Der 108./ 56. Monat – Holland

Die Geschichte geht los, wie wahrscheinlich alle Sommerferien-Geschichten überall: Eigentlich wollten wir da- und da hin. So starten in diesen Tagen die üblichen Unterhaltungen. Die letzte Woche hatten wir sogar noch „richtige“ Schule, also 4 Stunden am Tag und nun sind Ferien. Unser „Eigentlich“ wäre für Sarah Sophie ihre erste Machane und für uns alle eine Woche französische Atlantikküste in der Nähe von Bordeaux, gefolgt von zwei Wochen spanischem Mittelmeer bei Tarragona gewesen. Irgendwann im Mai haben wir dann diese Urlaubsplanung endgültig ad acta gelegt und fleißig storniert. An einem Pragmatismus geprägten Freitagabend haben dann Eure Mutter und ich den letzten freien Platz auf dem uns mittlerweile vertrauten Campingplatz am holländischen Leukermeer gebucht. Und das dann gleich für die kompletten sechseinhalb Ferienwochen. Wenn schon „nur“ Holland, dann wenigstens richtig. Die Arbeitsutensilien für Zwischendurchjobs passen in eine Umzugskiste und die kommt eben mit. Pünktlich zum ersten Ferientag geht es los. Zügig bekommen wir Besuch aus Berlin und Katja lässt ihre Töchter Angelina und Sasha gleich für vier Wochen da. Die wollen lustigerweise aber nur bleiben, wenn ihre beiden Hunde hier ebenfalls unterkommen. Somit haben wir also ab sofort vier Kinder, einen Labrador und einen Cockerspaniel. Und auf einmal ist Holland per Definition das schönste Urlaubsland.

Bereits in der ersten Woche überlegt sich Eure Mutter den, zwangsweise abgebrochenen, Schwimmkurs von Leo in die eigene Hand zu nehmen. Im Schwimmbad des Campingplatz muss man sich ganz modern via App ein tägliches Zeitfenster von 45 Minuten buchen um ins Wasser zu dürfen. Folglich baden ab sofort alle Kinder täglich um 11 Uhr im hiesigen Pool. Wobei Baden vielleicht die falsche Bezeichnung ist. Die allseits bekannte ausgeglichene, ruhige Natur Eurer Mutter kommt erst dann zur vollen Blüte, wenn sich Leo weigert vom Beckenrand ins Wasser zu springen um anschließend mehrere Bahnen durch die Fluten getrieben zu werden. Wir sind aber nicht die einzigen, die hier dem Nachwuchs selbstständiges Schwimmen beizubringen versuchen. Eine zivilisierte, brave mitteleuropäische Mutti versucht dem Sprössling argumentativ beizukommen: „Möchtest Du vielleicht doch ins Wasser kommen. Es macht ganz bestimmt ganz viel Spaß.“ und ähnliche verbale Anstrengungen vernehmen wir aus der Nachbarschaft.

Das geht aber auch ganz anders wie der sowjetische Brigardegeneral im Badeanzug Eurer Mutter nach Betreten der Wasserlernsportstätte unmissverständlich bekannt gibt. Leo wird nicht gefragt sondern beordert. Unter den verstörten, missbilligenden Blicken der zivilisierten Fraktion treibt Eure Mutter Leo zu immer neuen Taten. Und wie immer gilt: Nicht nett, nicht leise, aber höchst effektiv. Nach zwei Wochen diskutiert noch immer jemand am Beckenrand, während Du mittlerweile mit Anlauf ins Wasser springst und selbstverständlich von Rand zu Rand alleine schwimmst. Das genussvolle Grinsen Eurer Mutter ist nicht zu übersehen. Nach einer weiteren Woche geben die Diskutanten auf und verlassen geknickt das Areal. Pädagogisch sicherlich vollends korrekt bekommt Leo natürlich für jedes erreichte Etappenziel entsprechende Belohnungen avisiert und die Sammlung an Feuerwehrautos bekommt beträchtlichen Zulauf. Fakt ist, gegen Mitte der Ferien sind Schwimmflügel ein für allemal passé. Du schwimmst! Ziel erreicht, Mutter und Kind glücklich.

Und überhaupt stehen diese Sommerferien unter sportlichen Vorzeichen. Eure Mutter entdeckt Joggen für sich. Nachdem Leo jeden Morgen irgendwann zwischen sechs und sieben Uhr alle geweckt hat, schlüpft Eure Mutter in entsprechendes Outfit und zieht mit den Hunden von dannen. Meistens möchte Leo mit und radelt dann fleißig neben dran. Damit ich bei den neuerlichen sportlichen Aktivitäten nicht zu kurz komme, werde ich jeden Morgen nach dem Frühstück zum Rentnerschwimmen abkommandiert. Die erste Stunde im Schwimmbad ist der agilen Generation 55+ vorbehalten um kinderlos ihre Bahnen ziehen zu können. Ich mogle mich also ein paar Jahre älter und ziehe fleißig mit. Doch nun genug des Sports.

Das absolute Highlight ist hingegen das Animationsteam aus Marcey und Cheyenne. Deren Angebote sind fixe Termine im täglichen Urlaubskalender. Das Leo der Kleinste unter den Kindern ist stört dich überhaupt nicht, vielmehr nutzt du das ungeniert aus. Wann immer ich dich dort sehe sitzt du ständig auf irgendeinem Schoß. Ganz großes Kino sind die abendlichen Veranstaltungen mit Auftritten von euch. Hier entpuppt sich Leo als wahre Rampensau und erklimmt zu gerne die Bühne um alles mögliche vorzuführen. Das wiederum führt zu dem Umstand, daß dich nach nur zwei Wochen wirklich der gesamte Campingplatz kennt und man ständig „Hallo Leo.“ hört, egal wo man mit dir auftaucht. Mehrfach räumst du die ersten Plätze ab. Deine lokale Prominenz machen sich sogar andere Kinder zu Nutze. Belinda, ein sagen wir mal etwas ungelenkes Mädchen doppelten Alters aus der Nachbarschaft ist bei der Wahl eines geeigneten Duettpartner sichtlich bemüht dich auszuwählen. Gönnerhaft lässt Du sie gewähren und ihr hopst zu zweit über die Bühne.

