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Nach Jahren der karnevalistischen Abstinenz wollen wir es in diesem Jahr mal wieder wagen uns dem rheinischen Wahnsinn der fünften Jahreszeit auszusetzen, was bei Sarah Sophie wahre Begeisterungsstürme auslöst. Die Verkleidungskiste muss ich schon viele Wochen vorher vom Dachboden holen und ihr beiden erfindet immer neue Kostümierungsvarianten. Eure Mutter hält sich Rosenmontag arbeitsfrei und plant erst Dienstag früh wieder abzufliegen. Wie üblich legt Deine Schule über die Karnevalstage von Freitag bis einschließlich Mittwoch bewegliche Ferientage und es ist genügend schulfrei.

Soweit so gut, aber alles Theorie!

Pünktlich zum Wochenende davor legt irgendein überflüssiger Infekt erst Leo und dann standesgemäß auch Sarah Sophie über Tage vollständig lahm und wir laborieren an Fiebertemperaturen jenseits der 40-Grad-Grenze herum. Ich komme glücklicherweise mit einem einzigen Tag davon aber zwischenzeitlich liegen wir einfach mal zu dritt im Bett und glühen vor uns hin. Gegen Mitte der Woche geht es aber besser und das bevorstehende Karnevalswochenende wird wieder Thema. Der Blick auf den Wetterbericht verheißt allerdings nichts Gutes. Mittwochabend ruft Eure Mutter an und gibt kurzerhand bekannt, daß ihr Job für die kommende Woche abgesagt ist und sie somit bis Donnerstag zu Hause ist. Wir erörtern die missliche Wetterlage und ab dann setzt der bekannte Reichmannsche-Reise-Automatismus ein.

5 Tage frei, der Rosenmontag im Rheinland unter Regen und Nizza bei Sonne und bis zu 20 Grad.

Die finale Kindergenesung wird folglich nach Südfrankreich verlegt. Eure Mutter trudelt Donnerstagabend aus Dubai ein, packt alles zusammen und Freitag sitzen wir alle im Auto in Richtung Côte d’Azur. Wir können halt nicht anders.

Karneval in der Plan B – Version, März 2019, Nizza, F

Gegen 3Uhr früh sind wir am Ziel und Samstag-Mittag hocken wir in unserem Lieblingsrestaurant im Hafen von Villeneuve-Loubet und die Familienlaune könnte nicht besser sein. Fieber weg, dafür Antibes und Nizza jeweils nur 12km entfernt. So geht glücklich bei uns.

Die nächsten Tage vertrödeln wir gemütlich vor uns hin und Sarah Sophie kann Montag kaum erwarten, denn dann geht es endlich nach Nizza zu ihrer auserkorenen Lieblingsboutique. Das sind augenscheinlich weibliche, russische Gene: Shoppen macht glücklich. Pädagogisch herrlich unkorrekt, aber daher macht es Deiner Mutter und Dir wahrscheinlich nochmal so viel Spaß. Damit habe ich mich bereits vor Jahren abgefunden. Das ist eben so, aber das hatten wir hier ja bereits.

Leo kann – verständlicherweise – weit weniger mit dem umhertragen von Einkaufstüten anfangen, entdeckt aber seine ganz eigene Vorliebe für die Region. Der Markt in Antibes ist Deins! Ganz klar und unverkennbar. Denn einen dauergrinsenden Dreijährigen von Stand zu Stand ziehen zu sehen, der auch noch die ein oder andere angebotene Kostprobe gönnerhaft für probierenswert deklariert, ist schon ganz großes Kino. „Papa, das kaufen wir auch!“ höre ich nicht selten. Zum Käsespezialisten wirst Du hier automatisch was ich aber sehr gerne billigend in Kauf nehme. Jedenfalls finden wir uns eine Stunde später zu einem opulentem Picknick am Strand ein.

Nein, ich wundere mich überhaupt nicht, daß es an der Eisdiele kurz vorm Strand auch örtliche Roséweine zu kaufen gibt und ich wie selbstverständlich eine entkorkte Flasche über den Tresen gereicht bekomme. Ein sympathisches Geschäft.

Zum Markt zurück müssen wir auch nur noch ein Mal, denn mir war nicht voraussehbar, daß ein ganzes Kilo Erdbeeren (im März!) so ein Familienpicknick nicht überlebt. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn der Weg führt an besagter Eisdiele vorbei. Der Besitzer und ich verstehen uns seither wortlos.

Ehrlich gesagt, viel mehr ist die Tage auch nicht geschehen. Daß kam erst wieder zuhause als ich Dir einen heimischen Käse andrehen wollte. Kurz probiert schiebst Du den Teller von Dir fort und schaust mich mit vorwurfsvollen Augen an: „Schmeckt nicht!“ Ist der kurze, knappe Kommentar. Ich frage nach was daran auszusetzen ist und bekomme eine einlässige Vorstellung serviert wie das mit dem Käse zu funktionieren hat:

Papa, erst kaufen wir den Käse auf dem Markt, dann gehen wir in die Eisdiele und dann zum Strand. So ist das mit Käse!“

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen!

Geschrieben in Taglio-Isolaccio, Korsika, Frankreich.

