühl in meinem eigenen Western Regie zu führen. Irgendwann fällt Leo auf, daß es wo Cowboys sind doch auch Indianer geben muss und ich werde gefordert die US-amerikanische Geschichte im Schnelldurchlauf kindgerecht zu erklären. Ich fange also bei der Mayflower an, erkläre missbilligend Kolonisierung, große Trecks und lande zwangsweise irgendwann bei der Unterdrückung der amerikanischen Ureinwohner. Das wollt ihr jetzt ganz genau wissen und lasst Euch alles um Little Bighorn und Wounded Knee erklären. Das der erste Genozid den ich Euch erklären muss der an den Indianer ist habe ich allerdings wirklich nicht vermutet, aber da kann ich schonmal üben.

Cowboys sind fortan das Synonym für die weißen Eroberer und nachdem wir bei den indianischen Reservaten angekommen sind, ist Schluss mit Lustig und Euer Interesse schwindet schlagartig. Die Geschichte scheint zu Ende, Gut und Böse sind geklärt und ihr widmet Euch wieder der Verkleidungskiste. Leo lässt sich noch kurz vergewissern, daß es auch nette Cowboys gab und er somit keine Veranlassung sieht sich Hut und Weste zu entledigen.

Sarah Sophie stellt zwischenzeitlich fest, daß das Indianerkostüm vom sechsten Geburtstag auch nicht mehr passt und bleibt ebenfalls lieber in der Cowboykluft. Am nächsten Tag wollt ihr unbedingt Indianer sein, malt Euch vorsorglich schonmal kräftige Kriegsbemalung ins Gesicht und erfindet die notwendigen Verkleidungen mangels Vorhandensein einfach selbst aus dem Fundus der Kleiderschränke. Bis zum Mittag habe ich Sitting Bull und Pocahontas zuhause und alles ist gut. Nach dem Mittagessen setzen sich dann wieder die Cowboys durch und das Spiel von gestern geht von vorne los.

Nachdem Eure Mutter die Szene betritt und sich von mir erklären lässt das die politisch doch etwas korrekteren Indianer soeben abgelöst wurden, wird das Ganze nur knapp kommentiert:

„Sehr gut, Opfer waren wir lange genug. Zeit endlich mal Täter zu werden!“

Das sitzt – keine Frage! Vielleicht sind Genozide doch die falsche Assoziationsbasis für Verkleidungskisten. Derweil packt Sarah Sophie ihre Boxhandschuhe zusammen und verabschiedet sich murmelnd mit einem „Wer will den Opfer sein?“ zum Kampfsporttraining. Wahrscheinlich muss ich jetzt nicht gesondert erwähnen, das angenommene Opferrollen die größte anzunehmende Unruhe bei Eurer Mutter auslösen. Aber sie ist da ganz ruhig geblieben und geht neuerdings mit zum Krav Maga.

Sicher ist sicher!

Geschrieben in Bergen, Limburg, Niederlande.

Der 106./ 54. Monat – Das Boot

Im dritten Monat des Zwangs-Cocooning gibt es im Mai nicht nur die ersten Lockerungen sondern auch die üblichen Feiertage und das bedeutet für uns selbstverständlich: Endlich wieder weg. Uns ist zuhause zwar nicht die Decke auf den sprichwörtlichen Kopf gefallen, viel gefehlt hat aber auch nicht. Die einzige nicht geschlossenen Grenze um uns herum ist die Niederländische und somit ist klar wo es hingeht. Auf holländischen Campingplätzen gibt es zwar einige Einschränkungen aber alles ist besser als noch länger zu Hause zu hocken. Auch wenn geschlossene Sanitäreinrichtungen schon eine ganz eigene Herausforderung darstellen, ich aber nach nun sieben Jahren, die wir unseren aktuellen Campingbus bereits besitzen, endlich weiß warum wir damals unbedingt einen mit einer extra Dusche kaufen mussten. Manches braucht eben Zeit.

