Der 104./ 52. Monat – Das Prinzipiell-Prinzip

Im März zieht auch bei uns jemand ein, der unsichtbar das Sagen hat: Herzlich Willkommen wird wohl niemand die neue Spaßbremse begrüßen, aber da ist sie trotzdem: Corona!

Zu Beginn sind wir noch auf kreative Ideen gekommen um das Virus auszusitzen und wollten zunächst mit dem Campingbus temporär an die holländische Nordsee auswandern oder zumindest täglich auf Sarah Sophies heißgeliebte Ponyfarm ausweichen. Geschlossene Grenzen beenden Plan A bereits vor Inkrafttreten und das Projekt Pony erlebt leider nur einen Tag, dann ist auch hier alles dicht. Wir haben somit eine Situation die bis dato gänzlich unbekannt ist: Wir sind zuhause, und zwar alle, und zwar immer! Eure Mutter 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche zuhause zu haben hat es bisher schlicht noch nie gegeben. Schule und Kindergarten sind bekanntermaßen auch geschlossen und es bleibt die einzige Frage: Was machen wir denn jetzt?

Aber die Frage ist schnell beantwortet: Meetings!

Was auch sonst in diesen Zeiten. Meeting heißt das neue Zauberwort! Von jetzt auf gleich haben alle Videomeetings. Sarah Sophies Schule stampft in Rekordgeschwindigkeit derlei Infrastruktur und Lehrerkompetenz aus dem Boden, daß mindestens die Hälfte der Eltern-WhatsApp-Gruppe komplett überfordert ist und startet bereits am ersten Wochentag pünktlich zum regulären Unterrichtsbeginn das virtuelle Klassenzimmer. Da bleiben kleine Holprigkeiten vereinzelter Fachlehrer wirklich nur eine Randnotiz. Im Bekanntenkreis höre ich gruselige Geschichten zu dem Thema. Ich bin schwer beeindruckt und drucke fleißig jeden Abend Dein Arbeitspensum aus.

„Corona-Schule“, März 2020, Düsseldorf, D

Die Beraterbude Eurer Mutter erfindet sich ebenfalls recht zügig neu und erklärt neuerdings aus unserem Schlafzimmer die wirtschaftliche Welt. Ein besonders possierliches Bild, da Eure Mutter durchsetzt, visuell nicht im Bild zu erscheinen sondern lediglich auf der Tonspur Präsenz zu zeigen. Geht auch gar nicht anders, sitzt sie doch im Schlumpershirt auf unserem Bett und teilt dasselbige in Sektoren, die einzelnen Kunden zugeordnet werden. Wer von denen das Privileg hat auf dem Kopfkissen zu landen und wer in den Fußraum muss bleibt allerdings ihr Geheimnis. Aber das ist bestimmt auch besser so.

Leo lernt bei der ganzen „Meeterei“ ganz nebenbei die Uhr lesen, da Du unverzüglich in den Flur zur großen Wanduhr flitzt, sobald die akustische Benachrichtigung als mahnendes Signal ertönt. „Meeeeeeeeeeeting“ intonierst Du genauso laut – wie oft am Tag. Das ganze hat also auch sein Gutes. Deinen digitalen Kindergarten findest Du übrigens genau einmal interessant und dann nie wieder. Der imaginären Kinderbewahrungsanstalt verweigerst Du Dich vollumfänglich nachdem in der ersten Stunde äußerst interessiert in die Runde geblickt wird. „Meetings“ sind wichtig, aber nur um andere daran zu erinnern, Dir ist das offenkundig um Längen zu profan um hier einzusteigen. Eine Überzeugung die ich durchaus teile und Dich folglich, nach dreimaliger Nachfrage elterlich vom iPad entschuldige.

Online-Kindergarten ist nur einmal interessant, März 2020, Düsseldorf, D

Sarah Sophie hingegen steigt voll auf die digitale Schiene ein. Die schulischen Meetings sind wahrscheinlich nur der ausschlaggebende Hinweisgeber, jedenfalls veranstaltest Du bereits in der zweiten Woche eigene „Mädelsmeetings“ in denen sich dann die üblichen Verdächtigen über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens austauschen und das Ganze wird eine feste Größe im wöchentlichen Alltag. Und zwar mit absoluter Beständigkeit. Grundsätzlichkeit bekommt in diesen Tagen ohnehin eine neue Dimension. Zu Beginn der Woche muss bereits vor dem Frühstück festgelegt werden, wann, mit wem, welches Meeting abzuhalten ist damit die – eigentlich immer gleichen – Teilnehmer auch zeit- und zielgerichtet eingeladen werden können.

Eine weitere wiederkehrende neue Lebensregel bestimmt das Mittagessen: „Wohin gehen wir nachmittags?“ Nachdem sich Leo täglich versichern lässt, daß alle Spielplätze auch wirklich immer noch geschlossen sind, entbrennt eine hinreißende, leidenschaftliche Diskussion zwischen Euch beiden ob wir nun in den Wald oder zum Rheinufer fahren. Mittlerweile ertappen wir Eure Mutter sogar dabei im Internet nach hiesigen Wanderwegen zu recherchieren. Es passieren spannende Dinge in diesen Tagen.

Selbstverständlich seit ihr Euch nie einig, versucht aber den Gegenüber vom Gegenteil zu überzeugen. Hierzu schweige ich meistens genüsslich lauschend und packe schonmal den Rucksack. Ihr erfindet täglich neue Stilblüten den jeweils anderen vom eigenen Ausflugsziel zu überzeugen. Leo verspricht zeitweise sogar zukünftig Boxhiebe in Richtung der Schwester zu unterlassen nur um seinen Kopf durchzusetzen. Sarah Sophie spielt im Gegenzug die Große-Schwester-Karte aus und besticht Leo mit dem Versprechen Dir abends alles Mögliche mittels Lego zu bauen und freut sich dermaßen diebisch den Kleinen überlistet zu haben. Ich gehe davon aus, das eigentliche Ziel ist Dir total schnuppe – Hauptsache du gewinnst. Irgendwann während des Dessert seit ihr Euch einig und wir fahren für gewöhnlich abwechselnd in Richtung Wald und Fluss. Jeweils angekommen seit ihr Euch dann übrigens wieder einig die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Das mag mit dem Eiswagen zusammenhängen der zufällig an beiden Ortschaften anzutreffen ist.