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So langsam wird es mit Leos Sprachentwicklung. Verständnisprobleme hast Du nie gehabt, gleich ob nun die Ansprachen auf russisch oder deutsch erfolgen. Aber das eigenverantwortliche Sprechen will einfach so lange auch sich warten lassen, daß ich zwischendurch schonmal bei unserem Kinderarzt nachfrage ob hier noch alles im Rahmen liegt. „Es liegt!“ wie er mir versichert und schickt mich mit einer genauso wenig erquickenden, wie aber auch beruhigenden Aussage wieder Nachhause: „Er hat ja die denkbar schlechtesten Startvorraussetzungen: Zweitgeborener, Zweisprachig und dann auch noch ein Junge!“ Das ist also die höfliche Umschreibung für: Bitte warten!

Aber genau das hat nun endlich ein Ende – oder besser gesagt, etwas nimmt seinen Anfang: Du beginnst zu sprechen! Und zwar endlich ganze Sätze, was meine besorge Vaterseele deutlich entlastet. Darüber hinaus scheinst Du Dir zu denken mit einem charmanten Sprachgebrauch kommst Du deutlich weiter.

Zum Beispiel übernimmst Du ohne irgendwelche Zweifel die Ansage Deiner Turnlehrerin, die eine konkrete Vorstellung bei der Bonbonverteilung nach der Sportstunde hat: Selbstverständlich bekommen hier zunächst die Mädchen und dann die Jungs ihre Süßigkeiten ausgehändigt. Du bastelst daraus dann: „Erst die Mädchen!“ Und das gilt von nun an für jede Lebenslage, was uns schon den ein oder anderen anerkennenden, aber auch irritierenden Blick eingebracht hat. Da werden Kellner in Restaurants gerne belehrend instruiert wenn hier die Reihenfolge missachtet zu drohen scheint. Besonders putzig vollzieht sich derlei auf dem Spielplatz, wenn hier irgendeine zufällig anwesende Mutter sich erdreistet ihre eigenen Kekse in nicht legitimierter Abfolge geschlechtskonträr abzugeben. Nix da, nicht mit Dir. Mit tönender Stimme erschallt es dann über den Sandkasten: „Erst die Mädchen!“ Und es ist erstaunlich wie hier die Reaktionen ausfallen. Wir hatten bisher von „Nein, wie charmant. Ein kleiner Kavalier.“ bis „Wie kann man sein Kind nur derart reaktionär, rückschrittlich erziehen?“ alles dabei. Und übrigens liebe Profi-Politisch-Perfekt-Eltern: Erstens ist reaktionär und rückschrittlich so ziemlich das Gleiche und zweitens kann so manchem Eurer „Ich-darf-bei-Mama-alles-Nachwuchsmachos“ ein Grundzug Galanterie nicht schaden. Diese Kategorie schafft es sogar als absolute Topreaktion mit ihrem Nachwuchs den Sandkasten zu verlassen. Da bleibt dann allerdings auch nur noch ein hilfloser Lacher meinerseits übrig.

Eine weitere persönliche Note dieser Tage ist Deine neue Definition von Miteinander. Sobald irgendwo ein Kind hinfällt und weint, flitzt Du hin und möchtest es aufheitern. Und das ganze wird selbstverständlich auch verbalisiert. Da das „R“ noch nicht so recht aus Dir heraus will heißt das dann eben „Ich muss dich tösten!“ Diese Situation ist mir mehrfach seitens Deiner Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten geschildert worden und zieht sich darüber hinaus fort. Was Dich allerdings nach wie vor nicht davon abhält Deiner Schwester unvermittelt einfach mal „eine zu langen“. Gerne mit der vorangestellten Aussage „Ich gibt dir gleich ‚ne Backpfeife!“ Keine Ahnung woher das Wort nun wieder stammt, aber Deine Schwester wert sich neuerdings und „langt“ dann einfach mal zurück. Das wiederum irritiert Dich zusehends und Dir ist augenscheinlich nicht so ganz klar wie damit umzugehen ist. Wie diese zwei völlig unterschiedlichen Charaktere in so einem kleinen Kinderkopf miteinander weiterhin klarkommen, dürfte spannend bleiben und die Frage wann diese Unsitte endlich aufhört bleibt weiterhin leider unbeantwortet.

Und, damit an der Wichtigkeit Deiner Person auch niemand irgendwelche Abstriche zu machen gedenkt, setzt Du noch einen drauf. Geht es für Euch beide abends zum Essen – gleich ob zuhause oder auswärts, rennst Du zackig los, schwingst Dich auf Deinen Sitz und verkündest mit breitem Grinsen „Alles gut, ich bin da!“ Selbstverständlich, mein kleiner Kerl. Ihre Majestät haben geruht Platz zu nehmen und erwarten die Auftragung des dîner. Wahre Größe ist eben doch einfach selbstverständlich. Unterläuft aber mir oder einem Kellner nur der kleinste Fehler während aufgetragen wird, erfolgt selbstverständlich sogleich die zu erwartende Korrektur: „Papa, erst die Mädchen!, oder?“ Irgendwie scheinst Du wohl eine innere Ausgeglichenheit zu besitzen.

„Erst die Mädchen!“, Februar 2019, Düsseldorf, D

Aber da war doch noch was: Man(n) kann ja alles auch weiterentwickeln: Das klingt dann so: „Papa, erst die Kleinen!“ Da hat die große Schwester dann aber ganz schnell klargestellt, wie das zu funktionieren hat und die Idee ist schneller vom Tisch als das Essen darauf.

Ich sage mal „Touché!“ Guten Appetit allerseits.

Geschrieben in Taglio-Isolaccio, Korsika, Frankreich.