Leo als Entertainer, Juli 2020, Leukermeer, NL

Der Rest ist natürlich reine Formsache und der erste Platz nötig dir im anschliessenden Interview lediglich noch einen Kommentar ab: „Na, das habe ich mir ja gedacht.“

Die Menge tobt und ein kleiner Mann wird ganz schön groß.

Der 107./ 55. Monat – Keine Opfer!

Der Juni in diesem Jahr steht unter einem einzigen großen Vorzeichen: Verkleiden! Warum weiß ich nicht, aber während ich irgendwann die Wäsche auf dem Speicher aufhänge, wollt ihr beide unbedingt mit und findet dabei die Verkleidungskiste mit allerlei Kostümen auf dem Dachboden. Vielleicht weil dieses Jahr Purim ausgefallen ist oder wir über Karneval Skifahren waren, jedenfalls muss die Kiste mit nach unten und wird selbstverständlich flächendeckend in Euren Zimmern entleert.

Ich kann gerade noch verhindern Sarah Sophie in täglich wechselnden Verkleidungen zu den schulischen Online-Meetings vor dem iPad wiederzufinden, wo hingegen Leo am liebsten im Prinzessinnenkleid umher stolziert. Die Begeisterung Eurer Mutter ist grenzenlos wie man sich denken kann. Rund zwei Wochen vollzieht sich ein immer gleiches Schauspiel jeden Tag. Spätestens zu Mittag sitzen zwei verkleidete Kinder am Tisch. Da inzwischen einige Eurer Freizeitaktivitäten unter angepassten Bedingungen wieder geöffnet sind darf ich mehrfach erklären, daß es keine grundlegend gute Idee ist wenn Leo als Biene Maja zum Sportkurs auf die Rheinwiesen entschwindet. Eltern können herzlos sein. Sarah Sophie als Hexenmeisterin beim Krav Maga hingegen stelle ich mir noch ganz lustig vor, muss Dir das aber gar nicht erst ausreden, da Du dessen Sinnhaftigkeit wohl eigenständig anzweifelst und dich Montagabend in schlichten Sportklamotten auf den Weg machst. Das Training findet ebenfalls auf den Rheinwiesen unter freiem Himmel statt und es ist schon sehr ulkig anzuschauen wenn eine Truppe von rund zwanzig Kindern ein Körperkontakt geprägtes Selbstverteidigungssystem eben kontaktlos vermittelt bekommt. Ihr habt jedenfalls immer genügend Zuschauer.

Apropos Verteidigung: Die Stilblüte des Monats geht unangefochten an Eure Mutter.

Während irgendeines Verkleidungsunterfangen entdeckt ihr das Cowboykostüm von Sarah Sophie. Das passt Dir zwar nicht mehr, dafür aber jetzt Leo und Du fummelst Dir dasselbige Deiner Mutter irgendwie zurecht. Jedenfalls wollt ihr alles über Cowboys wissen und ich habe streckenweise das Gefühl in meinem eigenen Western Regie zu führen. Irgendwann fällt Leo auf, daß es wo Cowboys sind doch auch Indianer geben muss und ich werde gefordert die US-amerikanische Geschichte im Schnelldurchlauf kindgerecht zu erklären. Ich fange also bei der Mayflower an, erkläre missbilligend Kolonisierung, große Trecks und lande zwangsweise irgendwann bei der Unterdrückung der amerikanischen Ureinwohner. Das wollt ihr jetzt ganz genau wissen und lasst Euch alles um Little Bighorn und Wounded Knee erklären. Das der erste Genozid den ich Euch erklären muss der an den Indianer ist habe ich allerdings wirklich nicht vermutet, aber da kann ich schonmal üben.

Cowboys sind fortan das Synonym für die weißen Eroberer und nachdem wir bei den indianischen Reservaten angekommen sind, ist Schluss mit Lustig und Euer Interesse schwindet schlagartig. Die Geschichte scheint zu Ende, Gut und Böse sind geklärt und ihr widmet Euch wieder der Verkleidungskiste. Leo lässt sich noch kurz vergewissern, daß es auch nette Cowboys gab und er somit keine Veranlassung sieht sich Hut und Weste zu entledigen.

Sarah Sophie stellt zwischenzeitlich fest, daß das Indianerkostüm vom sechsten Geburtstag auch nicht mehr passt und bleibt ebenfalls lieber in der Cowboykluft. Am nächsten Tag wollt ihr unbedingt Indianer sein, malt Euch vorsorglich schonmal kräftige Kriegsbemalung ins Gesicht und erfindet die notwendigen Verkleidungen mangels Vorhandensein einfach selbst aus dem Fundus der Kleiderschränke. Bis zum Mittag habe ich Sitting Bull und Pocahontas zuhause und alles ist gut. Nach dem Mittagessen setzen sich dann wieder die Cowboys durch und das Spiel von gestern geht von vorne los.