Endlich wieder unterwegs, Mai 2020, Leukermeer, NL

Und dann war da noch die Sache mit dem Boot. Im vergangenen Jahr stand das Boot Eures väterlichen Großvaters ungenutzt in der Scheune die eigentlich nur als Winterlager dient. Seinen Liegeplatz in Roermond hat er auch irgendwie vergessen zu verlängern und nun ist für dieses Jahr nichts mehr frei. Praktischerweise gehört zum Campingplatz der kommenden Tage auch ein Hafen mit erfreulicherweise freien Liegeplätzen wodurch wir kurzerhand das Boot für die gesamte Saison ans Leukermeer legen. Wir haben jetzt also plötzlich ein Boot vor der Nase und somit die zweite Sache die jahrelang gebraucht hat um ihren Nutzen und Sinn zu entfalten. Den dazu nötigen Führerschein habe ich weit vor Sarah Sophies Geburt gemacht ohne ihn jemals genutzt zu haben. Dann eben jetzt.

Nachdem Sarah Sophie bemerkt, daß man an so einem Motorboot allerlei anhängen und hinterher ziehen kann beschließt Du rein pragmatisch Dir zum Geburtstag entsprechendes Equipment zu wünschen und ein 3er-Bananenboot ist ab sofort gesetzt.

Das Boot ist mit knapp sieben Metern Länge nicht so wahnsinnig groß, ihr beide beschließt aber unmittelbar, das die kleine Schlupfkajüte im Vorschiff fortan das Kinderzimmer darstellt und das wird auch nur noch so benannt. Leo kommandiert unverzüglich Kuscheltiere ab, die zukünftig im Bug einzuziehen haben und das Ganze entwickelt eine gewisse Eigendynamik. Noch bevor ihr auch nur einen einzigen Fuß an Bord gesetzt habt, wird wie selbstverständlich überlegt und geplant was mit dem Kahn so alles anzustellen ist. Einen Umstand den ich allerdings zu gerne unterstütze da ich Eure neue nautische Begeisterung durchweg teile. Wir haben sogar eine extra große Kühlbox gekauft um ausreichend Proviant für tagelange Törns bunkern zu können. Zufällig hat Euer Opa bereits flammneue Wasserski für Sarah Sophie bevorratet, was wiederum Eure Mutter dazu bewegt, ihre anfängliche Skepsis gegen den Gedanken der neue familiären Freizeitbeschäftigung abzulegen. Das wiederum passiert auf ihre ganz eigene Art: „Wenn Sarah Sophie jetzt Wasserski läuft, dann will ich auch!“ So in etwa klang auch vor Jahren die Erklärung, warum Eure Mutter, neben mir, ebenfalls den Bootsführerschein erworben hat. Da kam nämlich ich nach Hause und habe eröffnet: „Ich mache zusammen mit den Jungs meines Lieblingskunden den Bootsführerschein.“ Schlagfertig retourniert von ihr: „Wie Du hast dann etwas, was ich nicht habe – da mache ich mit!“ Selbstbeschränkung ist nicht wirklich ihre Stärke. Folglich staffieren wir die gesamte Familie mit formschönen Neoprenanzüge aus und kaufen für Eure Mutter noch die passenden Wasserski dazu.