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Der BFF ist der „Berufsverband Freie Fotografen und Filmgestalter“, das stimmt für mich, aber nicht für Dich. Jedenfalls meint meine Tochter wohl kaum den Berufsverband, wenn auf allerlei Zettelchen, Geheimbüchern und Top-Scret-Briefchen immer wieder „BFF“ auftaucht. Natürlich heißt das „Best Friends Forever“, daß habe ich jetzt auch gelernt. Und Sarah Sophies aktuelle BFF hat natürlich auch einen Namen und ein Gesicht: Valerie aus Ihrer Klasse.

Ein Mädchen an deren Leben ich schon teilhaben darf, ohne sie (zumindest in meinem subjektiven Empfinden) überhaupt jemals zu Gesicht bekommen zu haben. Valerie ist allgegenwärtig. Du schreibst ihr täglich kurze Briefe, bastels Armbänder oder malst Bilder von euch beiden. So zuckersüß, daß ich allmählich doch neugierig bin wer sich hinter dem Namen verbirgt. Und auch mit nur einem Satz verdeutlichst Du auch ganz lapidar meine offenkundige Schusseligkeit: „Oh, Papa. Wie peinlich. Du kennst Sie doch. Wir waren zusammen im Zoo. Da wo du uns verloren hast!“ Ups. Vergessen – ich bin der festen Überzeugung die Zoobekanntschaft heißt Nathalie. „Allerdings habt ihr mich damals verloren.“ stelle ich richtig und erinnere mich äußerst unwohl an den Tag, an dem ich wie ein Irrer laut rufend durch den Duisburger Zoo gerannt bin. Das habe ich gekonnt verdrängt. Ich gebe aber zu, Du hast recht. Ich kenne Valerie, Ihre Schwester und sogar Ihren Vater, der ist nämlich mit mir unfreiwillig durch den Zoo gejoggt.

Das wäre also geklärt. Eine Nathalie gibt es zwar auch in der Schule, aber mit der hast Du wohl nicht allzu viel zu tun. Und „Best Friends Forever“ übernachten selbstverständlich auch beieinander. Die erste Runde findet bei uns statt und ich bin eigentlich der festen Überzeugung so einen Termin auszumachen ist es auch schon mit den Vorbereitungen für das Event. Ja, manchmal ertappe ich mich dabei doch etwas naiv in der Welt herumzugeistern. Mama Valerie meint es besonders gut und ordentlich um sich mittels etwa 30 geschriebener Textnachrichten – geziemterweise natürlich bei Eurer Mutter und nicht bei mir – detailliert auf dem Laufenden zu halten, was für das anvisierte Übernachtungsevent zu beachten und vor allem einzupacken ist. Geduld kommt bekanntlich in den Tugenden Eurer Mutter mäßig rudimentär vor und somit ist ihre Begeisterung ob der Kommunikationsquantität durchaus überschaubar. Um das mal vorsichtig auszudrücken.

Eine Woche vor dem anvisierten Wochenende geht es um nichts anderes mehr. Als der große Tag, oder besser gesagt die Nacht dann endlich ansteht ist es weit weniger aufregend als angenommen. Zumindest für mich. Valerie wird von Leo – Kraft autoritärem Kleinen-Bruder-Charme – die ersten Stunden voll in Beschlag genommen und ich sehe wie Du es wohlwollend in Kauf nimmst, daß der kleine Bruder natürlich viel früher ins Bett geht als Du. Folglich bleiben Valerie und Du viel zu lange auf und auch als das Licht per elterlichem Dekret kurz vor Mitternacht dann doch gelöscht wird, habt ihr beiden noch gehörig viel zu besprechen. Aber das haben Eure Mutter und ich natürlich schon gar nicht mehr mitbekommen. Da schlafen brave Eltern längst.

In den kommenden Wochen lerne ich noch etwas: „BFF“ sind variabel – sowohl personal wie temporal. Einmal hole ich Dich von der Schule ab und Du kannst unmöglich direkt mitkommen, da noch eine Unmenge Flüsternachrichten mit Mia ausgetauscht werden müssen – ein anderes Mal purzelt mir aus Deinem Tornister eine schriftliche Liebesbekundung von Isabel entgegen – wieder an einem anderen Tag taucht eine gewisse Sophie aus der Versenkung aus.

„Best Friends Forever“, Januar 2019, Düsseldorf, D

Anschließend passiert wochenlang schlicht gar nichts im „BFF“-Bereich und ich erwähne bei Eurer Mutter so was wie: „Seltsam, erst geben sich die Mädels hier die Klinke in die Hand und dann ist Sendeschluss?“ Das retourniert sie gekonnt überzeugend mit den Worten: „Das heißt nicht Sendeschluss sondern Sendepause!“ Ach so, dann ist ja offenkundig alles gut und ich sorge mich nicht mehr um Deine soziale Interaktionskompetenz.

Am kommenden Tag hole ich Dich wieder von der Schule ab und Du schlenderst bewußt lässig mit Valerie und Isabel Arm in Arm die Treppe herunter. In wichtigste Gespräche involviert. Allerdings ohne Tornister. Den hievt Jonatan drei Reihen dahinter treppab.

Und als ich Eurer Mutter diese Konstellation zutrage ist die Reaktion wie selbstverständlich vorprogrammiert:

„Na bitte, Sie hat es verstanden.“

Aber das wird dann irgendwann eine andere Geschichte – dazu muss ich erst altersmilde werden!“

Geschrieben in Taglio-Isolaccio, Korsika, Frankreich.