Nachdem Eure Mutter die Szene betritt und sich von mir erklären lässt das die politisch doch etwas korrekteren Indianer soeben abgelöst wurden, wird das Ganze nur knapp kommentiert:

„Sehr gut, Opfer waren wir lange genug. Zeit endlich mal Täter zu werden!“

Das sitzt – keine Frage! Vielleicht sind Genozide doch die falsche Assoziationsbasis für Verkleidungskisten. Derweil packt Sarah Sophie ihre Boxhandschuhe zusammen und verabschiedet sich murmelnd mit einem „Wer will den Opfer sein?“ zum Kampfsporttraining. Wahrscheinlich muss ich jetzt nicht gesondert erwähnen, das angenommene Opferrollen die größte anzunehmende Unruhe bei Eurer Mutter auslösen. Aber sie ist da ganz ruhig geblieben und geht neuerdings mit zum Krav Maga.

Sicher ist sicher!

Der 106./ 54. Monat – Das Boot

Im dritten Monat des Zwangs-Cocooning gibt es im Mai nicht nur die ersten Lockerungen sondern auch die üblichen Feiertage und das bedeutet für uns selbstverständlich: Endlich wieder weg. Uns ist zuhause zwar nicht die Decke auf den sprichwörtlichen Kopf gefallen, viel gefehlt hat aber auch nicht. Die einzige nicht geschlossenen Grenze um uns herum ist die Niederländische und somit ist klar wo es hingeht. Auf holländischen Campingplätzen gibt es zwar einige Einschränkungen aber alles ist besser als noch länger zu Hause zu hocken. Auch wenn geschlossene Sanitäreinrichtungen schon eine ganz eigene Herausforderung darstellen, ich aber nach nun sieben Jahren, die wir unseren aktuellen Campingbus bereits besitzen, endlich weiß warum wir damals unbedingt einen mit einer extra Dusche kaufen mussten. Manches braucht eben Zeit.

Endlich wieder unterwegs, Mai 2020, Leukermeer, NL

Und dann war da noch die Sache mit dem Boot. Im vergangenen Jahr stand das Boot Eures väterlichen Großvaters ungenutzt in der Scheune die eigentlich nur als Winterlager dient. Seinen Liegeplatz in Roermond hat er auch irgendwie vergessen zu verlängern und nun ist für dieses Jahr nichts mehr frei. Praktischerweise gehört zum Campingplatz der kommenden Tage auch ein Hafen mit erfreulicherweise freien Liegeplätzen wodurch wir kurzerhand das Boot für die gesamte Saison ans Leukermeer legen. Wir haben jetzt also plötzlich ein Boot vor der Nase und somit die zweite Sache die jahrelang gebraucht hat um ihren Nutzen und Sinn zu entfalten. Den dazu nötigen Führerschein habe ich weit vor Sarah Sophies Geburt gemacht ohne ihn jemals genutzt zu haben. Dann eben jetzt.

Nachdem Sarah Sophie bemerkt, daß man an so einem Motorboot allerlei anhängen und hinterher ziehen kann beschließt Du rein pragmatisch Dir zum Geburtstag entsprechendes Equipment zu wünschen und ein 3er-Bananenboot ist ab sofort gesetzt.

Das Boot ist mit knapp sieben Metern Länge nicht so wahnsinnig groß, ihr beide beschließt aber unmittelbar, das die kleine Schlupfkajüte im Vorschiff fortan das Kinderzimmer darstellt und das wird auch nur noch so benannt. Leo kommandiert unverzüglich Kuscheltiere ab, die zukünftig im Bug einzuziehen haben und das Ganze entwickelt eine gewisse Eigendynamik. Noch bevor ihr auch nur einen einzigen Fuß an Bord gesetzt habt, wird wie selbstverständlich überlegt und geplant was mit dem Kahn so alles anzustellen ist. Einen Umstand den ich allerdings zu gerne unterstütze da ich Eure neue nautische Begeisterung durchweg teile. Wir haben sogar eine extra große Kühlbox gekauft um ausreichend Proviant für tagelange Törns bunkern zu können. Zufällig hat Euer Opa bereits flammneue Wasserski für Sarah Sophie bevorratet, was wiederum Eure Mutter dazu bewegt, ihre anfängliche Skepsis gegen den Gedanken der neue familiären Freizeitbeschäftigung abzulegen. Das wiederum passiert auf ihre ganz eigene Art: „Wenn Sarah Sophie jetzt Wasserski läuft, dann will ich auch!“ So in etwa klang auch vor Jahren die Erklärung, warum Eure Mutter, neben mir, ebenfalls den Bootsführerschein erworben hat. Da kam nämlich ich nach Hause und habe eröffnet: „Ich mache zusammen mit den Jungs meines Lieblingskunden den Bootsführerschein.“ Schlagfertig retourniert von ihr: „Wie Du hast dann etwas, was ich nicht habe – da mache ich mit!“ Selbstbeschränkung ist nicht wirklich ihre Stärke. Folglich staffieren wir die gesamte Familie mit formschönen Neoprenanzüge aus und kaufen für Eure Mutter noch die passenden Wasserski dazu.

Neuerdings in Neopren, Mai 2020, Leukermeer, NL

Ab sofort heißt es nur noch: „Wir fahren zum Boot!“

Das Projekt Wasserski gestaltet sich dann besonders skurril, allerdings mit nicht erwarteten Wendungen. Für gewöhnlich fängt Eure Mutter irgendetwas an und vergisst gerne die weitere Fortführung davon. So könnten sich möglicherweise die Tennisausrüstung, die Motorradklamotten oder auch der Tauchschein erklärbar machen. Sarah Sophie schnallt sich als Erste die Ski an und kommt auch direkt aus dem Wasser. Dann kontert Eure Mutter, ebenfalls mit geglückten Wasserstart und lupft bereits am zweiten Tag gekonnt über die Heckwelle hin- und her. Dann wieder Sarah Sophie. Einmal noch ein paar Hundert Meter geradeaus und mir wird eröffnet: „Papa, Wasserski ist nicht so meins.“ Macht nix, hängt sich eben wieder Eure Mutter hinters Boot. Du gibst noch ein paar kluge Ratschläge und das war es auch schon mit dem Wassersport. Leo protestiert heftig ob unserer Verweigerung ihm die Bretter anzuziehen, akzeptiert dann aber den Hinweis, vielleicht erst mal richtig schwimmen zu lernen. Die Kinderski verschwinden im Rumpfstauraum und warten auf Leo in ein paar Jahren. Ich bin erstaunt und hege schon die Befürchtung, das die ganze Bootsnummer eine „Eintagsfliege“ ist.