Neuerdings in Neopren, Mai 2020, Leukermeer, NL

Ab sofort heißt es nur noch: „Wir fahren zum Boot!“

Das Projekt Wasserski gestaltet sich dann besonders skurril, allerdings mit nicht erwarteten Wendungen. Für gewöhnlich fängt Eure Mutter irgendetwas an und vergisst gerne die weitere Fortführung davon. So könnten sich möglicherweise die Tennisausrüstung, die Motorradklamotten oder auch der Tauchschein erklärbar machen. Sarah Sophie schnallt sich als Erste die Ski an und kommt auch direkt aus dem Wasser. Dann kontert Eure Mutter, ebenfalls mit geglückten Wasserstart und lupft bereits am zweiten Tag gekonnt über die Heckwelle hin- und her. Dann wieder Sarah Sophie. Einmal noch ein paar Hundert Meter geradeaus und mir wird eröffnet: „Papa, Wasserski ist nicht so meins.“ Macht nix, hängt sich eben wieder Eure Mutter hinters Boot. Du gibst noch ein paar kluge Ratschläge und das war es auch schon mit dem Wassersport. Leo protestiert heftig ob unserer Verweigerung ihm die Bretter anzuziehen, akzeptiert dann aber den Hinweis, vielleicht erst mal richtig schwimmen zu lernen. Die Kinderski verschwinden im Rumpfstauraum und warten auf Leo in ein paar Jahren. Ich bin erstaunt und hege schon die Befürchtung, das die ganze Bootsnummer eine „Eintagsfliege“ ist.

Das zerstreut sich allerdings am kommenden Freitag. Das Wetter ist prima und ihr wollt natürlich „zum Boot“, inklusive Übernachtung auf dem Wasser. Noch vor dem Abendessen klingelt Sarah Sophies Telefon und es findet eine Videokonferenz der üblichen schulischen Verdächtigen statt. Du springst aus dem Boot auf den Steg und antwortest auf die offensichtliche Frage wo Du denn bist in jovialer Art: „Es ist doch Freitagabend, da bin ich natürlich auf dem Boot. Da fängt das Boot an, da hört es auf, damit steuere ich das Boot, das ist das Kinderzimmer, usw. usw.!“ Bildliche Livedokumentation selbstverständlich inklusive.

Sonne + Wochenende = Boot, Mai 2020, Leukermeer, NL

Als Schlusspunkt setzt Du dann aber noch einen drauf: „Ich weiß nicht ob wir morgen telefonieren können, da laufe ich ja den ganzen Tag Wasserski – aber ihr könnt ja mal versuchen mich zu erreichen. Tschüß!“

Ich hoffe inständig keine Verwandten mit einem Flugzeug zum Fallschirmspringen zu haben.

Ahoi.

Geschrieben in Bergen, Limburg, Niederlande.

Der 105./ 53. Monat – Feuerfester Frühling

Wie überall verdirbt dieses äußerst missliebige Virus auch unsere Frühlingsferien. Eigentlich sollte es Richtung Südfrankreich nach Montpellier gehen – aber eine geschlossene Grenze mit integriertem Lockdown lässt uns einfach mal die Ferien zuhause verbringen. Einen weiteren Umstand den wir bis dato – glücklicherweise – überhaupt nicht kennen und uns dazu zwingt geeignete Alternativen zu erfinden. Vor allem die Aussicht möglicherweise die sechswöchigen Sommerferien ebenfalls rigide zum daheimbleiben verdammt zu sein, löst pure Panik im Hause aus. Zwischenzeitlich erwägen Eure Mutter und ich sogar ein inseriertes, einsames Waldgrundstück einhundert Kilometer von uns entfernt zu pachten nur um überhaupt irgendwo hinfahren zu können. Die Aussicht wochenlang einsam inmitten irgendwelcher Gehölze Mutter Erde anzustaunen lässt uns glücklicherweise dann doch von dem Plan Abstand nehmen. Aber telefoniert habe ich mit dem Vermieter schon. Man(n) macht komische Sachen in diesen Tagen.

Corona zeigt uns überdeutlich: „Zuhause“ können wir einfach nicht!

Uns wird schlagartig bewusst wie selbstverständlich wir eigentlich permanent umhergondeln und eben das derzeit nicht können. Das uns dieses Virus zur Sesshaftigkeit zwingt, nehme ich ihm besonders krumm. Mischpoke Reichmann hockt am heimischen Herd.