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Winterferien: Das bedeutet bei uns per Definition Skifahren. Leo ist mittlerweile im alpintauglichen Alter angekommen – zumindest nach französischer Interpretation. Nehmen österreichische Skischulen Kinder erst ab vier Jahren auf, darf man in Frankreich bereits ab drei Jahren das bekannte Wintersportgerät unterschnallen und sich in der örtlichen Skischule die ersten Unterweisungen abholen. Ähnlich wie bei Sarah Sophie beschließen wir, daß sprachliches Verständnis im ersten Kinderskikurs überbewertet wird und melden Leo in Samoëns in der Anfängergruppe an.

Leos erster Skikurs, Dezember 2018, Samoëns, F

Und das wir das getan haben, weiß nach nur einem Tag so ziemlich jeder auf dem Berg. Du verstehst recht schnell wie das Ganze technisch vonstatten geht und begnügst Dich freundlicherweise auch vollends damit zu wissen wie man so einen Hügel herunterfährt. Wer braucht schon Schneepflüge, Gleichgewicht und Lehrer die man sowie nicht versteht.

Jedenfalls gibt es definitiv nur einen Namen, den man von der Skischule fast über das ganze Plateau unaufhörlich verzweifelt vernimmt: „Leeeeeeeoooooooo“!

Am zweiten Tag wendet sich eine verzweifelte Lehrerin an Eure Mutter und erklärt ihr, daß alles prima ist, Du Schneepflug (das heißt hier Pizza) problemlos beherrscht, Anhalten kein Problem darstellt und Du auch durchaus Hindernisse erkennst und umschiffen kannst – aber es offensichtlich einfach nicht willst. Oder anders ausgedrückt: Bist Du an der Reihe, fährst Du fröhlich munter drauf los und breitest erst die Arme aus wenn Du unten angekommen bist um Dich gebührend in Empfang nehmen zu lassen. Und zwar unter Zuhilfenahme stoischster Ignoranz eines inzwischen fast flehentlich vorgetragenem Lehrerwunsch. Es hilft alles nix: Weder gutes Zureden der großen Schwester, die bekannte besonders ruhige und besonnene Pädagogik Eurer Mutter noch meine Übungsversuche mit Dir vor und nach der Skischule.

Am dritten Tag empfehlen Sie uns einen Privatlehrer. Warum Du allerdings dann ausgerechnet auf den hören solltest erscheint mir irgendwie unklar. Es steht fest – es muss etwas passieren, sonst schmeißen sie Dich raus oder hängen ihren Beruf an den Nagel. Und das geschieht am folgenden Nachmittag. Eure Mutter rauscht ins erstbeste Skigeschäft, erläutert die prekäre Problematik und verlässt besagtes Geschäft mit einem Gurtsystem und flexiblen Schraubzwingen mittels derer Deine Skispitzen in die gewünschte dreieckige Form gebracht werden. Das ganze sieht genauso bescheuert wie funktional aus und es folgt eine Übungseinheit die mich an den Witz nach dem Unterschied zwischen einem Rottweiler und einer jüdischen Mutter erinnert: „Der Rottweiler lässt irgendwann los!“ Damit dürfte Intensität und Zielvorstellung wohl hinreichend beschrieben sein. Am nächsten Morgen rekapitulieren wir vor der Skischule in strebsamer Manier unter vollstem Familieneinsatz. Die große Schwester dirigiert Dich mittels besagtem Gurt und die zwingend zusammengehaltenen Skier bleiben in gewünschter Position. Da das Ganze offensichtlich für Dich ganz interessant aussieht, fügst Du Dich artig in Dein Schicksal und schaust dabei noch nicht einmal besonders unglücklich aus. Nach zwei oder drei Abfahrten schraube ich die albernen Klemmen ab und siehe da: Du fährst eigenständig im Schneepflug den Berg hinab. Alles prima – soweit so gut. Einziges unwesentliches Manko: Während Deines Mittagsschlaf scheinst Du alles vergessen zu haben und ich habe mir gerade erst die Skier angeschnallt, da ertönt auch schon wieder der bekannte Bergruf: „Leeeeeeeeeeooooooooooo“!

„Das ist boshafter Vorsatz!“ schießt es mir durch den Kopf, ach nein geht ja nicht, Du bist ja erst drei. Einerseits ist es ganz charmant zu sehen wie Du Autoritäten nicht automatisch per Definition hinnimmst, andererseits macht es wahrscheinlich schon Sinn skilehrerischen Anweisungen Folge zu leisten. Was wir nach der Skischule gemacht haben, dürfte wohl klar sein. Der Gemütszustand Eurer Mutter ist vollständig zum Erliegen gekommen. Erfreulicherweise spielt zumindest das Wetter – im Gegensatz zum Vergangenem in diesem Jahr mit – und somit finden Deine fröhlichen Vormittagsübungen bei bestem Kaiserwetter statt. Deine Schwester hat Dir den Grundkurs Ski auf drei Punkte herunter gebrochen und wird wirklich nicht müde Dir diese gebetsmühlenartig vorzutragen:

1. Pizza machen -> 2. Arme auseinander -> 3. Augen nach vorne

Klappt auch alles prima – nur nicht in der Skischule. Mittlerweile sind wir am vorletzten Tag Deiner Grundausbildung angekommen und Du darfst erstaunlicherweise immer noch am Unterricht teilnehmen. Soviel Geduld bewundere ich zumal ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht darüber informiert bin, daß Eure Mutter in der Zwischenzeit bildhafte Beweise Deiner Fähigkeit an die Skilehrerschaft übermittelt hat und – ganz gewiss unter Zuhilfenahme höflichster Etikette – eine Debatte über deren Kernkompetenz entfacht hat was entweder deren Ehrgeiz geweckt oder wie ich eher vermute ein „In zwei Tagen sind sie ja weg“-Prinzip ausgelöst hat.