Und das tägliche Gezeter hat auch schon einen Namen bekommen und der hat gar nix mit Corona zu tun:

Das Prinzipiell-Prinzip.

Der 103./ 51. Monat – Das Hotel

Es ist Karneval, Sarah Sophies Schule – wie üblich – von Freitag bis einschließlich Mittwoch geschlossen und wir sind tatsächlich wieder in Österreich zum Skifahren gelandet. Deine neuerliche Begeisterung zum snowboarden hat sogar Deine Mutter überzeugt es nach den Winterferien nur bei einer kurze Pause zu belassen um Dich bereits im Februar wieder aufs Board zu bewilligen. Bei mir hast Du bekanntlich in derlei Hinsicht leichtes Spiel, ich könnte jedes Wochenende in den Schnee.

Die Ausflugsorganisation ist wieder auf Vor-Opa-wohnt-bei-uns-Niveau zurückgekehrt, da sich Euer väterlicher Opa schlussendlich doch für ein betreutes Wohnen in seinem eigenen Haus entschieden hat und inzwischen mit seiner moldawischen Pflegekraft mehr als glücklich wieder daheim residiert. Wir können also wieder machen was wir wollen.

Und deshalb nehmen wir dieses Mal Eure mütterlichen Großeltern einfach mit in den Skiurlaub. Nachdem ich Euch genau das unterjubele ist die Freude riesig und der Urlaub per Definition schon vorab ein Erfolg. Das die beiden gar nicht wirklich skifahren können – zumindest nicht alpin -, spielt familienintern überhaupt keine Rolle und die zwei schlagen sich derart tapfer nachdem ihr bereits am ersten Tag beschlossen habt im höchsten Restaurant des Gebiets zu mittagen (wie das immer noch bei Euch heißt). Wahrscheinlich schmeckt die Fanta auf knapp 3.300 Meter einfach besser. Babuschka und Deduschka schnappen sich folglich ihre Nordic Walking-Stöcke und erklimmen genauso tapfer wie erfolgreich die letzten Meter von Gondel- zur Jausenstation. Alle sind glücklich – vor allem Euren Großeltern ist die Freude förmlich derart ins Gesicht geschrieben, daß noch vor Talabfahrt unverrückbar feststeht: Das ist nicht das letzte Mal!

Wie es sich gehört stehe ich jeden Abend zünftig mit Deduschka am Grill, während ihr beide drinnen freudig von Babuschka bespaßt werdet. Ich glaube sogar gesehen zu haben, daß Eure Mutter einfach so ein Buch ganz für sich alleine gelesen hat. Kurzum die Nummer ist ein voller Erfolg.

Familienskifahren, Februar 2020, Stubaier Gletscher, AT

Ach ja und da war ja noch die Sache mit der Talabfahrt: Wie in vielen Skigebieten läßt sich auch am Stubaier Gletscher entweder auf angeschnalltem Wintersportgerät ins Tal schwingen oder die letzten paar Hundert Höhenmeter schnöde mittels Gondelfahrt erledigen. Leo scheidet da leider noch aus, aber für Sarah Sophie steht selbstverständlich unverrückbar fest wie ins Tal zu kommen ist. Dafür findest Du Dich sogar unmittelbar verhandlungsfrei damit ab, daß ich mich weigere Dich auf dem Snowboard mitzunehmen und tauschst artig wieder Board gegen Ski – der längeren Erfahrung wegen. Und hier erleben wir dann ausnahmsweise Eure Mutter mal in der sorgenvolle Rolle: „Im Pistenplan steht etwas von „extremer Skiroute, geübten Skifahrern und geringer Breite“ wirft sie verhinderungswillig ein. Bestätigen wir beide, hilft aber alles nix, wir zwei müssen da runter und das klappt dann auch – sogar mehrfach – absolut problemlos. An der Stelle kann ich mir ein „Meine Tochter!“ dann doch nicht verkneifen und das familieninterne Board-Ski-Duell ist wieder ausgeglichen.

Das unangefochtene Highlight des Monats ist allerdings ein Hotel auf einem Autohof irgendwo in Bayern. Im Anschluss an unseren alpinen Kurztrip steht ein zweitägiger Job Eurer Mutter in der fränkischen Metropole Iphofen unweit von Würzburg an für den wir Dich sogar ganz offiziell für einen Tag aus der Schule befreit bekommen um auf der Tiroler Heimfahrt nicht völlig sinnlos, zunächst daran vorbeizufahren und Eure Mutter am kommenden Morgen wieder in die exakt gleiche – aber entgegengesetzte – Richtung zu schicken. Ich mag unsere Schule dafür, daß man denen so etwas ganz praktisch erklären kann. Folglich starten wir Dienstagabend nach besagten Talabfahrten in Richtung Bayern. Die Hotelauswahl hat Eure Mutter einem Kollegen überlassen und der beordert uns zu einem riesigen Betonklotz mit der unangefocht unübersichtlichsten Anzahl an Gängen und Treppen um auf sein Zimmer zu kommen. Jedenfalls tragen wir Euch beide schlafend mit mehrmaliger Verirrung irgendwann abends durch das fatale Labyrinth an der A3. Wir sind uns sicher der besagte Kollege muss einen Hotelgutschein in der Lotterie gewonnen haben und kann eigentlich gar nichts dafür.