Apropos Herd: Just während wir gefühlt an selbigen gekettet sind, beschert uns Eure Mutter eine wahrhaft grandiose Idee: Sie macht jetzt eine Diät. Nein, selbstverständlich keine normale aus irgendeiner Frauenzeitschrift, sondern eine hochwissenschaftliche, höchstpersönlich von Ihrem Ober-Doktor-Ernährungsberater zusammengestellte vollständige Verpflegungsumkehr. Sofort befürchte ich das Schlimmste. Ihre letzte Diät ist drei Jahre her, sie war fünf von sieben Tagen nicht zuhause und die verbleibenden zwei waren – sagen wir mal – innerfamiliär sportlich. Ein Schelm wer das nun auf die aktuelle Situation hochrechnet. Ich erwäge den Auszug. Das Beste ist übrigens die Begründung: „Wenn ich normalerweise immer im Hotel bin, klappt das sowieso nicht – das ist die ideale Gelegenheit.“ Mir werden Viren immer unsympathischer!

Um einer Familientragödie zuvorzukommen müssen wir hier raus und just in diesem Moment schickt mir mein ältester Freund ein Video seines Traktor-Oldtimer. Die Rettung naht: Ich muss telefonieren.

Der Traktor aus den 1950er-Jahren wohnt, wie mein Kumpel Andy, in dem idyllischen Örtchen Flußbach mitten in der Eifel, nämlich genau da wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Dafür es gibt einen geschlossenen Sportverein, der aber über einen Parkplatz, Feuerstelle und ganz viel Wald und Wiese verfügt. Wir scheinen erlöst. Am nächsten Morgen brechen wir auf und gegen Mittag tuckert uns Andy auch schon auf besagtem Traktor entgegen. Neben diesem hat er auch noch einen Camper wie wir und wir starten das Projekt „Eifel-Camping ohne Camping“.

Wer schonmal hier in der Gegend war, weiß das Eifelaner so eine ganz spezielle Spezies sind. Etwas verschroben, manchmal maulfaul, meist herzlich – aber meisterlich darin genau das gut zu verstecken. Um den Eifel-Indigenen unser plötzliches Auftauchen halbwegs plausibel zu machen bin ich flugs Andys Cousin und was der hier auf einmal zu suchen hat, davon wird sich alle paar Stunden selbst überzeugt. Jedenfalls kommt an den ersten beiden Tagen rein zufällig immer mal wieder jemand vorbei der irgendetwas zu besprechen hat. Wir werden beäugt, gemustert, etwas bestaunt und offenbar zulässig und Eifel-tauglich eingestuft. Verscheuchen will uns jedenfalls niemand. Ein betriebsbereites Fass Bier herumstehen zu haben mag dafür förderlich sein.

Der Traktor ist natürlich eine Sternstunde des Ausflugs. Leo darf als erster über die Wiese juckeln und ist hin- und weg. Sarah Sophie setzt noch einen drauf und definiert die umstehenden Bäume zum natürlichen Hindernisparcours. Zwei Kinder glücklich auf den Eifelaner Landtagen.

Eifelaner Landtage auf dem Traktor, April 2020, Flußbach, D

Die unangefochtene Attraktion dieser Tage ist allerdings ganz anderer Natur. Ein Lagerfeuer bringt Euch in völlige Verzückung und ausreichende Beschäftigung. Ihr werdet beide nicht müde im Wald umherzustreifen und gehörig Holz zu sammeln. Manchmal muss ich mit da ihr ganze umgefallene Bäume zur Feuerstelle befördern wollt. Als dann einer der „Wir-gucken-uns-die-Städter-mal-an-Burschen“ auch noch bemerkt, daß ihr beide mit dem gesammelten Vorrat wohl doch nicht über den Abend kommt lädt er kurzerhand eine komplette Kofferraumladung Feuerholz aus seinem Bestand bei uns ab. Wir wirken offenbar etwas bedürftig. Jede Nacht lösche ich brav mit mehreren Eimern Wasser um mein Gewissen zu beruhigen. Bringt aber absolut nix, denn Sarah Sophie schippt am kommenden Morgen lediglich etwas Asche beiseite und schon ist das Ganze mit ein paar dürren Zweigen wieder in Gang und die Tagesbeschäftigung geht von vorne los. Das ihr das Feuer ganz ohne Hilfsmittel selbst entfacht macht Euch sichtbar gehörig Spaß. Da darf dann Leo auch ruhig zwischendurch Feuerwehrmann spielen und den Flammen mit der Gießkanne zu Leibe rücken. Die große Schwester richtet es dann später schon.