Wie dem auch sei, es folgt der letzte Tag und Du fährst vorbildlich, als wenn Nichts gewesen wäre, unter Beachtung sämtlicher Lehreranweisungen, den Berg hinunter, lässt Dich gebührend belobigen und wir können mit Eurer wieder gänzlich gut gelaunten Mutter die Heimfahrt antreten.

Und so auf der Höhe von Frankfurt hört sie überraschend sogar schon auf derart herrlich selbstzufrieden zu grinsen, allerdings nicht ohne noch einmal meinen Lieblingssatz los zu werde: „Na, hat doch geklappt!“

Die Jungs in Österreich nächste Saison tun mir jetzt schon ein bisschen leid.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

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Der November ist irgendwie derart unaufgeregt, daß es mir schon schwant dies kann nur die bekannte Ruhe vor dem Sturm sein. Schule, Kindergarten und witterungsbedingt die ersten Wochenenden, die wir mal wieder zu Hause verbringen: Das wars auch schon. Und da soviel Heimeligkeit ja aufs Gemüt schlagen kann denkt sich Leo „Süßes macht glücklich“! Sarah Sophie isst selbstverständlich auch immer mal wieder etwas Schokolade aber durchaus in überschaubaren Dosen. Leo hingegen entwickelt derzeit einen nicht enden wollenden Appetit auf alles was irgendwie aus Schokolade fabriziert ist. Das, gepaart mit meiner „Beim-zweiten-Kind-ist-man-entspannter“-Mentalität, kann dann schonmal dazu führen, daß so eine Packung Kinderschokolade nicht wirklich lange vorhält.

„Tunella-Totale“, Nov. 2018, Düsseldorf

Und gibt es dann am Wochenende auch noch Pfannkuchen zum Frühstück ist ja praktisch vorprogrammiert was passieren muss. Die allseits bekannte Schokoladencreme mit dem rot-schwarzem Schriftzug wird in mehreren Schichten auf den Pfannkuchen beordert bis der Belag ein Vielfaches seines Trägermaterials erreicht. Das ganze gefolgt von vollständigem Körpereinsatz während der Verspeisung. Ich denke darüber nach Dich ausschließlich in Badehose an den Tisch zu setzen, aber woran wischst Du dann die Schokoladenfingerchen ab und verwerfe die Idee. Sind dann zwei davon verputzt springst Du auf, lässt Dir widerwillig Kopf und Körper von Tunella – wie die Creme bei Dir nur noch heißt – reinigen und stapfst in Richtung Kühlschrank nicht ohne vorher ein Dessert einzufordern. „Papa, aber jetzt darf ich Dessert ich hab alles aufge-esset.“ Bestechende Logik, bei gleichzeitig spannender Sprachauslegung – da gibt es nichts zu bemängeln, denke ich mir während ich Schokolade hole. In diesen Wochen geht es gern mal aufs Trampolin, was in heutiger Zeit „Air-Hop“ heißt und es in der örtlichen Lokalität am Sonntag Vormittag auch den Kleinsten ermöglicht, schwingend umherzuhopsen. Folglich springt sich Leo dann die Schokolade förmlich von den Hüften bevor diese dort überhaupt ankommt. Ich vermute Dich genauso schlau wie gierig. Sitzen wir im Auto kommt vom Rücksitz nicht selten die Frage „Was hast Du zu essen dabei?“ Werden dann nur Apfelspalten nach hinten gereicht ist kindlicher Protest garantiert.

Folglich geht es nicht gerade selten im Anschluss zum „mittagen“ ins Restaurant, und meist in die mongolische Barbecue-Bude unseres Vertrauen da ihr beide hier eine großartige Grandiosität festgestellt habt: Das Dessert gehört zum Buffet dazu, d.h. Einschränkungen sind eher nicht gegeben. Und da überrascht Leo ein weiteres Mal: Eis ist nun gar nicht Deins, aber Wassermelone kannst Du in noch beängstigenderen Mengen zu Dir nehmen wie Schokolade. Selten sitzt ihr beide ruhiger und friedlicher am Tisch als hier. Sarah Sophie werkelt an der dritten Eis-Ladung Stracciatella während Leo hinter einem Berg Wassermelone nicht mehr zu sehen ist. Kinder glücklich – Eltern auch.

Im November eines jeden Jahres findet in Leos Kindergarten das sogenannte Lichterfest statt. Im Prinzip nichts anderes als ein kleiner Martinsumzug aber hier eben politisch korrekt religionsneutral umgebastelt. Und wer hätte es gedacht, da erlebe ich doch noch ein Highlight des Monats und zwar seitens meiner Tochter. Du möchtest nämlich mit, wenn Leos Kückentruppe im wahrsten Sinne des Wortes um die Häuser zieht. Ob das an dem übergroßen Weckmann liegt, den es dort zu verteilen gilt oder woran auch immer weiß ich nicht, jedenfalls klemmst Du Dir Deine, im letzten Kindergartenjahr, gebastelte Laterne unter den Arm und los gehts. Marianne, sozusagen „Head of Kücken“ hat einen Sohn der ein oder zwei Jahre älter sein dürfte als Du. Und an diesem Abend bekomme ich schonmal einen Vorgeschmack auf das was kommt wenn Du Dich nicht mehr nur für Pferde oder Papa interessierst und Eltern schwierig werden können.