Am nächsten Morgen entschwindet Eure Mutter noch weit vor dem Frühstück und der betonierte Irrgarten entpuppt sich als das reinste Paradies. Nachdem ich Euch erkläre durch die reichlich vorhandenen Zwischentüren ausschließlich mit den beiden Magnetkarten zu kommen bin ich nicht nur dieselben, sondern auch Euch beide los und froh noch hinterherzukommen um nicht einsam vor einer zugeknallten Feuerschutztür zu verenden. Das Prinzip mit den Hinweisschildern erläutert Sarah Sophie Leo im Vorbeilauf und ihr begebt Euch forschen Schrittes auf die Schnitzeljagd zum Frühstücksraum. Dort angekommen wird die Hütte zur ultimativen Erlebnisherberge umdeklariert und den Rücklauf zum Zimmer vollzieht ihr mehrfach. Aber es geht noch besser: Die beiden Tage verbringen wir wetterbedingt – während der mütterlichen Arbeitszeit – im benachbarten Takka-Tukka-Land und ich höre überraschend gar keine Klagen.

Takka-Tukka-Land, Februar 2020, Gerolzhofen, D

Spätestens, als wir zum Abendessen wieder zur Hindernisparcoursherberge zurück müssen und uns rein zufällig die Filiale einer bekannten amerikanischen Burgerkette auf dem Autohof begegnet ist Euer Wir-fahren-mit-zu-Mamas-Arbeit-Glück rundum komplett.

Leo bringt es dann auf den Punkt: „Papa, das ist aber ein ganz schön tolles Hotel!“

Hat etwa jemals jemand etwas anderes behauptet?

Der 102./ 50. Monat – Boarding

Winterferien, also Skifahren. Was sonst. Und Eure Mutter muss wieder ganz tapfer sein: Es geht nach Österreich. Im letzten Winter haben wir noch die sprachliche Verständigung von Leo und Skilehrern vernachlässigt und sind wieder in den französischen Alpen gelandet – doch im zweiten Skikurs sollte man wohl doch verstehen was jemand einem beibringen möchte. Eure Mutter kann Österreich zwar überhaupt nichts abgewinnen – warum weiß sie wahrscheinlich selbst nicht so genau – fügt sich aber tapfer in ihr Schicksal. Das muss auch mal erwähnt werden. Die übliche Weihnachtsfeier ihres Arbeitgebers kollidiert diesmal mit dem letzten Schultag von Sarah Sophie, womit Du das erste Mal alleine fliegen darfst. Wir Eltern und Leo fahren einen Tag vorher voraus und Du quartierst Dich bei einer Freundin Eurer Mutter ein, die Dich dann am nächsten Tag zu Schule und Flughafen chauffiert. Selbstverständlich bin ich erneut der Aufgeregteste bei diesem Projekt und zugegeben erleichtert als ich Dich am Stuttgarter Flughafen wieder in Empfang nehme.

Ganz nebenbei hast Du Dir dafür ein eigenes Telefon erschummelt, da ich Dich – nach Deiner Einschätzung – jederzeit anrufen können muss. Ich glaube „Papa, das Telefon brauche ich ja nur für dich. Stell dir mal vor, Du kannst mich nicht erreichen – wo du dir doch immer so viel Sorgen um mich machst!“ ist noch einer der verbal-schwächsten Proklamationen in dieser Richtung. Wieviele unbegleitete Kinder aus Sicherheitsbereichen deutscher Flughäfen oder fliegenden Flugzeuge in der letzten Zeit verloren gegangen sind kann ich natürlich nicht beantworten und kaufe folglich eine SIM-Karte. Sicher ist sicher!

Jedenfalls bist Du wohlbehalten eingetroffen und wir haben überhaupt nicht telefoniert. Das aber nur am Rande. Wie jedes Jahr genießt Du sichtlich Deinen Auftritt auf der Weihnachtsfeier während Dein Bruder unaufhörlich Chanukkalieder zum Besten gibt und Dir damit sogar manchmal die Show stiehlt. Leo scheint die vergangenen Wochen im Kindergarten derlei fleißig geübt zu haben und vor gehörigem Publikum macht es wohl erst recht Spaß. Zuhause singst Du bis dato nicht. Das ändert sich übrigens mit dieser Feier schlagartig und ich kann mir ungefähr vorstellen, was spätestens zu Pessach bei uns los ist. Und es gilt selbstverständlich der alte Musiker-Grundsatz: „Das muss so laut!“

Aber es geht ja eigentlich um Skifahren: Am nächsten Morgen gondeln wir weiter nach Neustift in Tirol am Stubaier Gletscher. Ihr beide besucht die lokale Skischule und Eure Mutter und ich fahren nach Jahren erstmals wieder gemeinsam. Sie Snowboard und ich Ski. Und damit geht das Dilemma auch schon los. In manchen Dingen ist Sarah Sophie so dermaßen ersichtlich die Tochter ihrer Mutter, daß es einem förmlich ins Auge springt – oder hier besser gesagt ins Ohr. Das Deine Mutter etwas kann und Du nicht wird Deinerseits mit einem schlichten Satz kommentiert: „Dein Ernst?“ Theatralische Gestik selbstredend inklusive. Bereits am zweiten Tag ist die Skischule langweilig, Du kannst natürlich schon alles und einzig Deine neue Freundin Sophia aus selbiger erspart uns sinnlose Diskussionen über einen weiteren Verbleib dort bis zum Ende der ersten Urlaubswoche. Solange ist der Kurs nämlich bezahlt.

Wenig wundersam erhandelst Du Dir erfolgreich einen Snowboardkurs für die zweite Woche und wirst nicht müde Leo gegenüber zu erwähnen was Du zu erlernen gedenkst. Jeweils untermauert mit dem unauffälligen Hinweis er sei natürlich noch zu klein dafür, Du hingegen nicht. Prinzip „Große Schwester“ in Vollendung. Wir melden Dich an und tauschen Ski gegen Board. Wie stolz man das dann zur Gondel tragen kann auch wenn man noch nie darauf gestanden hat erleben wir am folgenden Tag. Du entschwindest zu Deiner Gruppe und warst nicht mehr gesehen. Am Nachmittag verkündest Du stolz die jüngste in der Gruppe zu sein, diese aber morgen schon wieder verlassen zu müssen, da dies ja die Anfängertruppe sei und Dich Gert aus der Fortgeschrittenenabteilung entdeckt und flugs zu sich beordert habe. Eine kurze Nachfrage meinerseits ob der eventuellen Möglichkeit unter Umständen in der Richtung etwas falsch verstanden zu haben konterst Du jovial mit nur zwei Worten – die dafür aber in passender Stimmlage: „Boah, Papa!“. Wie gesagt die Tochter Deiner Mutter!