Feuer in den Frühlingsferien, April 2020, Flußbach, D

Das Wasser stammt übrigens vom Vereinsheim. Den Schlüssel hat einer unserer Inspekteure vorbei gebracht. Wahrscheinlich sehen wir irgendwie aus als müsste man sich um uns kümmern und wahrscheinlich ist das in der Eifel eben so. Aber da war ich gerade nicht da – wahrscheinlich im Wald oder Holz hacken.

Wie gesagt, man(n) macht wunderliche Dinge in diesen Tagen.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 104./ 52. Monat – Das Prinzipiell-Prinzip

Im März zieht auch bei uns jemand ein, der unsichtbar das Sagen hat: Herzlich Willkommen wird wohl niemand die neue Spaßbremse begrüßen, aber da ist sie trotzdem: Corona!

Zu Beginn sind wir noch auf kreative Ideen gekommen um das Virus auszusitzen und wollten zunächst mit dem Campingbus temporär an die holländische Nordsee auswandern oder zumindest täglich auf Sarah Sophies heißgeliebte Ponyfarm ausweichen. Geschlossene Grenzen beenden Plan A bereits vor Inkrafttreten und das Projekt Pony erlebt leider nur einen Tag, dann ist auch hier alles dicht. Wir haben somit eine Situation die bis dato gänzlich unbekannt ist: Wir sind zuhause, und zwar alle, und zwar immer! Eure Mutter 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche zuhause zu haben hat es bisher schlicht noch nie gegeben. Schule und Kindergarten sind bekanntermaßen auch geschlossen und es bleibt die einzige Frage: Was machen wir denn jetzt?

Aber die Frage ist schnell beantwortet: Meetings!

Was auch sonst in diesen Zeiten. Meeting heißt das neue Zauberwort! Von jetzt auf gleich haben alle Videomeetings. Sarah Sophies Schule stampft in Rekordgeschwindigkeit derlei Infrastruktur und Lehrerkompetenz aus dem Boden, daß mindestens die Hälfte der Eltern-WhatsApp-Gruppe komplett überfordert ist und startet bereits am dritten Wochentag pünktlich zum regulären Unterrichtsbeginn das virtuelle Klassenzimmer. Da bleiben kleine Holprigkeiten vereinzelter Fachlehrer wirklich nur eine Randnotiz. Im Bekanntenkreis höre ich gruselige Geschichten zu dem Thema. Ich bin schwer beeindruckt und drucke fleißig jeden Abend Dein Arbeitspensum aus.

„Corona-Schule“, März 2020, Düsseldorf, D

Die Beraterbude Eurer Mutter erfindet sich ebenfalls recht zügig neu und erklärt neuerdings aus unserem Schlafzimmer die wirtschaftliche Welt. Ein besonders possierliches Bild, da Eure Mutter durchsetzt, visuell nicht im Bild zu erscheinen sondern lediglich auf der Tonspur Präsenz zu zeigen. Geht auch gar nicht anders, sitzt sie doch im Schlumpershirt auf unserem Bett und teilt dasselbige in Sektoren, die einzelnen Kunden zugeordnet werden. Wer von denen das Privileg hat auf dem Kopfkissen zu landen und wer in den Fußraum muss bleibt allerdings ihr Geheimnis. Aber das ist bestimmt auch besser so.