Jedenfalls scheint Titus – so heißt der junge Mann – gehöriges Interesse an Deiner Person zu haben was Dir erstens nicht verborgen bleibt und zweitens offenkundig gut gefällt. Wenn Du Durst hast wird Titus der leere Becher gereicht, die Rosinen aus dem Weckmann muss er ebenso entfernen wie es völlig selbstverständlich erscheint Deine Jacke gereicht zu bekommen. Und als Dein Laternenstab einen Wackelkontakt offeriert muss Titus Ersatz beschaffen. Und der junge Kavalier scheint schon zu wissen, daß die Erlangung einer Gunst über Freundlichkeit und ordentliches Mittun vonstatten geht. Will meinen: Er tut wie ihm geheissen. Aber einem Achtjährigen zuzuhören wir er Dir Komplimente über Dein Kleid macht ist schon ganz großes Kino. Das möchte ich nicht unerwähnt lassen. Das putzige Kinder-Kavalier-Tun nimmt also seinen Lauf und Dir missfällt nachhaltig die Veranstaltung irgendwann verlassen zu müssen, als ich sehe, daß Leo müde wird und es Zeit für den Heimweg ist.

Eurer Mutter berichte ich abends am Telefon vom charmanten Lichterfest und bekomme den Kommentar „Na immerhin kommt sie mit dem Sohn vom Chef an“ zu Ohren, gefolgt von der zarten Wortspitze „Den hat sie Morgen sowieso wieder vergessen! Glaub mir!“

Tue ich natürlich nicht und frage am folgenden Tag beim Abendessen nach ob Du Titus noch mal sehen möchtest: Und da ist es wieder, dieses selbstzufriedene Grinsen Eurer Mutter als wir Deiner Antwort lauschen:

„Papa, wer ist Titus?“

Woher wissen Mütter sowas eigentlich?

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

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Es sind Herbstferien oder anders ausgedrückt wir sind mal wieder weg. Diesmal steht Israel auf dem familiären Reisezettel. Via Zürich landen wir am ersten Ferienwochenende mitten in der Nacht in Tel Aviv und fahren direkt Richtung En Bokek am Toten Meer. In den vergangenen Tagen habt Ihr Euch beide mehrfach genauestens erklären lassen wie sich das nun mit dem Schwimmen in dem bekannten Salzsee verhält und warum man dort so lustig im Wasser herumtreiben kann. Jedenfalls dreht sich in der ganzen Woche vor Abflug alles ausschließlich um Salz in allen Variationen. Nachdem ich Sarah Sophie erzähle, daß es im Anschluss an die salzige Badeaktion zu einer Übernachtung mitten in der Negev auf eine Alpakafarm geht, wo ihr auf der putzigen Kamelart reiten könnt bist Du völlig aus dem Häuschen und sprichwörtlich nicht mehr zu halten.

Soweit die Theorie. Praktisch sieht das dann so aus: Gegen halb sechs morgens trudeln wir mit dem Mietwagen am Toten Meer ein und suchen uns erstmal eine Frühstücksmöglichkeit. Praktischerweise sprechen hier offensichtlich alle Frühaufsteher vor Ort russisch und wir landen in einer – sagen wir mal rustikalen – Bretterbude die sich als Café zu tarnen versucht. Aber es gibt Muffins und somit zwei Kinder glücklich. Bei dem Preis müssen die jedenfalls derart köstlich sein, daß ich Zweifel hege, ihr beide esst jemals wieder irgendetwas anderes. Ausreichend gestärkt stürzt ihr euch ins salzige Nass. Leo nimmt „stürzen“ gleich wörtlich und legt sich auf dem Weg zum Wasser erstmal gepflegt lang, schürft sich das Bein etwas auf und rennt natürlich dennoch ins Wasser. Was nun folgt kann sich jeder ausmalen. Die Kombination aus offener Wunde und 30 Prozent Salzgehalt im Wasser treiben Leo unter lautestem Gebrüll doppelt so schnell aus dem Wasser wie Du hineingeraten bist. Halbe Stunde duschen auf Mamas Arm und ein weiterer Schokoladenmuffin beenden Leos Interesse an dem skurrilem Gewässer ein für allemal. Da hilft kein gutes Zureden, in die Salzlake kriegen wir Dich wohl während dieses Ausflugs nicht mehr.

Sarah Sophie habe ich vermutlich vorsätzlich, böswillig vergessen darüber aufzuklären, wozu die schmucken Holzhäuschen am Strand mit dem eingravierten „WC“ gedacht sind, jedenfalls folgt alsbald ein ohrenbetäubender Schrei meiner Tochter aus dem Wasser und Du entledigst Dich ebenso so schnell des salzigen Nass wie Dein Bruder, allerdings ohne Schokomuffin einzufordern. Tja, was wohl jeder schonmal im Meer erledigt hat brennt hier höllisch und das „Tote-Meer-Experiment“ darf als abrupt beendet betrachtet werden.

Macht ja nix, fahren wir eben in die Wüste. Die Alpakafarm liegt wirklich im absoluten Nirgendwo und Sarah Sophie packt freudig ihr mitgebrachtes Fernrohr aus, wissend um den Umstand, hier des Nächtens Sterne schauen zu können. So habe ich Dir das erklärt, versprochen und darf auch am Abend ganz gepflegt hiervon zurückrudern, da wir wahrscheinlich die einzige Nacht des Jahres erwischt haben, die hier bewölkt ist. Israel rutscht im kindlichen Freizeitranking bedrohlich unter Normalmaß. Jetzt müssen die Lamas ran. Zum Reiten sind hier nämlich gar nicht die Alpakas gedacht, sondern ihrer größeren Verwandten. Die Lama-Loopings mit Euch beiden klappen endlich mal ohne Kollateralschaden und Israel ist ruckzug wieder das tollste Reiseland überhaupt. Wer braucht da schon Wasser ohne untergehen und Sterne hinterm Wolkenvorhang.