Sarah Sophie @ Board, Januar 2020, Stubaier Gletscher, AT

Am nächsten Morgen bestätigt uns besagter Gert den Gruppentausch vollumfänglich und erwähnt nicht nur in einem Halbsatz Dein offenkundiges Talent für diesen Sport. Deine Mutter verabschiedet, Dich sichtlich um mindestens einen Meter gewachsen, mit den Worten „Meine Tochter!“ in Deine neue Lieblingsbeschäftigung und von nun an gibt es nur noch Snowboard. Beim Frühstück, beim Abendessen, egal wo: alles dreht sich ums Board. Du findest es ungerecht im Sommer Geburtstag zu haben, da Du somit ja viel zu lange auf Dein Geschenk – natürlich ein Board – warten musst. Ich gebe aber zu Deine Fortschritte auf dem Ding sind schon erstaunlich. Noch erstaunlicher ist es aber, daß Du es ernsthaft schaffst Eure Mutter davon zu überzeugen in zwei Monaten wieder hier zu sein. Dann ist nämlich Karneval und Deine Schule legt wie jedes Jahr mehrere bewegliche Ferientage auf diese Zeit. Ich sehe also eine Verbündete in meinem alljährlichen Kampf für mehrmalige Schneeausflüge. Und dann auch noch nach Österreich.

Also ab aufs Board, Prinzessin!

Der 101./ 49. Monat – Berliner Filmfritzen

Einer der spannendsten Aspekte unseres derzeitigen Mehrgenerationen-Zustandes ist vor allem, daß wir uns bekanntlich als heimelige Familie vor allem dadurch definieren „zuhause“ von unserer standardisierten Behausung abzukoppeln und schlicht gerne unterwegs sind. Das war nie anders und wird sich hoffentlich auch nie ändern! Bedeutet für Opa konkret, daß ihm die unterschiedlichsten Betreuungsformen zuteil werden. Aber da ist er glücklicherweise durchaus aufgeschlossen. Dieser Tage steht das jährliche Treffen der „Anonymen Analogiker“ in Berlin an – oder wie Sarah Sophie es nennt: „Papa trifft sich mit seinen Filmfritzen!“ Eine für viele sicherlich skurrile Veranstaltung die ich aber nun bereits seit mehreren Jahren organisiere.

Hier trifft sich eine bunte Runde durchaus verschrobener Köpfe, widmet sich ausnahmslos analogem Film und klopft sich auch mal gerne auf die gegenseitigen Schultern – stolz beflissen ihren Teil dazu beizutragen, daß es chemischen Film überhaupt noch gibt. Da gibt es dann alles: von Kunst bis Kitsch, von Trash bis Irgendwas, was überhaupt niemand mehr versteht – Hauptsache es ist auf echtem, perforiertem Film gedreht. Vor ein paar Jahren haben wir sogar versucht diesen paradiesischen Unsinn zu dokumentieren. Ich mittendrin – was soviel bedeutet: Mich gibt es an einem Wochenende eigentlich gar nicht. Aber eben nur „eigentlich“.

Irgendwann in den letzten Jahren haben wir angefangen vor dem samstäglichen Finale dieses Irrsinns eine Stunde „Kinderkino“ vorzuschalten, verbunden mit der festen Überzeugung auch dem kleinsten Nachwuchs echtes Kino nahe zu bringen. Freunde mit entsprechenden Kindern haben wir genug in Berlin – Problem ist nur, daß die gesamte Nummer eben bereits Freitagabend in irgendeiner Berliner Kneipe startet, ich zwangsweise equipmentmäßig mit dem Auto fahren muss und Sarah Sophie bis zum Nachmittag noch Schule hat. Ach ja: Opa und der Hund müssen ja auch noch verorganisiert werden. Aber man wächst ja bekanntlich an seinen Aufgaben und das geht dann so:

Für Euren Opa organisieren die mütterlichen Großeltern aus ihrem – ich bin mir sicher – unerschöpflichen Kreis von Jemandem der auf jeden Fall mindestens einen kennt, der wiederum mit einem Bruder von dessen Schwägerin gut bekannt ist, welche unverhohlen garantieren kann daß ihre Tante unter Zuhilfenahme der Großnichte für genau sowas grandios prädestiniert ist.

Jedenfalls kommt über das Wochenende jeden Abend Olga vorbei und versorgt Euren Opa. Der Hund macht einen Wochenendausflug zu Katja und Problem Eins ist gelöst. Eure Mutter weilt die Tage vor besagtem Wochenende kundenbedingt in der Nähe von New York und platzt irgendwann mit der frohen Botschaft ins Familienleben, bereits gegen Freitagmittag in Düsseldorf sein zu können. Also brauchen wir nur noch eine pünktliche Lufthansa, funktionierende Anschlussflüge und jemanden der Euch beide von Schule und Kindergarten abholt, zum Flughafen fährt und in die mütterlichen Arme treibt, damit ihr mit dann zu dritt nach Berlin weiterfliegen könnt. Diejenige ist schnell gefunden da Victoria, eine andere Freundin Eurer Mutter, ihren Sohn im gleichen Kindergarten umsorgen lässt wie wir Leo. Das Schule und Kindergarten direkt nebeneinander liegen habe ich ja bereits erwähnt und ich stelle wieder einmal fest, was exakt diese Kleinigkeit für einen unglaublichen Luxus darstellt.