Das zerstreut sich allerdings am kommenden Freitag. Das Wetter ist prima und ihr wollt natürlich „zum Boot“, inklusive Übernachtung auf dem Wasser. Noch vor dem Abendessen klingelt Sarah Sophies Telefon und es findet eine Videokonferenz der üblichen schulischen Verdächtigen statt. Du springst aus dem Boot auf den Steg und antwortest auf die offensichtliche Frage wo Du denn bist in jovialer Art: „Es ist doch Freitagabend, da bin ich natürlich auf dem Boot. Da fängt das Boot an, da hört es auf, damit steuere ich das Boot, das ist das Kinderzimmer, usw. usw.!“ Bildliche Livedokumentation selbstverständlich inklusive.

Sonne + Wochenende = Boot, Mai 2020, Leukermeer, NL

Als Schlusspunkt setzt Du dann aber noch einen drauf: „Ich weiß nicht ob wir morgen telefonieren können, da laufe ich ja den ganzen Tag Wasserski – aber ihr könnt ja mal versuchen mich zu erreichen. Tschüß!“

Ich hoffe inständig keine Verwandten mit einem Flugzeug zum Fallschirmspringen zu haben.

Ahoi.

Der 105./ 53. Monat – Feuerfester Frühling

Wie überall verdirbt dieses äußerst missliebige Virus auch unsere Frühlingsferien. Eigentlich sollte es Richtung Südfrankreich nach Montpellier gehen – aber eine geschlossene Grenze mit integriertem Lockdown lässt uns einfach mal die Ferien zuhause verbringen. Einen weiteren Umstand den wir bis dato – glücklicherweise – überhaupt nicht kennen und uns dazu zwingt geeignete Alternativen zu erfinden. Vor allem die Aussicht möglicherweise die sechswöchigen Sommerferien ebenfalls rigide zum daheimbleiben verdammt zu sein, löst pure Panik im Hause aus. Zwischenzeitlich erwägen Eure Mutter und ich sogar ein inseriertes, einsames Waldgrundstück einhundert Kilometer von uns entfernt zu pachten nur um überhaupt irgendwo hinfahren zu können. Die Aussicht wochenlang einsam inmitten irgendwelcher Gehölze Mutter Erde anzustaunen lässt uns glücklicherweise dann doch von dem Plan Abstand nehmen. Aber telefoniert habe ich mit dem Vermieter schon. Man(n) macht komische Sachen in diesen Tagen.

Corona zeigt uns überdeutlich: „Zuhause“ können wir einfach nicht!

Uns wird schlagartig bewusst wie selbstverständlich wir eigentlich permanent umhergondeln und eben das derzeit nicht können. Das uns dieses Virus zur Sesshaftigkeit zwingt, nehme ich ihm besonders krumm. Mischpoke Reichmann hockt am heimischen Herd.

Apropos Herd: Just während wir gefühlt an selbigen gekettet sind, beschert uns Eure Mutter eine wahrhaft grandiose Idee: Sie macht jetzt eine Diät. Nein, selbstverständlich keine normale aus irgendeiner Frauenzeitschrift, sondern eine hochwissenschaftliche, höchstpersönlich von Ihrem Ober-Doktor-Ernährungsberater zusammengestellte vollständige Verpflegungsumkehr. Sofort befürchte ich das Schlimmste. Ihre letzte Diät ist drei Jahre her, sie war fünf von sieben Tagen nicht zuhause und die verbleibenden zwei waren – sagen wir mal – innerfamiliär sportlich. Ein Schelm wer das nun auf die aktuelle Situation hochrechnet. Ich erwäge den Auszug. Das Beste ist übrigens die Begründung: „Wenn ich normalerweise immer im Hotel bin, klappt das sowieso nicht – das ist die ideale Gelegenheit.“ Mir werden Viren immer unsympathischer!

Um einer Familientragödie zuvorzukommen müssen wir hier raus und just in diesem Moment schickt mir mein ältester Freund ein Video seines Traktor-Oldtimer. Die Rettung naht: Ich muss telefonieren.

Der Traktor aus den 1950er-Jahren wohnt, wie mein Kumpel Andy, in dem idyllischen Örtchen Flußbach mitten in der Eifel, nämlich genau da wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Dafür es gibt einen geschlossenen Sportverein, der aber über einen Parkplatz, Feuerstelle und ganz viel Wald und Wiese verfügt. Wir scheinen erlöst. Am nächsten Morgen brechen wir auf und gegen Mittag tuckert uns Andy auch schon auf besagtem Traktor entgegen. Neben diesem hat er auch noch einen Camper wie wir und wir starten das Projekt „Eifel-Camping ohne Camping“.