Als nächstes folgt Jerusalem. Eure Mutter und ich haben schon einige – sagen wir mal interessante – Herbergen erlebt, unsere Bude am Yaffator in der Altstadt zu Jerusalem toppt aber so ziemlich alles. Wir haben zwei Stockbetten, die auch als Straßensperren der ersten Intifada hergehalten haben dürften, ein Doppelbett aus Zeiten König Davids und einen Balkon der – wenn man sie schlau hinstellt zwei Klappstühlchen Platz bietet und freundlicherweise immerhin drei ganze Abende nicht zusammengekracht sind – also sowohl Balkon als auch Stühle. Aber zentral gelegen, da kann man nicht meckern. Euch beiden ist das alles völlig egal, solange wir endlich zur Klagemauer aufbrechen, denn davon redet Sarah Sophie bereits die ganze Autofahrt hierhin.

Allerdings geht es gar nicht um die alte Tempelmauer an sich – sondern vielmehr hast Du Dir in den Kopf gesetzt, daß sich Leo etwas auf den Kopf setzen muss: Deine erste Kippa ist zu kaufen und wo kann man das wohl besser, als in Jerusalem. Meine Einwände, Leo braucht noch gar keine, weil er noch so klein ist, ignorierst Du selbstverständlich vollständig und so ziehen wir fröhlich suchend durch die Altstadt. Hingebungsvoll wird ausgesucht, am Kopf probiert, wieder weggelegt und erneut versucht. Irgendwann habt ihr beide Euch auf ein Objekt der religiösen Begierde geeinigt und Leo lässt es artig geschehen. Sarah Sophie ist glücklich. Wenn das Ihre Religionslehrerin sehen könnte, hätten wir bestimmt mindestens einen religiösen Fehltritt gut.

Höchstschwesterlich ausgesucht: Leos erste Kippa, Okt. 2018, Jerusalem, Israel

Also nun weiter zur Klagemauer. Dort angelangt stehen wir vor der Sicherheitsschleuse und die braven Beamten interessieren sich so gar nicht für das was wir hier zu veranstalten gedenken. Weitaus mehr Aufmerksamkeit wird hingegen meiner Kameratasche zuteil in der sich selbstverständlich eine 16mm Filmkamera verbirgt. Die Bolex H16 wird detailliert in Augenschein genommen und Kollege Eins fragt mich ob man da auch mal innen reingucken kann. Sofort fällt ihm Kollege Zwei ins Wort und gibt mit vorsorglicher Sachlichkeit nicht ohne selbstbewussten Unterton erklärend an, daß sich dort drinnen sicherlich ein Film befindet und die Kamera daher nicht zu öffnen sei. „Aber natürlich!“ jetzt wieder Kollege Eins. Es entsteht ein fachsimpelndes Gespräch zwischen den beiden dem ich interessiert lausche. Technisch auf einwandfreiem Niveau, dafür mit länger werdender Schlange an Menschen die sich mehr für Mauern als filmische Maschinen interessieren. Das interessiert die beiden übrigens überhaupt nicht und erst als sich eine amerikanische Dame im hinteren Schlangenbereich ob des Stau beschwert wird sie klipp- und klar darauf hingewiesen, sich doch bitte in Geduld zu üben: man habe hier schließlich jemandem vom deutschen Film stehen und um den müsse man sich jetzt kümmern. Die Antwort gefällt der Dame sichtlich nicht und ich schmunzele so vor mich hin. Nun hat aber auch Sarah Sophie genug vom Nicht-im-Mittelpunkt stehen und möchte endlich durch. Kollege Eins gibt mir die Kamera zurück, öffnet die Tür neben der Sicherheitsschleuse und wir gehen alle unkontrolliert hindurch. Ein spannendes Sicherheitskonzept bemerke ich während Sarah Sophie Leo die Kippa zum x-ten Mal gerade richtet und uns die beiden Beamten freundlich hinterher winken. So nun ist also der deutsche Film im Religiösesten des Judentum angekommen und ich muss erst mal einen Film einlegen. Das habe ich zur Sicherheit nämlich noch nicht gemacht.

Das Sicherheitspersonal soll hier so streng sein, habe ich gehört. Aber wahrscheinlich hat das die amerikanische Dame von vorhin einfach so in die Welt gesetzt, ohne zu wissen wovon sie eigentlich redet.

Geschrieben in Nizza, Provence-Alpes-Côte d'Azur, Frankreich.

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Die Schulzeit hat Sarah Sophie wieder zurück. Damit aber der Übergang von über sechs Wochen Sommerferien in die zweite Klasse weich genug vonstatten geht stehen die üblichen verdächtigen Feiertage vor der Tür.

Sarah Sophie stellt fest, daß, eine jüdische Schule zu besuchen bei den meisten nicht religionskonformen Freunden zum einen Fragen, aber vor allem ein wenig Begehrlichkeiten aufkommen lässt, wenn Du mal wieder mit tiefer Überzeugung verkündest die nächsten Tage frei zu haben. „Werkverbot“ heißt jenes ungelenke Wort welches das Arbeitsverbot an biblischen Feiertagen im jüdischen Kalender regelt und somit unserer Schule die Pforten verschließt. Der aktuelle Monat ist voll davon.