Aufbruch zum Kinderkino, Dezember 2019, Berlin, D

Ich setze also Freitag morgen Sarah Sophie in den Schulbus, bringe Leo kurz darauf in den Kindergarten und starte Richtung Berlin. Zwischenstopp in Bochum um Thomas nebst einer Kiste klassischer Zeichentrickfilme einzuladen. Auf der Höhe von Hannover unterrichtet mich Eure Mutter voller Freude bereits in München gelandet und so gut wie auf eine frühere Maschine nach Düsseldorf umgebucht zu sein um das gewonnene Zeitfenster in der beliebten Pizzeria unweit der Schule zu verbringen, da ihr just jetzt einfällt, sich sowieso noch mit Katja (die mit dem Hund) treffen zu wollen, da sie selbstverständlich noch irgendwelche Geschenke für sie aus New York dabei hat. Kurz hinter Braunschweig vernehme ich mittels eines weiteren Telefonats die fröhliche Zusammenkunft der drei projektbezogenen Damen nebst Kinderanhang und ich weiß, daß spätestens jetzt niemand mehr außer Euch in der Pizzabude sitzt. Zwischen Magdeburg und Berliner Ring seit ihr in Düsseldorf eingecheckt und Thomas sagt gar nichts mehr. Noch bevor ich ihn in seinem Hotel absetze, vermeldet Eure Mutter erfolgreichen Tegeler Touchdown mit anschließender Fahrt zur Berliner Katja damit ihr beide noch etwas spielen könnt. Wahrscheinlich ist sie beängstigt ihr könntet Euch zu sehr langweilen.

Ich parke unseren Campingbus auf dem bekannten Wohnmobilstellplatz und mache mich auf zu den üblichen Verdächtigen. Hier sammelt Eure Mutter früher oder später noch den benötigten Schlüssel für das Tor zum Stellplatz ein und das wars auch schon:

Wir sind tatsächlich alle „zusammen“ angekommen. Kinderkino und der Rest der ganzen sinngebenden Veranstaltung am nächsten Tag sind wieder ein voller Erfolg und lediglich ein winziger Wermutstropfen wiegt über allem. Alle 16mm-Kinderfilme von Thomas kann er gar nicht mehr mit nach Hause nehmen, da wir vier alle – ganz unspektakulär in einem Auto zusammen – zurückfahren. Das ist natürlich verabredet und Thomas fährt folglich mit dem Zug nach Hause. Ganz ohne Filme, die haben wir dabei.

Aber das stört Euch beide komischerweise in den nächsten Wochen überhaupt nicht. Filmkultur geht eben vor!

Der 100./ 48. Monat – Hui-Buh

Euer Opa nebst Hund Carlos wohnen weiterhin bei uns, was mit fortschreitender Dauer – sagen wir mal – sehr ambitioniert wird. Das liegt an unterschiedlichen Faktoren. Grundsätzlich funktioniert das eigentlich ganz passabel aber ich muss gestehen mich dem Gefühl von „Täglich grüßt das Murmeltier“, nicht wirklich entziehen zu können. Jeden Morgen und jeden Abend wiederholt sich ein exakt gleiches Prozedere: Habt ihr beide Eure Portionen Cornflakes respektive das Abendessen verputzt, möchte Opa sich in den eingeübten, mittlerweile schon jahrelangen Ablauf einbringen und meint es sei eine gute Idee, Leo sein Schüsselchen vor der Nase wegzuziehen um sich damit in Richtung Küche aufzumachen. Das siehst Du natürlich gänzlich anders, denn das ist ja eben Dein Geschirr und das bringt auch nur einer in die Küche – nämlich Du ganz alleine. Ein Umstand den Euer Opa offenkundig schwer akzeptieren kann: Schlurft er um den Tisch herum wird er auf der anderen Seite von Dir gekonnt abgefangen und in Leos rustikaler Art von besagtem Behältnis wieder befreit. Lautstarker Rentnerprotest inkludiert. Artig sage ich jetzt mein tägliches Sprüchlein „(…) daß die Kinder gewohnt sind ihr Geschirr selbst wegzuräumen (…)“ auf um von meinem Vater belobigt geantwortet zu bekommen „Das sei ja auch richtig so!“ Das weiß ich, das wisst ihr und das weiß jetzt auch der Opa, aber eben nur bis heute Abend, denn dann kann ich garantieren, wiederholt sich das ganze Prozedere wirklich genau gleich. Klingt geschrieben ganz lustig, gelebt ist es allmählich schlicht anstrengend.

Das eigentliche Kernproblem ist allerdings ein ganz anderes. Es mangelt an einer Perspektive. Euer Opa kann unmöglich wieder alleine wohnen, das sieht sogar er selbst ein und ich tüftele mit ihm die verschiedenen Lösungsansätze durch. Wir sind uns einig, das es im Prinzip drei Möglichkeiten gibt:

1. Wir ziehen alle gemeinsam in eine größere Wohnung bzw. Haus damit Leo und Opa nicht mehr ein gemeinsames Zimmer haben, sondern jeder ein eigenes.

2. Wir mieten eine Wohnung für Opa in unmittelbarer Nähe zu uns, damit ich mich um meinen Vater kümmern kann und die Wege kurz sind.

3. Wir kümmern uns um eine dauerhafte Betreuungsperson für Euren Opa und er zieht wieder in sein Haus.

Die Idee „Betreutes Wohnen“ stößt bei Eurem Opa nicht so ganz auf direkte Begeisterung und meine Vorschläge für eine gemeinsame große Wohnung werden mit dem stets gleichen Kommentar versehen: „Wir warten mal ab!“ Worauf weiß ich bis heute nicht – aber Euer Opa ist sehr veränderungsresistent. Am ehesten gefällt zwischenzeitlich die Wohnung hier ums Eck. Allerdings leider nur in der Theorie. Zu Besichtigungen der durchaus vorhandenen Angebote kommt es nie. Entweder ist die Wohnung zu groß, zu hoch, zu tief gelegen oder sonst irgendetwas missfällt.