Wer schonmal hier in der Gegend war, weiß das Eifelaner so eine ganz spezielle Spezies sind. Etwas verschroben, manchmal maulfaul, meist herzlich – aber meisterlich darin genau das gut zu verstecken. Um den Eifel-Indigenen unser plötzliches Auftauchen halbwegs plausibel zu machen bin ich flugs Andys Cousin und was der hier auf einmal zu suchen hat, davon wird sich alle paar Stunden selbst überzeugt. Jedenfalls kommt an den ersten beiden Tagen rein zufällig immer mal wieder jemand vorbei der irgendetwas zu besprechen hat. Wir werden beäugt, gemustert, etwas bestaunt und offenbar zulässig und Eifel-tauglich eingestuft. Verscheuchen will uns jedenfalls niemand. Ein betriebsbereites Fass Bier herumstehen zu haben mag dafür förderlich sein.

Der Traktor ist natürlich eine Sternstunde des Ausflugs. Leo darf als erster über die Wiese juckeln und ist hin- und weg. Sarah Sophie setzt noch einen drauf und definiert die umstehenden Bäume zum natürlichen Hindernisparcours. Zwei Kinder glücklich auf den Eifelaner Landtagen.

Eifelaner Landtage auf dem Traktor, April 2020, Flußbach, D

Die unangefochtene Attraktion dieser Tage ist allerdings ganz anderer Natur. Ein Lagerfeuer bringt Euch in völlige Verzückung und ausreichende Beschäftigung. Ihr werdet beide nicht müde im Wald umherzustreifen und gehörig Holz zu sammeln. Manchmal muss ich mit da ihr ganze umgefallene Bäume zur Feuerstelle befördern wollt. Als dann einer der „Wir-gucken-uns-die-Städter-mal-an-Burschen“ auch noch bemerkt, daß ihr beide mit dem gesammelten Vorrat wohl doch nicht über den Abend kommt lädt er kurzerhand eine komplette Kofferraumladung Feuerholz aus seinem Bestand bei uns ab. Wir wirken offenbar etwas bedürftig. Jede Nacht lösche ich brav mit mehreren Eimern Wasser um mein Gewissen zu beruhigen. Bringt aber absolut nix, denn Sarah Sophie schippt am kommenden Morgen lediglich etwas Asche beiseite und schon ist das Ganze mit ein paar dürren Zweigen wieder in Gang und die Tagesbeschäftigung geht von vorne los. Das ihr das Feuer ganz ohne Hilfsmittel selbst entfacht macht Euch sichtbar gehörig Spaß. Da darf dann Leo auch ruhig zwischendurch Feuerwehrmann spielen und den Flammen mit der Gießkanne zu Leibe rücken. Die große Schwester richtet es dann später schon.

Feuer in den Frühlingsferien, April 2020, Flußbach, D

Das Wasser stammt übrigens vom Vereinsheim. Den Schlüssel hat einer unserer Inspekteure vorbei gebracht. Wahrscheinlich sehen wir irgendwie aus als müsste man sich um uns kümmern und wahrscheinlich ist das in der Eifel eben so. Aber da war ich gerade nicht da – wahrscheinlich im Wald oder Holz hacken.

Wie gesagt, man(n) macht wunderliche Dinge in diesen Tagen.

Der 104./ 52. Monat – Das Prinzipiell-Prinzip

Im März zieht auch bei uns jemand ein, der unsichtbar das Sagen hat: Herzlich Willkommen wird wohl niemand die neue Spaßbremse begrüßen, aber da ist sie trotzdem: Corona!

Zu Beginn sind wir noch auf kreative Ideen gekommen um das Virus auszusitzen und wollten zunächst mit dem Campingbus temporär an die holländische Nordsee auswandern oder zumindest täglich auf Sarah Sophies heißgeliebte Ponyfarm ausweichen. Geschlossene Grenzen beenden Plan A bereits vor Inkrafttreten und das Projekt Pony erlebt leider nur einen Tag, dann ist auch hier alles dicht. Wir haben somit eine Situation die bis dato gänzlich unbekannt ist: Wir sind zuhause, und zwar alle, und zwar immer! Eure Mutter 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche zuhause zu haben hat es bisher schlicht noch nie gegeben. Schule und Kindergarten sind bekanntermaßen auch geschlossen und es bleibt die einzige Frage: Was machen wir denn jetzt?

Aber die Frage ist schnell beantwortet: Meetings!

Was auch sonst in diesen Zeiten. Meeting heißt das neue Zauberwort! Von jetzt auf gleich haben alle Videomeetings. Sarah Sophies Schule stampft in Rekordgeschwindigkeit derlei Infrastruktur und Lehrerkompetenz aus dem Boden, daß mindestens die Hälfte der Eltern-WhatsApp-Gruppe komplett überfordert ist und startet bereits am dritten Wochentag pünktlich zum regulären Unterrichtsbeginn das virtuelle Klassenzimmer. Da bleiben kleine Holprigkeiten vereinzelter Fachlehrer wirklich nur eine Randnotiz. Im Bekanntenkreis höre ich gruselige Geschichten zu dem Thema. Ich bin schwer beeindruckt und drucke fleißig jeden Abend Dein Arbeitspensum aus.

„Corona-Schule“, März 2020, Düsseldorf, D

Die Beraterbude Eurer Mutter erfindet sich ebenfalls recht zügig neu und erklärt neuerdings aus unserem Schlafzimmer die wirtschaftliche Welt. Ein besonders possierliches Bild, da Eure Mutter durchsetzt, visuell nicht im Bild zu erscheinen sondern lediglich auf der Tonspur Präsenz zu zeigen. Geht auch gar nicht anders, sitzt sie doch im Schlumpershirt auf unserem Bett und teilt dasselbige in Sektoren, die einzelnen Kunden zugeordnet werden. Wer von denen das Privileg hat auf dem Kopfkissen zu landen und wer in den Fußraum muss bleibt allerdings ihr Geheimnis. Aber das ist bestimmt auch besser so.