Erfreulicherweise fällt die Entstehung der Welt vor 5779 Jahren dieses Jahr auf einen Montag und Dienstag, womit Rosch Haschana somit zu einem langen Wochenende erweitert wird. Die alljährliche Reue, Buße und daraus resultierende Vergebung zu Jom Kippur wird uns unpraktischerweise diesjährig genau mitten in der Woche zuteil, was aber wiederum durch das Wüstenwanderungsgedenken in Verknüpfung mit der Dankfest zum Einbringen der Ernte an Sukkot an einem Montag und Dienstag kompensatorisch gerettet wird. Oder kurz gesagt: Zwei sehr lange Wochenenden und ein einsam dastehender Mittwoch verkürzen uns sowohl schulisch als auch arbeitsmäßig den September in diesem Jahr, bevor direkt zu Beginn des Oktober am Ersten und Zweiten desselbigen im wahrsten Sinne des Wortes wirklich „Schluss“ ist und mit dem „Schlussfest“ Schemini Azeret sowie Simchat Tora dann die Wintersaison eingeläutet wird.

Noch alles klar in der Feiertäglichen Formation?

Eure Mutter hat wie immer vorgesorgt und selbstverständlich Arbeits- sowie Religionskalender synchronisiert und wir juckeln mit der ganzen Mischpoke einfach mit. Sarah Sophie hat sich zum Geburtstag einen Besuch im Legoland gewünscht, den wir nun absolvieren. Wir entscheiden uns für den deutschen Ableger des dänischen Originals, gelegen in Günzburg zwischen Ulm und Augsburg, da wir an diesem langen Wochenende eine organisatorische Spezialleistung der besonderen Art zu bewerkstelligen haben, die selbst für unsere Verhältnisse schon bemerkenswert ist. Eure Mutter hat seit kurzem einen neuen Kunden, den sie zum einen für – bis dato – optimierungssportiv hält und zum anderen die beauftragte Betriebsstätte in einer für Düsseldorfer grenzwertig-obsolet anzusteuernden Gegend liegen hat: Wir sprechen über einen nationalen Konzern in Köln! Vorteil des Projektes ist der entfallende Hotelaufenthalt kombiniert mit dem Umstand sie in den nächsten Wochen immer mal wieder unter der Woche abends zuhause zu haben. Ihr beide findet das folgerichtig großartig und die Nummer startet ein wenig wundersam holprig.

Mit dem zuständigen Werksleiter gestalten sich bereits telefonische Absprachen im Vorfeld – sagen wir mal anspruchsvoll – und an einem der beiden „Legoland-Feiertagen“ möchte eben jener Kunde Eure Mutter vor Ort haben. Wir starten Freitag-Abend zu einem Bauernhof zehn Kilometer hiervon entfernt und ich werde postwendend zum „Welt-allerbesten-Papa“ deklariert, nachdem ich Sarah Sophie berichtet habe, daß es hier Hasen, Kaninchen und Ponys gibt.

Hasen über alles, Sep. 2018, Leipheim, D

Hasen über alles, Sep. 2018, Leipheim, D

Wenig überraschend hast Du den Kaninchenstall die nächsten drei Tage lediglich zum Essen und den nachmittäglichen Reitstunden verlassen. Leo kann bekanntlich mit kleinem Getier weit weniger anfangen und Du fütterst lieber hingebungsvoll jedes Rindvieh persönlich im Stall.

Keine Angst vor großen Tieren, Sep. 2018, Leipheim, D

Keine Angst vor großen Tieren, Sep. 2018, Leipheim, D

Erwähnenswert ist zudem der Umstand, daß ihr beide keinerlei Verwunderung an den Tag legt während wir Euch erklären, daß Eure Mutter den kleinen Familienausflug am Montag mitten in der Nacht kurzfristig verlässt um am späten Abend zurück zukommen. Wenn man je Strecke jeweils viereinhalb Stunden An-/ Abreisezeit mit dem Zug addieren muss, bleibt das einfach nicht aus. Sarah Sophie lässt sich ganz pragmatisch versichern, daß wir aber am Dienstag verbrieft ins Legoland gehen und fragt gewiss ganz zufällig nochmal nach, ob es denn auch Geschenke gibt, wenn Mama abends von der Arbeit kommt. Kindliche Prioritätenbildung nenne ich das mal vorsichtig. Leo lässt sich zur Sicherheit mehrmals täglich versichern, daß er mit „Mama Arbeit – Papa nein“ noch richtig liegt und die ganze Aktion geht komplett unaufgeregt über die Bühne. Mit Papa allein zuhaus geht also auch auf dem Bauernhof.

Da ist es wohl nicht ganz zufällig, daß wir zum Ende der ganzen Festtage in Berlin landen, Eure Mutter jedoch abermals von dort nach Köln muss. Diesmal zwar mit dem Flieger, dafür aber zwei Tage, folglich über beide Feiertage. Auch das hat bei Euch keinerlei Irritation hervorgerufen.

Ein paar Tage später wollte doch tatsächlich jemand von mir wissen, warum wir bei Jobs Eurer Mutter zuhause ums Eck denn nicht in den eigenen vier Wänden weilen und sie sozusagen verkehrtherum fliegen lassen, wenn sie doch feiertagsbedingt gar nicht arbeiten darf.

Wie kann man nur eine so dermaßen schwierige Frage stellen?

Ich habe an der Stelle dann lieber die Geschichte mit der Entstehung der Welt erklärt: Das ist eindeutig einfacher und schließlich fing damit der ganze Schlamassel ja überhaupt erst an!

Geschrieben in Tel Aviv-Jaffa, Bezirk Tel Aviv, Israel.