Leo lernt bei der ganzen „Meeterei“ ganz nebenbei die Uhr lesen, da Du unverzüglich in den Flur zur großen Wanduhr flitzt, sobald die akustische Benachrichtigung als mahnendes Signal ertönt. „Meeeeeeeeeeeting“ intonierst Du genauso laut – wie oft am Tag. Das ganze hat also auch sein Gutes. Deinen digitalen Kindergarten findest Du übrigens genau einmal interessant und dann nie wieder. Der imaginären Kinderbewahrungsanstalt verweigerst Du Dich vollumfänglich nachdem in der ersten Stunde äußerst interessiert in die Runde geblickt wird. „Meetings“ sind wichtig, aber nur um andere daran zu erinnern, Dir ist das offenkundig um Längen zu profan um hier einzusteigen. Eine Überzeugung die ich durchaus teile und Dich folglich, nach dreimaliger Nachfrage elterlich vom iPad entschuldige.

Online-Kindergarten ist nur einmal interessant, März 2020, Düsseldorf, D

Sarah Sophie hingegen steigt voll auf die digitale Schiene ein. Die schulischen Meetings sind wahrscheinlich nur der ausschlaggebende Hinweisgeber, jedenfalls veranstaltest Du bereits in der zweiten Woche eigene „Mädelsmeetings“ in denen sich dann die üblichen Verdächtigen über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens austauschen und das Ganze wird eine feste Größe im wöchentlichen Alltag. Und zwar mit absoluter Beständigkeit. Grundsätzlichkeit bekommt in diesen Tagen ohnehin eine neue Dimension. Zu Beginn der Woche muss bereits vor dem Frühstück festgelegt werden, wann, mit wem, welches Meeting abzuhalten ist damit die – eigentlich immer gleichen – Teilnehmer auch zeit- und zielgerichtet eingeladen werden können.

Eine weitere wiederkehrende neue Lebensregel bestimmt das Mittagessen: „Wohin gehen wir nachmittags?“ Nachdem sich Leo täglich versichern lässt, daß alle Spielplätze auch wirklich immer noch geschlossen sind, entbrennt eine hinreißende, leidenschaftliche Diskussion zwischen Euch beiden ob wir nun in den Wald oder zum Rheinufer fahren. Mittlerweile ertappen wir Eure Mutter sogar dabei im Internet nach hiesigen Wanderwegen zu recherchieren. Es passieren spannende Dinge in diesen Tagen.

Selbstverständlich seit ihr Euch nie einig, versucht aber den Gegenüber vom Gegenteil zu überzeugen. Hierzu schweige ich meistens genüsslich lauschend und packe schonmal den Rucksack. Ihr erfindet täglich neue Stilblüten den jeweils anderen vom eigenen Ausflugsziel zu überzeugen. Leo verspricht zeitweise sogar zukünftig Boxhiebe in Richtung der Schwester zu unterlassen nur um seinen Kopf durchzusetzen. Sarah Sophie spielt im Gegenzug die Große-Schwester-Karte aus und besticht Leo mit dem Versprechen Dir abends alles Mögliche mittels Lego zu bauen und freut sich dermaßen diebisch den Kleinen überlistet zu haben. Ich gehe davon aus, das eigentliche Ziel ist Dir total schnuppe – Hauptsache du gewinnst. Irgendwann während des Dessert seit ihr Euch einig und wir fahren für gewöhnlich abwechselnd in Richtung Wald und Fluss. Jeweils angekommen seit ihr Euch dann übrigens wieder einig die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Das mag mit dem Eiswagen zusammenhängen der zufällig an beiden Ortschaften anzutreffen ist.

Und das tägliche Gezeter hat auch schon einen Namen bekommen und der hat gar nix mit Corona zu tun:

Das Prinzipiell-Prinzip.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.