Kurz gesagt: Wir kommen nicht weiter.

Euer Opa ist froh den Rollator frühzeitig in die Garage verbannen zu können und kommt seinem täglichen Bewegungsdrang folglich ohne Hilfsmittel in der gesamten Wohnung nach. Ulkigerweise vergisst er gerne mal, daß hier noch andere Menschen beheimatet sind und schleicht völlig lautlos von Zimmer zu Zimmer. Ob ihr beide da gerade spielt, Sarah Sophie Hausaufgaben am Schreibtisch erledigt oder Leo den Spielteppich in eine Puzzlelandschaft verwandelt: Egal, er muss da durch! Motorisch durchaus in der Lage die Klippen zweier Kinderzimmer zu umschiffen, aber nicht Willens kurzzeitig Anker zu werfen um vielleicht den örtlichen Bewohnern möglicherweise Gehör zu schenken. So zieht der Opa also seine Kreise und ihr beide gewöhnt Euch bemerkenswert schnell an dieses Skurrilitätenkabinett. Einzig Leo setzt noch einen drauf: Wahrscheinlich meiner Verweigerung geschuldet, Dir mehrmals täglich das iPhone als Unterhatungsvehikel zu überlassen, hast Du Hörspiele für Dich entdeckt.

Aber nicht irgendwelche sondern ausschließlich Hui Buh das Schlossgespenst mit der rostigen Rasselkette. Somit intonierst Du folglich das einzig behördlich zugelassene Gespenst von Schloss Burgeck zum einzig umherschlurfenden Opa im Hause Reichmann, den es wiederum überhaupt nicht stört wenn Gespenstergeschichten erzählt werden während er umhergeistert. Das ist schon spannend an sich aber nichts im Vergleich dazu, daß Euer Opa nur vier Wochen gebraucht hat um an einem einzigen Tag einfach mal Eure Schüsseln auf dem Tisch stehen zu lassen und sogar mit Leo ein Spiel zu spielen.

Wir brauchen eine Lösung! Bald!

Es hat gedauert – aber es hat geklappt: Sie spielen miteinander, November 2019, Düsseldorf, D

Eure Schüsseln bleiben seitdem übrigens gerne einfach auf dem Tisch stehen. Schon schön wenn alle etwas dazugelernt haben.

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 99./ 47. Monat – Israel reloaded

Im Oktober zieht Euer Opa bei uns ein. Nicht ganz freiwillig, aber nach drei Wochen Krankenhaus kann und soll er nicht alleine wohnen. Leo räumt unter – verhaltenem anfänglichem – Protest sein Zimmer, sagen wir mal zur Hälfte, jedenfalls steht jetzt Opas Bett hier und Du findest Dich des Nachts entweder im Zimmer Deiner Schwester wieder oder bei uns im Schlafzimmer, je nach Lust und Laune.

Zurück zu Opas Einzug: Der muss nämlich auch zeitnah schon wieder temporär ausziehen, da die Herbstferien unmittelbar vor der Tür stehen und wir bereits am letzten Schultag nach Israel fliegen. Ich bin erstaunt, was es da so alles für Möglichkeiten gibt und auch Eurer Opa ist der Idee einer sogenannten Kurzzeitpflege absolut aufgeschlossen. Somit fahre ich Euren Opa in seine Teilzeitbleibe, den Hund zu Katja und uns ein Taxi zum Flughafen.

In Tel Aviv landen wir wieder mitten in der Nacht und starten mit einem kurzen Abstecher am Toten Meer zu einer Kamelfarm im Negev. Das ganze fühlt sich schon ein bisschen nach Déjà-‍vu an. Exakt zur gleichen Zeit im letzten Jahr waren wir hier sozusagen „ums Eck“ auf einer Alpakafarm, aber das tut Eurer Begeisterung für die diesjährigen Kamele wenig Abbruch, vor allem nachdem ich Euch eröffne, daß es nach der Übernachtung in dem Kameldung durchdrungenem kleinem Häuschen unmittelbar neben der Herde selbstverständlich auf einen zünftigen Ausritt auf den Wüstenschiffen geht. Da verzeiht ihr mir sogar das – sagen mir mal – spannende Abendessen unterm Baldachin.