Leo lernt bei der ganzen „Meeterei“ ganz nebenbei die Uhr lesen, da Du unverzüglich in den Flur zur großen Wanduhr flitzt, sobald die akustische Benachrichtigung als mahnendes Signal ertönt. „Meeeeeeeeeeeting“ intonierst Du genauso laut – wie oft am Tag. Das ganze hat also auch sein Gutes. Deinen digitalen Kindergarten findest Du übrigens genau einmal interessant und dann nie wieder. Der imaginären Kinderbewahrungsanstalt verweigerst Du Dich vollumfänglich nachdem in der ersten Stunde äußerst interessiert in die Runde geblickt wird. „Meetings“ sind wichtig, aber nur um andere daran zu erinnern, Dir ist das offenkundig um Längen zu profan um hier einzusteigen. Eine Überzeugung die ich durchaus teile und Dich folglich, nach dreimaliger Nachfrage elterlich vom iPad entschuldige.

Online-Kindergarten ist nur einmal interessant, März 2020, Düsseldorf, D

Sarah Sophie hingegen steigt voll auf die digitale Schiene ein. Die schulischen Meetings sind wahrscheinlich nur der ausschlaggebende Hinweisgeber, jedenfalls veranstaltest Du bereits in der zweiten Woche eigene „Mädelsmeetings“ in denen sich dann die üblichen Verdächtigen über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens austauschen und das Ganze wird eine feste Größe im wöchentlichen Alltag. Und zwar mit absoluter Beständigkeit. Grundsätzlichkeit bekommt in diesen Tagen ohnehin eine neue Dimension. Zu Beginn der Woche muss bereits vor dem Frühstück festgelegt werden, wann, mit wem, welches Meeting abzuhalten ist damit die – eigentlich immer gleichen – Teilnehmer auch zeit- und zielgerichtet eingeladen werden können.

Eine weitere wiederkehrende neue Lebensregel bestimmt das Mittagessen: „Wohin gehen wir nachmittags?“ Nachdem sich Leo täglich versichern lässt, daß alle Spielplätze auch wirklich immer noch geschlossen sind, entbrennt eine hinreißende, leidenschaftliche Diskussion zwischen Euch beiden ob wir nun in den Wald oder zum Rheinufer fahren. Mittlerweile ertappen wir Eure Mutter sogar dabei im Internet nach hiesigen Wanderwegen zu recherchieren. Es passieren spannende Dinge in diesen Tagen.

Selbstverständlich seit ihr Euch nie einig, versucht aber den Gegenüber vom Gegenteil zu überzeugen. Hierzu schweige ich meistens genüsslich lauschend und packe schonmal den Rucksack. Ihr erfindet täglich neue Stilblüten den jeweils anderen vom eigenen Ausflugsziel zu überzeugen. Leo verspricht zeitweise sogar zukünftig Boxhiebe in Richtung der Schwester zu unterlassen nur um seinen Kopf durchzusetzen. Sarah Sophie spielt im Gegenzug die Große-Schwester-Karte aus und besticht Leo mit dem Versprechen Dir abends alles Mögliche mittels Lego zu bauen und freut sich dermaßen diebisch den Kleinen überlistet zu haben. Ich gehe davon aus, das eigentliche Ziel ist Dir total schnuppe – Hauptsache du gewinnst. Irgendwann während des Dessert seit ihr Euch einig und wir fahren für gewöhnlich abwechselnd in Richtung Wald und Fluss. Jeweils angekommen seit ihr Euch dann übrigens wieder einig die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Das mag mit dem Eiswagen zusammenhängen der zufällig an beiden Ortschaften anzutreffen ist.

Und das tägliche Gezeter hat auch schon einen Namen bekommen und der hat gar nix mit Corona zu tun:

Das Prinzipiell-Prinzip.

Der 103./ 51. Monat – Das Hotel

Es ist Karneval, Sarah Sophies Schule – wie üblich – von Freitag bis einschließlich Mittwoch geschlossen und wir sind tatsächlich wieder in Österreich zum Skifahren gelandet. Deine neuerliche Begeisterung zum snowboarden hat sogar Deine Mutter überzeugt es nach den Winterferien nur bei einer kurze Pause zu belassen um Dich bereits im Februar wieder aufs Board zu bewilligen. Bei mir hast Du bekanntlich in derlei Hinsicht leichtes Spiel, ich könnte jedes Wochenende in den Schnee.

Die Ausflugsorganisation ist wieder auf Vor-Opa-wohnt-bei-uns-Niveau zurückgekehrt, da sich Euer väterlicher Opa schlussendlich doch für ein betreutes Wohnen in seinem eigenen Haus entschieden hat und inzwischen mit seiner moldawischen Pflegekraft mehr als glücklich wieder daheim residiert. Wir können also wieder machen was wir wollen.

Und deshalb nehmen wir dieses Mal Eure mütterlichen Großeltern einfach mit in den Skiurlaub. Nachdem ich Euch genau das unterjubele ist die Freude riesig und der Urlaub per Definition schon vorab ein Erfolg. Das die beiden gar nicht wirklich skifahren können – zumindest nicht alpin -, spielt familienintern überhaupt keine Rolle und die zwei schlagen sich derart tapfer nachdem ihr bereits am ersten Tag beschlossen habt im höchsten Restaurant des Gebiets zu mittagen (wie das immer noch bei Euch heißt). Wahrscheinlich schmeckt die Fanta auf knapp 3.300 Meter einfach besser. Babuschka und Deduschka schnappen sich folglich ihre Nordic Walking-Stöcke und erklimmen genauso tapfer wie erfolgreich die letzten Meter von Gondel- zur Jausenstation. Alle sind glücklich – vor allem Euren Großeltern ist die Freude förmlich derart ins Gesicht geschrieben, daß noch vor Talabfahrt unverrückbar feststeht: Das ist nicht das letzte Mal!