Haben wir am nächsten Tag Wüste und Kamele abgearbeitet geht es endlich zu Sarah Sophies langgehegtem Herzenswunsch. Wir fahren nach Eilat am Roten Meer. Davon redest Du seit Monaten in einer Weise, daß mir die Dringlich- und Wichtigkeit wahrhaft nicht verborgen bleibt. Woher diese Begeisterung im Ursprung eigentlich kommt lässt sich nicht wirklich ergründen, ihren Höhepunkt erreicht sie aber sicherlich nachdem ich Dir eröffne was Dich hier erwartet. Wird hier zeitig genug aufgestanden und weiß wo man wo, besteht die Möglichkeit mit Delphinen in freier Wildbahn zu schwimmen. Ich kenne mittlerweile diverse Gefühlsausbrüche und Freude über alles mögliche bei Dir, aber diese Aussichten stellen alles bisher dagewesene in den Schatten. Am frühen Abend kommen wir am Südzipfel Israels an und unser Vermieter betreibt nicht nur ein kleines nettes Hotel sondern auch eine Tauchschule und kennt den begehrten Spot um Flippers Freunde. Es kommt einem Wunder gleich, daß Du überhaupt einschlafen kannst – noch erstaunlicher ist es aber, Dich morgens um fünf Uhr freiwillig wieder aus dem Bett heraus hüpfen zu sehen. Zu Schulzeiten wecke ich Dich mehr als eine Stunde später und das ist nicht selten ein sprichwörtliches Drama. Aber gegen Delphine wirkt natürlich auch ein bildungsmahnender Vater eher blaß – dessen bin ich mir durchaus bewusst. Jedenfalls sitzen wir keine halbe Stunde später inklusive Frühstück-Picknick-Körbchen im Auto und kurz darauf an einem wenig einladendem Strand. Wir scheinen aber richtig zu sein, da nicht alleine. Und tatsächlich tauchen die markanten Rückenflossen in unfassbarer Nähe zum Strand auf. Du bist nicht mehr zu halten und schnorchelst mit Deiner Mutter munter drauf los. Und bereits beim ersten Anlauf klappt es auch tatsächlich und Dein großer Wunsch geht in Erfüllung. Ich habe Dich definitiv noch nie so begeistert gesehen. Das das Ganze im morgendlichen Halbdunkel stattfindet macht das Prozedere noch eine Spur abenteuerlicher. Leo ist ebenfalls völlig aus dem Häuschen, obwohl er dem Spektakel lediglich mit mir zusammen vom Strand aus zuschaut – was Dir aber offenkundig auch völlig genügt. Sarah Sophies Grinsen hält jedenfalls den ganzen Tag an – kann aber prinzipiell auch gar nicht abnehmen, da Eure Mutter noch ein Highlight aus dem Hut zaubert. Am Migdalor Beach befinden sich die ersten Korallenbänke in unmittelbarer Nähe zum Ufer und die Fischvielfalt in allen Farben und Größen ist beeindruckend. In welchem Element ihr beide den Tag verbringt bedarf wohl keiner gesonderten Erläuterung. Drei Tage Eilat verstreichen in Rekordgeschwindigkeit und ich bringe jeden Abend zwei überglückliche Kinder ins Bett. Eltern mit Meerestier-affinem Nachwuchs garantiere ich hier berauschende Kindertage. Seitdem steht – zumindest für Sarah Sophie – unverrückbar fest wohin die Reise in den nächstjährigen Herbstferien zu gehen hat. Das wiederum stößt bei Eurer Mutter allerdings auf konsequent wenig Gegenliebe, da für sie bereits zwei Jahre in Folge, gelangweilte Ewigkeiten darstellen – von dreien ganz zu schweigen. Ich gehe davon aus, Du denkst bereits über geeignete Strategien nach.

Ein paar Tage später eröffnest Du deinerseits ganz nebenbei den nächsten Höhepunkt der Ferien. Valerie aus der besten Freundinnen-Riege der Schule ist aktuell ebenfalls auf Ferienreise in Israel. Selbstverständlich belatscherst Du uns erfolgreich hier entsprechend Kontakt aufzunehmen. Valerie hat, neben einer älteren Schwester, auch noch einen passenden kleinen Bruder in Leos Alter und es ist klar, mit wem wir den ein oder anderen Strandtag in Tel Aviv verbringen. Ab jetzt hast Du einen brüderlichen Verbündeten für die „Israel-2020-Strategie“. Leo und Jonatan sind bereits am ersten Tag die dicksten Freunde und Eure Mutter erwähnt vorsichtshalber ab sofort täglich mehrfach ihre alternativen Ferienpläne.

Tja und das nächste Argument steuert sie auch noch Eigentormäßig selbst bei. Wie derzeit jede Großstadt läßt sich auch Tel Aviv auf hippen E-Scootern erfahren. Dies, die ungemeine Gelassenheit israelischer Polizisten im Umgang mit Eltern-Kind-Besetzungen auf den Rollern, gepaart mit der Begeisterung Eurer Mutter für jeden Mobilitätsblödsinn lässt selbstverständlich keine Frage offen wir wir täglich durch die Stadt kommen. Ich gebe aber zu mich ebenfalls nicht wirklich dagegen zu wehren. Man soll sich ja der einheimischen Urbankultur anpassen. Für Euch beide sind die lustigen Gefährte ausschließlicher Bestandteil derselbigen – spätestens nachdem ich Euch versichere bei der deutschen Polizei weit weniger Akzeptanz dafür zu finden. Unumstößlich steht fest: Das darf man nur in Tel Aviv, Basta! Nach drei Tagen hat uns Sarah Sophie soweit, daß Du – zumindest auf dem Radweg am Strand – sogar alleine fahren darfst. Auch das irritiert die heimischen Ordnungshüter in keiner Weise – hier herrscht eben eine andere Gefahrengewichtung. Den kurzen Aufenthalt im Krankenhaus um Sarah Sophies Kinnwunde infolge einer böswilligen Bordsteinkante zu behandeln geht familienintern als Kollateralschaden durch und wird hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Herbstferien = Israel reloaded, Oktober 2019, Tel Aviv, IL

Nun sitzen wir im Flieger zurück nach Hause und besprechen gewiss rein zufällig nächstes Mal ein paar Tage länger in Eilat bleiben zu wollen. Denn dann kann Leo ja auch schon schwimmen und die Delphine warten sozusagen nur auf Dich.

Dein Schwimmkurs startet übrigens nächste Woche. Aber das ist bestimmt reiner Zufall und noch gar nicht Bestandteil der „Israel-2020-Strategie“.

Das heißt bei Leo dann: „Wir gucken mal!“

Geschrieben aus Warschau, Woiwodschaft Masowien, Polen.

Der 98./ 46. Monat – Volksfestfeiertage

Der September besteht gefühlt ausschließlich aus Geburtstagen. Sämtliche Freundinnen und Freunde von Sarah Sophie scheinen jetzt Geburtstag zu haben oder feiern zumindest in diesem Monat. Dein eigener Geburtstag fällt wie immer mitten in die Sommerferien und dort möchtest Du verständlicherweise nicht feiern, da dann natürlich die Gästemenge urlaubsbedingt einer Selbstregulierung unterliegt die es zu verhindern gilt. Also lädst Du zum 1. September auf die bekannte Ponywiese und wir verbringen den ganzen Tag zwischen Smarty, Percy und Co und der Geburtstagsmarathon ist damit eröffnet. An den kommenden Wochenenden schaffst Du in Spitzenzeiten bis zu drei Kindergeburtstage an zwei Tagen und Deine Mutter und ich versuchen uns nicht anmerken zu lassen, daß wir die Wochenende bei bestem Spätsommerwetter vielleicht lieber woanders verbringen würden. Zumindest das letzte Wochenende des Monats bleibt frei und hier fangen dann auch schon die jüdischen Feiertage an, die bekanntlich nahezu alle im Herbst innerhalb von sechs Wochen angesiedelt sind. Los geht es mit RoshHaschana (Neujahr im jüdischen Kalender) was uns ein langes Wochenende beschert, denn Montag und Dienstag sind Schule und Kindergarten geschlossen. Da freundlicherweise an diesen niemand Geburtstag hat und Eure Mutter einen Kunden im Münchner Umland zu versorgen hat, heißt das im Hause Reichmann zwangsläufig Kofferpacken.

Vorher ist aber noch Carlos, unser neuer Familienhund, unterzubringen. Der ist durch eine nicht so schöne Geschichte bei uns gelandet. Meinem Vater ist leider genau das passiert, was ich ihm immer vorausgesagt habe: Er ist in seinem Haus gestürzt, konnte sich nicht selbst behelfen und ich habe ihn – entfernungsbedingt – erst viel zu spät gefunden. Er liegt im Krankenhaus und daher ist der Hund bei uns. Die vorangegangene, monatelange Überzeugungsarbeit – er solle sich eine Wohnung bei uns um die Ecke nehmen – ist leider fruchtlos geblieben. Zukünftig wird er erstmal bei uns einziehen, aber das ist wird dann mal eine andere Geschichte.

Ich bin erstaunt wieviele Hundepensionen es in und um Düsseldorf herum gibt. Carlos quartieren wir in Marions Tierparadies auf einen Bauernhof im Umland ein und starten in Richtung München. Da dort derzeit das Oktoberfest über die Bühne geht, entscheiden wir uns für einen Campingplatz außerhalb der Stadt mit S-Bahn-Anschluß wodurch Leo völlig aus dem Häuschen ist. Alternative Verkehrsmittel sind gerade hoch im Kinderkurs. Auf der Hinfahrt zählst Du mehrfach auf wie wir uns vor Ort bewegen und bist begeistert das S- und U-Bahnen zum Repertoire gehören. Eine Begeisterung die Eure Mutter – sagen wir mal umsichtig – vielleicht im theoretischen Kern noch teilt, sich aber ansonsten trotzend-tapfer in ihr bevorstehendes Bimmelbahn-Wochenende fügt.

Und da gibt es natürlich noch eine Hürde zu überstehen: Euch beiden bleibt nicht ganz verborgen was denn dieses Oktoberfest eigentlich ist und an einem solchen Riesen-Rummel vorbeizukommen wenn man Euch im Schlepptau hat ist ein eher unsinniges Unterfangen. Nach Dom im Norden also jetzt Wiesn im Süden. Ich erwähne sicherheitshalber bei Eurer Mutter, daß der Hamburger Dom auch irgendwann im Winter stattfindet und bin froh das es dann weder Feiertage, noch Norddeutsche Kundentermine gibt. Wir scheinen somit im Volksfestfinale des Jahres einzulaufen.

Bestes Wiesnwetter, September 2019, München, D

Samstag shoppen sich die Damen gemütlich durch die Münchner Innenstadt bevor es dann am Sonntag bei strahlendem Sonnenschein auf die Theresienwiese geht und Euer ganz persönlicher Kirmes-Contest „Nord gegen Süd“ beginnt. Es ist brechend voll, aber das stört Euch beide überhaupt nicht. In Punkto Bewegungsfreiheit geht der erste Punkt ganz klar an den Norden, aber die Achterbahndichte lässt München wieder ausgleichen. Sarah Sophie ist nicht mehr zu halten: Loopings und Geschwindigkeiten können derzeit nicht groß, lang und wild genug sein, wodurch ich eine dauergrinsende Achtjährige an der Hand halte. Selbst die langen Wartezeiten nimmst Du billigend in Kauf und ihr beide guckt auch nur einmal zutiefst betrübt, als wir Euch eröffnen, daß bei drei Fahrgeschäften pro Nase Schluss ist und Sarah Sophie mich auch erstaunlich nur auf vier hoch verhandelt. Nein, Autoscooter zählen – wie immer – nicht dazu, die gibt es on top. Das ist eine geheime Konvention zwischen Euch und mir, da Sarah Sophie schon vor Jahren herausbekommen hat, daß ich auf einem Rummel problemlos an allem was fährt und fliegt vorbeigehen kann. An allem – bis auf Autoscooter. Eure Mutter wundert sich übrigens über dieses ungeschrieben Zusatzprotokoll immer wieder. Worüber wir uns wiederum immer wundern.

Leos aktueller Favorit solcher Veranstaltungen ist das gemeine Riesenrad in allen Größenordnungen. Das finde ich für eine Dreijährigen auch völlig logisch, denn so verschaffst Du Dir eben einen allumfassenden Überblick. Das ist für Eure Mutter natürlich alles viel zu langsam und so verwundert es kaum, das die Damen im Looping auf dem Kopf stehend umher rasen und die Herren gemütlich von oben herabschauen. München liegt einen Punkt vorn. Es gibt eindeutig mehr Riesenräder. Der Rest geht für Karussells und Geisterbahnen drauf. Beim Kettenkarussell pocht Leo aber vehement darauf zur Hamburger Version zu wollen und es wird wohl immer Dein kleines, feines Geheimnis bleiben, warum. Jedenfalls verlassen wir mit einem eindeutigen Unentschieden die Wiesn.

Auf der S-Bahn-Fahrt zurück mosert Eure Mutter übrigens die ganze Zeit darüber, daß Sarah Sophie den angeblich nicht verhandelbaren Autoscooter gegen eine weitere Achterbahn getauscht hat und sie bei dieser Fahrt im Übrigen noch nicht mal dabei war.

Aber ich erwähnte ja bereits wie ungern sie S-Bahn fährt.

Geschrieben aus Tel Aviv-Jaffa, Bezirk Tel Aviv, Israel.