Wie es sich gehört stehe ich jeden Abend zünftig mit Deduschka am Grill, während ihr beide drinnen freudig von Babuschka bespaßt werdet. Ich glaube sogar gesehen zu haben, daß Eure Mutter einfach so ein Buch ganz für sich alleine gelesen hat. Kurzum die Nummer ist ein voller Erfolg.

Familienskifahren, Februar 2020, Stubaier Gletscher, AT

Ach ja und da war ja noch die Sache mit der Talabfahrt: Wie in vielen Skigebieten läßt sich auch am Stubaier Gletscher entweder auf angeschnalltem Wintersportgerät ins Tal schwingen oder die letzten paar Hundert Höhenmeter schnöde mittels Gondelfahrt erledigen. Leo scheidet da leider noch aus, aber für Sarah Sophie steht selbstverständlich unverrückbar fest wie ins Tal zu kommen ist. Dafür findest Du Dich sogar unmittelbar verhandlungsfrei damit ab, daß ich mich weigere Dich auf dem Snowboard mitzunehmen und tauschst artig wieder Board gegen Ski – der längeren Erfahrung wegen. Und hier erleben wir dann ausnahmsweise Eure Mutter mal in der sorgenvolle Rolle: „Im Pistenplan steht etwas von „extremer Skiroute, geübten Skifahrern und geringer Breite“ wirft sie verhinderungswillig ein. Bestätigen wir beide, hilft aber alles nix, wir zwei müssen da runter und das klappt dann auch – sogar mehrfach – absolut problemlos. An der Stelle kann ich mir ein „Meine Tochter!“ dann doch nicht verkneifen und das familieninterne Board-Ski-Duell ist wieder ausgeglichen.

Das unangefochtene Highlight des Monats ist allerdings ein Hotel auf einem Autohof irgendwo in Bayern. Im Anschluss an unseren alpinen Kurztrip steht ein zweitägiger Job Eurer Mutter in der fränkischen Metropole Iphofen unweit von Würzburg an für den wir Dich sogar ganz offiziell für einen Tag aus der Schule befreit bekommen um auf der Tiroler Heimfahrt nicht völlig sinnlos, zunächst daran vorbeizufahren und Eure Mutter am kommenden Morgen wieder in die exakt gleiche – aber entgegengesetzte – Richtung zu schicken. Ich mag unsere Schule dafür, daß man denen so etwas ganz praktisch erklären kann. Folglich starten wir Dienstagabend nach besagten Talabfahrten in Richtung Bayern. Die Hotelauswahl hat Eure Mutter einem Kollegen überlassen und der beordert uns zu einem riesigen Betonklotz mit der unangefocht unübersichtlichsten Anzahl an Gängen und Treppen um auf sein Zimmer zu kommen. Jedenfalls tragen wir Euch beide schlafend mit mehrmaliger Verirrung irgendwann abends durch das fatale Labyrinth an der A3. Wir sind uns sicher der besagte Kollege muss einen Hotelgutschein in der Lotterie gewonnen haben und kann eigentlich gar nichts dafür.

Am nächsten Morgen entschwindet Eure Mutter noch weit vor dem Frühstück und der betonierte Irrgarten entpuppt sich als das reinste Paradies. Nachdem ich Euch erkläre durch die reichlich vorhandenen Zwischentüren ausschließlich mit den beiden Magnetkarten zu kommen bin ich nicht nur dieselben, sondern auch Euch beide los und froh noch hinterherzukommen um nicht einsam vor einer zugeknallten Feuerschutztür zu verenden. Das Prinzip mit den Hinweisschildern erläutert Sarah Sophie Leo im Vorbeilauf und ihr begebt Euch forschen Schrittes auf die Schnitzeljagd zum Frühstücksraum. Dort angekommen wird die Hütte zur ultimativen Erlebnisherberge umdeklariert und den Rücklauf zum Zimmer vollzieht ihr mehrfach. Aber es geht noch besser: Die beiden Tage verbringen wir wetterbedingt – während der mütterlichen Arbeitszeit – im benachbarten Takka-Tukka-Land und ich höre überraschend gar keine Klagen.

Takka-Tukka-Land, Februar 2020, Gerolzhofen, D

Spätestens, als wir zum Abendessen wieder zur Hindernisparcoursherberge zurück müssen und uns rein zufällig die Filiale einer bekannten amerikanischen Burgerkette auf dem Autohof begegnet ist Euer Wir-fahren-mit-zu-Mamas-Arbeit-Glück rundum komplett.

Leo bringt es dann auf den Punkt: „Papa, das ist aber ein ganz schön tolles Hotel!“

Hat etwa jemals jemand etwas anderes behauptet?

Der 102./ 50. Monat – Boarding

Winterferien, also Skifahren. Was sonst. Und Eure Mutter muss wieder ganz tapfer sein: Es geht nach Österreich. Im letzten Winter haben wir noch die sprachliche Verständigung von Leo und Skilehrern vernachlässigt und sind wieder in den französischen Alpen gelandet – doch im zweiten Skikurs sollte man wohl doch verstehen was jemand einem beibringen möchte. Eure Mutter kann Österreich zwar überhaupt nichts abgewinnen – warum weiß sie wahrscheinlich selbst nicht so genau – fügt sich aber tapfer in ihr Schicksal. Das muss auch mal erwähnt werden. Die übliche Weihnachtsfeier ihres Arbeitgebers kollidiert diesmal mit dem letzten Schultag von Sarah Sophie, womit Du das erste Mal alleine fliegen darfst. Wir Eltern und Leo fahren einen Tag vorher voraus und Du quartierst Dich bei einer Freundin Eurer Mutter ein, die Dich dann am nächsten Tag zu Schule und Flughafen chauffiert. Selbstverständlich bin ich erneut der Aufgeregteste bei diesem Projekt und zugegeben erleichtert als ich Dich am Stuttgarter Flughafen wieder in Empfang nehme.

Ganz nebenbei hast Du Dir dafür ein eigenes Telefon erschummelt, da ich Dich – nach Deiner Einschätzung – jederzeit anrufen können muss. Ich glaube „Papa, das Telefon brauche ich ja nur für dich. Stell dir mal vor, Du kannst mich nicht erreichen – wo du dir doch immer so viel Sorgen um mich machst!“ ist noch einer der verbal-schwächsten Proklamationen in dieser Richtung. Wieviele unbegleitete Kinder aus Sicherheitsbereichen deutscher Flughäfen oder fliegenden Flugzeuge in der letzten Zeit verloren gegangen sind kann ich natürlich nicht beantworten und kaufe folglich eine SIM-Karte. Sicher ist sicher!

Jedenfalls bist Du wohlbehalten eingetroffen und wir haben überhaupt nicht telefoniert. Das aber nur am Rande. Wie jedes Jahr genießt Du sichtlich Deinen Auftritt auf der Weihnachtsfeier während Dein Bruder unaufhörlich Chanukkalieder zum Besten gibt und Dir damit sogar manchmal die Show stiehlt. Leo scheint die vergangenen Wochen im Kindergarten derlei fleißig geübt zu haben und vor gehörigem Publikum macht es wohl erst recht Spaß. Zuhause singst Du bis dato nicht. Das ändert sich übrigens mit dieser Feier schlagartig und ich kann mir ungefähr vorstellen, was spätestens zu Pessach bei uns los ist. Und es gilt selbstverständlich der alte Musiker-Grundsatz: „Das muss so laut!“

Aber es geht ja eigentlich um Skifahren: Am nächsten Morgen gondeln wir weiter nach Neustift in Tirol am Stubaier Gletscher. Ihr beide besucht die lokale Skischule und Eure Mutter und ich fahren nach Jahren erstmals wieder gemeinsam. Sie Snowboard und ich Ski. Und damit geht das Dilemma auch schon los. In manchen Dingen ist Sarah Sophie so dermaßen ersichtlich die Tochter ihrer Mutter, daß es einem förmlich ins Auge springt – oder hier besser gesagt ins Ohr. Das Deine Mutter etwas kann und Du nicht wird Deinerseits mit einem schlichten Satz kommentiert: „Dein Ernst?“ Theatralische Gestik selbstredend inklusive. Bereits am zweiten Tag ist die Skischule langweilig, Du kannst natürlich schon alles und einzig Deine neue Freundin Sophia aus selbiger erspart uns sinnlose Diskussionen über einen weiteren Verbleib dort bis zum Ende der ersten Urlaubswoche. Solange ist der Kurs nämlich bezahlt.

Wenig wundersam erhandelst Du Dir erfolgreich einen Snowboardkurs für die zweite Woche und wirst nicht müde Leo gegenüber zu erwähnen was Du zu erlernen gedenkst. Jeweils untermauert mit dem unauffälligen Hinweis er sei natürlich noch zu klein dafür, Du hingegen nicht. Prinzip „Große Schwester“ in Vollendung. Wir melden Dich an und tauschen Ski gegen Board. Wie stolz man das dann zur Gondel tragen kann auch wenn man noch nie darauf gestanden hat erleben wir am folgenden Tag. Du entschwindest zu Deiner Gruppe und warst nicht mehr gesehen. Am Nachmittag verkündest Du stolz die jüngste in der Gruppe zu sein, diese aber morgen schon wieder verlassen zu müssen, da dies ja die Anfängertruppe sei und Dich Gert aus der Fortgeschrittenenabteilung entdeckt und flugs zu sich beordert habe. Eine kurze Nachfrage meinerseits ob der eventuellen Möglichkeit unter Umständen in der Richtung etwas falsch verstanden zu haben konterst Du jovial mit nur zwei Worten – die dafür aber in passender Stimmlage: „Boah, Papa!“. Wie gesagt die Tochter Deiner Mutter!

Sarah Sophie @ Board, Januar 2020, Stubaier Gletscher, AT

Am nächsten Morgen bestätigt uns besagter Gert den Gruppentausch vollumfänglich und erwähnt nicht nur in einem Halbsatz Dein offenkundiges Talent für diesen Sport. Deine Mutter verabschiedet, Dich sichtlich um mindestens einen Meter gewachsen, mit den Worten „Meine Tochter!“ in Deine neue Lieblingsbeschäftigung und von nun an gibt es nur noch Snowboard. Beim Frühstück, beim Abendessen, egal wo: alles dreht sich ums Board. Du findest es ungerecht im Sommer Geburtstag zu haben, da Du somit ja viel zu lange auf Dein Geschenk – natürlich ein Board – warten musst. Ich gebe aber zu Deine Fortschritte auf dem Ding sind schon erstaunlich. Noch erstaunlicher ist es aber, daß Du es ernsthaft schaffst Eure Mutter davon zu überzeugen in zwei Monaten wieder hier zu sein. Dann ist nämlich Karneval und Deine Schule legt wie jedes Jahr mehrere bewegliche Ferientage auf diese Zeit. Ich sehe also eine Verbündete in meinem alljährlichen Kampf für mehrmalige Schneeausflüge. Und dann auch noch nach Österreich.

Also ab aufs Board, Prinzessin!